Zum Begriff kul­tu­relle Integration

Ambi­va­len­zen eines Konzeptes

Begriffe hel­fen, die Welt wahr­zu­neh­men, zu ord­nen und zu ver­ste­hen. In die­sem Zusam­men­hang haben Begriffe auch eine emo­tio­nale Qua­li­tät: Man fin­det sie sym­pa­thisch oder abschre­ckend, man ver­wen­det sie gerne oder man ver­mei­det sie.

Was bedeu­tet dies für die bei­den Wort­be­stand­teile des Begriffs der kul­tu­rel­len Inte­gra­tion? Gerade im deutsch­spra­chi­gen Bereich ist der Begriff der Kul­tur aus­ge­spro­chen posi­tiv besetzt. Man hat in der Regel ein – in der Wis­sen­schaft ver­pön­tes – nor­ma­ti­ves Ver­ständ­nis von Kul­tur, das mit dem Guten, Wah­ren und Schö­nen zu tun hat. Ein sol­ches huma­nis­ti­sches Ver­ständ­nis fin­det natür­lich viele Bezugs­punkte in der Geschichte. So sprach der Ber­li­ner Phi­lo­soph Moses Men­delsohn in der zwei­ten Hälfte des 18. Jahr­hun­derts von Bil­dung, Kul­tur und Auf­klä­rung als „Neu­an­kömm­lin­gen in der deut­schen Spra­che“, wobei diese Neu­an­kömm­linge die Hoff­nun­gen auf eine Ver­bes­se­rung der gesell­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen zum Aus­druck brach­ten. Je posi­ti­ver aller­dings ein Begriff besetzt ist, umso grö­ßer ist – gerade in der öffent­li­chen und poli­ti­schen Kom­mu­ni­ka­tion – die Nei­gung, ihn für eigene Ziele und Zwe­cke zu nut­zen und ent­spre­chend umzu­deu­ten. Dies führt zwangs­läu­fig dazu, dass eine ein­ver­nehm­li­che Defi­ni­tion kaum noch mög­lich ist und sehr ver­schie­dene, auch ein­an­der wider­spre­chende Deu­tun­gen neben­ein­an­der existieren.

Neben die­ser huma­nis­ti­schen Deu­tung gibt es auch eine Begriffs­ver­wen­dung, die unter „Kul­tur“ nicht bloß die posi­tiv zu bewer­ten­den huma­nen Akti­vi­tä­ten des Men­schen erfas­sen, son­dern auch sein Zer­stö­rungs­po­ten­zial. Aller­dings ist diese Sicht­weise in der Kul­tur­po­li­tik kaum verbreitet.

Auch der Begriff der Inte­gra­tion erfreut sich – zumin­dest im poli­ti­schen Dis­kurs – einer gro­ßen Beliebt­heit. Man asso­zi­iert mit die­sem Begriff das Gemein­same, die Ein­be­zie­hung aller Men­schen in ein Gan­zes. Der Begriff ist aufs Engste ver­wandt mit dem Begriff der Teil­habe und neu­er­dings mit dem Begriff der Inklu­sion. Beide Begriffe wer­den als poli­ti­sche Ziel­vor­stel­lun­gen durch die All­ge­meine Erklä­rung der Men­schen­rechte, durch zahl­rei­che Kon­ven­tio­nen sowie durch natio­nal­staat­li­che Gesetze garan­tiert. Diese posi­tive Sicht­weise wird ver­stärkt, wenn man sich die Gegen­be­griffe anschaut: Exklu­sion, Aus­gren­zung, Aus­schluss, Abschot­tung, Diskriminierung.

Vor die­sem Hin­ter­grund wun­dert man sich nicht über die viel­fäl­tige Nut­zung im poli­ti­schen Bereich, man kann sich aller­dings dar­über wun­dern, dass man oft in dem Bereich, in dem man es mit Migra­tion und Zuwan­de­rung zu tun hat, auf eine deut­li­che Ableh­nung die­ses Begrif­fes stößt. Woran liegt das?

