Migran­ten­ta­ge­buch, ers­ter Ein­trag: Hei­mat

Was ist Hei­mat?

„Was bedeu­tet Hei­mat?“ Diese Frage schien mir immer sehr ver­däch­tig. Wenn ich zurück­bli­cke, erin­nere ich mich an meine gedul­di­gen Ver­su­che, eine Ant­wort dafür zu fin­den. Nur für den Augen­blick schien mir die Ant­wort ver­nünf­tig zu sein. Zu schnell erhält sie neue Fra­ge­zei­chen, die sich ihren Vor­gän­gern anschlie­ßen.

Als ich noch ein Kind war, war die Umar­mung mei­ner Mut­ter das größte und ein­zige Zuhause, aber lei­der war es nicht immer ver­füg­bar. Als ich älter wurde, war die Stimme mei­nes Vaters und sein Lachen mein Zuhause. Diese füll­ten unser klei­nes Haus immer mit Freude und Frie­den. Lei­der ent­riss der Tod ihn mir plötz­lich. Mit dem Errei­chen des Jugend­al­ters wurde auch meine Suche nach einer Hei­mat grö­ßer. Ich fand sie, in den Momen­ten, in denen ich spürte, dass meine Freunde mich, so wie ich bin, akzep­tier­ten. Die Beglei­tung mei­ner Freunde blieb nicht lang. Das Leben ver­streute uns. Ich ent­wi­ckelte mich wei­ter sowie auch die Frage – und meine Ent­schlos­sen­heit ver­stärkte sich, eine Ant­wort zu bekom­men. Die Hei­mat war nicht mehr in mei­nem Leben anwe­send. Eines Tages beschloss ich, alles zu über­den­ken, was ich zufäl­lig von mei­ner Fami­lie erbte: mei­nen Namen; die Namen mei­ner Vor­fah­ren, die ich nicht kenne; meine Reli­gion, die mein Herz immer schmerzte; meine Hei­mat, die sich auf ein Land zu redu­zie­ren schien.

Mein Über­den­ken führte dazu, dass ich alles infrage stel­len musste. Alles erschien mir sehr ver­engt, zu ver­engt. Ich musste raus – ent­schied mich zu gehen. Ich stand lange vor der Welt­karte aus künst­lich her­ge­stell­ten Gren­zen und ver­suchte einen Rah­men für meine Hei­mat zu fin­den. Ich wollte eine Hei­mat, die meine Fra­gen und meine Ver­wir­rung akzep­tie­ren kann. Eine Hei­mat, in der ich nicht gezwun­gen bin, zwi­schen mei­nem Leben und sei­nem Leben zu ver­han­deln. Ich träumte von einer anwe­sen­den Hei­mat, in der ich leben kann, die ich nicht wegen ihrer Abwe­sen­heit für den Rest mei­nes Lebens suchen muss. Ich wählte einen Ort auf der Karte, der Frei­heit und Akzep­tanz ver­sprach. Ich trug einige mei­ner Sor­gen in mei­nem Kof­fer, meine Träume in mei­nem Her­zen, und buchte ein One-Way-Flug­ti­cket.

Ich werde die­ses Gefühl nie­mals ver­ges­sen, das mich ergrif­fen hat, als ich meine ver­las­sene Hei­mat vom Fens­ter des Flug­zeugs erblickte. Das Bild ent­fernte sich all­mäh­lich und wurde zu einem Punkt auf der gro­ßen Flä­che der Erde. Irgend­wann konnte ich ihn nicht mehr sehen, aber mein Herz tat es. Ich fühlte einen Schmerz, der das Herz in Abschieds­mo­men­ten ergreift, der für Tage oder sogar Jahre blei­ben kann und sich manch­mal von selbst erneu­ert. Ich wollte die­sem Schmerz nicht nach­ge­ben, son­dern ihn in die Hoff­nung ver­wan­deln, eine neue Hei­mat ohne Schmerz zu fin­den.

