Eine Ver­gan­gen­heit, die nach wie vor da ist

Vit­ji­tua Ndjiha­rine über ihre künst­le­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem deut­schem Kolo­nia­lis­mus

Resti­tu­tion geraub­ter Kunst, For­de­run­gen nach Umbe­nen­nung belas­te­ter Stra­ßen­na­men, Umgang mit den Ver­bre­chen an den Herero und Nama: Wohl noch nie in der Bun­des­re­pu­blik wur­den die Kolo­ni­al­ge­schichte des Deut­schen Kai­ser­rei­ches und ihre Aus­wir­kun­gen so inten­siv dis­ku­tiert wie seit eini­gen Jah­ren. Gut hun­dert Jahre nach der Unter­zeich­nung des Ver­sail­ler Ver­tra­ges am 28. Juni 1919, der den Ver­lust der deut­schen Besit­zun­gen in Über­see end­gül­tig fest­legte, befas­sen sich hier­zu­lande Akteure aus Staat und Wis­sen­schaft, Kunst und Medien und ins­be­son­dere von Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen mit den oben genann­ten The­men. Vit­ji­tua Ndjiha­rine, in den USA als Toch­ter nami­bi­scher Eltern gebo­ren und in Nami­bia auf­ge­wach­sen, setzt sich in ihrer Kunst mit der auch in ihrer Hei­mat lange Zeit nicht behan­del­ten deut­schen Kolo­ni­al­herr­schaft aus­ein­an­der. Den 1904 bis 1908 in „Deutsch-Süd­west­afrika“ geführ­ten Krieg über­leb­ten His­to­ri­kern zufolge nur etwa 15.000 der ursprüng­lich 60.000 bis 80.000 Herero und etwa die Hälfte der 20.000 Nama, nach­dem sie gegen ihre Ver­trei­bung und Unter­drü­ckung auf­ge­stan­den waren und unter ande­rem Mili­tär­sta­tio­nen, Bahn­li­nien und Han­dels­nie­der­las­sun­gen ange­grif­fen hat­ten. Die Bun­des­re­gie­rung sprach im April 2016 selbst von einem Völ­ker­mord. Behrang Sam­sami spricht mit Vit­ji­tua Ndjiha­rine über die Moti­va­tion ihrer künst­le­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit der deut­schen Kolo­ni­al­ver­gan­gen­heit von Nami­bia, über ihre Mit­ar­beit beim Pro­jekt „Visual History of the Colo­nial Geno­cide“ in Ham­burg und über den Umgang mit Beu­te­kunst nach der Rück­gabe an die Her­kunfts­län­der.

Behrang Sam­sami: Frau Ndjiha­rine, wie ist es dazu gekom­men, dass Sie sich mit der kolo­nia­len Ver­gan­gen­heit Nami­bias beschäf­ti­gen?
Vit­ji­tua Ndjiha­rine: Weil ich neu­gie­rig auf meine Kul­tur war. Ich bin eine Herero und wusste, dass meine Hei­mat einst unter deut­scher Herr­schaft stand. Aber weil diese mit dem Ers­ten Welt­krieg zu Ende ging und Nami­bia danach unter süd­afri­ka­ni­sche Ver­wal­tung gestellt wurde, die bis 1990 dau­erte, war der Kampf um Unab­hän­gig­keit in ers­ter Linie ein Kampf gegen Süd­afrika.

Dass auch die Deut­schen in Nami­bia prä­gend waren, sieht und spürt man noch heute über­all. Das Stra­ßen­bild ist beein­flusst von deut­scher Archi­tek­tur, Deutsch ist eine der elf Amts­spra­chen und es gibt auch eine nami­bisch-deut­sche Com­mu­nity, bestehend aus den Nach­fah­ren der eins­ti­gen Sied­ler und aus denen, die Jahr­zehnte spä­ter selbst ins Land ein­ge­wan­dert sind.

Auch wenn ich dies alles sah und kannte, wusste ich nichts über den Völ­ker­mord zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts, über die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger in Deutsch-Süd­west­afrika und das ganze Aus­maß an Gewalt. Dann las ich ein Buch, das mein Vater in sei­ner Biblio­thek hatte: „Herero Heroes. A socio-poli­ti­cal history of the Herero of Nami­bia, 1890-1923“ des nie­der­län­di­schen His­to­ri­kers Jan-Bart Gewald aus dem Jahr 1999. Es ist eines der ers­ten Bücher, das sich die­sem bis dato wenig behan­del­ten Thema gewid­met hat.

Wie war Ihr Lese­ein­druck?
Nach der Lek­türe war ich baff und habe mich gefragt, warum wir dar­über nie gespro­chen und nichts gelernt haben – weder in der Grund­schule noch in der High School. Ich wurde neu­gie­rig und schaute mir ins­be­son­dere die moder­nen Trach­ten an, die Herero-Män­ner und -Frauen tra­gen. Die Trach­ten der Frauen sind ursprüng­lich von der Mode der vik­to­ria­ni­schen Zeit inspi­riert wor­den, von den gro­ßen Klei­dern mit schma­ler Taille. Die Trach­ten der Män­ner ähneln mei­nes Erach­tens den Uni­for­men deut­scher Kolo­ni­al­sol­da­ten. Andere haben den bri­ti­schen Ein­fluss unter­stri­chen. Ich habe auch Ähn­lich­kei­ten zum schot­ti­schen Kilt beob­ach­tet.

An den Trach­ten erkennt man einen „Zusam­men­prall der Kul­tu­ren“. Die Herero haben sich die euro­päi­schen Trach­ten mit der Zeit ange­eig­net, sodass sie ein Teil der eige­nen Iden­ti­tät gewor­den und in eigene Rituale ein­ge­bun­den sind.
Ich begann, die Trach­ten als Doku­ment der Kolo­ni­al­zeit wahr­zu­neh­men, sie neben die kolo­niale und die moderne Mode zu stel­len und zu beob­ach­ten, wie afri­ka­ni­sche Mode – oder in die­sem Fall die der Herero – sich all­mäh­lich der west­li­chen Kul­tur ange­passt hat, aber zugleich auch fest­zu­stel­len, dass sie etwas spe­zi­fisch Eige­nes bewahrt hat. Das möchte ich in mei­ner Kunst, in den Col­la­gen und in der Neben­ein­an­der­stel­lung, sicht­bar machen.

Seit wann ist die deut­sche Kolo­ni­al­zeit Thema in Nami­bia?
Ich würde sagen, dass die Men­schen erst seit etwa fünf Jah­ren die deut­sche Ver­gan­gen­heit in Nami­bia zur Spra­che brin­gen. Es gibt die Erkennt­nis, dass viele Com­mu­nities nicht davon geheilt sind, was vor mehr als hun­dert Jah­ren pas­siert ist. Es han­delt sich um ein genera­tio­nen­über­grei­fen­des Trauma, das wei­ter­ge­ge­ben, aber nicht behan­delt wor­den ist. Da ist nach wie vor eine Art Zer­ris­sen­heit in die­sen Com­mu­nities. Daher rührt meine visu­elle Dar­stel­lung der Ver­gan­gen­heit – und dass sie nach wie vor sehr prä­sent ist.

2018 waren Sie als „Artist in Resi­dence“ in Ham­burg und betei­ligt an einem Pro­jekt mit dem Titel „Visual History of the Colo­nial Geno­cide“. Dabei arbei­te­ten Sie, zwei wei­tere nami­bi­sche Künst­ler und eine deut­sche His­to­ri­ke­rin an Fotos aus den Be-stän­den des Muse­ums am Rothen­baum – Kul­tu­ren und Künste der Welt (MARKK), das bis 2018 Museum für Völ­ker­kunde hieß, die von deut­schen Sol­da­ten, Wis­sen­schaft­lern und Rei­sen­den im Deutsch-Süd­west­afrika auf­ge­nom­men wor­den sind. Was waren Ihre Ein­drü­cke und Erkennt­nisse?
Die ers­ten künst­le­ri­schen Arbei­ten, die ich zur kolo­nia­len Ver­gan­gen­heit Nami­bias geschaf­fen habe, waren Ergeb­nis mei­ner Neu­gierde, mei­ner Intui­tion und der weni­gen Infor­ma­tio­nen, die ich damals hatte. In Ham­burg hatte ich erst­mals Zugang zu umfas­sen­dem Archiv­ma­te­rial und konnte neue his­to­ri­sche Erkennt­nisse gewin­nen. Ich habe gelernt, auch die alten Fotos als his­to­ri­sche Doku­mente einer Zeit zu betrach­ten, die wir nicht mehr als real anse­hen, die aber nach wie vor da ist.

