Redakteur1 1. September 2026 Logo_Initiative_print.png

Rolf Gra­ser

Rolf Graser engagiert sich seit den 1970er-Jahren für Kultur, Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe. Über 50 Jahre prägte er das Stuttgarter Kulturzentrum Laboratorium, dessen Vorsitz er bis 2025 innehatte. 1998 war er Mitbegründer des Forums der Kulturen Stuttgart e. V., das sich unter seiner Mitwirkung zu einem bedeutenden Dachverband für migrantische Vereine entwickelte. Er initiierte zahlreiche innovative Kultur- und Veranstaltungsformate, darunter das Sommerfestival der Kulturen, und setzte sich bundesweit für die Stärkung (post-)migrantischer Organisationen und Akteure ein. Zu seinen weiteren Stationen zählen die Mitbegründung von NeMO und des LpMO sowie die Entwicklung des Förderkonzepts House of Resources, das bundesweit vom BAMF übernommen wurde. Für sein langjähriges Engagement wurde Rolf Graser 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Seit fast drei Jahrzehnten setzten Sie sich für die Belange und die Teilhabe von Menschen mit Migrationsgeschichte ein, bei der Gründung des Forums der Kulturen Stuttgart e. V. aufgrund der finanziellen Situation zunächst noch in Ihren Privaträumen, inzwischen mit fast 30 Mitarbeiter*innen in zentral gelegenen Büroräumen. Sie waren auch maßgeblich an den Bundesfachkongressen Interkultur, beim Aufbau des Bundesverbands Netzwerke von Migrant*innenorganisationen e. V. (NeMO) und zuletzt beim Aufbau des Landesverbandes (post-)migrantischer Organisationen Baden-Württemberg (LpMO) Wie hat sich die Netzwerkarbeit über die Jahre verändert? Welchen Herausforderungen standen Sie gegenüber und welche Erfolge konnten Sie in Sachen Partizipation erzielen?

Vor 30 Jahren interessierten sich nur wenige für die Belange und Perspektiven von Menschen mit Migrationsgeschichte, obwohl sie schon damals einen bedeutenden Teil unserer Bevölkerung ausmachten. Bereits zu dieser Zeit waren Migrantenorganisationen zivilgesellschaftlich äußerst aktiv – gerade in Kunst und Kultur. Dennoch wurden sie von Medien, Politik und Interessensverbänden kaum beachtet, geschweige denn gefördert. Teils aus Ignoranz, oft aus rassistischen Denkmustern. Dabei ging es auch um Macht und Ressourcen: mehr Teilhabe für die einen bedeutet in der Regel eben weniger Teilhabe für die anderen. Doch trotz dieser Widerstände konnte in den letzten 30 Jahren viel erreicht werden: Diversität, Partizipation und Empowerment stehen inzwischen auf der Agenda aller wichtigen Player. Perspektiven und Potentiale von Menschen mit internationaler Geschichte werden heute weit mehr wahrgenommen, wertgeschätzt und gefördert. Auch die Sensibilität für Diversität und rassistische Strukturen ist gewachsen. Natürlich bleibt viel zu tun, gerade angesichts aktueller Migrationsfeindlichkeit und Remigrations-Parolen.

Damals wie heute braucht es effektive Netzwerkarbeit – auch zwischen scheinbar gegensätzlichen Gruppen. Ohne dieses Zusammenwirken unterschiedlichster Organisationen und Interessensgruppen wären die Erfolge der letzten 30 Jahre nicht denkbar gewesen. Für uns waren hierbei der „Bundesweite Ratschlag Kulturelle Vielfalt“ und der Bundesfachkongress Interkultur, der 2006 erstmals in Stuttgart stattfand, wichtige Meilensteine.

Sie sind Pionier des transkulturellen Dialogs und haben verschiedene Formate, wie das House of Resources entwickelt. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse Ihrer Arbeit?

Wollen wir einen wirklichen „Zusammenhalt in Vielfalt“ auf Augenhöhe, müssen wir uns von einem defizitären Integrationsverständnis verabschieden: von dem paternalistischen – letztlich rassistischen – Denken, migrantische Akteure seien eben „noch nicht so weit“, „nicht auf unserem Niveau“, ihnen müsse geholfen und sie müssten belehrt werden.

Migrantische Akteure und Vereine dürfen nicht länger bevormundete Objekte unserer Arbeit und Projekte sein, sondern deren selbstbestimmte Subjekte. Unsere Aufgabe ist es, Rahmenbedingungen für gleich- und vollwertige Teilhabe bislang marginalisierter Gruppen zu schaffen.

Im Mittelpunkt stehen dabei stets das Engagement, die Expertise und das Erfahrungswissen der Organisationen selbst – ob in Sozial-, Bildungs- oder Kulturarbeit. Und auch unser inzwischen bundesweit erfolgreiches Förderkonzept „House of Resources“ gibt bewusst keine Themen oder Engagementfelder vor, sondern stellt anlassbezogen Ressourcen für Aktivitäten zur Verfügung, die von Migrantenorganisationen selbst entwickelt wurden.

Seit 25 Jahren stellen Sie das „Sommerfestival der Kulturen“ in Stuttgart auf die Beine und werden es auch nach Ihrer Pensionierung im Oktober weiter mitgestalten. Was macht das Festival mit der Stadt? Kann Musik auch in Zeiten eines erstarkenden Rechtsextremismus in Deutschland ein verbindender Faktor sein?

Wir erleben Jahr für Jahr, wie das Festival Menschen zusammenbringt und dass wir damit – gerade auch in den heutigen Zeiten – einiges bewegen können. Mit über 90.000 Besucher*innen an sechs Tagen ist es inzwischen das „Bürgerfest“ in der Region für alle, unabhängig von Herkunft, Alter oder sozialem Status. Im Mittelpunkt stehen die Migrantenvereine dieser Stadt; das Festival steht für Vielfalt und Miteinander und positioniert sich klar gegen Rassismus und Ausgrenzung – ganz nach dem Motto „Vielfalt feiern und verteidigen“.

Das Musikprogramm ist dabei ein wichtiger Faktor. Nicht nur, weil „Musik verbindet“, wie zu Recht immer wieder betont wird, sondern weil transkulturelle, grenzüberschreitende Musik echte Perspektivwechsel ermöglicht, spannend bleibt und auch außerhalb der eigenen „Bubble“ begeistert.

Als „Tonspur der Einwanderungsgesellschaft“ macht sie den Reichtum kultureller Vielfalt hörbar. Sie weist weit über das rein Exotische oder Folkloristische hinaus – hierfür können sich selbst Rechte begeistern – und zeigt, wie viel Neues und Wunderbares entsteht, wenn unterschiedliche kulturelle Einflüsse zusammenfließen.

Die 15 Thesen der Initiative kulturelle Integration tragen den Titel „Zusammenhalt in Vielfalt“. Was bedeutet für Sie „Zusammenhalt in Vielfalt“ und welche der 15 Thesen ist Ihre „Lieblingsthese“?

„Zusammenhalt in Vielfalt“ bedeutet für mich, dass auch denjenigen, die aufgrund ihres unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrunds zwar Träger dieser Vielfalt sind, meist aber immer noch marginalisiert werden, eine gleichwertige Teilhabe ermöglicht wird. Ihr Engagement und ihre Potenziale, ihre Vereine und Organisationen müssen gesehen, wertgeschätzt und gefördert werden.

Migrant*innen sowie deren Kinder und Kindeskinder dürfen nicht länger nur als schmückendes, exotisches Beiwerk oder gar als „Problemkinder“ einer ansonsten beliebigen Vielfaltsgesellschaft wahrgenommen werden. Das erfordert nicht nur die konsequente Bekämpfung rassistischer Tendenzen und die Förderung von Empowerment und Selbstorganisation, sondern auch das Abgeben von Macht und Privilegien – sprich: mehr Menschen mit Migrationserfahrung in Jurys, Gremien und Vorständen. Wenn das in einer der 15 Thesen zentral betont würde, wäre es meine Lieblingsthese. Ich begrüße diese Initiative sehr und stehe voll hinter den 15 Thesen – deren Verbreitung und Umsetzung heute wichtiger denn je sind.

Vielen Dank!

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