Migra­tion – Inte­gra­tion, eine neue alte Auf­gabe

Rede von Prof. Dr. Mar­kus Hil­gert auf der Jah­res­ta­gung der Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion am 29.05.2018

1. Kul­tu­relle Viel­falt heute und damals
Viel­leicht geht es Ihnen so wie mir: Von den 15 The­sen zu kul­tu­rel­ler Inte­gra­tion und Zusam­men­halt gefällt mir eine ganz beson­ders gut. Meine Lieb­lings­these lau­tet: „Kul­tu­relle Viel­falt ist eine Stärke.

Es gibt zwei Gründe, warum mir die­ses Bekennt­nis so sehr am Her­zen liegt. Zum einen will und kann ich mir nicht vor­stel­len, in einer Gesell­schaft zu leben, in der kul­tu­relle Viel­falt mit dem darin impli­zier­ten Respekt vor der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät der oder des Ande­ren nicht zu den Grund­wer­ten des Zusam­men­le­bens gehört. Zum ande­ren denke ich als Alter­tums­wis­sen­schaft­ler beim Begriff „kul­tu­relle Viel­falt“ unwei­ger­lich auch an mein eige­nes Fach­ge­biet, die Alt­ori­en­ta­lis­tik. Ihre Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter erfor­schen die Spra­chen und Kul­tu­ren des anti­ken Zwei­strom­lan­des, das im Wesent­li­chen mit dem Gebiet der heu­ti­gen Staa­ten Tür­kei, Syrien und Irak iden­tisch ist. Über mehr als 4.000 Jahre hin­weg waren die Gesell­schaf­ten des anti­ken Meso­po­ta­mien Orte der kul­tu­rel­len Viel­falt, des inter­kul­tu­rel­len Aus­tauschs, der Zuwan­de­rung und des Sprach­reich­tums. Es ist sicher kein Zufall, dass die Bibel die Stadt Baby­lon zum Schau­platz der gott­ge­woll­ten Sprach­ver­wir­rung macht. Schon seit dem frü­hen zwei­ten Jahr­tau­send v. Chr. war die Metro­pole ein kul­tu­rel­ler Schmelz­tie­gel mit über­re­gio­na­ler Bedeu­tung, ein begehr­tes Rei­se­ziel für Händ­ler und Diplo­ma­ten, ein Zen­trum der Wis­sen­schaft und der Künste.

Kul­tu­relle Viel­falt war zu allen Zei­ten ein cha­rak­te­ris­ti­sches Kenn­zei­chen des anti­ken Baby­lon. Dies bedeu­tet, dass auch die Gesell­schaf­ten des Alten Ori­ents um die Her­aus­for­de­run­gen wuss­ten, die kul­tu­relle Viel­falt, die dar­aus erwach­sende Auf­gabe der kul­tu­rel­len Inte­gra­tion sowie der Wett­be­werb der Nar­ra­tive und kul­tu­rel­len For­men mit sich brin­gen kön­nen. Vor die­sem Hin­ter­grund will ich ver­su­chen, mich dem Thema „Migra­tion – Inte­gra­tion“ aus dem Blick­win­kel der his­to­ri­schen Kul­tur­wis­sen­schaf­ten anzu­nä­hern. Mein Ziel ist, anhand eines kon­kre­ten Fall­bei­spiels aus dem anti­ken Baby­lon bestimmte Aspekte kul­tu­rel­ler Inte­gra­ti­ons­pro­zesse her­aus­zu­ar­bei­ten und sie als The­sen in die öffent­li­che Debatte um Metho­den und For­mate der kul­tu­rel­len Inte­gra­tion in unse­rem Land ein­zu­brin­gen. Dabei treibt mich auch die wis­sen­schafts­po­li­ti­sche Fra­ge­stel­lung an, wel­chen spe­zi­fi­schen Bei­trag his­to­ri­sche Kul­tur­wis­sen­schaf­ten zur gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­rung der kul­tu­rel­len Inte­gra­tion leis­ten kön­nen.

 

2. Kul­tu­relle Inte­gra­tion aus Sicht der his­to­ri­schen Kul­tur­wis­sen­schaf­ten
Die vier The­sen, die ich hier zur Dis­kus­sion stelle und im Fol­gen­den zu begrün­den suche sind:

  1. Kul­tu­relle Inte­gra­tion ist ein Genera­tio­nen­pro­jekt.
  2. Inner­halb einer Gesell­schaft ver­lau­fen kul­tu­relle Inte­gra­ti­ons­pro­zesse mit unter­schied­li­chen Geschwin­dig­kei­ten.
  3. Kul­tu­relle Inte­gra­tion ent­steht aus einem ergeb­nis­of­fe­nen Wett­be­werb der Nar­ra­tive und kul­tu­rel­len For­men.
  4. Bedeu­tende kul­tu­relle Leis­tun­gen einer Gesell­schaft sind in der Regel das Ergeb­nis trans­kul­tu­rel­len Aus­tauschs.

