Tagung: 75 Jahre Befrei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz – „Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschichte ist nie abge­schlos­sen“

75 Jahre Befrei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz: „Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschichte ist nie abge­schlos­sen“ (These 13)

Am 27. Januar 2020 jährte sich die Befrei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz zum 75. Mal. Seit dem Jahr 2005 wird die­ser Tag als Inter­na­tio­na­ler Tag zum Geden­ken an die Opfer des Holo­caust began­gen.

Einen Tag nach dem 75. Jah­res­tag der Befrei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz lud am 28. Januar 2020 die Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion in das Haus des Deutsch­land­funk Kul­tur zur Tagung ein: Wie wol­len wir in Zukunft an die Shoah erin­nern? – „Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschichte ist nie abge­schlos­sen“. Knapp 200 Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer folg­ten der Ein­la­dung, um eine Stand­ort­be­stim­mung abzu­ge­ben und einen Aus­blick auf die zukünf­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen der Erin­ne­rungs­ar­beit zu dis­ku­tie­ren.

Fotos: Jule Roehr

Zuvor begrüß­ten der Pro­gramm­chef des Deutsch­land­funk Kul­tur Dr. Hans Die­ter Hei­men­dahl sowie der Spre­cher der Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion und Geschäfts­füh­rer des Deut­schen Kul­tur­ra­tes Olaf Zim­mer­mann.

Als Ver­tre­te­rin der Bun­des­re­gie­rung und Mit­glied der Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion for­derte Annette Wid­mann-Mauz, Staats­mi­nis­te­rin für Inte­gra­tion: „Jüdi­sches Leben muss frei und in Frie­den blü­hen kön­nen. Das ist Auf­trag für alle 83 Mil­lio­nen Men­schen im Land. Alle Men­schen, auch Ein­wan­de­rer, Ihre Kin­der und Enkel müs­sen sich mit der deut­schen Geschichte aus­ein­an­der­set­zen. Nur dann kön­nen sie voll­stän­di­ger Teil des Lan­des wer­den.“

Der Vize­prä­si­dent des Zen­tral­ra­tes der Juden in Deutsch­land Mark Dai­now rief in Erin­ne­rung: „Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Shoah und der heu­tige Umgang mit die­sem Teil der deut­schen Geschichte – das ist für man­che Men­schen eine wis­sen­schaft­li­che Frage, für andere ein ent­fern­tes his­to­ri­sches Gesche­hen. Doch für uns, für die jüdi­sche Gemein­schaft, ist es die Geschichte unse­rer Fami­lien. Die Erin­ne­rung an die Shoah berührt unsere See­len.“

Der Begrü­ßung folg­ten Impuls­vor­träge aus der Per­spek­tive drei ver­schie­de­ner Dis­zi­pli­nen: der Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Frie­dens­preis­trä­ge­rin des Deut­schen Buch­han­dels Prof. Dr. Dr. Aleida Ass­mann, des Jenaer Zeit­his­to­ri­kers Prof. Dr. Nor­bert Frei und des israe­li­schen Sozio­lo­gen Prof. Dr. Natan Sznai­der.

In der anschlie­ßen­den Podi­ums­dis­kus­sion waren sich die Impuls­ge­ber einig, dass die zukünf­tige Erin­ne­rungs­ar­beit deut­li­cher dem Wie­der­erstar­ken von rechts­po­pu­lis­ti­schen und anti­se­mi­tis­ti­schen Strö­mun­gen ent­ge­gen tre­ten müsste. Für das Ende der Über­lie­fe­rung durch Zeit­zeu­gen des Holo­caust bereite man sich schon seit vie­len Jah­ren vor. Hier­bei spie­len auch andere Aus­drucks­for­men der Erin­ne­rung, ins­be­son­dere im künst­le­ri­schen Bereich eine große Rolle.

Diese und wei­tere zen­trale Fra­gen der Erin­ne­rungs­ar­beit wur­den am Nach­mit­tag in vier Work­shops zu den The­men Erin­ne­rung in einer mul­ti­eth­ni­schen Gesell­schaft, Ver­lo­ckung der His­to­ri­sie­rung, Erin­ne­rung in der Zivil­ge­sell­schaft und neuen For­men der Erin­ne­rung ver­tieft dis­ku­tiert.

In der abschlie­ßen­den Dis­kus­si­ons­runde wurde noch ein­mal die Kom­ple­xi­tät der Anfor­de­rung an die Erin­ne­rungs­kul­tur reflek­tiert. Dabei spielte auch eine Rolle, dass Erin­ne­rung einen Wert an sich dar­stellt. Prof. Dr. Raphael Gross, Prä­si­dent der Stif­tung Deut­sches His­to­ri­sches Museum, regte an, die Erin­ne­rung und ihre Ver­schrän­kung mit Nor­men, ethi­schen Wer­ten, unse­rem Demo­kra­tie­ver­ständ­nis sowie ande­ren Fokus­sie­run­gen stär­ker auf­zu­lö­sen. Er sagte: „Viel­leicht ist es hilf­reich, die unter­schied­li­chen Zugänge ernst zu neh­men und die Dif­fe­ren­zen aus­zu­hal­ten.“

Der Spre­cher der Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion und Geschäfts­füh­rer des Deut­schen Kul­tur­ra­tes Olaf Zim­mer­mann resü­mierte: „Die Tagung zeigte, dass es die abge­schlos­sene Erin­ne­rungs­kul­tur nicht gibt. Erin­ne­rungs­kul­tur ist, ebenso wie die Erin­ne­rung selbst, kom­plex. Umso wich­ti­ger ist es, für alle in Deutsch­land leben­den Men­schen sich der Auf­gabe des Erin­nerns zu stel­len und dabei die Ein­ne­rung an die Shoah in den Mit­tel­punkt zu rücken.“


Refe­ren­tin­nen und Refe­ren­ten waren: Ester Amrami, Prof. Dr. Dr. Aleida Ass­man, Dr. Johann Hin­rich Claus­sen, Mark Dai­now Jo Frank, Prof. Dr. Nor­bert Frei, Prof. Dr. Viola B. Georgi, Prof. Dr. Raphael Gross, Dr. Elke Gry­glew­ski, Dr. Hans Die­ter Hei­men­dahl, Prof. Dr. Doron Kie­sel, Dr. Dani Kranz, Prof. Dr. Yael Kup­fer­berg, Daniel Lör­cher, Dr. Tho­mas Lutz, Aiman A. Mazyek, Dr. Katja Petrow­skaja, Prof. Dr. Natan Sznai­der, Ali Ertan Toprak, Staats­mi­nis­te­rin Annette Wid­mann-Mauz, Dr. Lea Wohl von Hasel­berg, Dr. Mir­jam Zad­off, Felix Zim­mer­mann und Olaf Zim­mer­mann.

Mode­riert wurde die Tagung von Shelly Kup­fer­berg.


Von |2020-02-27T12:25:47+01:00Oktober 31st, 2019|Kommentare deaktiviert für Tagung: 75 Jahre Befrei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz – „Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschichte ist nie abge­schlos­sen“