Rachel Cocke­rell: Mel­ting Point

Die Absicht, über die Geschichte ihrer Groß­mutter und deren Fami­lie zu schrei­ben, führte Rachel Cocke­rell auf die Spu­ren des in der Fami­lie nahezu unbe­kann­ten Urgroß­va­ters David Jochelm­ann, eine zen­trale Figur in der Geschichte des Zio­nis­mus Anfang des 20. Jahr­hun­derts. Kam für das Vor­ha­ben, für das jüdi­sche Volk ein Land zu fin­den, in dem es sicher vor Ver­fol­gung und Pogro­men war, für die einen nur Paläs­tina in Frage, so konn­ten sich andere auch anderswo Ziele für ihr jüdi­sches Land vor­stel­len. Die Dis­kus­sion dar­über führte zur Spal­tung zwi­schen den unter­schied­li­chen Grup­pie­run­gen unter den Zio­nis­ten. Im ers­ten Teil des Buches geht es um diese Ent­wick­lun­gen, um die gro­ßen Zio­nis­ten-Kon­gresse in Basel mit Theo­dor Herzl im Mit­tel­punkt, aber auch dem heute fast nicht mehr genann­ten Bri­ten Israel Zang­will sowie David Jochelm­ann, der die Aus­reise Tau­sen­der rus­si­scher Juden nach Galveston/Texas in den USA initi­ierte. Die Autorin „erzählt“ nur in Form von Zei­tungs­aus­schnit­ten, Zita­ten aus Reden, Brie­fen oder bio­gra­fi­schen Berich­ten. Geht es zunächst um die Ent­wick­lung der zio­nis­ti­schen Bewe­gung, ste­hen spä­ter ver­schie­dene Fami­li­en­mit­glie­der in den USA und Eng­land im Zen­trum, schließ­lich auch die Staats­grün­dung Isra­els. Beson­ders inter­es­sant ist hier die unter­schied­li­che Bewer­tung der Rolle Groß­bri­tan­ni­ens und des Endes des bri­ti­schen Man­dats in Paläs­tina in einer extrem ange­spann­ten poli­ti­schen Situa­tion. Span­nend ist „Mel­ting Point“ immer dann, wenn es um jüdi­sche Geschichte geht; die Pas­sa­gen, in denen Cocke­rells Fami­li­en­mit­glie­der über Pri­va­tes berich­ten, wir­ken dage­gen ein wenig langatmig.

„Mel­ting Point“ war der Titel eines Thea­ter­stücks von Israel Zang­will. Er impli­ziert (auch) die Frage: Soll­ten und konn­ten sich Jüdin­nen und Juden dort, wo sie leb­ten, assi­mi­lie­ren – in einem gro­ßen „Schmelz­punkt“ – oder doch ein eige­nes Land anstre­ben? Die Grün­dung des Staa­tes Israel gab 1948 eine Antwort.

Rachel Cocke­rell. Mel­ting Point. Ber­lin 2025

Bar­bara Haack

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 5-6/2026.

Von |2026-08-25T12:16:48+02:00August 3rd, 2026|Rezension|Kommentare deaktiviert für Rachel Cocke­rell: Mel­ting Point
Barbara Haack ist Chefin vom Dienst von Politik & Kultur.