Wie komme ich zu die­sen Behaup­tun­gen? Las­sen Sie mich mit dem zuletzt genann­ten Punkt begin­nen, der Bedeu­tung des trans­kul­tu­rel­len Aus­tauschs für die kul­tu­relle Iden­ti­tät einer Gesell­schaft. Seit Wolf­gang Welsch vor mehr als einem Vier­tel­jahr­hun­dert das Kon­zept der ‚Trans­kul­tu­ra­li­tät‘ in die Kul­tur­phi­lo­so­phie ein­ge­führt hat, ist die­ses Kon­zept zu einem zen­tra­len Bestand­teil der post­struk­tu­ra­lis­ti­schen und post­ko­lo­nia­len Metho­den­de­batte in den Kul­tur- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaf­ten avan­ciert. Welschs Betrach­tung „heu­ti­ger Kul­tu­ren“ führt ihn zu fol­gen­dem prä­gnan­ten Resü­mee:

„Die heu­ti­gen Kul­tu­ren ent­spre­chen nicht mehr den alten Vor­stel­lun­gen geschlos­se­ner und ein­heit­li­cher Natio­nal­kul­tu­ren. Sie sind durch eine Viel­falt mög­li­cher Iden­ti­tä­ten gekenn­zeich­net und haben grenz­über­schrei­tende Kon­tu­ren. … Ange­sichts sol­cher Befunde ist die Ver­ab­schie­dung des tra­di­tio­nel­len Kul­tur­kon­zepts mit sei­nem unheil­vol­len Dop­pel von inne­rem Ein­heits­zwang und äuße­rer Abschot­tung auch unter nor­ma­ti­ven Gesichts­punk­ten gebo­ten. Es käme künf­tig dar­auf an, die Kul­tu­ren jen­seits des Gegen­sat­zes von Eigen­kul­tur und Fremd­kul­tur zu den­ken“ (Welsch 1995).

Die­ses Den­ken „jen­seits des Gegen­sat­zes von Eigen­kul­tur und Fremd­kul­tur“ wird für Welsch durch das Kon­zept der Trans­kul­tu­ra­li­tät ermög­licht:

„Kul­tu­ren sind intern durch eine Plu­ra­li­sie­rung mög­li­cher Iden­ti­tä­ten gekenn­zeich­net und wei­sen extern grenz­über­schrei­tende Kon­tu­ren auf. Sie haben eine neu­ar­tige Form ange­nom­men, die durch die klas­si­schen Kul­tur­gren­zen wie selbst­ver­ständ­lich hin­durch­geht. Das Kon­zept der Trans­kul­tu­ra­li­tät benennt diese ver­än­derte Ver­fas­sung der Kul­tu­ren und ver­sucht dar­aus die not­wen­di­gen kon­zep­tio­nel­len und nor­ma­ti­ven Kon­se­quen­zen zu zie­hen“ (Welsch 1995).

Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Kon­zept der Trans­kul­tu­ra­li­tät hat in den his­to­ri­schen Kul­tur­wis­sen­schaf­ten einen ent­schei­den­den Per­spek­tiv­wech­sel bewirkt. Als radi­ka­ler Gegen­ent­wurf zu einem eth­nisch und natio­nal­staat­lich gepräg­ten Kul­tur­ver­ständ­nis lenkt sie die Auf­merk­sam­keit der kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen For­schung auf die kom­ple­xen, viel­schich­ti­gen Pro­zesse des Aus­tauschs, der Aneig­nung, der indi­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Sinn­zu­schrei­bung, der Anpas­sung sowie der Ein­bet­tung in vari­ie­rende soziale Prak­ti­ken, die jedem ‚Kul­tur­zeug­nis‘ – also Arte­fak­ten und Dis­kur­sen – zugrunde lie­gen. Von ein­zel­nen Akteu­ren oder Grup­pen wahr­ge­nom­mene oder behaup­tete ‚kul­tu­relle Iden­ti­tä­ten‘ erschei­nen danach als Pro­dukte eines nie abge­schlos­se­nen, sich ste­tig ver­än­dern­den Umgangs mit und dis­kur­si­ven Aus­han­delns von Per­so­nen, Din­gen und Kon­zep­ten, die zunächst als ‚fremd‘ klas­si­fi­ziert wer­den. Eine ein­deu­tige kul­tu­relle, eth­nisch, ter­ri­to­rial oder natio­nal­staat­lich begrün­dete Zuord­nung von Akteu­ren, Din­gen und Dis­kur­sen erweist sich somit aus Sicht der his­to­ri­schen Kul­tur­wis­sen­schaf­ten weder als prak­ti­ka­bel noch als metho­disch sinn­voll.

