Rolf Gra­ser

Rolf Gra­ser enga­giert sich seit den 1970er-Jah­ren für Kul­tur, Viel­falt und gesell­schaft­li­che Teil­habe. Über 50 Jahre prägte er das Stutt­gar­ter Kul­tur­zen­trum Labo­ra­to­rium, des­sen Vor­sitz er bis 2025 inne­hatte. 1998 war er Mit­be­grün­der des Forums der Kul­tu­ren Stutt­gart e. V., das sich unter sei­ner Mit­wir­kung zu einem bedeu­ten­den Dach­ver­band für migran­ti­sche Ver­eine ent­wi­ckelte. Er initi­ierte zahl­rei­che inno­va­tive Kul­tur- und Ver­an­stal­tungs­for­mate, dar­un­ter das Som­mer­fes­ti­val der Kul­tu­ren, und setzte sich bun­des­weit für die Stär­kung (post-)migrantischer Orga­ni­sa­tio­nen und Akteure ein. Zu sei­nen wei­te­ren Sta­tio­nen zäh­len die Mit­be­grün­dung von NeMO und des LpMO sowie die Ent­wick­lung des För­der­kon­zepts House of Resour­ces, das bun­des­weit vom BAMF über­nom­men wurde. Für sein lang­jäh­ri­ges Enga­ge­ment wurde Rolf Gra­ser 2013 mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz ausgezeichnet.

Seit fast drei Jahr­zehn­ten setz­ten Sie sich für die Belange und die Teil­habe von Men­schen mit Migra­ti­ons­ge­schichte ein, bei der Grün­dung des Forums der Kul­tu­ren Stutt­gart e. V. auf­grund der finan­zi­el­len Situa­tion zunächst noch in Ihren Pri­vat­räu­men, inzwi­schen mit fast 30 Mitarbeiter*innen in zen­tral gele­ge­nen Büro­räu­men. Sie waren auch maß­geb­lich an den Bun­des­fach­kon­gres­sen Inter­kul­tur, beim Auf­bau des Bun­des­ver­bands Netz­werke von Migrant*innenorganisationen e. V. (NeMO) und zuletzt beim Auf­bau des Lan­des­ver­ban­des (post-)migrantischer Orga­ni­sa­tio­nen Baden-Würt­tem­berg (LpMO) Wie hat sich die Netz­werk­ar­beit über die Jahre ver­än­dert? Wel­chen Her­aus­for­de­run­gen stan­den Sie gegen­über und wel­che Erfolge konn­ten Sie in Sachen Par­ti­zi­pa­tion erzielen?

Vor 30 Jah­ren inter­es­sier­ten sich nur wenige für die Belange und Per­spek­ti­ven von Men­schen mit Migra­ti­ons­ge­schichte, obwohl sie schon damals einen bedeu­ten­den Teil unse­rer Bevöl­ke­rung aus­mach­ten. Bereits zu die­ser Zeit waren Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen zivil­ge­sell­schaft­lich äußerst aktiv – gerade in Kunst und Kul­tur. Den­noch wur­den sie von Medien, Poli­tik und Inter­es­sens­ver­bän­den kaum beach­tet, geschweige denn geför­dert. Teils aus Igno­ranz, oft aus ras­sis­ti­schen Denk­mus­tern. Dabei ging es auch um Macht und Res­sour­cen: mehr Teil­habe für die einen bedeu­tet in der Regel eben weni­ger Teil­habe für die ande­ren. Doch trotz die­ser Wider­stände konnte in den letz­ten 30 Jah­ren viel erreicht wer­den: Diver­si­tät, Par­ti­zi­pa­tion und Empower­ment ste­hen inzwi­schen auf der Agenda aller wich­ti­gen Player. Per­spek­ti­ven und Poten­tiale von Men­schen mit inter­na­tio­na­ler Geschichte wer­den heute weit mehr wahr­ge­nom­men, wert­ge­schätzt und geför­dert. Auch die Sen­si­bi­li­tät für Diver­si­tät und ras­sis­ti­sche Struk­tu­ren ist gewach­sen. Natür­lich bleibt viel zu tun, gerade ange­sichts aktu­el­ler Migra­ti­ons­feind­lich­keit und Remigrations-Parolen.

Damals wie heute braucht es effek­tive Netz­werk­ar­beit – auch zwi­schen schein­bar gegen­sätz­li­chen Grup­pen. Ohne die­ses Zusam­men­wir­ken unter­schied­lichs­ter Orga­ni­sa­tio­nen und Inter­es­sens­grup­pen wären die Erfolge der letz­ten 30 Jahre nicht denk­bar gewe­sen. Für uns waren hier­bei der „Bun­des­weite Rat­schlag Kul­tu­relle Viel­falt“ und der Bun­des­fach­kon­gress Inter­kul­tur, der 2006 erst­mals in Stutt­gart statt­fand, wich­tige Meilensteine.

Sie sind Pio­nier des trans­kul­tu­rel­len Dia­logs und haben ver­schie­dene For­mate, wie das House of Resour­ces ent­wi­ckelt. Was sind die wich­tigs­ten Erkennt­nisse Ihrer Arbeit?

Wol­len wir einen wirk­li­chen „Zusam­men­halt in Viel­falt“ auf Augen­höhe, müs­sen wir uns von einem defi­zi­tä­ren Inte­gra­ti­ons­ver­ständ­nis ver­ab­schie­den: von dem pater­na­lis­ti­schen – letzt­lich ras­sis­ti­schen – Den­ken, migran­ti­sche Akteure seien eben „noch nicht so weit“, „nicht auf unse­rem Niveau“, ihnen müsse gehol­fen und sie müss­ten belehrt werden.

