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Krea­ti­ves Europa und Inklusion

Seit Ende Mai die­ses Jah­res ist das Pro­gramm Krea­ti­ves Europa in Kraft und ver­mut­lich sind viele Orga­ni­sa­tio­nen im Kul­tur­be­reich ent­we­der in der stres­si­gen End­phase der Fer­tig­stel­lung eines Pro­jekts oder haben gerade glück­lich ihre Idee zur För­de­rung ein­ge­reicht. Ange­sichts der andau­ern­den Kon­se­quen­zen aus der Coro­na­krise für die Kul­tur­bran­che stellt die Euro­päi­sche Union gerade für die ers­ten Jahre des Pro­gramms erhöhte Mit­tel zur Ver­fü­gung und hat die Zugäng­lich­keit bewusst erhöht.

Die­ser Abbau von Hin­der­nis­sen ist auch Teil der Umset­zung einer geziel­ten poli­ti­schen Vor­gabe des Pro­gramms zur För­de­rung von Inklu­sion, Chan­cen­gleich­heit, Teil­habe und Diver­si­tät. Die­ses Ziel umfasst jedoch nicht aus­schließ­lich die Teil­nahme von Men­schen mit Behin­de­rung am künst­le­ri­schen Pro­zess und als Zuschauer oder Publi­kum, son­dern schließt expli­zit Min­der­hei­ten und sozial mar­gi­na­li­sierte Grup­pen ein.

Krea­ti­ves Europa ist damit ein wich­ti­ger Bestand­teil der umfas­sen­den und poli­tik­über­grei­fen­den Stra­te­gie der Euro­päi­schen Union für die Rechte von Men­schen mit Behin­de­run­gen 2021-2030, die im März ver­ab­schie­det wurde. Beschleu­nigt durch die Effekte der Krise hat die Kom­mis­sion ein ehr­gei­zi­ges Pro­gramm auf­ge­legt, das alle Aspekte des Lebens mit Behin­de­run­gen berührt, aus­ge­hend von dem im Ver­trag ver­an­ker­ten Gleich­heits­grund­satz als wesent­li­chem Eck­pfei­ler ihrer Politik.

Bes­se­rer Zugang zu Kunst und Kul­tur steht ebenso wie z. B. zu Sport oder Tou­ris­mus für volle gesell­schaft­li­che Teil­habe, die außer­dem erwie­sen posi­tive Aus­wir­kung auf das Wohl­erge­hen des Ein­zel­nen und der Gesell­schaft haben und die Mög­lich­keit zur Ent­fal­tung und Nut­zung ihres indi­vi­du­el­len Poten­zi­als bie­ten. In die­sem Doku­ment, das sowohl die Aktio­nen und Selbst­ver­pflich­tun­gen der Kom­mis­sion umfasst wie auch For­de­run­gen an die Mit­glied­staa­ten, wird Krea­ti­ves Europa expli­zit als ein mög­li­ches Pro­gramm zur För­de­rung der Sicht­bar­keit von Kunst und Kul­tur von Men­schen mit Behin­de­run­gen genannt, das außer­dem dazu bei­tra­gen kann, Kul­tur und kul­tu­rel­les Erbe zugäng­lich und behin­der­ten­ge­recht zu gestal­ten. Auf­grund des für den Kul­tur­be­reich gel­ten­den Sub­si­dia­ri­täts­prin­zips wer­den die Mit­glied­staa­ten auf­ge­for­dert, Kunst von Men­schen mit Behin­de­rung zu ermög­li­chen und zu för­dern und durch Aus­stel­lun­gen und Per­for­man­ces auf sie auf­merk­sam zu machen sowie für bes­se­ren Zugang bei Kunst­samm­lun­gen und Museen zu sorgen.

MEDIA als Teil von „Krea­ti­ves Europa“ ist sowieso der Umset­zung der Richt­li­nie Audio­vi­su­elle Medi­en­dienste ver­pflich­tet, die als eines ihrer wesent­li­chen Ziele die Wah­rung der mensch­li­chen Würde und das Ver­bot von Dis­kri­mi­nie­rung für kom­mer­zi­elle Kom­mu­ni­ka­tio­nen vorsieht.

Ein wesent­li­cher Gesichts­punkt, den Kul­tur und Film bei der Umset­zung von Chan­cen­gleich­heit für Men­schen mit Behin­de­rung ein­brin­gen, liegt in der wich­ti­gen gesell­schaft­li­chen Rolle, die sie bei der Bekämp­fung von Ste­reo­ty­pen spie­len und der Mög­lich­keit, „Role Models“ anzubieten.

