„Kin­der sagen die Wahr­heit“

Earth Speakr von Ólafur Elí­as­son

Der islän­disch-dänisch-deut­sche Künst­ler Ólafur Elí­as­son gibt Kin­dern mit sei­nem neu­es­ten Kunst­werk „Earth Speakr“ das Wort zur Zukunft des Pla­ne­ten. Lud­wig Gre­ven sprach mit ihm über Kunst, Kli­ma­wan­del und Poli­tik.

Lud­wig Gre­ven: Sie wol­len Kin­dern und Jugend­li­chen in ganz Europa die Gele­gen­heit geben, wäh­rend der deut­schen EU-Rats­prä­si­dent­schaft ihre Wün­sche, Hoff­nun­gen, Ängste und Ideen zur Zukunft der Erde künst­le­risch aus­zu­drü­cken. Wie sind Sie auf diese Idee gekom­men?

Ólafur Elí­as­son: Durch Greta Thun­berg und „Fri­days for Future“ bin ich dar­auf gekom­men, dass Kin­der und Jugend­li­che sehr gut Bescheid wis­sen über wich­tige The­men und Ent­wick­lun­gen, auch wenn sie nicht beim Abend­brot mit ihren Eltern dar­über dis­ku­tie­ren. Aber sie wer­den nur sehr sel­ten wahr­ge­nom­men, gehört und gese­hen. Die jedoch, die die Zukunft gestal­ten und die Macht haben, die Poli­ti­ker, sind oft so alt, dass sie nur noch so lange zu leben haben, wie die Kin­der schon alt sind. So ist all­mäh­lich die Idee ent­stan­den, Kin­dern eine Stimme zu geben, obwohl oder gerade weil sie nicht unbe­dingt in das ratio­nale Ras­ter der Ent­schei­dungs­ma­schine unse­rer Welt pas­sen.

Schließ­lich geht es um ihre Zukunft.

Genau. Mein zwei­ter Gedanke ist: Kin­der lügen nicht. Viel­leicht sagen sie etwas, was nicht stimmt. Aber sie tun es nicht absicht­lich. Und man sollte nicht auf die Fak­ten schauen, son­dern auf den Grund, warum sie etwas sagen. Dem sollte man zuhö­ren.

Es geht also um ihre sub­jek­tive Wahr­heit?

Dass die Kin­der von „Fri­days for Future“ auf die Straße gehen, dass sie die Sor­gen einer gan­zen Genera­tion aus­drü­cken, ist eine Rea­li­tät – unab­hän­gig davon, ob die Pro­gno­sen zum Kli­ma­wan­del in jedem Detail zutref­fen. Kin­der reden aus der Sicht von Erwach­se­nen oft irra­tio­nal. Aber was sie sagen, ist ja nicht ohne Grund. So ist all­mäh­lich, durch Gesprä­che mit Kin­dern und Leh­rern, die Idee gewach­sen. Wir haben auch mit Päd­ago­gen an Uni­ver­si­tä­ten, Kin­der­recht­lern und Kin­der­psy­cho­lo­gen gespro­chen. Das war ein span­nen­der Pro­zess. Das große Team in mei­nem Stu­dio hat dann daran gear­bei­tet, wie kön­nen wir eine Platt­form schaf­fen, auf der die Kin­der­ex­per­ten sich äußern kön­nen und das Gefühl haben, dass sie gese­hen wer­den und ihnen zuge­hört wird.

Wie wird das kon­kret aus­se­hen?

Die Kin­der und Jugend­li­chen kön­nen sich auf der Web­seite eine App her­un­ter­la­den und haben künst­le­ri­sche und spie­le­ri­sche Mög­lich­kei­ten, sich aus­zu­drü­cken, mit Aug­men­ted Rea­lity …

… also künst­lich, künst­le­risch ange­rei­cher­ten rea­len Auf­nah­men.

Ja, mit Bäu­men, Pflan­zen oder irgend­wel­chen Gegen­stän­den. Die App ist wie ein Werk­zeug- oder Mal­kas­ten. Die krea­tive Leis­tung kommt von den Kin­dern. Die­ses Gerät nimmt auch den Gesichts­aus­druck der Kin­der auf, ohne die Gesich­ter zu zei­gen. Das darf man ja auch gar nicht. Gezeigt wird sozu­sa­gen die Über­tra­gung ihrer Emo­tio­nen auf einen Baum, eine Banane oder einen Hin­ter­grund, den sie zei­gen. So ent­steht ein öffent­li­ches gemein­sa­mes Kunst­werk. Wobei die Rechte, anders als bei Insta­gram, bei den Kin­dern blei­ben. Wir machen ja nichts Kom­mer­zi­el­les.

