Das Thea­ter der Zukunft

Inklu­sive Orte gesell­schaft­li­cher Trans­for­ma­tion schaffen

„Guten Tag, ich bin eine weiße Frau mit kas­ta­ni­en­brau­nen kur­zen Haa­ren, trage eine Jeans, eine weiße Hemd­bluse, einen leger geschnit­te­nen Bla­zer und bron­ze­far­bene Stiefeletten.“

Genau so könn­ten wir einen Vor­trag oder ein Inter­view begin­nen, um Zugang für blinde Men­schen oder Men­schen mit Seh­be­hin­de­rung zu schaf­fen. Die pro­zess­hafte Ein­bet­tung von sol­chen Per­so­nen­be­schrei­bun­gen in unsere Ver­an­stal­tun­gen ist nur ein bei­spiel­haf­tes Tool, das die Arbeit für mehr Inklu­sion im Thea­ter auf Kamp­na­gel prägt. Als Teil des „Europe Bey­ond Access“-Netzwerks möchte Kamp­na­gel in ers­ter Linie Zugänge und mehr Sicht­bar­keit für Kunst­schaf­fende mit Behin­de­rung schaf­fen. Es braucht aber auch bes­sere Zugänge zum Pro­gramm – für eine viel­fäl­tige Zuschau­en­den­schaft mit Behin­de­rung. Denn in der Per­for­mance- und Thea­ter­szene wer­den Men­schen mit Behin­de­rung sowohl auf als auch vor und hin­ter der Bühne mehr­heit­lich aus­ge­schlos­sen. Ein wesent­li­cher Teil der Mis­sion von Kamp­na­gel ist es, Aus­gren­zun­gen zu hin­ter­fra­gen und Zugänge zum Thea­ter für unter­schied­li­che mar­gi­na­li­sierte Grup­pen zu schaffen.

Dahin­ter steht die Frage, wie ein Kunst­ort unsere Gesell­schaft in all ihrer Diver­si­tät mög­lichst dif­fe­ren­ziert abbil­den kann: auf der Bühne, im Denk- und Dis­kurs­raum, in der Insti­tu­tion und im Publi­kum. Kamp­na­gel arbei­tet also daran, nicht nur ein Ort für die Mehr­heits­ge­sell­schaft zu sein, son­dern sich weit zu öff­nen in mög­lichst viele gesell­schaft­li­che Schich­ten. Inklu­sion von Men­schen mit Behin­de­rung am Thea­ter ist eine der viel zu lang ver­nach­läs­sig­ten gesell­schaft­li­chen Auf­ga­ben, der wir uns als Teil des EBA-Netz­werks widmen.

Neue For­men des Theaters

Thea­ter sind seit ihrer Grün­dung bür­ger­li­che Ein­rich­tun­gen, bis heute über­wie­gend weiß und pri­vi­le­giert und mehr­heit­lich von Män­nern gelei­tet. Dass Kunst­schaf­fende mit Behin­de­rung dort kei­nen Platz haben, ist also nicht ver­wun­der­lich. Die­ser Aus­schluss zeigt sich groß­flä­chig – auf der Bühne und in den Teams, in der För­der­land­schaft, der Aus­bil­dung und in den bau­li­chen Struk­tu­ren – und spie­gelt gesamt­ge­sell­schaft­li­che struk­tu­relle Leer­stel­len wider. Über Jahr­zehnte gal­ten Thea­ter­stü­cke mit Men­schen mit Behin­de­rung als Sozi­al­pro­jekte, beka­men kaum För­de­rung, wur­den also nicht als Kunst anerkannt.

In den 1980er und 1990er Jah­ren eta­blierte sich das Thea­ter mit behin­der­ten Kunst­schaf­fen­den in der Freien Szene durch Thea­ter­grup­pen und gesell­schafts­kri­ti­sche Künst­le­rin­nen und Künst­ler, die aus der Black­box flo­hen. In Fabrik­eta­gen, leer ste­hende Gebäude, Was­ser­werke, her­un­ter­ge­kom­mene Schlös­ser. Sie ver­han­del­ten den Aus­zug aus den Kunst­tem­peln, um sich näher an das rich­tige Leben und eine diverse Gesell­schaft her­an­zu­be­we­gen. Kein Zufall, dass in jener Zeit viele der bis heute bestehen­den inklu­si­ven Grup­pen gegrün­det wur­den: 1987 Das Back to Back Theatre aus Geelong in Aus­tra­lien, 1990 das Thea­ter Ram­baZamba in Ber­lin, 1993 das Thea­ter Hora in Zürich, in Ham­burg Sta­tion 17/Barner16, ein spar­ten­über­grei­fen­des Netz­werk pro­fes­sio­nel­ler Kunst­schaf­fen­der mit und ohne Behin­de­rung. Das Back to Back Theatre arbei­tet bei­spiels­weise daran, neue For­men des zeit­ge­nös­si­schen Thea­ters zu schaf­fen mit einem Ensem­ble von geis­tig behin­der­ten Kunst­schaf­fen­den, die aus ihrer Außen­sei­ter­po­si­tion einen luzi­den und sub­ver­si­ven Blick auf unsere Gesell­schaft wer­fen und ihre Schwä­chen scho­nungs­los aufdecken.

Die­sen Trup­pen ist es gelun­gen, ein Publi­kum jen­seits des Umfel­des von Sozi­al­ar­beit zu gene­rie­ren, weil sie sich kon­se­quent in unter­schied­li­che künst­le­ri­sche Sze­nen ver­netzt haben und weil sie mit einer kla­ren künst­le­ri­schen Agenda ange­tre­ten sind: „Mit behin­der­ten Darsteller*innen kommt ein Rea­lis­mus auf die Bühne, der das Nach­spie­len einer Figur ver­hin­dert und den ›schö­nen Schein‹ auf der Bühne sprengt“, meint Peter Radke, Schau­spie­ler mit Glas­kno­chen. Behin­derte Kunst­schaf­fende wür­den nie­mals nur als Schau­spie­le­rin­nen oder Tän­zer rezi­piert, son­dern immer auch als Reprä­sen­tan­ten ihrer Behin­de­rung. Aus die­ser Dyna­mik einen künst­le­ri­schen Mehr­wert zu schaf­fen, ist die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung für jene Kunstschaffende.

Auch wenn wir auf Kamp­na­gel immer schon mit Kunst­schaf­fen­den mit Behin­de­rung arbei­ten, ist in den letz­ten Jah­ren eine deut­li­che Ver­än­de­rung der Arbeit spür­bar. Immer mehr Kunst­schaf­fende mit Disa­bi­li­ties erobern Regie oder Cho­reo­gra­fie für sich und begin­nen die Dis­kurse mit­zu­be­stim­men. Sie spre­chen für sich selbst, für ihre eigene Bio­gra­fie und bean­spru­chen zu Recht die Exper­tise und das Wis­sen über ihre Kör­per, ihre Kom­pe­ten­zen, ihre Arbeit. Sie stel­len Erwar­tun­gen an die Insti­tu­tio­nen, die sich damit aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, wel­che Bedürf­nisse und Mög­lich­kei­ten sich aus der Arbeit mit ihnen erge­ben und dass es große Leer­stel­len in den Insti­tu­tio­nen gibt, die es zu fül­len gilt. Diese Kunst­schaf­fen­den wider­set­zen sich der ihnen zuge­schrie­be­nen Opfer­rolle und stel­len selbst­be­wusst For­de­run­gen zur Ver­än­de­rung der Thea­ter­land­schaft auf.

„Europe bey­ond Access“

Auf diese Ent­wick­lung reagie­rend wurde 2018 das Netz­werk „Europe Bey­ond Access“ gegrün­det. Als euro­päi­sches Koope­ra­ti­ons­pro­jekt soll „Europe Bey­ond Access“ Kunst­schaf­fende mit Behin­de­rung mas­siv dabei unter­stüt­zen, die Glas­de­cke des zeit­ge­nös­si­schen Thea­ter- und Tanz­sek­tors zu durch­bre­chen: Es geht darum, die Kar­rie­ren der­je­ni­gen, die als behin­derte Kunst­schaf­fende immer noch mas­siv mar­gi­na­li­siert wer­den, zu för­dern, ihren Pro­jek­ten pro­fes­sio­nel­lere Rah­men- und Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen zu bie­ten und sie durch akti­ves Tou­ring inter­na­tio­nal bekann­ter zu machen.

Mit den sie­ben Part­ner­in­sti­tu­tio­nen soll ein Netz­werk füh­ren­der Orga­ni­sa­tio­nen geschaf­fen wer­den, die sich ver­pflich­ten, Arbei­ten von Kunst­schaf­fen­den mit Behin­de­rung zu beauf­tra­gen, zu pro­du­zie­ren und in ihren Haupt­pro­gram­men zu prä­sen­tie­ren. Dar­über und über ent­spre­chende Ver­mitt­lungs­ar­beit sol­len die Werke von Kunst­schaf­fen­den mit Behin­de­rung von dem ihnen zu Unrecht anhaf­ten­den Image des „Lai­en­haf­ten“ und ihrer Degra­die­rung als „Sozi­al­pro­jekte“ befreit wer­den; euro­päi­sche Zuschau­en­den­schaf­ten und Pro­fes­sio­nals sol­len stär­ker für die hoch­qua­li­ta­ti­ven und inno­va­ti­ven Arbei­ten jener Kunst­schaf­fen­den inter­es­siert werden.

Die Bühne allein ist nicht genug

Den Fokus auf Arbei­ten von und mit Kunst­schaf­fen­den mit Behin­de­run­gen zu legen, bedeu­tet in der Pra­xis vor allem drei­er­lei: Die Nor­ma­li­sie­rung von Dar­stel­len­den mit und ohne Behin­de­rung auf der Bühne soll durch die Prä­sen­ta­tion einer grö­ße­ren Anzahl von Stü­cken mit inklu­si­vem Cast erreicht wer­den, vor allem und gerade auch für ein nicht behin­der­tes Publi­kum. Außer­dem müs­sen die Bar­rie­ren für ein Publi­kum mit Behin­de­rung her­ab­ge­setzt werden.

Was ein­fach klingt, ist in der Umset­zung aller­dings äußerst kom­plex, denn die Bar­rie­re­frei­heit muss sich auf alle Aspekte des Betriebs von der Web­seite bis zu den räum­li­chen Zugän­gen bezie­hen und die Viel­fäl­tig­keit der Com­mu­nities mit Behin­de­rung wider­spie­geln. Zudem wer­den Ver­an­stal­tun­gen mit­hilfe von kon­kre­ten Werk­zeu­gen, wie Early Bord­ing, rela­xed per­for­man­ces, Audi­o­de­skrip­tio­nen, Ange­bote in Leich­ter Spra­che oder Schrift­über­set­zung und Gebär­den­spra­chen-Über­set­zung auch inhalt­lich zugäng­lich gemacht. Um all dies und vie­les mehr zu rea­li­sie­ren, müs­sen die Struk­tu­ren im gesam­ten Betrieb ver­än­dert werden.

Es benö­tigt Fort­bil­dun­gen, Awa­reness Teams, Exper­tin­nen und Exper­ten des All­tags mit Behin­de­rung. Mit ande­ren Wor­ten: Bar­rie­re­frei­heit endet kei­nes­falls auf der Bühne, son­dern ver­än­dert unsere Häu­ser maß­geb­lich, bei­spiels­weise in Pro­duk­ti­ons­ab­läu­fen oder Zeit­kal­ku­la­tio­nen. Diese Arbeit, die durch EBA in einem Netz­werk sehr unter­schied­li­cher Insti­tu­tio­nen vor­an­ge­trie­ben wird, ist ein Pilot­pro­jekt. Es ist der Beginn eines umfas­sen­den und drin­gend not­wen­di­gen Umbaus der Thea­ter­land­schaft, der gerade in Deutsch­land erst am Anfang steht.

Um Inklu­sion für alle zu errei­chen, also eine Gesell­schaft, in der alle Men­schen so sein kön­nen und akzep­tiert wer­den, wie sie sind, in der ihre unter­schied­li­chen Bedürf­nisse selbst­ver­ständ­lich berück­sich­tigt und eine Viel­zahl von Per­spek­ti­ven und Erfah­run­gen als Berei­che­rung ver­stan­den wer­den, in der öffent­li­che Orte nicht mehr nur für einen klei­nen homo­ge­nen Teil gemacht sind, brauchen
wir eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Trans­for­ma­tion. Thea­ter kön­nen und soll­ten dabei eine Vor­rei­ter­rolle übernehmen.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 09/2021.

Von |2021-09-02T17:01:20+02:00September 2nd, 2021|lnklusion|Kommentare deaktiviert für

Das Thea­ter der Zukunft

Inklu­sive Orte gesell­schaft­li­cher Trans­for­ma­tion schaffen

Amelie Deuflhard ist Künstlerische Leiterin und Intendantin von Kampnagel.