Bereits wäh­rend der ers­ten Pro­gramm­lauf­zeit wurde eine beträcht­li­che Anzahl ins­be­son­dere an grenz­über­schrei­ten­den Koope­ra­ti­ons­pro­jek­ten geför­dert, die durch Aus­tausch und gemein­same krea­tive Pro­zesse kon­krete Bei­spiele für Inklu­sion auf­zei­gen. So möchte etwa das „Fes­ti­val of Love“, koor­di­niert vom Cen­trum Kul­tury Wro­cław-Zachód in Polen mit Orga­ni­sa­tio­nen in Spa­nien und Rumä­nien, die soziale Akti­vi­tät von Men­schen mit Behin­de­rung ins­be­son­dere mit Blick auf das kul­tu­relle Erbe ihres jewei­li­gen Her­kunfts­lan­des auf­zei­gen. Wie Men­schen mit etwa ein­ge­schränk­ter Hör­fä­hig­keit in den vol­len Genuss von Musik kom­men kön­nen, wol­len Part­ner aus Bel­gien, Irland und Groß­bri­tan­nien des „Crea­tive Acces­si­bi­lity Net­work“ unter der Koor­di­nie­rung der nie­der­län­di­schen Stich­t­ing Pos­si­bi­lize ent­wi­ckeln, indem sie andere Sinne in Live­mu­sik­ver­an­stal­tun­gen ein­brin­gen. Bereits in sei­ner zwei­ten För­der­pe­ri­ode baut das euro­päi­sche Pro­jekt „ImPart“ um die Freunde und För­de­rer von Un-Label in Köln mit Part­nern aus Ita­lien, Grie­chen­land und Arme­nien seine Erfah­run­gen aus. Dabei steht der Gedanke im Mit­tel­punkt, wie dar­stel­lende Künste not­wen­dige Hilfs­mit­tel etwa der Audi­o­de­skrip­tion oder Gebär­den­spra­che nicht als außer­halb der Ästhe­tik des krea­ti­ven Pro­zes­ses, son­dern bewusst als ein Teil des­sen gestal­tet und wahr­ge­nom­men wer­den kön­nen. Eine sol­che inno­va­tive Her­an­ge­hens­weise wird in Work­shops, Mas­ter­klas­sen, Sym­po­sia, aber auch in Resi­den­zen stu­diert und erfah­ren. Auf­stre­ben­den Künst­le­rin­nen und Künst­lern mit Behin­de­rung aus ganz Europa kann dank des Pro­jekts ihrem Talent eine Bühne gebo­ten wer­den. Das große Koope­ra­ti­ons­pro­jekt im Thea­ter- und Tanz­be­reich „Europe bey­ond access“ unter Mit­wir­kung von Kamp­na­gel in Ham­burg zielt auf die Ent­wick­lung exzel­len­ter zeit­ge­nös­si­scher For­mate, aber soll auch etwa der bes­se­ren Durch­set­zung der Inter­es­sen der Künst­le­rin­nen und Künst­ler und ihrer Wahr­neh­mung die­nen. Auch im Rah­men der Lite­ra­tur­über­set­zun­gen haben Ver­lage ent­spre­chende Vor­ha­ben vor­ge­legt und die Euro­päi­schen Kul­tur­haupt­städte wid­men regel­mä­ßig Akti­vi­tä­ten dem Gedan­ken der Inklusion.

Für die kom­men­den sie­ben Jahre hat Krea­ti­ves Europa den Gedan­ken der Inklu­sion jedoch noch ein­mal beson­ders her­vor­ge­ho­ben. Neben dem beson­de­ren Erwäh­nungs­grund, der die Ver­pflich­tung, zu einer inklu­si­ven Gesell­schaft bei­zu­tra­gen, ent­hält, ist ins­be­son­dere auf Drän­gen des Euro­päi­schen Par­la­ments ein geson­der­ter Arti­kel zum Euro­päi­schen Mehr­wert des Pro­gramms auf­ge­nom­men wor­den, der unter ande­rem vor­sieht, dass es geeig­nete Mecha­nis­men ent­hal­ten soll, die den Zugang zu Kul­tur, die aktive Teil­habe daran, sowohl als Zuschau­ende als auch im krea­ti­ven Pro­zess, beför­dern und ermöglichen.

Die For­mu­lie­rung die­ses Arti­kels soll im Akti­ons­be­reich Kul­tur des Pro­gramms weni­ger durch gezielte Aus­schrei­bun­gen rea­li­siert wer­den, son­dern viel­mehr als eine über­grei­fende Auf­for­de­rung ver­stan­den wer­den, Pro­jekte mit einer sol­chen Ziel­set­zung ent­spre­chend zu eva­lu­ie­ren und zu berück­sich­ti­gen. So soll die krea­tive Qua­li­tät der Pro­jekte nach wie vor im Mit­tel­punkt der För­de­rung ste­hen und die Erfah­rung der ver­gan­ge­nen Peri­ode zeigt ein­deu­tig, dass die euro­päi­schen Kul­tur­ak­teure bereits weit fort­ge­schrit­ten sind in der Rea­li­sie­rung des Ziels einer bes­se­ren Inklu­sion. Kon­kret wird in der Aus­schrei­bung für Koope­ra­ti­ons­pro­jekte etwa, die den Löwen­an­teil der finan­zi­el­len Unter­stüt­zung bean­spru­chen dür­fen, beson­ders dar­auf hin­ge­wie­sen, dass unter dem Schwer­punkt Inno­va­tion auch die soziale oder gesell­schaft­li­che Dimen­sion ver­stan­den wer­den kann. Initia­ti­ven etwa, die sich spe­zi­ell dem Thema soziale Inklu­sion wid­men möch­ten, könn­ten sol­che Pro­jekte vor­le­gen. Krea­ti­ves Europa will dazu bei­tra­gen, dass Kul­tur­or­ga­ni­sa­tio­nen grenz­über­schrei­tend wei­ter­hin von­ein­an­der ler­nen und sich gemein­sam fort­ent­wi­ckeln kön­nen, zuguns­ten der Men­schen mit Behin­de­rung als auch ihrem euro­pa­wei­ten Publi­kum, das berei­chernde Erfah­run­gen und Ent­de­ckun­gen wird machen können.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 09/2021.

Von |2021-09-02T17:01:06+02:00September 2nd, 2021|lnklusion|Kommentare deaktiviert für

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Krea­ti­ves Europa und Inklusion

Barbara Gessler ist Head of Unit Creative Europe bei der Europäischen Kommission.