Ein ers­ter Ant­wort­ver­such besteht da­rin, dass man zwar über Inte­gra­tion spricht, aber letzt­lich Assi­mi­la­tion meint: Die­je­ni­gen, die bis­lang außen vor sind, sol­len zwar auf­ge­nom­men wer­den in die Gemein­schaft, aller­dings sind die Hür­den für diese Auf­nahme aus­ge­spro­chen hoch­ge­legt. Es geht dabei nicht bloß um die Aneig­nung der deut­schen Spra­che und die Akzep­tanz der Rechts­ord­nung, son­dern es geht um ein star­kes Bekennt­nis zu einer deut­schen Leit­kul­tur, was immer man dar­un­ter ver­steht. Ein wei­te­rer Grund für eine skep­ti­sche Hal­tung gegen­über die­sem Begriff kann darin gese­hen wer­den, dass die Not­wen­dig­keit über­se­hen wird, unter­schied-liche For­men von Inte­gra­tion und Teil­habe glei­cher­ma­ßen zu berück­sich­ti­gen. Neben der kul­tu­rel­len Teil­habe gibt es näm­lich eine soziale, poli­ti­sche und öko­no­mi­sche Teil­habe, was ganz kon­kret bedeu­tet, dass man den Auf­nah­me­kan­di­da­ten eine Chance am Arbeits­markt und eine Chance zur poli­ti­schen Mit­wir­kung geben muss. Zudem sollte man die Beträge im Kon­text von Hartz IV und der Grund­si­che­rung für kul­tu­relle Akti­vi­tä­ten betrach­ten, die kaum eine auch nur mini­male Teil­nahme am kul­tu­rel­len Leben gestat­ten. Auch der Aspekt der Bil­dungs­ge­rech­tig­keit – gerade gegen­über Kin­dern und Jugend­li­chen aus Zuwan­de­rungs­fa­mi­lien – spielt eine ent­schei­dende Rolle, wobei das deut­sche Bil­dungs­sys­tem, wie die PISA-Stu­dien regel­mä­ßig zei­gen, einen hohen Grad an Selek­ti­vi­tät zeigt. Dies bedeu­tet, dass auch kul­tu­relle Inte­gra­tion nicht allein von der Kul­tur­po­li­tik bewäl­tigt wer­den kann, son­dern dass wei­tere Poli­tik­fel­der wie Wirt­schafts-, Sozial-, Innen- und Bil­dungs­po­li­tik – und dies auf allen drei Ebe­nen des Staa­tes – ein­be­zo­gen wer­den müs­sen. Tut man dies nicht, dann könnte der Ver­dacht ent­ste­hen, dass die Rede über kul­tu­relle Inte­gra­tion und Teil­habe die ande­ren genann­ten Teil­ha­be­for­men an den Rand drän­gen will: Kul­tur­po­li­tik wäre dann eine Art Ersatz für eine Poli­tik, die es ernst meint.

Nun spricht die Kul­tur­po­li­tik zwar über Kul­tur, hat es aber im Wesent­li­chen mit der Pro­duk­tion und Rezep­tion von Küns­ten zu tun. Auch in die­sem Feld ist Skep­sis ange­bracht, da man spä­tes­tens seit den Stu­dien von Bour­dieu weiß, dass Kunst und Kul­tur sehr starke Mit­tel der gesell­schaft­li­chen Aus­dif­fe­ren­zie­rung und auch Abgren­zung unter­schied­li­cher Grup­pen sind. Sie wir­ken zwar inte­grie­rend, aber dies ledig­lich in abge­grenz­ten Lebensstilgruppen.

All diese Hin­weise sol­len nun nicht dazu füh­ren, das Ziel einer kul­tu­rel­len Inte­gra­tion abzu­leh­nen. Es weist nur auf einige Stol­per­steine hin: Man sollte sich kri­tisch fra­gen, wie viel an Gemein­schaft­lich­keit über­haupt not­wen­dig ist, damit eine moderne Gesell­schaft funk­tio­niert. Anders als in tra­di­tio­nel­len Gesell­schaf­ten geschieht Inte­gra­tion nicht über eine starke und emo­tio­nal ver­an­kerte und ver­bind­li­che uni­ver­selle Wer­te­ord­nung (wie etwa ein geteil­ter Glaube), son­dern über Pro­zesse der Par­ti­zi­pa­tion. Moderne Gesell­schaf­ten hal­ten es nicht nur aus, dass es eine Plu­ra­li­tät von Lebens­for­men und -ori­en­tie­run­gen gibt: Dies ist sogar ein wesent­li­ches Kenn­zei­chen. Man erin­nere sich, dass ein zivi­li­sier­ter Umgang mit Frem­den die Basis für den Erfolg der Städte als inter­na­tio­nale Han­dels­zen­tren und damit für ihre öko­no­mi­sche, poli­ti­sche und kul­tu­relle Ent­wick­lung war: Welt­of­fen­heit, Tole­ranz, Neu­gierde, öko­no­mi­sche Pro­spe­ri­tät gin­gen in der Geschichte immer schon Hand in Hand. Ein Blick auf die gro­ßen Städte könnte auch die Ängste vor Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten neh­men. Denn alle Groß­städte hat­ten immer schon Vier­tel, in denen sich bestimmte eth­ni­sche Grup­pen kon­zen­trier­ten. Stra­ßen­na­men erin­nern noch an das frü­here Grie­chen-, Juden-, ita­lie­ni­sche etc. Vier­tel, was einer „Inte­gra­tion“ gerade kei­nen Abbruch getan hat.