Migran­ti­sche Akteure und Ver­eine dür­fen nicht län­ger bevor­mun­dete Objekte unse­rer Arbeit und Pro­jekte sein, son­dern deren selbst­be­stimmte Sub­jekte. Unsere Auf­gabe ist es, Rah­men­be­din­gun­gen für gleich- und voll­wer­tige Teil­habe bis­lang mar­gi­na­li­sier­ter Grup­pen zu schaffen.

Im Mit­tel­punkt ste­hen dabei stets das Enga­ge­ment, die Exper­tise und das Erfah­rungs­wis­sen der Orga­ni­sa­tio­nen selbst – ob in Sozial-, Bil­dungs- oder Kul­tur­ar­beit. Und auch unser inzwi­schen bun­des­weit erfolg­rei­ches För­der­kon­zept „House of Resour­ces“ gibt bewusst keine The­men oder Enga­ge­ment­fel­der vor, son­dern stellt anlass­be­zo­gen Res­sour­cen für Akti­vi­tä­ten zur Ver­fü­gung, die von Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen selbst ent­wi­ckelt wurden.

Seit 25 Jah­ren stel­len Sie das „Som­mer­fes­ti­val der Kul­tu­ren“ in Stutt­gart auf die Beine und wer­den es auch nach Ihrer Pen­sio­nie­rung im Okto­ber wei­ter mit­ge­stal­ten. Was macht das Fes­ti­val mit der Stadt? Kann Musik auch in Zei­ten eines erstar­ken­den Rechts­extre­mis­mus in Deutsch­land ein ver­bin­den­der Fak­tor sein?

Wir erle­ben Jahr für Jahr, wie das Fes­ti­val Men­schen zusam­men­bringt und dass wir damit – gerade auch in den heu­ti­gen Zei­ten – eini­ges bewe­gen kön­nen. Mit über 90.000 Besucher*innen an sechs Tagen ist es inzwi­schen das „Bür­ger­fest“ in der Region für alle, unab­hän­gig von Her­kunft, Alter oder sozia­lem Sta­tus. Im Mit­tel­punkt ste­hen die Migran­ten­ver­eine die­ser Stadt; das Fes­ti­val steht für Viel­falt und Mit­ein­an­der und posi­tio­niert sich klar gegen Ras­sis­mus und Aus­gren­zung – ganz nach dem Motto „Viel­falt fei­ern und verteidigen“.

Das Musik­pro­gramm ist dabei ein wich­ti­ger Fak­tor. Nicht nur, weil „Musik ver­bin­det“, wie zu Recht immer wie­der betont wird, son­dern weil trans­kul­tu­relle, grenz­über­schrei­tende Musik echte Per­spek­tiv­wech­sel ermög­licht, span­nend bleibt und auch außer­halb der eige­nen „Bubble“ begeistert.

Als „Ton­spur der Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft“ macht sie den Reich­tum kul­tu­rel­ler Viel­falt hör­bar. Sie weist weit über das rein Exo­ti­sche oder Folk­lo­ris­ti­sche hin­aus – hier­für kön­nen sich selbst Rechte begeis­tern – und zeigt, wie viel Neues und Wun­der­ba­res ent­steht, wenn unter­schied­li­che kul­tu­relle Ein­flüsse zusammenfließen.

Die 15 The­sen der Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion tra­gen den Titel „Zusam­men­halt in Viel­falt“. Was bedeu­tet für Sie „Zusam­men­halt in Viel­falt“ und wel­che der 15 The­sen ist Ihre „Lieb­lings­these“?

„Zusam­men­halt in Viel­falt“ bedeu­tet für mich, dass auch den­je­ni­gen, die auf­grund ihres unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Hin­ter­grunds zwar Trä­ger die­ser Viel­falt sind, meist aber immer noch mar­gi­na­li­siert wer­den, eine gleich­wer­tige Teil­habe ermög­licht wird. Ihr Enga­ge­ment und ihre Poten­ziale, ihre Ver­eine und Orga­ni­sa­tio­nen müs­sen gese­hen, wert­ge­schätzt und geför­dert werden.

Migrant*innen sowie deren Kin­der und Kin­des­kin­der dür­fen nicht län­ger nur als schmü­cken­des, exo­ti­sches Bei­werk oder gar als „Pro­blem­kin­der“ einer ansons­ten belie­bi­gen Viel­falts­ge­sell­schaft wahr­ge­nom­men wer­den. Das erfor­dert nicht nur die kon­se­quente Bekämp­fung ras­sis­ti­scher Ten­den­zen und die För­de­rung von Empower­ment und Selbst­or­ga­ni­sa­tion, son­dern auch das Abge­ben von Macht und Pri­vi­le­gien – sprich: mehr Men­schen mit Migra­ti­ons­er­fah­rung in Jurys, Gre­mien und Vor­stän­den. Wenn das in einer der 15 The­sen zen­tral betont würde, wäre es meine Lieb­lings­these. Ich begrüße diese Initia­tive sehr und stehe voll hin­ter den 15 The­sen – deren Ver­brei­tung und Umset­zung heute wich­ti­ger denn je sind.

Vie­len Dank!

Von |2026-08-26T17:04:12+02:00September 1st, 2026|Menschen|Kommentare deaktiviert für Rolf Gra­ser