Wertebildung statt Wertevermittlung

Wie kulturelle Integration gelingen kann

Wertevermittlung scheint politisch und kulturell das Thema der Stunde zu sein, wenn die Möglichkeit gelingender Integration zur Debatte steht. Trotz aktueller Werterhetorik herrscht in der Sache aber bemerkenswerte Unklarheit, was genau „Werte“ bedeuten, wie sie inhaltlich zu füllen und normativ zu begründen sind. So ist die vielbeschworene „Freiheit“ als Leitwert westlicher Kultur als abstrakte Leerformel in aller Munde, aber umso schwerer zu beschreiben und als Wert zu erfahren, je selbstverständlicher sie vorausgesetzt, aber nicht gelebt oder gefährdet ist. Migranten oder Geflüchtete aber, auch wenn sie aus einem Sprachraum kommen, wo dieses Wort kein Begriff ist, können in der Sache jedoch sehr wohl um den Wert der Freiheit wissen. Daher lohnt und geht Wertebildung, so die These dieses Beitrags, nur als gesamtgesellschaftliches Projekt – unter der Leitfrage, wie können wir alle, die wir hier und in Zukunft zusammenleben, dieses Zusammenleben gut und gerecht gestalten? Das erfordert eine prinzipielle Besinnung aller auf Inhalte, Mehrwert und geschichtlich positive Erfahrungen mit verfassungsverbürgten Grundwerten auf dem politisch tragfähigen Boden gemeinsamer Menschenrechte.

 

Das bedeutet für die Praxis die Herausforderung eines transkulturellen und interreligiösen Dialogs, vor allem aber eine philosophische Reflexion auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von menschlichen Wertvorstellungen und Haltungen, Ideen und Deutungen des Guten und Gerechten. Was folgt daraus an konkreten Schritten für ein Gelingen kultureller Integration durch Wertebildung? Entscheidend hierfür ist zunächst die Frage, was „Werte“ eigentlich im Unterschied zu Normen und Alltagsregeln oder kulturellen Konventionen sind. Dem Sprachgebrauch nach bezeichnen „Werte“ – oder das, was man dafür hält – etwas, das als gut, wertvoll oder wichtig gilt. Darunter fallen in unseren Breiten Geld und materielle Güter ebenso wie Gerechtigkeit und die Idee der Gleichheit, aber auch Mülltrennung und Pünktlichkeit oder die Gewohnheit des Händeschüttelns zur Begrüßung. Vor allem die letztgenannten Konventionen nehmen viel Raum in Integrationskursen und Wertebildungsmaßnahmen ein. Das macht Sinn, um ein reibungsloses Verhalten der Neuankommenden im täglichen Leben zu ermöglichen, bedeutet aber noch nicht Wertebildung im eigentlichen Sinn. Denn man kann diese Regeln durchaus kennen, im Alltag befolgen und dennoch keineswegs auf dem gemeinsamen Boden der gesetzlich verbürgten Grundwerte stehen. Diese unterscheiden sich nicht nur kategorial und erkenntnistheoretisch, sondern vor allem ontologisch und prinzipiell von den konventionellen und normativen Vorgaben, die das Zusammenleben im Einzelnen regeln.

 

Wie die drei Ebenen der Werte, Normen und Alltagsregeln sich gegenseitig bedingen, das lässt sich sehr gut am Beispiel der Pünktlichkeit zeigen, die oft als höchste deutsche Tugend oder „Wert“ erscheint. Dabei antwortet die Konvention der Pünktlichkeit nur auf die Frage, was getan und wie gehandelt werden soll. Die Ebene der zugrundeliegenden Werte erkennt man erst durch die Frage danach, warum es von Wert ist, pünktlich zu sein. Dass diese Regel einen so hohen Stellenwert bei uns hat, liegt daran, dass sie soziale Verbindlichkeit und Orientierung an einem objektiven Maß erlaubt sowie hohe Funktionalität und Effizienz im Alltag sichert: All das sind zentrale Werte in der westlichen Welt und entspricht unserer kulturell geprägten Form, wie wir das Sozialwesen organisieren und den basalen Wert zwischenmenschlicher Verlässlichkeit sichern. In anderen Sprach- und Kulturräumen ist diese genauso von Wert, nur wird dieser über andere Verhaltensnormen und Alltagsregeln gesichert. Grundsätzlich gilt, dass normative Erwartungen und Vorgaben wie Alltagsregeln und Konventionen als Gebote und Verbote funktionieren. Sie begrenzen die Bandbreite der Handlungsoptionen, geben direktiv vor, was zu tun und zu lassen ist und implizieren Sanktionen für den Fall der Nichteinhaltung. Letztere wird sozial geahndet mit Schuldzuweisung, Missbilligung und sozialem Achtungsentzug.