Man sollte zudem die seg­men­tie­rende Wir­kung von Kunst und Kul­tur nicht aus den Augen ver­lie­ren. Man sollte über­le­gen, dass kul­tu­relle Inte­gra­tion nicht funk­tio­nie­ren kann, wenn man öko­no­mi­sche, soziale und poli­ti­sche Inte­gra­tion nicht mit bedenkt, damit die eige­nen kul­tu­rel­len Anstren­gun­gen nicht zu einer blo­ßen Sym­bol­po­li­tik ver­kom­men. Man sollte sich zudem bewusst sein, dass der Reich­tum der Kul­tu­ren, die kul­tu­rell inte­griert wer­den sol­len, zwangs­läu­fig dazu führt, dass sich das, was man unter der eige­nen Kul­tur ver­steht, ver­än­dern wird: Das Wir nach einer erfolg­ten Inte­gra­tion ist ein ande­res als das vor­he­rige Wir. Dies bedeu­tet ins­be­son­dere, dass Inte­gra­tion keine Ein­bahn­straße ist: Es müs­sen sich nicht bloß die Auf­nah­me­kan­di­da­ten an ein ande­res Regel­sys­tem gewöh­nen, auch die bis­he­ri­gen Mit­glie­der der Gemein­schaft wer­den hin­neh­men müs­sen, dass die Neu­an­kömm­linge eigene Vor­stel­lun­gen ein­brin­gen wol­len. Nicht zuletzt muss man vor dem Hin­ter­grund der oben ange­spro­che­nen, zum Teil wider­sprüch­li­chen Fül­lung des Begriffs der kul­tu­rel­len Inte­gra­tion für eine eigene klare Begriffs- und Ziel­be­stim­mung sor­gen. Dies bedeu­tet aber auch, dass jeder der betei­lig­ten Akteure bei sich selbst mit einer kri­ti­schen „Eva­lua­tion“ begin­nen muss, inwie­weit im eige­nen Bereich die­ses Ziel rea­li­siert wird.
Übri­gens: Inte­gra­tion ist dabei nicht nur eine Auf­gabe, die man im Kon­text von Zuwan­de­rung dis­ku­tie­ren sollte. Es gibt zum einen viele „Bio­deut­sche“, deren Betei­li­gung an den unter­schied­li­chen Gesell­schafts­fel­dern durch­aus ver­bes­se­rungs­be­dürf­tig ist. Auch sollte man beden­ken, dass Rei­che, die in Deutsch­land die immer noch guten Infra­struk­tu­ren nut­zen und auch hier ihr Geld ver­die­nen, sich gerne in durch pri­vate Sicher­heits­kräfte abge­schirmte Vier­tel zurück­zie­hen und häu­fig ihre Ver­mö­gen und Ein­kom­men in Steu­er­oa­sen depo­nie­ren. Sollte dies nicht unter dem Aspekt der „Inte­gra­tion“ mit bedacht werden?

Kul­tu­relle Inte­gra­tion kann unter die­ser Per­spek­tive bedeu­ten: Aner­ken­nung und Respekt vor kul­tu­rel­len Aus­drucks­for­men, die einem selbst zunächst fremd sind. Dies setzt Neu­gierde und Offen­heit vor­aus, was nicht bedeu­tet, dass einem alles gefal­len muss. Kul­tu­relle Inte­gra­tion bedeu­tet, dass man bewusst Mög­lich­kei­ten der Teil­nahme und Teil­habe schaf­fen muss. Bei der Teil­nahme geht es um die Öff­nung der Ange­bote, wobei finan­zi­elle Aspekte und Fra­gen der Erreich­bar­keit eine Rolle spie­len. Teil­habe geht aller­dings über die bloße Teil­nahme an fer­ti­gen und bewähr­ten Pro­duk­ten hin­aus: Es müs­sen Gele­gen­hei­ten geschaf­fen wer­den, eigene Pro­duk­tio­nen – und dies im nor­ma­len Pro­gramm und nicht in Son­der­pro­jek­ten – zu ent­wi­ckeln. Kul­tu­relle Inte­gra­tion ist jedoch nicht nur eine Auf­gabe für die ein­zelne Kul­tur­ein­rich­tung: Auf poli­ti­scher Ebene geht es darum, die Not­wen­dig­keit einer Ein­be­zie­hung der oben genann­ten ande­ren Inte­gra­ti­ons­for­men (in Poli­tik und Öko­no­mie) auf­zu­zei­gen. Letzt­lich ist kul­tu­relle Inte­gra­tion nur ein Aspekt von Inte­gra­tion ins­ge­samt und Kul­tur­po­li­tik ein Feld, das nur im Kon­text ande­rer Poli­tik­fel­der wirk­sam wer­den kann.

Von |2019-06-11T09:16:29+02:00Februar 28th, 2017|Einwanderungsgesellschaft|Kommentare deaktiviert für

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Ambi­va­len­zen eines Konzeptes

Max Fuchs ist Erziehungswissenschaftler. Er war bis 2014 Direktor der Akademie Remscheid und bis März 2013 Präsident des Deutschen Kulturrates.