Wie war Ihr Aus­tausch mit den ande­ren Pro­jekt­teil­neh­mern?
Wir hat­ten inten­sive Dis­kus­sio­nen. Es ging um die Frage, wie wir mit den Fotos umge­hen wol­len und was ethisch ver­tret­bar ist. Kön­nen wir sie etwa, über­spitzt for­mu­liert, an die Wand pro­ji­zie­ren und sagen, dass wir jetzt kri­tisch über sie spre­chen? Dass diese Fotos über­haupt exis­tie­ren, stellt für mich bereits eine Art gewalt­sa­mes Vor­ge­hen gegen die Auf­ge­nom­me­nen dar.

In unse­rem Pro­jekt ging es auch um die Rück­füh­rung kolo­nia­ler Objekte. Ist es die Auf­gabe euro­päi­scher Museen, sie zurück­zu­ge­ben? Und wenn sie zurück­ge­ge­ben wor­den sind, wie stel­len wir als Afri­ka­ner und in Afrika diese Objekte dar, ohne das glei­che gewalt­same Vor­ge­hen und ohne den glei­chen eth­no­gra­fi­schen Blick auf sie neu zu schaf­fen? Wie wird die Posi­tion afri­ka­ni­scher Museen in der Frage des Aus­stel­lens sein? Es macht kei­nen Sinn, die Objekte so aus­zu­stel­len, wie das die Euro­päer getan haben. Soll­ten bestimmte Objekte direkt an die Com­mu­nities gehen, ohne über­haupt in Museen gebracht zu wer­den?

Ging es in Ihren Debat­ten auch um expli­zit poli­ti­sche Fra­gen?
Ja, es ging bei­spiels­weise um Fol­gen­des: Nami­bias Regie­rung hat Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen an die Bun­des­re­gie­rung gestellt. Zugleich gibt es Com­mu­nities im Land, die sich, wie sie selbst geäu­ßert haben, von der nami­bi­schen Regie­rung nicht in glei­chem Maße ver­tre­ten füh­len wie andere. Das heißt: Wenn das Land tat­säch­lich Geld erhal­ten sollte, wür­den eben jene Com­mu­nities nicht glei­cher­ma­ßen davon pro­fi­tie­ren, son­dern das Geld würde in die Büro­kra­tie flie­ßen und für andere Aus­ga­ben des Staa­tes ver­wen­det wer­den. Es gibt diese poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Dis­kus­sio­nen in Nami­bia – Dis­kus­sio­nen um Erbe und Denk­mä­ler.

Was hat Sie am Archiv­ma­te­rial am meis­ten inter­es­siert?
Nicht zuletzt die vor­ko­lo­niale Zeit in Nami­bia. Bevor ich nach Ham­burg ging, habe ich einen Kurs über prä­ko­lum­bi­sche Kunst- und Sozi­al­ge­schichte in der Kari­bik besucht. Für die meis­ten beginnt die Geschichte der Kari­bik mit der Ankunft von Chris­toph Kolum­bus, das heißt, mit der Epo­che des Kolo­nia­lis­mus. Wir befass­ten uns daher expli­zit mit der Frage, was in der Kari­bik gesche­hen ist, bevor Kolum­bus kam. Das kann man auf die Geschichte Nami­bias und ins­be­son­dere der Herero über­tra­gen. Sie wird, wenn man die west­li­che Per­spek­tive betrach­tet, erst ab dem Moment der Beset­zung durch die Deut­schen erzählt, nicht wirk­lich vor­her.  In den Doku­men­ten, die in Ham­burg lagern, habe ich daher nach Mate­rial Aus­schau gehal­ten, in dem Schwarze Men­schen selbst berich­ten, und bei­spiels­weise Bil­der von Höh­len­ma­le­reien ent­deckt. Sie erzäh­len, wie die Bantu Land von den San in ihren Besitz genom­men haben.

