Die Zukunft der unab­hän­gi­gen Medien ist bedroht

THESE 7: Die freie Mei­nungs­bil­dung stärkt die Demokratie

Zu Jah­res­be­ginn zeich­nete der US-Vize­prä­si­dent ein düs­te­res Bild Euro­pas. Auf der Mün­che­ner Sicher­heits­kon­fe­renz warf JD Vance den hie­si­gen Regie­run­gen vor, die Mei­nungs­frei­heit zu unter­drü­cken. Die größte Gefahr für die Sicher­heit gehe nicht von Russ­land oder China aus, son­dern davon, dass Europa Men­schen für Äuße­run­gen in sozia­len Netz­wer­ken ins Gefäng­nis ste­cke. Seine Rede stieß auf brei­ten Wider­spruch, zumal die Trump-Admi­nis­tra­tion kurz dar­auf selbst die Presse- und Mei­nungs­frei­heit eigen­wil­lig aus­legte. Sie setzte Sen­der unter Druck, pro­mi­nente Kri­ti­ker des US-Prä­si­den­ten zum Schwei­gen zu bringen.

Der Kern der Rede ist aber: Die USA wol­len mit impe­ria­len Mit­teln ihre Vor­stel­lung unein­ge­schränk­ter Rede­frei­heit in Europa durch­set­zen. Der Grund: Die Platt­form­kon­zerne des Sili­con Val­ley sol­len vor gesetz­li­cher Regu­lie­rung geschützt wer­den. Ihr Geschäfts­mo­dell basiert nicht nur auf der Aus­höh­lung des Urhe­ber­rechts, son­dern auch dar­auf, dass sich die Emo­tio­na­li­sie­rung von Debat­ten in Geld ver­wan­deln lässt. Ein­fach gesagt: Hass, Hetze und Häme brin­gen Klicks, und Klicks stei­gern den Umsatz.

Das deut­sche Straf­recht, das Belei­di­gung, üble Nach­rede oder Holo­caust-Leug­nung unter Strafe stellt, bremst diese Dyna­mik ebenso wie die euro­päi­schen Ver­su­che, die ame­ri­ka­ni­sche digi­tale Hege­mo­nie durch Rege­lun­gen wie den DSA oder AI-Act in den Griff zu bekom­men. Doch das Geschäfts­mo­dell der Sozia­len Netz­werke lebt davon, Öl ins Feuer zu gie­ßen, eine gesetz­li­che Feu­er­wehr passt ihnen nicht in den Kram. Dass der demo­kra­ti­sche Dis­kurs dabei Scha­den nimmt, neh­men Popu­lis­ten welt­weit in Kauf. Redak­tio­nelle Medien, die eigent­lich die Mäch­ti­gen kon­trol­lie­ren sol­len, wer­den als „Feinde des Vol­kes“ dif­fa­miert, Fak­ten in Zwei­fel gezo­gen. In die­sem Nebel der Unsi­cher­heit erscheint die starke Hand der Auto­kra­tie vie­len als Halt. Sie ist aber nur eine schein­bare Stütze.

Die Fall­höhe ist enorm: Die Mei­nungs­frei­heit ist „schlecht­hin kon­sti­tu­ie­rend“ für die frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung, urteilte das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 1958 im „Lüth“-Urteil, einem Grund­satz­ur­teil zum Grund­recht der Mei­nungs­frei­heit. Sie ist in Arti­kel 5 des Grund­ge­set­zes für die Ewig­keit ver­an­kert. Doch immer mehr Men­schen in Deutsch­land tei­len die Kri­tik von JD Vance. Laut einer Allens­bach-Umfrage glaubt nur noch eine Min­der­heit, dass man in Deutsch­land seine Mei­nung frei äußern kann. Mit 40 Pro­zent ist der Wert so nied­rig wie nie seit dem „Lüth“-Urteil. Dabei haben sich die gesetz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen kaum ver­än­dert. Erst ab 2015, im Zuge der „Flücht­lings­krise“, brach der Wert ein. Seit­dem wächst die Über­zeu­gung, man könne nicht mehr frei sagen, was man denkt. Die­ses Gefühl ist kein deut­sches Phä­no­men. Auch in ande­ren Län­dern, selbst in den USA, zeigt sich ein ähn­li­cher Trend.