 

„Werte“ aber, die kulturellen Normen und konventionellen Regeln als regulative Idee und wegweisendes Ideal zugrunde liegen, wirken dagegen attraktiv, geben positive Orientierung und entfalten motivierende Kraft. Sie erlauben erst Handlungsoptionen, Ziele und Wünsche zu gewichten und abzuwägen, liegen Normen und Alltagsregeln als Positivum zugrunde und begründen Regeln und Gesetze. Insofern sind „Werte“ mehr oder weniger bewusste Vorstellungen darüber, was letztlich und unbedingt gut, wertvoll oder wichtig ist. Und Menschen bringen stets Werthaltungen und oft implizite Vorstellungen solcher Maßstäbe und Orientierung im Handeln und Denken mit, je nachdem wie und wo immer sie biografisch, familiär und kulturell sozialisiert wurden. Wertebildung geschieht als soziale und emotional prägende Orientierungserfahrung. Daher bilden sich „Werte“ nicht aktiv, bewusst oder willentlich, noch sind sie direkt oder im theoretischen Unterricht als Faktenwissen zu vermitteln. Vielmehr bilden sie uns als Person und als Gesellschaft, erwachsen als ein Wertvolles aus lebendiger Teilhabe und im Dialog, als Orientierungserfahrung z. B. durch Vorbilder und nicht zuletzt im Konflikt.

 

Jeder ernsthafte Konflikt ist ein Wertekonflikt. Besonders deutlich wird das im Kontext von Flucht und Migration, wenn heterogene Werthaltungen und scheinbar ganz fremde Vorstellungen über das, was zählt, was als wertvoll und wichtig gilt, aufeinandertreffen. Das verschärft zunächst Konflikte, aber ermöglicht auch wieder eine Besinnung auf kulturelle Normen und denen zugrunde liegenden Werthaltungen. Damit Wertebildung überhaupt möglich wird, muss eine Klärung stattfinden im gemeinsamen Hinblick darauf, was wirklich zählt und Menschen gemeinsam wertvoll und wichtig ist. Auf dieser Basis erst ist konstruktives Zusammenleben, vor allem in globaler Perspektive, auch in Zukunft möglich.

 

In dem aktuellen Fordern der Politik nach Wertevermittlung als Methode der Wahl kultureller Integration wird wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass man „Werte“ theoretisch vermitteln kann. Aber es liegen sowohl philosophische Studien (vgl. Joas, 2013/ Lindseth, 2005/ Dewey, 2004) wie durch psychologische Forschung (vgl. Frey, 2014) fundierte Beiträge zur Moralentwicklung und politischer Wertebildung vor, die das verneinen. Dennoch herrschen offenbar Missverständnisse darüber, wie sich Werte bilden (lassen) und wie nicht. Denn Wertebildung geschieht prinzipiell nur in Begegnungen und emotional werthaften Erfahrungen. Verbal vermittelt nur da, wo gemeinsame Aufmerksamkeits- und Anerkennungsräume geöffnet und gehalten werden für das Sprechen von – nicht nur „über“ – werthafte Erfahrungen und deren zugrundeliegenden Leitideen, Handlungsgewichte und Ideale. In einer angeleiteten Reflexion auf Erfahrungswissen und im sokratischen Gespräch über gemeinsame Wertehaltungen und Vorstellungen der „Idee des Guten“ nach Platon findet sich eine zukunftsfähige Sprache für eine gemeinsame Sache und das, was eine politische Gemeinschaft auf grundlegender und motivationaler Ebene verbindet.