 

3. Ein Fall­bei­spiel: Ham­mu­r­api von Baby­lon
Wel­che Kon­se­quen­zen diese Sicht­weise auf Kul­tur haben kann und warum wir gut bera­ten sind, wenn wir mit Blick auf die gesell­schaft­li­che Grund­auf­gabe der kul­tu­rel­len Inte­gra­tion von der trans­kul­tu­rel­len Ver­fasst­heit des Kul­tu­rel­len aus­ge­hen, will ich Ihnen anhand eines kon­kre­ten Bei­spiels demons­trie­ren. Es han­delt sich um eines der bekann­tes­ten Kul­tur­zeug­nisse aus dem anti­ken Zwei­strom­land. Ich spre­che vom soge­nann­ten ‚Geset­zes­ko­dex‘ des alt­ba­by­lo­ni­schen Herr­schers Ham­mu­r­api von Baby­lon, der im 18. Jh. v. Chr. regierte. Die Stele aus schwar­zem, glatt polier­tem Dio­rit, die 2,25 m hoch und umlau­fend mit Keil­schrift beschrie­ben ist, gilt weit­hin als Bei­spiel par excel­lence für die ‚baby­lo­ni­sche Kul­tur‘ die­ser Epo­che. Doch fragt man im Detail nach der phy­si­schen Beschaf­fen­heit des Objekts, den Cha­rak­te­ris­tika der Keil­in­schrift sowie nach For­mat und Sprach­stil des auf der Stele ein­ge­mei­ßel­ten Tex­tes, erweist sich eine ein­deu­tige ‚kul­tu­relle Iden­ti­fi­zie­rung‘ des Objek­tes als unmög­lich. Hinzu kommt, dass der Auf­trag­ge­ber der Inschrift, Ham­mu­r­api von Baby­lon, ein Herr­scher mit ‚Migra­ti­ons­hin­ter­grund‘ und einem ‚fremd­spra­chi­gen‘ Namen war. Doch dazu spä­ter mehr. Las­sen Sie uns zunächst in aller Kürze das Kunst­werk selbst betrach­ten, das heute im Lou­vre in Paris zu sehen ist.

Der schwarze, harte Dio­rit­stein, aus dem die Stele besteht, war ein Import aus dem fer­nen ‚Aus­land‘ in das ver­gleichs­weise stein­arme Meso­po­ta­mien, den heu­ti­gen Irak. Höchst­wahr­schein­lich ließ Ham­mu­r­api den Dio­rit aus dem anti­ken Land Magan, dem heu­ti­gen Oman, ein­füh­ren. Er knüpfte damit an eine alte Tra­di­tion an, die beson­ders gut für städ­ti­sche Zen­tren des sume­ri­schen Süd­me­so­po­ta­mien in der zwei­ten Hälfte des drit­ten Jahr­tau­sends v. Chr. nach­zu­wei­sen ist. Gudea von Lag­asch, der im 22. Jahr­hun­dert v. Chr. regiert, lässt beschrif­tete Sta­tuen sei­ner Per­son in just die­sem Stein aus­füh­ren und hebt in vie­len sei­ner Gedenk­in­schrif­ten stets den Import des kost­ba­ren Mate­ri­als aus Magan her­vor. Impli­zit demons­triert Gudea damit auch seine poli­ti­sche Kon­trolle über den Fern­han­del in der Region des ara­bisch-per­si­schen Golfs, ein wei­te­rer kul­tur- und tra­di­ti­ons­stif­ten­der Dis­kurs, an den Ham­mu­r­api durch die Wahl des Schrift­trä­ger­ma­te­ri­als anknüpft.

Auch die mit Keil­schrift beschrie­bene Stein-Stele ist keine Erfin­dung Ham­mu­r­a­pis, son­dern viel­mehr seine Inter­pre­ta­tion einer kul­tu­rel­len Form, die bereits Jahr­hun­derte vor ihm in ver­schie­de­nen Gesell­schaf­ten des Zwei­strom­lan­des im Bereich der Selbst­dar­stel­lung des Herr­schers ein­ge­setzt wird. Das am Kopf der Stele ein­ge­mei­ßelte Halb­re­lief, das Ham­mu­r­api vor dem thro­nen­den Son­nen­gott Scha­masch, dem Gott der Gerech­tig­keit, zeigt, ist schließ­lich die Adap­tion eines Bild­topos, der seit dem 22. Jahr­hun­dert v. Chr. vor Allem in der reli­giös moti­vier­ten Klein­kunst des süd­li­chen Meso­po­ta­mien ver­brei­tet war.