Der Streit um Por­tale wie „Hes­sen gegen Hetze“ ver­deut­licht die Span­nun­gen. Sol­che Mel­de­stel­len, bei denen Betrof­fene digi­ta­ler Gewalt Anzei­gen prü­fen las­sen kön­nen, sehen Kri­ti­ker als Ein­griff in die Mei­nungs­frei­heit. Dabei sol­len sie nur sicher­stel­len, dass ana­loge Gesetze auch online gel­ten. Im Netz herrscht ein raues Klima: 58 Pro­zent der Jugend­li­chen berich­ten von Belei­di­gun­gen, 54 Pro­zent von nega­ti­ven Erfah­run­gen durch extreme poli­ti­sche Ansich­ten, so die JIM(Jugend, Infor­ma­tion, Medien)-Studie. Was tun? Mehr Medien- und Nach­rich­ten­kom­pe­tenz in den Lehr­plä­nen wäre ein Anfang. Kin­der, Jugend­li­che, aber auch Erwach­sene müs­sen ver­ste­hen, wie Algo­rith­men aus den USA oder China hier in Europa Poli­tik und Gesell­schaft beein­flus­sen, was wir sehen, und wie unab­hän­gige redak­tio­nelle Medien auf der ande­ren Seite arbei­ten. Doch deren Zukunft ist bedroht. Eine bei­spiel­lose Kam­pa­gne zielt dar­auf, die öffent­lich-recht­li­chen Medien zu schwä­chen. Pri­vat finan­zierte Medi­en­häu­ser kämp­fen ums Über­le­ben. Platt­form­kon­zerne aus den USA mono­po­li­sie­ren der­weil den Zugang zum Publi­kum, sau­gen Wer­be­er­löse ab und ent­zie­hen so den pri­vat finan­zier­ten Medien die mate­ri­elle Basis.

Wir brau­chen mehr digi­tale Sou­ve­rä­ni­tät und ein brei­tes Ver­ständ­nis der Platt­form-Mecha­nis­men in der Gesell­schaft. Ein euro­päi­sches Sozia­les Netz­werk, eine euro­päi­sche Such­ma­schine, die sich an unsere Gesetze hält, und bes­sere Rah­men­be­din­gun­gen für Qua­li­täts­jour­na­lis­mus – das sind Pro­jekte, die unsere Demo­kra­tie auch im digi­ta­len Raum sichern kön­nen. Denn nur so bleibt sie auch in der ana­lo­gen Welt erhalten.

Jour­na­lis­mus wird dabei eine zen­trale Rolle spie­len. Er ist Fress­feind von Des­in­for­ma­tion und Pro­pa­ganda. Ein muti­ger Mas­ter­plan, unsere Medi­en­land­schaft gegen die Ver­su­che, sie kaputt­zu­schla­gen, zu ver­tei­di­gen, ist nöti­ger denn je. Die Frei­heit der Mei­nungs­äu­ße­rung und die Frei­heit der Medien gehen Hand in Hand. Wol­len wir, dass das Ver­trauen in beide wie­der steigt, müs­sen wir han­deln. Tun wir es nicht, machen es Trump, Vance und Xi für uns.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T14:06:10+01:00November 27th, 2025|Demokratie, Medien, Meinungsfreiheit, These|Kommentare deaktiviert für

Die Zukunft der unab­hän­gi­gen Medien ist bedroht

THESE 7: Die freie Mei­nungs­bil­dung stärkt die Demokratie

Mika Beuster ist Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands.