Unsere Spra­che ist ein gemein­sa­mes Band

THESE 12: Spra­che ist mehr als ein Kommunikationsmittel

Du bist, wie du sprichst. Deine Spra­che ist Klei­dung. Worte machen Leute. Du kannst ele­gant klin­gen, gebil­det, arro­gant, fröh­lich, aber auch ahnungs­los, boden­stän­dig, frech. Aus dei­nen Wor­ten mag Wut spre­chen oder Liebe, Mit­ge­fühl oder Ableh­nung. Und wie bei Klei­dung kann Spra­che ver­ra­ten, ob sie dir passt, ob du dich ver­klei­dest oder gerade ver­suchst, jemand ande­res zu sein, als du tat­säch­lich bist. Ob du in die­ser Spra­che zu Hause bist oder nicht. Ob du dich wohl fühlst in ihr oder nicht.

Spra­che ist viel mehr als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel. Sie ist Brü­cke zwi­schen Men­schen, Spie­gel des Spre­chen­den, ein Instru­ment, das Zugang zu Gesell­schaft und Kul­tur ermög­licht, ein Weg der Teil­habe. Sie ist ein Ort, an dem Erin­ne­run­gen leben. Man kann in ihr Hei­mat fin­den, Iden­ti­tät, sich in ihr wohl­füh­len und bewe­gen wie in einer ver­trau­ten Land­schaft, in der man blind Wege fin­det. Oder sich auch fremd füh­len und unver­stan­den, wie in einer unbe­kann­ten Welt.

Ich erin­nere mich, wie es mir als Kind pein­lich war, wenn meine Eltern in unse­rem nord­deut­schen Dorf mit mir vor mei­nen Freun­den Urdu spra­chen. Dabei störte das meine Freunde kein biss­chen, im Gegen­teil, sie fan­den diese für sie völ­lig unver­ständ­li­chen Laute span­nend. Ich aber wollte nicht anders sein als meine Freunde, wollte sein wie sie, wollte ihre Spra­che spre­chen. Und als eine Kin­der­gar­ten­freun­din meine Mut­ter fragte, warum ich „so komisch Deutsch“ spre­che, begriff meine Mut­ter, dass auch sie die Spra­che ler­nen und mit uns Kin­dern spre­chen müsse, damit wir sie ver­nünf­tig beherrschen.

Heute ist mir Urdu kei­nes­wegs unan­ge­nehm, ich halte Mehr­spra­chig­keit für einen Gewinn, weil jede Spra­che einem neue Räume eröff­net. Wer das Glück hat, mit zwei oder mehr Spra­chen auf­zu­wach­sen, sollte das pfle­gen. Mehr­spra­chig­keit ist kein Pro­blem, son­dern kul­tu­rel­ler Reich­tum. Men­schen, die meh­rere Spra­chen spre­chen, kön­nen Brü­cken bauen. Und doch: Deutsch ist hier unsere gemein­same Spra­che, daher sollte man das wirk­lich gut kön­nen. Es ist daher rich­tig, dar­über nach­zu­den­ken, wie man Men­schen, die neu nach Deutsch­land kom­men, mög­lichst schnell auf ein hohes Sprach­ni­veau bringt.

Kin­der ler­nen beson­ders schnell, und doch sollte man sich über­le­gen, wie es am bes­ten ist: geson­derte Klas­sen für die Kin­der der Zuge­wan­der­ten, bis sie so gute Deutsch­kennt­nisse haben, dass sie dem Unter­richt mit den ein­hei­mi­schen Kin­dern fol­gen kön­nen? Oder gemein­sa­mer Unter­richt von Anfang an?

Ver­mut­lich hängt es von der Situa­tion ab: Wenn nur wenige Kin­der in der Klasse sind, deren Mut­ter­spra­che nicht Deutsch ist, ler­nen sie ver­mut­lich in der Klasse zusam­men mit Deutsch spre­chen­den Kin­dern am bes­ten. Sind jedoch viele Kin­der der deut­schen Spra­che nicht mäch­tig, ergibt viel­leicht eine För­der­klasse Sinn. Ziel sollte immer sein, das Sprach­ni­veau so schnell wie mög­lich anzu­he­ben und damit eben auch so rasch wie mög­lich einen gemein­sa­men Unter­richt zu ermöglichen.