Wich­tig ist mir jedoch auch zu beto­nen, dass Doku­men­tie­rung und Archi­vie­rung nicht die ein­zi­gen Quel­len für His­to­ri­ker sind. Es gibt auch münd­li­che Geschich­ten und Über­lie­fe­run­gen. Sie sind eine Art, wie Schwarze Men­schen Ver­gan­ge­nes bewahrt haben. (Lob-)Preisungen über bestimmte Per­so­nen oder Orte wie Omitandu und Oma­san­ekero in der Tra­di­tion der Herero sind eine wei­tere Mög­lich­keit für Fami­lien, nach­zu­voll­zie­hen, wo sie her­kom­men und wer sie sind.
Mein Stand­punkt ist, dass wir neu durch­den­ken kön­nen, was Geschichte für ver­schie­dene Men­schen ist, und nicht immer anneh­men dür­fen, dass es keine Geschichte gibt, bloß weil keine geschrie­be­nen Doku­mente exis­tie­ren.

„Ovi­zire • Somgu: Von woher spre­chen wir?“ hieß eine Aus­stel­lung, die Ende 2018 bis Früh­jahr 2019 in Ham­burg mit Arbei­ten auch von Ihnen zu sehen war. Sie prä­sen­tierte laut dem MARKK „Per­for­man­ces, mul­ti­me­diale Video­in­stal­la­tio­nen, Foto­col­la­gen und his­to­ri­sche Foto­gra­fien, die sich mit der Kom­ple­xi­tät der deutsch-nami­bi­schen Ver­flech­tungs­ge­schichte beschäf­ti­gen“. Wie waren die Reak­tio­nen?
Einige Besu­cher waren sehr emo­tio­nal, weil sie bis­her nichts über die deut­sche Kolo­ni­al­ge­schichte in Nami­bia gewusst hat­ten. Wir erleb­ten viele Dis­kus­sio­nen, in denen sich die The­men der Aus­stel­lung mit ande­ren ver­ban­den. Es ging etwa um die Frage, was Land­ver­lust und -besitz gerade in Zei­ten des Kli­ma­wan­dels bedeu­ten. Diese Linie vom Kolo­nia­lis­mus zum Kli­ma­wan­del, die ent­stand, fand ich inter­es­sant. In den ande­ren Gesprä­chen ent­deck­ten wir Ver­bin­dun­gen zu bestimm­ten Bewe­gun­gen in Deutsch­land rund um The­men wie Anti­fa­schis­mus, Anti­ras­sis­mus und Migra­tion. Hier ging es auch um die stei­gende Migra­tion aus Afrika nach Europa, die mei­ner Mei­nung nach letzt­lich im west­li­chen Kolo­nia­lis­mus wur­zelt. Kurz: Alle Dis­kus­sio­nen, die aktu­ell in Europa statt­fin­den, sicker­ten durch in unsere Gesprä­che über die kolo­niale Ver­gan­gen­heit.

Vie­len Dank.

Die­ser Bei­trag ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 09/2019.

Von |2019-09-12T12:35:24+02:00September 12th, 2019|Einwanderungsgesellschaft|Kommentare deaktiviert für

Eine Ver­gan­gen­heit, die nach wie vor da ist

Vit­ji­tua Ndjiha­rine über ihre künst­le­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem deut­schem Kolo­nia­lis­mus

Vitjitua Ndjiharine & Behrang Samsami
Vitjitua Ndjiharine ist bildende Künstlerin und arbeitet multidisziplinär mit unterschiedlichen Medien. Behrang Samsami ist freier Journalist.