Wird es eher ein rie­si­ges Mani­fest wer­den oder wirk­lich ein gigan­ti­sches Kunst­werk?

Man könnte sagen, es ist eine Kin­der-Agora, ein euro­pa­wei­ter Markt­platz. Wenn die Kin­der ihre Bot­schaf­ten gesen­det haben, kann sie jeder, auch Erwach­sene, auf einer Land­karte fin­den und dar­auf drü­cken. Viel­leicht redet dann ein Stein oder Was­ser. Man kann das tei­len und wei­ter­schi­cken. Das soll ein gro­ßes Netz­werk wer­den. Die Inhalte sind die kur­zen Filme der Kin­der, ihre Laut­spre­cher. Die kann man dann auch ver­tei­len, z. B. vor das däni­sche Par­la­ment, damit die Abge­ord­ne­ten dort hören, was die Kin­der zu sagen haben. An sol­chen Orten, wie auch im EU-Rats­ge­bäude in Brüs­sel und im Euro­päi­schen Par­la­ment, wird es reale Prä­sen­ta­tio­nen geben.

Was daran ist Kunst?

Lass uns ein­fach abwar­ten, was dar­aus wird. Oft ist es auch bei mir selbst so, dass ich bei Kunst­wer­ken nicht genau weiß, ist das jetzt Kunst oder nicht. Das Beson­dere an unse­rem Pro­jekt ist, dass es wie ein gewal­ti­ger Laut­spre­cher ist oder ein Mikro­skop mit einer hohen Auf­lö­sung. Dadurch hört und sieht man etwas, was man sonst nicht hört und sieht, näm­lich die Stim­men von Kin­dern, die sich künst­le­risch, spie­le­risch oder poli­tisch aus­drü­cken. Ich gehe davon aus, dass sie etwas zu sagen haben, in wel­cher Form auch immer. Sie kön­nen auch etwas machen, über Fuß­ball oder ihre Lieb­lings­band. Es muss sich ja nicht alles um das Klima dre­hen. Meine Idee ist, einer mar­gi­na­li­sier­ten Gruppe, der jun­gen Genera­tion, eine sub­ver­sive Kraft zu geben. Und wir, die Erwach­se­nen, müs­sen ihnen zuhö­ren und sie ernst neh­men. Das hat etwas Par­la­men­ta­ri­sches.

Aber wer­den ihnen die Poli­ti­ker, die Mäch­ti­gen zuhö­ren?

Ich glaube: Ja. Auch die Poli­ti­ker begrei­fen zuneh­mend, dass die Kin­der mit­re­den wol­len und dass sie in 20 oder 30 Jah­ren bereuen wer­den, wenn sie ihnen nicht zuge­hört haben. Kin­der haben meis­tens recht. Sie sagen die Wahr­heit. Sie ver­tre­ten keine Akti­en­ge­sell­schaf­ten oder poli­ti­sche Lobby. Sie ver­tre­ten sich selbst.

Kin­der haben keine starke Lobby. Auch in der Kunst spie­len sie keine große Rolle. Sie sind Gegen­stand künst­le­ri­scher Dar­stel­lun­gen, aber wer­den nicht als Künst­ler wahr­ge­nom­men.

Jedes Kind kann sich krea­tiv aus­drü­cken. Zei­gen, wie es die Welt sieht, wie es sie sich wünscht. Aber das wird lei­der oft nicht wahr­ge­nom­men von denen, die die Ent­schei­dun­gen tref­fen. Wir wis­sen, dass ein erfolg­rei­cher Bil­dungs­pro­zess nicht darin besteht, dass Kin­der in der Schule zuhö­ren und das mit nach Hause neh­men. Son­dern dass sie den Lern­pro­zess mit­ge­stal­ten, dass sie sich ein­brin­gen kön­nen und ihnen zuge­hört wird.

Also eine Umkehr des Ver­hält­nis­ses zwi­schen Kin­dern und Erwach­se­nen?

