Für eine gegen­warts­ori­en­tierte Erinnerungskultur

THESE 13: Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschichte ist nie abgeschlossen

Für jede Gesell­schafts­ord­nung ist der Blick auf die Geschichte kon­sti­tu­tiv, iden­ti­täts­stif­tend und Gegen­stand poli­ti­scher Debat­ten. Tra­di­tio­nell geschieht das vor allem im affir­ma­ti­ven Sinne: Über­all auf der Welt erin­nern Hel­den­sta­tuen auf öffent­li­chen Plät­zen an Gene­räle, Staats­ober­häup­ter oder auch bekannte Musi­ker oder Dich­ter (meis­tens han­delt es sich um Män­ner). Der Blick auf tat­säch­li­che oder ver­meint­li­che his­to­ri­sche Hel­den­ta­ten sug­ge­riert Größe und Bedeu­tung auch in der Gegen­wart, zudem soll er aktu­elle Poli­tik legi­ti­mie­ren und eine inte­gra­tive und iden­ti­täts­stif­tende Wir­kung auf die Bevöl­ke­rung haben.

Doch neben dem affir­ma­ti­ven Blick gibt es auch die kri­ti­sche, refle­xive Prä­sen­ta­tion von Geschichte. Sie mün­det in der For­de­rung, dass aus oder anhand der Geschichte zu ler­nen sei, und das heißt vor allem: aus Feh­lern in der Geschichte. Das betrifft vor allem post­dik­ta­to­ri­sche Län­der, die auf eine von Regime- und Gesell­schafts­ver­bre­chen geprägte Geschichte mit mas­si­ven Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen zurück­bli­cken. Für Deutsch­land ist – neben der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem SED-Unrecht und dem Kolo­nia­lis­mus – der Blick auf die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen kon­sti­tu­tiv für die demo­kra­ti­sche Selbstverständigung.

Die kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit den NS-Ver­bre­chen und dem SED-Unrecht lenkt den Blick auf Gesell­schafts­ord­nun­gen und poli­ti­sche Sys­teme, in denen man nicht leben möchte. Das ver­gan­gene Unrecht ist gewis­ser­ma­ßen eine Art Nega­tiv­fo­lie für demo­kra­ti­sche Aus­hand­lungs­pro­zesse über das Zusam­men­le­ben in einem demo­kra­ti­schen Rechts­staat. Eine wich­tige Rolle neh­men in der Erin­ne­rungs­kul­tur daher die rund 400 Gedenk­stät­ten ein, die in Deutsch­land an die Opfer der NS-Ver­bre­chen und das SED-Unrecht erin­nern und zur kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschichte ein­la­den. Moderne Gedenk­stät­ten ver­ste­hen sich dabei als dis­kur­sive Orte des Aus­tauschs, der Begeg­nung und des gemein­sa­men Nach­den­kens. Nicht um Über­wäl­ti­gung geht es hier oder darum, vor­ge­ge­bene Nar­ra­tive und Leh­ren zu kon­su­mie­ren, son­dern es ist Auf­gabe der Gedenk­stät­ten, das Geschichts­be­wusst­sein der Besu­che­rin­nen und Besu­cher und ihre his­to­ri­sche Urteils­kraft zu stärken.

