Hen­rik Szántó

Hen­rik Szántó ist halb Ungar, halb Finne und lebt als Schrift­stel­ler und Mode­ra­tor in Han­no­ver. Als Spo­ken Word-Künst­ler bespielt Szántó Büh­nen im gesam­ten deutsch­spra­chi­gen Raum. Als Refe­rent hält Szántó Semi­nare zu poe­ti­schem und krea­ti­vem Schrei­ben, Auf­tritt- und Vor­trags­si­cher­heit und berei­tet Büh­nen für neue und arri­vierte Stim­men. Die Kern­the­men sei­ner Arbeit sind Mehr­spra­chig­keit, Erin­ne­rungs­ar­beit und kul­tu­relle Vielfalt.

Letz­ten Monat erschien dein Roman „Treppe aus Papier“ in dem Du die Geschichte eines Hau­ses und sei­ner Bewoh­ner von der NS-Zeit bis heute erzählst. Was bedeu­tet Dir Deine jüdi­sche Iden­ti­tät beim Schreiben?

Ich schreibe als Kind und Enkel von Über­le­ben­den gegen ein Ver­ges­sen an, das man­che aktiv her­bei­seh­nen. Gleich­zei­tig ist es mir wich­tig, jüdi­sches Leben in sei­ner Wider­stän­dig­keit und Resi­li­enz sicht­bar zu machen. Gerade in Hand­lungs­strän­gen zur Shoah ist das nicht leicht, weil vor­herr­schende Bil­der oft nur das Opfer­hafte zei­gen. Die jüdi­sche Fami­lie im Roman ist auch von den Aspek­ten ihrer Zeit betrof­fen, das Wider­stän­di­sche fin­det irgend­wann nur noch im kleins­ten Kern der Fami­lie statt.

Nimmst Du einen Wan­del im Geden­ken an die Shoah wahr? In der MEMO- Stu­die der Stif­tung EVZ äußerte im April 2025 erst­mals eine rela­tive Mehr­heit der Befrag­ten (38,1 Pro­zent) Zustim­mung zur For­de­rung, die Aus­ein­an­der­set­zung mit der NS-Zeit zu been­den.

Was mich mehr alar­miert, ist ein ande­res Ergeb­nis die­ser Stu­die, näm­lich, dass bei­nahe zwei Drit­tel der 16- bis 25-jäh­ri­gen glau­ben, ihre Vor­fah­ren seien keine Täter gewe­sen. Das ist nicht nur sta­tis­tisch mas­siv unwahr­schein­lich, son­dern auch eine direkte Folge die­ses Schluss­strich­re­fle­xes, der bei eini­gen beson­ders locker sitzt.

Bei Dei­ner Spo­ken-Word-Per­for­mance „Ein Dezem­ber ohne Schnee“, bei der es wie in Dei­nem Roman um ein Haus im Kon­text der NS-Zeit geht, for­derst Du Dein Publi­kum auf, die reine Betrof­fen­heit zu über­win­den und in eine aktive Emo­tion, wie Wut über­zu­ge­hen. Was wünschst Du Dir von der deut­schen Gesell­schaft ange­sichts des immer wei­ter fort­schrei­ten­den Rechtsrucks?

Ich wün­sche mir, dass die Men­schen nicht mit offen­ste­hen­dem Mund rück­wärts umfal­len und sich dann wun­dern, wie das alles pas­sie­ren konnte. Ich wün­sche mir, dass sie nicht die ohne­hin schon Mar­gi­na­li­sier­ten oder von rechts­extre­mer Ideo­lo­gie zuerst Betrof­fe­nen die not­wen­di­gen Kämpfe für eine frei­heit­li­che und lebens­werte Gesell­schaft für Alle aus­fech­ten lassen.

Und ich wün­sche mir, dass wir auf­hö­ren, rechte Nar­ra­tive durch mediale Ver­brei­tung zu nor­ma­li­sie­ren oder zu glau­ben, man könne Rechts­extreme im Dis­kurs ent­zau­bern. Das sind kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­schulte Wen­de­hälse, die mühe­los zwi­schen Opfer­hal­tung und Agenda-Set­ting wech­seln kön­nen. Da gibt’s nichts zu ent­zau­bern, ein­fach keine Platt­for­men mehr bieten.