Die Kind­heit wird heute betrach­tet als Vor­be­rei­tung auf das Erwach­sen­sein. Die Kin­der wer­den von ihren Eltern und den Leh­rern vor der Welt geschützt – in der Annahme, dass sie nicht viel über die Welt zu sagen haben. Genau das will ich hin­ter­fra­gen. Kin­der sind keine Spe­zia­lis­ten. Aber um die Zukunft zu gestal­ten, müs­sen wir sie ein­be­zie­hen. Da spie­len sie eine zen­trale Rolle. Denn sie wer­den in der Zukunft leben. Unser Kunst­pro­jekt ist dabei nur die Methode. Denn wenn es Kunst ist, unter­stellt nie­mand, dass es poli­ti­sche Agi­ta­tion ist.

Durch die glo­bale Corona-Krise ist der Kli­ma­wan­del in den Hin­ter­grund gerückt. Glau­ben Sie, dass es auch durch Ihr Pro­jekt wie­der die Auf­merk­sam­keit bekommt, die es braucht?

Wir leben in einer sehr beschleu­nig­ten Zeit. Im ver­gan­ge­nen Jahr drehte sich alles um den Bre­xit und die Kli­ma­pro­teste. Dann kam die Pan­de­mie, nun auch noch die neue Bür­ger­rechts­be­we­gung in den USA. Es ist, also ob wir zehn Jahre in sechs Mona­ten durch­lau­fen. Aber wir soll­ten das nicht alles in getrennte Silos packen, Corona, die Kli­ma­frage, Ras­sis­mus: Das ist alles eine Wirk­lich­keit. Auch wenn die Pan­de­mie und die dadurch aus­ge­löste Krise für viele sehr trau­ma­tisch war, ist dadurch die Sen­si­bi­li­tät gewach­sen, ein Ver­ständ­nis für Loka­les, für das Öko­sys­tem, Ver­ant­wor­tung für die Gesell­schaft. Unser All­tag hat sich ver­än­dert. Plötz­lich arbei­ten viele zu Hause und müs­sen nicht mehr hin- und her­fah­ren zwi­schen ihrer Woh­nung und der Arbeit, und die Leute mer­ken, dass wir gar nicht so viel flie­gen müs­sen. Für die Flug­ge­sell­schaf­ten und die Flug­zeug­her­stel­ler ist das schlecht. Aber so ist es jetzt.

Ihr Kunst­pro­jekt ist ja gera­dezu sinn­bild­lich für die­sen Wan­del: Wir blei­ben in Europa und glo­bal ver­bun­den, aber jedes Kind macht sein Kunst­werk in sei­nem Dorf, sei­ner Stadt, bei sich.

Ja, das kann sehr span­nend wer­den. Es geht nicht darum, die Glo­ba­li­sie­rung zurück­zu­dre­hen, son­dern unsere Welt anders zu gestal­ten und zu ver­net­zen. Da haben die Kin­der eine Vor­rei­ter­rolle.

Muss Kunst heute gene­rell poli­ti­scher wer­den?

Auch wenn ein Künst­ler in sei­nem Ate­lier ein Bild malt, macht er das ja nicht nur für sich. Das ist eher eine Frage der Form­spra­che, ob man malt, eine Skulp­tur oder eine Video­in­stal­la­tion schafft, ob man ein Buch schreibt oder dich­tet. Was sagt der Künst­ler damit? Dar­auf kommt es an. Kunst hat eigent­lich immer, es sei denn, sie ist rein kom­mer­zi­ell, mit der Wirk­lich­keit zu tun. Des­halb soll­ten wir von den inter­nen Kämp­fen in der Kul­tur­szene zurück­tre­ten, wer die beste Form­spra­che hat. Dar­über wird viel zu viel gestrit­ten, male ich oder tanze ich oder mache ich Filme. Dadurch wird der Zusam­men­halt unter den Künst­lern geschwächt. Kul­tur ist der Herz­schritt­ma­cher der Gesell­schaft. Ange­sichts des Popu­lis­mus, der um sich greift, müs­sen wir eine post­ideo­lo­gi­sche Ver­trau­ens­ba­sis schaf­fen. Wir müs­sen gemein­sam die Welt gestal­ten und eine Uto­pie ent­wi­ckeln. Des­halb bin ich für Mul­ti­la­te­ra­lis­mus und enga­giere mich für die EU.

Sie sind selbst sehr mul­ti­la­te­ral. Sie sind Islän­der und Däne, arbei­ten und leben in Ber­lin.

Ich habe seit eini­gen Jah­ren auch einen deut­schen Pass. Ich bin ein Euro­päer.