Noch kom­ple­xer ist der Befund, den die Ana­lyse der Keil­in­schrift lie­fert. Zunächst könnte allein die Ver­wen­dung der Keil­schrift schon als ‚trans­kul­tu­relle Meis­ter­leis­tung‘ gel­ten. Denn das Zei­chen­sys­tem erscheint zum ers­ten Mal im spä­ten vier­ten Jahr­tau­send v. Chr. in der west­li­chen Golf­re­gion zur Dar­stel­lung der lin­gu­is­tisch iso­lier­ten Erga­tiv­spra­che Sume­risch. Ham­mu­r­api indes nutzt die­ses Zei­chen­sys­tem, um einen Text in akka­di­scher Spra­che auf­zu­schrei­ben. Akka­disch ist jedoch die älteste, inschrift­lich bezeugte semi­ti­sche Spra­che und, sprach­ty­po­lo­gisch betrach­tet, vom Sume­ri­schen ebenso weit ent­fernt wie das Deut­sche von einer Bantu-Spra­che. Die von Ham­mu­r­api ver­wen­dete, an den zeit­ge­nös­si­schen akka­di­schen Sprach­ge­brach stark ange­passte Ver­sion der Keil­schrift ist in ihrem Erschei­nungs­bild jedoch alles andere als zeit­ge­nös­sisch. Denn die Zei­chen­for­men las­sen das Bemü­hen erken­nen, sich an die kur­sive Keil­schrift der auf Ton­ta­feln geschrie­be­nen sume­ri­schen Rechts- und Ver­wal­tungs­ur­kun­den des aus­ge­hen­den drit­ten Jahr­tau­sends anzu­nä­hern. Eine mar­kante Ähn­lich­keit besteht außer­dem zum Duk­tus der Sta­tu­en­in­schrif­ten, die der bereits erwähnte Gudea von Lag­asch im 22. Jahr­hun­dert v. Chr. anfer­ti­gen ließ.

Beson­ders auf­fäl­lig ist schließ­lich die Anord­nung der Keil­schrift­zei­chen auf dem Schrift­trä­ger. Aus der Sicht eines Betrach­ters, der vor der Stele steht, erschei­nen sie nicht in der zeit­ge­nös­sisch sonst übli­chen Schrift­rich­tung von links nach rechts, son­dern im Uhr­zei­ger­sinn um 90 Grad gedreht, in ver­ti­kal und hori­zon­tal begrenz­ten Fächern, die von oben nach unten sowie von rechts nach links zu lesen sind. Diese Eigen­tüm­lich­keit in der Anord­nung der Keil­schrift­zei­chen, die bereits in akka­di­schen und sume­ri­schen Herr­scher­inschrif­ten des drit­ten Jahr­tau­sends v. Chr. nach­zu­wei­sen ist, könnte den Ver­such dar­stel­len, die Zei­chen­aus­rich­tung und -anord­nung der ältes­ten Keil­schrift­texte über­haupt zu imi­tie­ren. Diese wur­den im spä­ten vier­ten und frü­hen drit­ten Jahr­tau­send v. Chr. im Süden des Zwei­strom­lan­des mit Grif­feln auf Ton­ta­feln geschrie­ben wur­den, um admi­nis­tra­tive Vor­gänge und Wort­lis­ten schrift­lich zu fixie­ren.

Zusam­men­fas­send könnte man also sagen, dass die mate­ri­elle Gestalt der Dio­rit-Stele Ham­mu­r­a­pis von Baby­lon aus der Aneig­nung und Anpas­sung meh­re­rer, ursprüng­lich von­ein­an­der unab­hän­gi­ger kul­tu­rel­ler For­men resul­tiert, die chro­no­lo­gisch, topo­gra­phisch und sozial-kul­tu­rell ver­schie­de­nen Kon­tex­ten ent­stamm­ten. In ein und dem­sel­ben Objekt wur­den diese kul­tu­rel­len For­men mit­ein­an­der ver­schmol­zen, amal­ga­miert, um den zeit­ge­nös­si­schen Betrach­tern sowohl die Authen­ti­zi­tät und Auto­ri­tät des Tex­tes als auch ins­be­son­dere die ‚kul­tu­relle Kom­pe­tenz‘ sei­nes könig­li­chen Auf­trag­ge­bers zu ver­mit­teln.