In Semi­na­ren lei­test Du Schü­le­rin­nen und Schü­ler, aber auch auf­stre­bende neue Stim­men zu krea­ti­vem und poe­ti­schem Schrei­ben und zu ihrem Auf­tre­ten an. Wie inklu­siv oder auch eli­tär sind die Büh­nen Deutsch­lands? Immer wie­der the­ma­ti­sierst Du Deine Mehr­spra­chig­keit und bringst ihren Wert in Form von Über­set­zun­gen in Deine Texte mit ein. Wel­che Rolle spielt Deine fin­nisch-unga­ri­sche Her­kunft beim Ent­wi­ckeln Dei­ner Texte?

Büh­nen sind in den aller­meis­ten Fäl­len mit Zugangs­be­schrän­kun­gen ver­bun­den. Kul­tu­rel­les Kapi­tal, Bil­dungs­zu­gänge, allein das Bewusst­sein diese Räume für sich bean­spru­chen zu kön­nen und zu dür­fen – all dies sind Fak­to­ren, die den Zugang erschwe­ren. Ganz abge­se­hen von per­sön­li­chen Umstän­den, Her­kunfts- und Identitätsfragen.

Was ich ver­su­che zu ver­mit­teln ist ein Ver­ständ­nis für den eige­nen Platz in die­sen Räu­men. Ein Ver­ständ­nis für ein Anrecht, diese Räume mit­ge­stal­ten zu kön­nen. Ins­be­son­dere durch die Linse der Mehr­spra­chig­keit. Ich möchte junge Men­schen stär­ken und sie darin in ers­ter Linie eine Kom­pe­tenz sehen las­sen und kei­nen Makel, den es zu über­win­den gilt. Da gibt es ja diverse krude Vor­stel­lun­gen, die sich in Insti­tu­tio­nen lei­der noch immer hart­nä­ckig hal­ten und die bestimmte Sprach­hin­ter­gründe über ande­ren sehen. Mir ist in die­sem Zusam­men­hang auch völ­lig bewusst, dass Kolleg*innen mit einer sicht­ba­ren Migra­ti­ons­ge­schichte diese Auf­gabe oft mit einer beson­de­ren Glaub­wür­dig­keit erfül­len. Ich bin dank­bar, wenn ich auf sie ver­wei­sen kann.

Die 15 The­sen mit dem Titel „Zusam­men­halt in Viel­falt“ bil­den die Arbeits­grund­lage der Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion und stel­len den Kon­sens unse­rer Mit­glie­der dar. Was bedeu­tet für Dich „Zusam­men­halt in Viel­falt“ und wel­che der 15 The­sen hältst Du für beson­ders wichtig?

Es ist das Zusam­men­spiel der The­sen 9 und 15: Deutsch­land ist ein Ein­wan­de­rungs­land und kul­tu­relle Viel­falt ist eine Stärke.

Ich denke, wir pro­fi­tie­ren alle von den Erkennt­nis­sen, die das Bereit­stel­len neuer Lin­sen zum Blick auf die Welt bereit­hal­ten. Ich sage oft, dass Neu­gier ein wirk­sa­mes Gegen­mit­tel gegen Hass und Vor­ur­teile ist und diese Neu­gier zu schü­ren, zu bewah­ren und zu för­dern, in dem Wis­sen um eine Welt, die sehr viel wei­ter reicht als bis zu staat­li­chen Gren­zen, muss ein Ziel sein.

Gleich­zei­tig erlebe ich, dass viele Com­mu­ni­ties sich gerade eher zurück­zie­hen. Aus Selbst­schutz oder aus dem Gefühl, zurück­ge­las­sen wor­den zu sein. Man darf die Men­schen in die­sem Über­le­bens­mo­dus nicht alleine las­sen und erst recht nicht zulas­sen, dass hier Men­schen­grup­pen gegen­ein­an­der aus­ge­spielt werden.

Vie­len Dank!

Von |2025-09-12T14:42:30+02:00September 1st, 2025|Menschen|Kommentare deaktiviert für Hen­rik Szántó