Ihr Pro­jekt ist vir­tu­ell und digi­tal. Ist das auch eine Ant­wort auf die Frage nach dem öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck von Kunst und Kul­tur, wenn z. B. Kunst­werke, Orches­ter oder Bands durch die ganze Welt rei­sen und flie­gen?

Das Avant­gar­dis­ti­sche an der Kul­tur ist, dass sie auch immer eine ethi­sche Aus­sage macht. Sie hat immer ein Selbst­bild von den Wer­ten, die sie ver­tritt. Die Dif­fe­renz zwi­schen Anspruch und Wirk­lich­keit ist in der Kunst aller­dings oft viel höher als in ande­ren gesell­schaft­li­chen Berei­chen. Denn die Wirt­schaft z. B. bean­sprucht gar nicht, dass sie für mora­li­sche Werte steht. Die Kul­tur beschäf­tigt sich sehr damit. Des­halb muss sie sich auch mit ihrem CO2-Abdruck befas­sen. Ein digi­ta­les Pro­jekt wie unse­res kann dar­auf eine Teil­ant­wort sein. Aber viel wich­ti­ger ist, dass wir das, was wir for­dern, auch sel­ber tun, also umwelt-, klima- und zukunfts­ge­recht leben.

Kunst hat immer auch einen Wert für sich, sie ist nor­ma­ler­weise nicht in ers­ter Linie Aus­druck eines bestimm­ten Ziels oder Zwecks. Wie ist das bei „Earth Speakr“?

Kunst hat, wenn sie nicht funk­tio­na­li­siert wird, eine kla­rere Aus­sage. Aber die­ser Satz darf nicht zum Dogma wer­den. Das wider­sprä­che dem künst­le­ri­schen Poten­zial, der Dyna­mik der Kul­tur für die Gesell­schaft. Wenn man zurück­schaut, hat sich Kunst immer mit der Rea­li­tät aus­ein­an­der­ge­setzt. Avant­garde zu sein heißt nicht, dass sich Kunst für eine bestimmte Ideo­lo­gie instru­men­ta­li­sie­ren las­sen sollte. Aber in den Mei­nungs­streit in einer Gesell­schaft, zwi­schen den ver­schie­de­nen Inter­es­sen­grup­pen, kann und muss sie sich ein­mi­schen.

Wenn die Kin­der ein­fach nur eine schöne Land­schaft zei­gen, eine Pflanze, einen See, einen Wald oder auch Umwelt­ver­schmut­zung, würde Ihnen das als Aus­sage rei­chen?

Das ist die Rea­li­tät, wie sie sie sehen, und des­halb hat es eine Bedeu­tung. Ich war in einer Schul­klasse und habe mit den Schü­lern über das Leben einer Pflanze gespro­chen und woran etwas Künst­le­ri­sches an ihr zu spü­ren ist. Die meis­ten sag­ten, wenn eine Blume blüht, dann ist es ein Kunst­werk. Aber einige sag­ten, es ist die Wur­zel, andere die Erde, in der sie wächst, oder das Was­ser. Es kommt immer auf die Sicht­weise an. Wir müs­sen uns da nicht fest­le­gen. Ich habe gro­ßes Ver­trauen in Künst­ler, gerade in die Kin­der, viel mehr als in andere Men­schen.

Aber was hat das mit der Gesell­schaft zu tun?

Neh­men Sie Gerech­tig­keit. Gerech­tig­keit ist gesell­schaft­li­che Liebe, Huma­ni­tät. Kul­tur sollte die Ver­bin­dung schaf­fen von Liebe und Gerech­tig­keit. Ger­hard Rich­ter hat gesagt: Kunst ist die höchste Form der Hoff­nung. Sie sollte zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen und gesell­schaft­li­che Gerech­tig­keit über­brü­cken. Kunst hat da etwas anzu­bie­ten, wenn wir Künst­ler es rich­tig ange­hen.

Vie­len Dank.

Die­ses Inter­view ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 07-08/2020.

Von |2020-07-31T11:11:31+02:00Juli 6th, 2020|Medien, Meinungsfreiheit, Meinungsfreiheit|Kommentare deaktiviert für

„Kin­der sagen die Wahr­heit“

Earth Speakr von Ólafur Elí­as­son

Ólafur Elíasson & Ludwig Greven
Ólafur Elíasson arbeitet mit Skulpturen, Gemälden, Fotografie, Film, Installationen und digitalen Medien. Ludwig Greven ist freier Publizist.