Ana­ly­siert man die etwa 4.000 Zei­len umfas­sende Inschrift mit sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Metho­den, gelangt man zu einem ver­gleich­ba­ren Befund. In der Regel als ‚Geset­zes­ko­dex‘ klas­si­fi­ziert, ist der Text aus mei­ner Sicht anders zu deu­ten. Bei der berühm­ten Inschrift des Ham­mu­r­api von Baby­lon han­delt es sich um den Rechen­schafts­be­richt und das poli­ti­sche Tes­ta­ment eines klu­gen Poli­ti­kers, der sich eine seit meh­re­ren Jahr­hun­der­ten von alt­ori­en­ta­li­schen Herr­schern ver­wen­dete kul­tu­relle Form ange­eig­net, sie mit ande­ren kul­tu­rel­len Form­zi­ta­ten kom­bi­niert, in einen neuen Zusam­men­hang gestellt und damit eine eigene, iden­ti­täts­stif­tende kul­tu­relle Form geschaf­fen hat.

 

4. Zuwan­de­rung und Frem­den­feind­lich­keit vor 4.000 Jah­ren
Was hat alles das mit kul­tu­rel­ler Inte­gra­tion zu tun? Ham­mu­r­api von Baby­lon, der bis heute als einer der bedeu­tends­ten Herr­scher des Alten Ori­ents gilt, war ein Herr­scher mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Seine fami­liä­ren Wur­zeln ebenso wie ver­mut­lich bestimmte Berei­che sei­ner Sozia­li­sie­rung lagen außer­halb der süd­me­so­po­ta­mi­schen Mehr­heits­ge­sell­schaft. Denn Ham­mu­r­api ent­stammte einer Bevöl­ke­rungs­gruppe, die als Min­der­heit seit meh­re­ren Genera­tio­nen in Koexis­tenz mit die­ser sess­haf­ten Mehr­heits­ge­sell­schaft lebte. Diese Bevöl­ke­rungs­gruppe bestand ursprüng­lich aus Klein­vieh­no­ma­den, die in Stäm­men orga­ni­siert waren. Seit der Mitte des drit­ten Jahr­tau­sends v. Chr. dran­gen diese Stämme ver­mehrt aus der syri­schen Wüs­ten­steppe in das wohl­ha­bende meso­po­ta­mi­sche Kern­land vor, meist auf der Suche nach Wei­de­land und Was­ser.

Von der Mehr­heits­ge­sell­schaft schon früh mit der abwer­ten­den Sam­mel­be­zeich­nung ‚Amur­ri­ter‘ belegt, waren diese Men­schen, die eine eigene Spra­che, eigene Erzäh­lun­gen sowie eigene kul­tu­relle For­men mit­brach­ten, noch am Beginn des zwei­ten Jahr­tau­sends v. Chr. in Meso­po­ta­mien durch­aus keine will­kom­me­nen Gäste. Die dezi­diert frem­den­feind­li­che Rhe­to­rik, die von den Eli­ten der Auf­nah­me­ge­sell­schaft gegen die Amur­ri­ter ein­ge­setzt wurde, war gekenn­zeich­net von feh­len­der begriff­li­cher und kate­go­ria­ler Dif­fe­ren­zie­rung sowie von abwer­ten­der Ste­reo­ty­pi­sie­rung. Sie gip­felt in fol­gen­der Beschrei­bung mit stark ras­sis­ti­schem Unter­ton, die einer mytho­lo­gi­schen Kom­po­si­tion in sume­ri­scher Spra­che aus dem frü­hen zwei­ten Jahr­tau­send v. Chr. ent­stammt:

„Nimm Dich in Acht, ihre Hände sind zer­stö­rend, (ihr) Aus­se­hen das von Affen. Sie essen (Dinge), die von Gott Nanna tabui­siert sind, sie haben keine Ehr­furcht. … Ein Abscheu der Tem­pel der Göt­ter sind sie. Ihr Ver­stand ist ver­wirrt … Es sind Leute, die Leder­sä­cke (anstelle von Klei­dern) tra­gen … in Zel­ten leben sie … Die noch nie Gebete gespro­chen haben, in der Hoch­s­teppe woh­nend, die die Orte der Göt­ter nicht ken­nen. Sie sind Leute, die Trüf­feln an den Hügeln gegra­ben haben und nicht wis­sen, das Knie zu beu­gen. Unge­koch­tes Fleisch essen sie. Die Zeit ihres Lebens kein Haus haben (und), wenn sie gestor­ben sind, zu kei­nem Bestat­tungs­platz gebracht wer­den …“ (Klein 1997 Zei­len 127–138; dazu Streck 2000, 73–75).

