Die Kunst der Unwissenheit

Von gesi­cher­ten Erkennt­nis­sen und bestehen­den Unwägbarkeiten

„Unwis­sen­heit ist ein Segen“ heißt es im Film „Matrix“: Gemeint ist die Unwis­sen­heit des Prot­ago­nis­ten, nicht zu wis­sen, dass er in einer Matrix gefan­gen ist und ihn dort Maschi­nen ausbeuten.

Diese Hal­tung scheint im heu­ti­gen Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ter frag­wür­dig. Rat­ge­ber und Exper­tise lie­gen im Trend im Sinne der Auf­klä­rung, dass eine ver­nunf­t­ori­en­tierte Gesell­schaft die Haupt­pro­bleme mensch­li­chen Zusam­men­le­bens schritt­weise lösen könne.

Auch in der Poli­tik wächst die Rolle der Tech­no­kra­tie: Exper­ten wer­den immer stär­ker in poli­ti­sche Ent­schei­dungs­pro­zesse ein­ge­bun­den. Dabei ent­ste­hen „alter­na­tiv­lose“ Ent­schei­dun­gen, die grund­sätz­li­che Prin­zi­pien der Demo­kra­tie infrage stel­len. Und in der Tat mobi­li­siert sich ein nicht uner­heb­li­cher Teil der Bevöl­ke­rung gegen diese „alter­na­tiv­lo­sen“ Ent­schei­dun­gen, aktu­ell bezo­gen auf die Pan­de­mie­be­kämp­fung, aber auch auf grund­sätz­li­che Fra­gen der Glo­ba­li­sie­rung mit „Fak­ten“, die wie­derum der andere Teil der Gesell­schaft als absurd bezeich­net. Es wird vom „post­fak­ti­schen Zeit­al­ter“ gespro­chen. Könnte die Demo­kra­tie so zu einer Gefähr­dung der Prin­zi­pien der Auf­klä­rung werden?

Es gibt Stim­men, die die bestehende Demo­kra­tie auf den Prüf­stand stel­len, bei­spiels­weise Parag Khanna, CNN-Experte für Glo­ba­li­sie­rung. Er tritt für eine „direkte Tech­no­kra­tie“ als „ideale Regie­rungs­form für das kom­plexe 21. Jahr­hun­dert“ ein, die „von Exper­ten geführt wird, die wie­derum stän­dig die Men­schen durch eine Kom­bi­na­tion aus Demo­kra­tie und Daten kon­sul­tiert“. Nicht ideo­lo­gi­sche Hal­tun­gen, son­dern „Logik, Prag­ma­tis­mus oder objek­tive Wahr­hei­ten“ soll­ten Regie­rende lei­ten. Eine schöne neue Welt? Oder leben wir schon in einer „direk­ten Tech­no­kra­tie“? Eine, in der Viro­lo­gen und erho­bene Daten, wie der Inzi­denz­wert oder die Hos­pi­ta­li­sie­rungs­rate, unser poli­ti­sches Han­deln leiten?

Was sind objek­tive Wahr­hei­ten? Und vor allem: Was ist Wis­sen­schaft? Laut Duden „eine begrün­dete, geord­nete, für gesi­chert erach­te­tes Wis­sen her­vor­brin­gende for­schende Tätig­keit“. Dabei exis­tie­ren Metho­den und Regeln, bei­spiels­weise eigene Erkennt­nisse in einen Gesamt­zu­sam­men­hang bestehen­den Wis­sens zu set­zen oder die eigene Wis­sens­ge­ne­rie­rung trans­pa­rent zu machen. Dabei ist es ein Unter­schied, ob von „gesi­cher­ten“ Erkennt­nis­sen oder von „Wahr­hei­ten“ gespro­chen wird. Denn gesi­cherte Erkennt­nisse ver­wei­sen auf den Rah­men des Mach­ba­ren: Wel­che Mög­lich­kei­ten haben wir aktu­ell, „gesi­cherte“ Erkennt­nisse zu gene­rie­ren? Denn die Geschichte belegt: Diese wan­deln sich ste­tig, von einer Erde als Scheibe, hin zu einer Kugel, um die sich alles dreht.

Liegt die Kunst des Wis­sens dann nicht zugleich in der Not­wen­dig­keit, sich mit dem Nicht­wis­sen aus­ein­an­der­zu­set­zen? Denn auch das Wis­sen über die eigene Unwis­sen­heit ist ein Erkennt­nis­ge­winn. Und viel­leicht bie­tet die Kunst der Unwis­sen­heit nicht nur eine Chance, Demo­kra­tie gegen­über Model­len, wie eine „direkte Tech­no­kra­tie“, zu stär­ken, son­dern zugleich Bür­gern das Ver­trauen in Poli­tik (wie­der) zu geben, da wo sie es ver­lo­ren haben. Wäre es in der poli­ti­schen Kom­mu­ni­ka­tion nicht vor­teil­haf­ter, statt von „objek­ti­ver Wahr­heit“ von der­zeit gesi­cher­ten Erkennt­nis­sen zu spre­chen und zugleich die Unwäg­bar­kei­ten, feh­lende Kennt­nisse bei­spiels­weise in der Pan­de­mie mit zu the­ma­ti­sie­ren? Dies stärkt letzt­lich die Glaub­wür­dig­keit der Poli­tik, die sich damit zugleich dem unauf­lös­ba­ren Kampf um post­fak­ti­sche Wahr­hei­ten ent­zieht. Und Poli­tik, die sich neben dem Wis­sen auch ihrer Unwis­sen­heit bewusst ist, kann letzt­lich mehr leis­ten als eine „direkte Tech­no­kra­tie“, die nur an vor­han­de­nes Wis­sen anknüpft. Denn das Wis­sen, in einer Matrix zu leben, kann auch ein­fa­cher ertra­gen wer­den, wenn die bewusste Erkennt­nis wächst, dass die Länge des Ver­bleibs in der Matrix unge­wiss ist.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 02/2022.

Von |2022-03-23T16:13:47+01:00Februar 4th, 2022|Medien, Meinungsfreiheit|Kommentare deaktiviert für

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Von gesi­cher­ten Erkennt­nis­sen und bestehen­den Unwägbarkeiten

Susanne Keuchel ist Präsidentin des Deutschen Kulturrates.