Das gefällt nicht allen. Der kri­ti­sche Blick auf die NS-Ver­gan­gen­heit musste nach 1945 von den Opfern und der Zivil­ge­sell­schaft hart erkämpft wer­den, und seit eini­gen Jah­ren ver­stärkt sich der Unwille eines grö­ßer wer­den­den Teils der Bevöl­ke­rung gegen­über der seit den 1990er Jah­ren so genann­ten Erin­ne­rungs­kul­tur. Angriffe auf die Gedenk­stät­ten­ar­beit neh­men zu, ins­be­son­dere von rechts außen. Aus der AfD und ihrem Umfeld wird die Erin­ne­rungs­kul­tur als „Schuld­kult“ dis­kre­di­tiert; noto­risch ver­brei­tet die Par­tei Posi­tio­nen, die den Holo­caust ver­harm­lo­sen und Geschichts­re­vi­sio­nis­mus ver­brei­ten. Dahin­ter steht das Ziel, extrem rech­tes Den­ken und Han­deln von der Last der NS-Ver­bre­chen zu befreien. Das geschieht, indem die NS-Ver­bre­chen klein­ge­re­det oder gegen angeb­li­che alli­ierte Ver­bre­chen auf­ge­rech­net wer­den, oder indem man – gegen jede his­to­ri­sche Evi­denz – behaup­tet, die Nazis seien links gewe­sen, eine klas­si­sche Schuld­um­kehr. Zugleich neh­men von allen Sei­ten Ver­su­che zu, die Geschichte für aktu­elle poli­ti­sche Zwe­cke zu instru­men­ta­li­sie­ren – man denke an Putins krude his­to­ri­sche Recht­fer­ti­gungs­ver­su­che für den Über­fall auf die Ukraine oder auch an his­to­risch fal­sche Gleich­set­zun­gen des Hamas-Mas­sa­kers von 7. Okto­ber 2023 mit der Shoah durch pro­is­rae­li­sche Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten wie auch ähn­lich inad­äquate Gleich­set­zun­gen pro­pa­läs­ti­nen­si­scher Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten mit Blick auf das israe­li­sche Vor­ge­hen in Gaza.

Dem müs­sen die Gedenk­stät­ten, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und kul­tu­rel­len Ein­rich­tun­gen eine wis­sen­schaft­lich basierte, quel­len­ge­stützte und auf­ge­klärte his­to­risch-poli­ti­sche Bil­dung ent­ge­gen­set­zen und damit eine Erin­ne­rungs­kul­tur stär­ken, die nicht nur um die Opfer trau­ert, son­dern die danach fragt, warum sie zu Opfern wur­den, wer sie zu Opfern machte und was Täter und Täte­rin­nen antrieb. Vor allem aber geht es darum, nach der Funk­ti­ons­weise der NS-Gesell­schaft zu fra­gen, einer Gesell­schaft, die radi­kal ras­sis­tisch und anti­se­mi­tisch for­miert war und auf Ideo­lo­gien der Ungleich­wer­tig­keit, Ord­nungs-Dis­kur­sen, Ver­hei­ßun­gen der Ungleich­heit und Kri­mi­na­li­sie­rungs­dis­kur­sen gegen­über den Aus­ge­grenz­ten und Ver­folg­ten basierte. Und schließ­lich muss – jen­seits fal­scher his­to­ri­scher Ana­lo­gien – danach gefragt wer­den, wel­che Wir­kung sol­che Ideo­lo­gien heute entfalten.

Eine sol­cher­ma­ßen erneu­erte und gegen­warts­ori­en­tierte Erin­ne­rungs­kul­tur wird die Rechts­extre­men und ihre men­schen­feind­li­chen Ideo­lo­gien wie auch die Instru­men­ta­li­sie­rung der Geschichte nicht allein zurück­drän­gen kön­nen. Aber sie kann hel­fen, Geschichts­be­wusst­sein und his­to­ri­sche Urteils­kraft in der Gesell­schaft zu stär­ken – und das Bewusst­sein der Men­schen dafür, wel­che Rele­vanz die Aus­ein­an­der­set­zung mit den NS-Ver­bre­chen für unsere demo­kra­ti­sche Selbst­ver­stän­di­gung und die Ach­tung von Demo­kra­tie und Men­schen­rech­ten hat. Es geht nicht um die Ver­er­bung his­to­ri­scher Schuld, son­dern darum, ver­ant­wor­tungs­voll mit der Geschichte der NS-Ver­bre­chen umzu­ge­hen. Das Grund­ge­setz regelt nicht nur das Zusam­men­le­ben der Men­schen in Deutsch­land, son­dern war 1949 auch eine Ant­wort auf die NS-Ver­bre­chen. Nicht umsonst heißt es in Arti­kel 1: „Die Würde des Men­schen ist unan­tast­bar.“ Die Würde des Men­schen, nicht nur des Deutschen.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T14:39:36+01:00November 27th, 2025|Demokratie, Grundgesetz, Menschenrechte, These|Kommentare deaktiviert für

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THESE 13: Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschichte ist nie abgeschlossen

Jens-Christian Wagner ist Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchen- wald und Mittelbau-Dora und Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.