Die ste­reo­type, nahezu durch­weg nega­tive Dar­stel­lung der Amur­ri­ter in sume­ri­schen Tex­ten des frü­hen zwei­ten Jahr­tau­sends v. Chr. geht offen­bar auf eine noch ältere Tra­di­tion zurück, die sich erst­mals in Keil­schrift­tex­ten des aus­ge­hen­den drit­ten Jahr­tau­sends v. Chr. nie­der­schlägt. In einer Inschrift des vier­ten Herr­schers der Drit­ten Dynas­tie von Ur (2112–2004 v. Chr.), Šu-Suen, lesen wir:

„… Amur­ri­ter, Leute, die zer­stö­ren, mit dem Instinkt eines Hun­des, Wöl­fen gleich …“ (RIME 3/2, 299, 25–27).

Šu-Suen fühlte sich offen­bar mas­siv von den Amur­ri­tern bedroht, denn sowohl sein vier­tes als auch sein fünf­tes Regie­rungs­jahr sind nach dem Bau bzw. Aus­bau einer Ver­tei­di­gungs­an­lage, der „Amur­ri­ter-Mauer“ (sume­risch: bad martu), benannt, die als Boll­werk gegen die zuneh­mend nach Meso­po­ta­mien ein­wan­dern­den Klein­vieh­no­ma­den die­nen sollte.
Damit zeich­nen sich die Leit­mo­tive des ‚Amur­ri­ter-Dis­kur­ses‘ in Keil­schrift­tex­ten des spä­ten drit­ten und frü­hen zwei­ten Jahr­tau­sends v. Chr. klar ab:

  1. Bedro­hung und Kon­fron­ta­tion;
  2. gänz­lich anders­ar­tige Lebens­for­men;
  3. Igno­ranz gegen­über den kul­tur- und iden­ti­täts­stif­ten­den sozia­len Prak­ti­ken der Mehr­heits­ge­sell­schaft;
  4. äußere Erschei­nung sowie bestimmte Denk- und Ver­hal­tens­mus­ter.

Trotz die­ser hart­nä­cki­gen Vor­ur­teile auf Sei­ten der Mehr­heits­ge­sell­schaft gelang es Ham­mu­r­api, der bezeich­nen­der­weise kei­nen baby­lo­ni­schen, son­dern einen amur­ri­ti­schen Namen trug, einen aus­ge­dehn­ten, ver­gleichs­weise sta­bi­len Herr­schafts­be­reich sowie die macht­po­li­ti­sche Grund­lage für die Herr­scher der „Ers­ten Dynas­tie von Baby­lon“ zu schaf­fen. Dass er als Ange­hö­ri­ger einer nach wie vor geschmäh­ten und dis­kri­mi­nier­ten Min­der­heit poli­tisch so erfolg­reich war und sich zumin­dest äußer­lich per­fekt in die herr­schafts­ideo­lo­gi­schen und theo­lo­gi­schen Tra­di­tio­nen der Mehr­heits­ge­sell­schaft ein­zu­fü­gen scheint, ist wohl nicht zuletzt sei­nem gera­dezu vir­tuo­sen Umgang mit ver­schie­de­nen kul­tu­rel­len For­men die­ser Mehr­heits­ge­sell­schaft geschul­det. Ebenso wenig wie Ham­mu­r­api selbst waren diese kul­tu­rel­len For­men ‚typisch baby­lo­nisch‘. Viel­mehr wur­den sie aus ganz unter­schied­li­chen Kom­ple­xen sozial-kul­tu­rel­ler Pra­xis iso­liert und in einer Re-Inter­pre­ta­tion und Re-Kon­tex­tua­li­sie­rung zu etwas Neuem amal­ga­miert – ein Para­de­bei­spiel trans­kul­tu­rel­ler Grenz­über­schrei­tung und trans­kul­tu­rel­ler Aus­hand­lung.

Damit, meine sehr ver­ehr­ten Damen und Her­ren, wer­den am his­to­ri­schen Fall­bei­spiel des Ham­mu­r­api von Baby­lon die vier Aspekte kul­tu­rel­ler Inte­gra­tion sicht­bar, die ich ein­gangs als The­sen for­mu­liert hatte:

  1. Kul­tu­relle Inte­gra­tion ist ein Genera­tio­nen­pro­jekt: sie bedarf der Geduld, der Aus­dauer und bedin­gungs­lo­ser Zuver­sicht.
  2. Inner­halb einer Gesell­schaft ver­lau­fen kul­tu­relle Inte­gra­ti­ons­pro­zesse mit unter­schied­li­chen Geschwin­dig­kei­ten: Rück­schläge auf ein­zel­nen Etap­pen des Weges bedeu­ten nicht zwangs­läu­fig, dass das Ziel nicht erreicht wer­den kann.
  3. Kul­tu­relle Inte­gra­tion ent­steht aus einem ergeb­nis­of­fe­nen Wett­be­werb der Nar­ra­tive und kul­tu­rel­len For­men: Sei­nen Teil­neh­mern ver­langt die­ser Wett­streit gleich­be­rech­tig­ter kul­tu­rel­ler Aus­drucks­for­men den Mut zur Begeg­nung, die Geschick­lich­keit der Aus­hand­lung und das Ver­trauen in die eigene kul­tu­relle Iden­ti­tät ab.
  4. Bedeu­tende kul­tu­relle Leis­tun­gen einer Gesell­schaft sind in der Regel das Ergeb­nis trans­kul­tu­rel­len Aus­tauschs: Als krea­ti­ver ‚Remix‘ ver­schie­de­ner, bereits bestehen­der kul­tu­rel­ler For­men sind sie immer ein Aus­druck gesell­schaft­li­chen Fort­schritts.

 

5. Kul­tur ist nichts Sta­ti­sches
Es gibt aller­dings auch noch eine tie­fer­ge­hende Lehre, die wir aus unse­rem Zeit- und Raum­sprung in das antike Meso­po­ta­mien zie­hen kön­nen. Aus Sicht der his­to­ri­schen Kul­tur­wis­sen­schaf­ten ist Kul­tur nichts Sta­ti­sches oder Begrenz­tes. Kul­tur ereig­net sich stets aufs Neue. Kul­tur ist ein nie abge­schlos­se­ner Pro­zess der Aus­hand­lung, den ein­zelne Akteure in der Begeg­nung und im Umgang mit ande­ren Akteu­ren, Objek­ten und Dis­kur­sen aktiv gestal­ten. Im Wett­be­werb der Nar­ra­tive und kul­tu­rel­len For­men kann zunächst ‚als fremd‘ Wahr­ge­nom­me­nes in einen neuen Hand­lungs- und Dis­kurs­zu­sam­men­hang gestellt, dadurch erfasst und schließ­lich auch ‚als Eige­nes‘ begrif­fen wer­den. Was einst als Summe klar von­ein­an­der zu schei­den­der Kul­tu­ren betrach­tet wurde, erscheint danach als ent­grenz­tes, dyna­mi­sches, sich kon­ti­nu­ier­lich ver­än­dern­des Geflecht von zahl­lo­sen Prak­ti­ken der Rezep­tion, Inte­gra­tion, Segre­ga­tion, Assi­mi­la­tion, Adap­tion oder Amal­ga­mie­rung, die je nach Ort, Zeit und Akteu­ren spe­zi­fisch sind.

Was bedeu­tet dies für die Her­aus­for­de­rung kul­tu­rel­ler Inte­gra­tion in Deutsch­land sowie in Europa? Ich denke, wir soll­ten davon aus­ge­hen, dass all das, was wir gemein­hin als cha­rak­te­ris­tisch und unter­schei­dend für unsere kul­tu­relle Iden­ti­tät hal­ten, nicht mehr, aber auch nicht weni­ger ist als das Ergeb­nis nie abge­schlos­se­ner Pro­zesse der Rezep­tion, Assi­mi­la­tion oder Adap­tion, die je nach Ort, Zeit und Akteu­ren unter­schied­lich ver­lau­fen. Deutsch­land und Europa sind an jedem Ort und zu jeder Zeit anders, ein weit­ver­zweig­tes Geflecht von dyna­mi­schen Prak­ti­ken der Aus­hand­lung. Die­ses Geflecht ist zwangs­läu­fig umso wider­stands­fä­hi­ger und belast­ba­rer, je häu­fi­ger, viel­fäl­ti­ger, fle­xi­bler und adap­ti­ver diese Pro­zesse sozial-kul­tu­rel­ler Aus­hand­lung sind. Der Blick der his­to­ri­schen Kul­tur­wis­sen­schaf­ten in die Mensch­heits­ge­schichte – ins­be­son­dere in die mehr als vier­tau­send­jäh­rige Geschichte des Alten Ori­ents – bestä­tigt, dass lang­fris­tig gerade die­je­ni­gen Gesell­schaf­ten beson­ders erfolg­reich waren, die diese ste­tige kul­tu­relle Aus­hand­lungs- und Inte­gra­ti­ons­leis­tung über lange Zeit­räume hin­weg erbracht haben. Die kul­tur­wis­sen­schaft­li­che For­schung zeigt außer­dem, dass Gesell­schaf­ten und ihre her­aus­ra­gen­den kul­tu­rel­len Leis­tun­gen stets auch auf trans­kul­tu­rel­lem Erbe fußen. In letz­ter Kon­se­quenz bedeu­tet dies, dass in Zukunft unver­wech­sel­bar ‚Deut­sches‘ und unver­wech­sel­bar ‚Euro­päi­sches‘ nur dann ent­ste­hen und bestehen kann, wenn Deutsch­land und Europa wei­ter­hin Orte trans­kul­tu­rel­len Aus­tauschs blei­ben und die Bereit­schaft auf­brin­gen, die trans­kul­tu­rel­len Ange­bote glo­ba­ler Ver­net­zungs­pro­zesse anzu­neh­men und pro­duk­tiv für sich zu nut­zen.