1. Sta­tion: Frank­fur­ter Flug­ha­fen mit sei­nen rie­si­gen domi­nan­ten Gebäu­den. Eine kalte Stadt, schwei­gende Gesich­ter, die nichts andeu­ten, geschlos­sene Gefühle, Laute von unbe­kann­ter Spra­che. Ich musste aus Zei­chen­spra­che und eini­gen eng­li­schen Wör­tern ver­ste­hen, dass ich inspi­ziert wer­den sollte. Ich war nicht allein, es gab einige Pas­sa­giere mit brau­ner Haut, die wie ich unter Beob­ach­tung waren. Es gab kein Ent­kom­men. Ich musste mei­nen Kör­per und mein Gepäck durch­su­chen las­sen, damit ich ihre Hei­mat betre­ten durfte.

Nun war ich hier, ein paar Schritte noch zu mei­nem Traum von Hei­mat in einem freien und straff orga­ni­sier­ten Land. Es sah für mich wie ein Gemälde aus, das mit prä­zi­sen tech­ni­schen Stan­dards gemalt wurde. Nur konnte ich keine Seele erken­nen. Meine innere Stimme warf mir vor: „Das Hier und das Dort zu ver­glei­chen, ist nicht nötig … du musst die Last der Ver­gan­gen­heit los­wer­den, um neu anfan­gen zu kön­nen. Du musst ihre Spra­che gut ler­nen, um ihnen zu bewei­sen, dass du das Leben unter ihnen ver­dienst!“

2. Sta­tion: ein sehr klei­nes Zim­mer in einer sehr gro­ßen Stadt, die weder Erin­ne­run­gen, noch bekannte Gerü­che trägt – leer wie mein Herz. Ich erin­nere mich an den Tag, an dem ich mor­gens mein Fens­ter öff­nete und meine Nach­ba­rin nackt im Gar­ten lie­gen sah. Ich sah sie erstaunt an und konnte noch nicht begrei­fen, dass das Rea­li­tät sein konnte. Ihre Stimme brach meine Über­ra­schung: „Die Sonne scheint hier sel­ten, ich ver­su­che seit mehr als 40 Jah­ren deine Haut­farbe zu bekom­men. Wahr­schein­lich kennst du ihren Wert gar nicht, weil du sie von Natur aus hast.“ Ich lächelte schüch­tern und wie­der­holte mir ihre Worte in mei­nem Kopf: „Meine Haut­farbe ist ein Geschenk mei­ner Hei­mat, ich trage es bei mir und kann und will es nicht auf­ge­ben, selbst wenn ich könnte, es war immer da!“ Lei­der, merkte ich spä­ter, konnte es gefähr­lich sein.

3. Sta­tion: anonym. Es ver­gin­gen viele Jah­ren seit der Abreise und Suche nach einer siche­ren Hei­mat. Als ich ihre Nähe spürte, ent­fernte sie sich wie­der. Ich kann meine Haut­farbe nicht ändern, um weiß wie sie zu sein, sie wol­len ihre Farbe nicht ändern, um wie ich zu sein. Mein Akzent besiegte mich immer, trotz mei­ner Sprach­fer­tig­keit. Dunkle leben­dige Gesich­ter ver­folg­ten mich sowie der Geruch von Stra­ßen und alten Häu­sern in der Erin­ne­rung – die Nost­al­gie, die mich trotz mei­ner Flucht­ver­su­che immer belas­tete.

4. Sta­tion: Ein ira­ki­scher Freund kon­fron­tiert mich mit der Aus­sage: „Meine Hei­mat sind meine Erin­ne­run­gen, die ich über­all hin mit­nehme“. Viel­leicht hat er Recht. Ich begann gerade, hier neue Erin­ne­run­gen an diese weiß­ge­tünch­ten Stra­ßen zu schaf­fen. Ich habe gerade ver­stan­den, was die har­ten Gesich­ter andeu­ten. Die Glei­chung begann zu balan­cie­ren. Wenn ich mich in Zah­len umwan­deln könnte, würde die Tei­lung fair sein, die glei­che Zeit, die ich hier ver­brachte, ent­spricht unge­fähr mei­nem Leben dort. Die Jahre ver­gin­gen und ich ver­suchte meine Erin­ne­run­gen an dort zu töten. Sie kamen aber immer wie­der hoch, erschie­nen unaus­lösch­lich. Ich ver­suchte die Spra­che, den Humor und die Lie­der aus­zu­tau­schen. Es wur­den Jahre des Kamp­fes, um fest­stel­len zu müs­sen, dass der Ver­rat an den Erin­ne­run­gen nicht gelang. Es war ein Trug­schluss zu glau­ben, dass die­ser Ver­rat der erste Stein für das Traum­haus Hei­mat sein könnte.