 

Hinsichtlich der Haltung der Beteiligten sind die notwendigen Voraussetzungen für eine solcher Art gelingende Wertebildung, das sich und den anderen sehen, verstehen und annehmen können im Das seiner Werthaltung, nicht unbedingt im Was derselben. Das spielt vor allem im Austrag des Konflikts eine Rolle und muss Vorrang haben vor der Flucht in den Gestus bloßer Selbstbehauptung und schlichter Abwertung. Voraussetzung einer Verständigungs- und Wertebasis ist die Begegnung auf existenzieller Ebene von Mensch zu Mensch. Das gelingt am besten und ist selbst bei geringen Sprachkenntnissen möglich auf philosophischer Frage- und Denkebene, im Raum sogenannter erster und letzter Fragen.

 

Wertebildung – in diesem hier von einer Vermittlung von „Werten“ deutlich unterschiedenen Sinn – erfordert demnach, vor allem positiv zu formulieren und sich auf einer zwischenmenschlich existenziellen Ebene, die auch interkulturell tragfähig ist, zu einigen, was letztlich im Umgang miteinander und für die gemeinsame Gestaltung von Welt und Zukunft von Wert und Gewicht sei. Das verlangt ein Unterscheiden von Mittel und Zweck, von gesetzlichen Normen und kulturellen Gewohnheiten einerseits und zugrundeliegender Wertehaltungen, maßgebender Ideen und Ideale andererseits. Das fördert Maßstabskompetenz und eine gerade in Umbruchszeiten nötige Besinnung auf ethisch-politische Leitfragen: Was heißt „gut“? Was ist uns unumgänglich wertvoll und wichtig? Worum geht es letztlich als Menschen unter Menschen? Der Austrag und das Verhandeln gerade dieser Fragen „auf Augenhöhe“ ist nicht nur heuristisch erforderlich, sondern unumgänglich im Dienst wechselseitiger Anerkennung, die gemeinsame Wertebildung überhaupt erst ermöglicht.

 

Die Forderung nach einer Wertevermittlung aber, die derzeit in allen politischen Lagern Konjunktur hat, erweist sich damit hinsichtlich ihrer Zielsetzung – sei es als angestrebte Integration oder kulturelle Assimilation – als faktisch nicht machbar, weil Werte als Maßstab oder Ideal sich nicht lehren oder lernen, noch schlicht vermitteln lassen. Dies zu fordern, missachtet aber die Eigenart von Wertebildungsprozessen, letztlich die anthropologischen und politischen Grundlagen der Sozialisation und verwechselt Mittel und Zweck. „Werte“ sind grundsätzlich nur faktisch und im Tun und Handeln zu bezeugen, taugen nicht, um andere zu überzeugen. Menschen lassen sich in keinem Alter von bloß verbal vermittelten „Werten“ und vorgeblichen Werthaltungen überzeugen, sondern wenn, dann von gelebten und im Vollzug bezeugten Werten; das bedingt die große Rolle von Vorbild und Nachahmung im moralischen Handeln und ethischer Wertebildung.

 

Praktiken gelingender Wertebildung sowie kultureller Integration sind stets solche von situativer oder nachhaltiger Gemeinschaftsbildung unter dem Primat von Erfahrung und im Hinblick auf eine gemeinsame Sache. Formal gelingt es dort, wo Menschen – egal welcher Herkunft und biografisch-kultureller Prägung – eine gemeinsame Sache finden und einen Weg zusammen gehen wollen, oder im übertragenen und wörtlichen Sinn ein als wertvoll und wichtig empfundenes „Spiel“ zusammenspielen. Nicht indem wir die gleichen, verdinglichten Güter, Normen und „Werte“ als ausformulierte Ideen des Guten teilen, sondern in dem Maß, in dem es gelingt, dass „ein Gespräch wir sind“, wie Friedrich Hölderlins Metapher aus der Hymne „Friedensfeier“ bildstark und treffsicher formuliert. Positivbeispiele gemeinsamer Wertebildung bezeugen das eindrücklich; ebenso die Tatsache des kaum zu überschätzenden Beitrags, den der Fußball auf allen Ebenen in Deutschland zur kulturellen Integration aktuell leistet und in den letzten Dekaden bereits geleistet hat.

Karin Hutflötz
Karin Hutflötz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Globale Fragen an der Hochschule für Philosophie in München