Kürz­lich traf ich einen 24-jäh­ri­gen Mann aus Syrien. Er sprach flie­ßend Deutsch, ich ging davon aus, dass er in Deutsch­land gebo­ren und auf­ge­wach­sen ist. Er erzählte mir, er sei 2018 nach Deutsch­land gekom­men, damals noch ein Teen­ager, nach einem Jahr Flucht zu Fuß, durch die Tür­kei, über die Ägäis nach Grie­chen­land, dann zu Fuß und mit dem Auto wei­ter nach Deutsch­land. Ich war beein­druckt von sei­nem Deutsch, denn man hörte ihm wirk­lich über­haupt nicht an, dass er diese Spra­che erst in den zurück­lie­gen­den Jah­ren gelernt hat.

„Um zurecht­zu­kom­men, reicht es, wenn man sich ver­stän­di­gen kann. Aber wenn man wirk­lich dazu­ge­hö­ren will, muss man die Spra­che gut kön­nen“, sagte er. Ich bin davon über­zeugt, dass das rich­tig ist. Das gilt natür­lich über­all in der Welt: Wer dazu­ge­hö­ren möchte, muss die jewei­lige Spra­che beherr­schen. Dabei muss man sich davor hüten, Spra­che als rei­nen Inte­gra­ti­ons­in­di­ka­tor zu betrach­ten, nach dem Motto: „Wenn jemand sich anstrengt, Deutsch zu ler­nen, beweist er, dass er sich inte­griert.“ Zur kul­tu­rel­len Inte­gra­tion gehört mehr als nur das. Ein Mensch kann per­fekt Deutsch spre­chen und den­noch kein Teil unse­rer Gesell­schaft sein. Ein ande­rer kann rin­gen, stot­tern, suchen – und trotz­dem längst dazugehören.

Aber wie gesagt: Spra­che ist wie Klei­dung, und daher rate ich jun­gen Migran­ten, denen ich an Schu­len begegne, dass es zum Bei­spiel einen Unter­schied macht, ob man „ich, mich, dich“ sagt – oder „isch, misch, disch“. Eigent­lich trau­rig, aber so ist es nun ein­mal: Man wird ob sei­ner Wort­wahl und sei­ner Aus­spra­che in Schub­la­den gesteckt. Daher: Achte nicht nur dar­auf, was du sagst, son­dern auch wie.

Und dann wie­der sind es gerade die Unter­schiede, die Spra­che so span­nend machen: Dia­lekte, Aus­drucks­wei­sen, ein bestimm­ter Sing­sang. Ein Satz, ein Wort, ein kaum über­setz­ba­rer Aus­druck auf Platt­deutsch – und ich fühle mich zurück­ver­setzt in meine nord­deut­sche Kind­heit. Platt­deutsch, also das Nie­der­deut­sche, gilt übri­gens sprach­ty­po­lo­gisch als eigen­stän­dige Spra­che und nicht als Dia­lekt. Wenn ich hin­ge­gen im Baye­ri­schen Wald unter­wegs bin, brau­che ich gele­gent­lich einen Dolmetscher …

Im baye­ri­schen Markt Donaus­tauf besuchte ich ein­mal die Wal­halla, jene Gedenk­stätte, die König Lud­wig I. von Bay­ern in Auf­trag gab, um einen Ehren­tem­pel für „rühm­lich aus­ge­zeich­nete Teut­sche“ und für bedeu­tende Per­sön­lich­kei­ten „teut­scher Zunge“ zu schaf­fen. Es ist eine Aus­stel­lung mar­mor­ner Büs­ten von als „deut­sche Hel­den“ ver­ehr­ten Per­so­nen. König Lud­wig I. for­mu­lierte die Kri­te­rien so: „Kein Stand nicht, auch das weib­li­che Geschlecht nicht, ist aus­ge­schlos­sen.“ Aber „teut­scher Zunge zu seyn, wird erfor­dert, um Wal­hal­las Genosse wer­den zu kön­nen“, denn die Spra­che sei „das große Band, das ver­bin­det, wäre jedes andere gleich zer­nich­tet; in der Spra­che währt geis­ti­ger Zusammenhang“.

Die „teut­sche Zunge“ als ver­bin­den­des Band, unsere Spra­che als gemein­same Basis für kul­tu­relle Inte­gra­tion – was ab der Ein­wei­hung der Ruh­mes­halle 1842 Aus­druck fand, gilt heute noch.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T14:27:06+01:00November 27th, 2025|Sprache, Teilhabe, These|Kommentare deaktiviert für

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THESE 12: Spra­che ist mehr als ein Kommunikationsmittel

Hasnain Kazim lebt als Autor und Schriftsteller in Wien und schreibt unter anderem für ZEIT ONLINE, DIE ZEIT, taz, Süddeutsche Zeitung und den Deutschlandfunk.