Vor­aus­set­zung dafür ist, dass wir zunächst den muti­gen und offe­nen Umgang mit der Her­aus­for­de­rung kul­tu­rel­ler Viel­falt ein­üben. Denn kul­tu­relle Viel­falt ist nicht nur eine Stärke. Viel­mehr bedarf sie auch der Stärke, wenn eine Gesell­schaft durch die Flieh­kräfte wie­der­strei­ten­der Nar­ra­tive nicht aus den Angeln geho­ben wer­den soll. Stark sind wir aber dann, wenn wir im Wis­sen um das eigene mate­ri­elle und imma­te­ri­elle Kul­tur­erbe kom­pro­miss­los für sozial-kul­tu­relle Grund­werte ein­ste­hen, wenn wir Nicht-Ver­han­del­ba­res klar benen­nen und wenn wir selbst zahl­rei­che kul­tu­relle Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bote machen, die im glo­ba­len Wett­be­werb der kul­tu­rel­len Aus­drucks­for­men attrak­tiv und kon­kur­renz­fä­hig sind.

Not­wen­dig ist dazu vor allem ein breit ange­leg­ter Kul­tur­dia­log aller gesell­schaft­li­chen Grup­pen. Nur so kön­nen die­je­ni­gen kul­tu­rel­len For­men iden­ti­fi­ziert wer­den, die lang­fris­tig unver­zicht­bar sind für die kul­tu­relle Iden­ti­tät und den Zusam­men­halt unse­rer Gesell­schaft. Die­ser gesamt­ge­sell­schaft­li­che Kul­tur­dia­log wird nicht nur den inter­kul­tu­rel­len Aus­tausch und die kul­tu­relle Inte­gra­tion för­dern. Er wird auch der kul­tu­rel­len Selbst­ver­ge­wis­se­rung unse­rer Gesell­schaft die­nen und sie damit zukunfts­fä­hig machen.

 


 

Zitierte Lite­ra­tur
Klein, J.
1997 The God Martu in Sume­rian Lite­ra­ture, in: I. L. Fin­kel and M. J. Gel­ler, Sume­rian Gods and Their Rep­re­sen­ta­ti­ons. Cun­ei­form Mono­graphs 7, 99–116.

Streck, M. P.
2000 Das amur­ri­ti­sche Ono­mas­ti­kon der alt­ba­by­lo­ni­schen Zeit. Band 1. Die Amur­ri­ter. Die ono­mas­ti­sche For­schung. Ortho­gra­phie und Pho­no­lo­gie. Nomi­nal­mor­pho­lo­gie. Alter Ori­ent und Altes Tes­ta­ment 271/1.

Welsch, W.
1995 Trans­kul­tu­ra­li­tät. Zur ver­än­der­ten Ver­fasst­heit heu­ti­ger Kul­tu­ren, in: Insti­tut für Aus­lands­be­zie­hun­gen (ed.), Migra­tion und Kul­tu­rel­ler Wan­del, Schwer­punkt­thema der Zeit­schrift für Kul­tur­aus­tausch, 45/1, 39–44.

Von |2019-06-15T12:31:15+02:00Mai 29th, 2018|Einwanderungsgesellschaft|Kommentare deaktiviert für

Migra­tion – Inte­gra­tion, eine neue alte Auf­gabe

Rede von Prof. Dr. Mar­kus Hil­gert auf der Jah­res­ta­gung der Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion am 29.05.2018

Markus Hilgert
Markus Hilgert ist designierter Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder.