Ver­schwö­rung, Zer­stö­rung, Ver­stö­rung?

Ein neues Rezo-Video und die Reak­tion eta­blier­ter Medien

Vor gut einem Jahr ver­öf­fent­lichte der You­Tuber Rezo ein ein­stün­di­ges Video mit dem Titel „Die Zer­stö­rung der CDU“. Die­ses Video mar­kierte den Ein­tritt von Online-Ver­öf­fent­li­chun­gen in den Kreis ernst zu neh­men­der Medien im poli­ti­schen Dis­kurs.

Zum einen wegen sei­ner Mach­art – die mit beken­nen­der Sub­jek­ti­vi­tät vor­ge­tra­ge­nen Kri­tik­punkte wur­den ergänzt um einen Fun­dus von Quel­len­an­ga­ben – zum zwei­ten wegen sei­ner Rezep­tion: Mehr als 17 Mil­lio­nen Men­schen haben sich die­ses Video ange­schaut. Eine Reich­weite, die keine Kate­go­ri­sie­rung als „Inter­net-Blase“ mehr erlaubte. Das Netz hatte sich quan­ti­ta­tiv als Mas­sen­me­dium neuen Typs eta­bliert.

Die Uni­ons­par­teien als Haupt­adres­sat der Kri­tik zeig­ten sich über Wochen unfä­hig zur adäqua­ten Reak­tion. Ein „Gegen­vi­deo“ der dama­li­gen CDU-Nach­wuchs­hoff­nung Phil­ipp Amt­hor wurde zwar pro­du­ziert – ver­blieb dann aber doch im par­tei­ei­ge­nen Gift­schrank. Kol­por­tiert wurde allein der um Locker­heit bemühte Anfangs­satz Amt­hors: „Hey Rezo, du alter Zer­stö­rer…“

Die Fra­gen damals waren:

  • Würde sich ein sol­cher „Scoop“ wie­der­ho­len las­sen?
  • Wer würde dann im Zen­trum der Kri­tik ste­hen?
  • Wie würde dies­mal die Reak­tion aus­se­hen?

Die Fra­gen las­sen sich jetzt beant­wor­ten. Am 31. Mai 2020 erschien „Die Zer­stö­rung der Presse“. In Titel und Mach­art bewusst an „Die Zer­stö­rung der CDU“ anknüp­fend. Wie­derum eine Stunde Dauer, wie­derum in sub­jek­ti­ver Emphase vor­ge­tra­gen, wie­derum eine ellen­lange Quel­len­liste.

Die Klick­zah­len rei­chen bei Wei­tem nicht an die des Vor­jah­res heran. Drei Mil­lio­nen sind ziem­lich gut für ein You­Tube-Video. Im Ver­gleich zu 17 Mil­lio­nen aber wenig. Was gewiss auch daran liegt, dass dies­mal nicht die klas­si­schen Medien durch aus­führ­li­che Bericht­erstat­tung für zusätz­li­che Auf­merk­sam­keit sorg­ten.

Aber inhalt­lich, dies als vor­weg­ge­nom­mene Wer­tung, ist das neue Video – auch wegen der Reak­tio­nen – viel­schich­ti­ger, gehalt­vol­ler und damit wich­ti­ger als sein Vor­gän­ger.

Rezo bringt ein in der Corona-Krise offen­bar wer­den­des Phä­no­men in Ver­bin­dung mit Kri­tik an tra­di­tio­nel­len Medien.

Seine These: „Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche“ Behaup­tun­gen über ver­meint­li­che Draht­zie­her und deren Ziele wür­den auch des­halb ver­fan­gen, weil die Glaub­wür­dig­keit tra­di­tio­nel­ler Medien beschä­digt sei – und von die­sen selbst beschä­digt werde.

„Die Zer­stö­rung der Presse“, dies erklärt Rezo in der ers­ten Minute, bedeute in die­sem Zusam­men­hang eine Selbst­zer­stö­rung eta­blier­ter Medien – der er auf­klä­re­risch ent­ge­gen­wir­ken wolle.

Im ers­ten Schritt der kri­ti­schen Annä­he­rung nennt er zahl­rei­che Bei­spiele für die Arbeits­weise der soge­nann­ten „Regen­bo­gen­presse“. Geschich­ten aus der Welt der Rei­chen und angeb­lich Schö­nen – oft genug reine Erfin­dun­gen. Inter­views mit Stars und Pro­mi­nen­ten, die nie geführt wur­den. Bil­der, die per Pho­to­shop wahr­heits­wid­rig kon­stru­iert
wer­den. Diese Fan­ta­sie­pro­dukte errei­chen Woche für Woche neun Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land. Ihr Wahr­heits­ge­halt nahe null ist bekannt – das schä­digt, so die These, die Glaub­wür­dig­keit von Pres­se­be­richt­erstat­tung gene­rell.

In einem wei­te­ren Schritt bringt Rezo Bei­spiele für die Arbeits­weise von „Bou­le­vard­me­dien“ – allen voran BILD, deren Machern er Skru­pel­lo­sig­keit und Dop­pel­mo­ral vor­wirft: Etwa, wenn über pri­vate Lebens­ver­hält­nisse von Pro­mi­nen­ten berich­tet wird, der Chef­re­dak­teur aber die Dis­kus­sion sei­nes Gehalts als Risi­ko­fak­tor für die eigene Fami­lie ansieht. Auch sol­che unglei­chen Maß­stäbe wür­den die Glaub­wür­dig­keit eta­blier­ter Medien schwä­chen.

Im Auf­merk­sam­keits­zen­trum aller­dings steht die Kri­tik an Zei­tun­gen, die zu den Bas­tio­nen des seriö­sen deut­schen Jour­na­lis­mus gerech­net wer­den. Allen voran die FAZ. Rezos Arbeits­an­satz: Er habe die Bericht­erstat­tung über ihn selbst unter­sucht im Hin­blick auf sach­li­che fal­sche Anga­ben. Ergeb­nis: 67 Pro­zent der FAZ-Arti­kel ent­hiel­ten nach­weis­bar fal­sche Anga­ben. Ein ver­hee­ren­der Befund – mit ent­spre­chend hef­ti­ger Reak­tion.

Anders als die sprach­lose CDU vor einem Jahr ant­wor­tete die FAZ mit den Mit­teln des You­Tubers: ein halb­stün­di­ges Video, in dem ein Redak­teur Rezos empi­ri­sche Methode sowie seine Aus­sa­gen sehr detail­liert unter die Lupe nahm und zu dekon­stru­ie­ren ver­suchte. Im Resul­tat stellt die FAZ fest: Rezo betreibe selbst das, was er ande­ren Medien vor­werfe: Mani­pu­la­tion durch fal­sche bzw. aus dem Zusam­men­hang geris­sene Zitate. Leug­nung von Aus­sa­gen, die aber durch Ton­auf­nah­men doku­men­tiert seien. Der Titel eines par­al­lel zum Video ent­stan­de­nen Tex­tes lau­tet: „Die Ver­höh­nung der Presse“.

Die FAZ-Recher­che – wie auch die der eben­falls von Rezo kri­ti­sier­ten Ber­li­ner Zei­tung – belegt ziem­lich ein­deu­tig hand­werk­li­che Feh­ler und sach­lich fal­sche Behaup­tun­gen des You­Tubers; jeden­falls, wenn man die Kri­te­rien der FAZ akzep­tiert, die im Zwei­fels­fall gern fest­stellt, es han­dele sich nicht um Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen ihrer Autoren, son­dern um – erlaubte – sub­jek­tive Wer­tun­gen.

Den­noch geht Rezo nicht als „Ver­lie­rer vom Platz“, son­dern eigent­lich recht erfolg­reich. Jeden­falls, wenn man die Dis­kus­sion um Ver­trau­ens­ver­lust und Glaub­wür­dig­keit der eta­blier­ten Medien für wich­tig hält.

Wenn Zen­tral­in­sti­tu­tio­nen der deut­schen Presse nicht umhin kön­nen, sich detail­liert mit der Kri­tik eines ein­zel­nen You­Tubers aus­ein­an­der­zu­set­zen und dar­auf ein­zu­ge­hen, ist allein das ein wich­ti­ger Moment media­ler Selbst­re­fle­xion.

Dass die kri­ti­sier­ten Medien letzt­lich auch selbst Feh­ler in ihrer Rezo-Bericht­erstat­tung zuge­ben, ebenso. Dass sie, bei aller „Gegen­of­fen­sive“, bestä­ti­gen, grund­sätz­li­che Kri­tik­punkte seien berech­tigt, ist ein Drit­tes.

Für den Medi­enso­zio­lo­gen Bern­hard Pörk­sen leben wir – unter den Bedin­gun­gen all­ge­gen­wär­ti­ger Online-Kom­mu­ni­ka­tion – in einer „Redak­ti­ons­ge­sell­schaft“. Nicht mehr Zei­tun­gen und andere klas­si­sche Medien domi­nie­ren das Infor­ma­ti­ons­ge­sche­hen. Viel­mehr könne jede(r) selbst zum media­len Akteur wer­den. „Wir müs­sen alle Jour­na­lis­ten sein“, defi­niert Pörk­sen, was heute unter „Medi­en­kom­pe­tenz“ zu ver­ste­hen wäre.

Rezos neues Videos ist ein anspruchs­vol­les Bei­spiel, wie das funk­tio­nie­ren kann. Dar­über hin­aus lie­fert seine Kri­tik, wie die dadurch pro­vo­zierte Reak­tion gro­ßer Zei­tun­gen, erst­klas­si­ges Mate­rial für detail­lierte Ver­glei­che und Refle­xion jour­na­lis­ti­scher Stan­dards.

Der Spie­gel kon­sta­tierte, dass „Zer­stö­rungs­vi­deo“ sei in Wahr­heit eine „Lie­bes­er­klä­rung“ an den seriö­sen, auf­klä­re­ri­schen Jour­na­lis­mus. Bei die­ser Bewer­tung mag Erleich­te­rung mit­spie­len, dass das Ham­bur­ger Maga­zin in der Kri­tik ziem­lich gut weg­kam. Im Grunde aber stimmt sie.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 07-08/2020.

Von |2020-07-31T10:53:03+02:00Juli 6th, 2020|Medien|Kommentare deaktiviert für

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Ein neues Rezo-Video und die Reak­tion eta­blier­ter Medien

Hans Jessen
Hans Jessen ist freier Journalist und ehemaliger ARD-Hauptstadtkorrespondent.