Fai­sal Hamdo: Fern von Aleppo. Wie ich als Syrer in Deutsch­land lebe

Kapi­tel für Kapi­tel lese ich die ganz per­sön­li­chen, zum Teil inti­men Erfah­run­gen Fai­sal Ham­dos in Deutsch­land und Syrien – und mit jeder Seite schärft sich vor mei­nen Augen das Bild die­ses jun­gen und zugleich lebens­er­fah­re­nen, die­ses tra­di­tio­nel­len und zugleich welt­of­fe­nen Syrers und zugleich Ham­bur­gers. Es ist, als sitze er mir gegen­über und erzähle von sei­nem Leben. Seine Erfah­run­gen ähneln sicher­lich vie­len ande­ren – und den­noch sollte jeder sie gele­sen haben. Denn seine Geschichte schafft allein durch Worte Begeg­nung zwi­schen Kul­tu­ren und Reli­gio­nen – und an die­ser man­gelt es vie­ler­orts schmerz­lich.

Hamdo teilt sei­nen unver­stell­ten Blick auf die deut­sche Gesell­schaft mit jeder Lese­rin und jedem Leser: Er berich­tet, wie er nach sei­ner Flucht aus Syrien zuerst in einem Ham­bur­ger Alten­heim arbei­tete. Dort nahm er an, dies sei das ein­zige in der gan­zen Stadt – denn in sei­ner Hei­mat Aleppo, einer Mil­lio­nen­stadt, gab es vor dem Krieg kaum sol­che. Man pflegte die Eltern, Groß­el­tern und andere Ange­hö­rige eben zu Hause – zwar weni­ger pro­fes­sio­nell, dafür umso selbst­ver­ständ­li­cher.

Mit sei­ner authen­tisch nai­ven Ver­wun­de­rung hält er sei­nen Lese­rin­nen und Lesern einen Spie­gel vors Gesicht – man beginnt, sich Fra­gen zu stel­len, deren Ant­wor­ten man bereits zu ken­nen schien. Aber auch seine Erin­ne­run­gen an die syri­sche Hei­mat sind nicht frei von unter­schwel­li­ger Kri­tik: Wenn er davon schreibt, wie in Syrien Regie­rungs­fä­cher gelehrt wur­den und auf die Regie­rungs­bi­bel geschwo­ren wurde, dann dankt man laut­hals für das deut­sche Schul­sys­tem und lobt die euro­päi­sche Demo­kra­tie. Deutsch­land und Syrien begeg­nen sich in Ham­dos Buch auf Augen­höhe.

„Fern von Aleppo: Wie ich als Syrer in Deutsch­land lebe“ ist kein gro­ßes lite­ra­ri­sche­res Epos – und das im aller­bes­ten Sinn: Es liest sich ein­fach und schnell, somit ist es zugäng­lich für viele. Es ist ehr­lich und unver­stellt, daher berührt es. Man möchte ein­fach nur sagen: „Danke, Fai­sal Hamdo, für diese Begeg­nung. Schön, Sie ken­nen­zu­ler­nen.“

Fai­sal Hamdo. Fern von Aleppo: Wie ich als Syrer in Deutsch­land lebe. Edi­tion Kör­ber. Ham­burg 2018

Von |2019-07-04T14:53:06+01:00Juli 4th, 2019|Rezension|Kommentare deaktiviert für Fai­sal Hamdo: Fern von Aleppo. Wie ich als Syrer in Deutsch­land lebe
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Theresa Brüheim ist Referentin für Kommunikation beim Deutschen Kulturrat und Chefin vom Dienst bei Politik & Kultur.