5. Sta­tion: auf einer Ber­li­ner Straße, die ich liebte und in der ich immer nach Ähn­lich­kei­ten aus mei­nen Erin­ne­run­gen suchte. Drei Män­ner spra­chen mich mit einem loka­len Akzent an, den ich nicht beherrschte. Ich lächelte, als ihre Augen auf mich stie­ßen, trotz mei­nes Gefühls der Gefahr. Meine Haut­farbe ver­riet ihnen ver­meint­lich etwas über mich. Plötz­lich musste ich einen star­ken kör­per­li­chen Schmerz bekämp­fen – sowie spä­ter eine tiefe Wunde in mei­nem Her­zen. Ich begeg­nete mei­nem Fremd­sein in ihren Augen. Es stand vor mir als eine neue harte Her­aus­for­de­rung für mei­nen Traum.

6. Sta­tion: Ich wollte wie­der in die Stadt zurück­keh­ren, in der meine Mut­ter lebt. Die Stadt mit dem Atem von Mil­lio­nen Men­schen, die mit den Gerü­chen von Mau­ern und Gefäng­nis­sen ver­bun­den ist. Zurück zu die­sem zufäl­lig gezeich­ne­ten Gemälde, das in einem regel­rech­ten Chaos exis­tiert, in dem eine unsicht­bare Seele sitzt. Ich würde in den geo­gra­fi­schen Ur-Ort zurück­keh­ren, den die Welt mir zuwarf. Aber heute bin ich nicht mehr die­je­nige, die vor Jah­ren hier war. Genau wie der Ort nicht mehr der­je­nige ist, der er ein­mal für mich war. Er ist nicht mehr so schön und edel wie in mei­ner Erin­ne­rung. Meine Hei­mat ver­schwand zwi­schen einem unvoll­stän­di­gen Traum und einer nicht mehr vor­han­de­nen Umar­mung.

Vor­letzte Sta­tion: Es blieb der Raum dazwi­schen. Ich konnte nicht zu mei­nem alten Ort zurück­keh­ren und es schien mir unmög­lich, zu einer aus­ge­wähl­ten Hei­mat ein­fach dazu­zu­ge­hö­ren. Es war unver­meid­lich zuzu­ge­ben. Es blieb mir von „dort“: das Lachen mei­nes abwe­sen­den Vaters, das mich in mei­nen Träu­men ab und zu besuchte; die Umar­mung mei­ner Mut­ter, die von Tag zu Tag einen grö­ße­ren Abstand bekam; die Gerü­che der alten Stra­ßen, die nicht mehr exis­tier­ten. Und eine Reihe von Abwe­sen­hei­ten zwi­schen „dort“ und „hier“: das ver­fälschte Gefühl der Zufrie­den­heit, das sich ein­stellte, wenn ich zum „Hier“ zurück­kehrte; das Lächeln von Nach­barn, das auch im Win­ter warm aus­sah; einige Stra­ßen, die mich nach Jah­ren kann­ten; die akzent­lose Spra­che mei­ner Toch­ter; ihr Lächeln, das meine Ein­sam­keit beglei­tete; meine stän­dige Angst, dass sie mich eines Tages mit der Frage kon­fron­tie­ren könnte: „Mama, was bedeu­tet Hei­mat?“

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 5/2018.

Von |2019-06-17T10:37:01+02:00Oktober 25th, 2018|Einwanderungsgesellschaft|Kommentare deaktiviert für

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Was ist Hei­mat?

Marwa Abidou
Marwa Abidou ist Theaterwissenschaftlerin mit zwei Doktorgraden im Fachbereich der Theaterwissenschaften und Performing Arts.