Andrea Stoll: Zwei Men­schen sind in mir

Anläss­lich des 100. Geburts­tags von Inge­borg Bach­mann legt Andrea Stoll mit »Zwei Men­schen sind in mir« eine Bio­gra­fie vor, die das Bild der Autorin schärft und ver­tieft. Die lang­jäh­rige Bach­mann-For­sche­rin erzählt das Leben der Autorin nicht neu, aber genauer: quel­len­ge­sät­tigt, dif­fe­ren­ziert und mit Sinn für Zwischentöne.

Bereits zu Beginn ent­ste­hen ein­drück­li­che Sze­nen: die junge Bach­mann im Jahr 1945 in den Bom­ben­näch­ten von Kla­gen­furt, wie sie auf einem Ses­sel im zer­stör­ten Gar­ten sitzt und Bau­de­laire rezi­tiert. Sol­che Bil­der ent­fal­ten erzäh­le­ri­sche Kraft und zei­gen eine ver­letz­li­che, eigen­sin­nige Per­sön­lich­keit, die sich schon früh ganz der Lite­ra­tur widmete.

Die große Stärke des Buches liegt in sei­ner Quel­len­ba­sis: Briefe, Tage­bü­cher und Doku­mente der Salz­bur­ger Werk­aus­gabe wer­den erst­mals sys­te­ma­tisch aus­ge­wer­tet. So trennt Stoll Mythen von Fak­ten. Bach­mann erscheint weder als ent­rückte Lyri­ke­rin noch als bloße »Muse« berühm­ter Män­ner, son­dern als kom­pro­miss­lose Autorin, deren Werk aus inne­ren und äuße­ren Kon­flik­ten ent­steht. Prä­gend ist dabei auch das ambi­va­lente Ver­hält­nis zum Vater: Er war För­de­rer und zugleich NS-belastet.

Der Titel wird zum Pro­gramm: Stoll zeich­net eine Autorin zwi­schen Frei­heits­drang und Bin­dungs­sehn­sucht, künst­le­ri­scher Radi­ka­li­tät und exis­ten­zi­el­ler Ver­letz­lich­keit. Die Bezie­hun­gen zu Paul Celan, Hans Wer­ner Henze und Max Frisch wer­den nicht als bio­gra­fi­sche Rand­no­ti­zen dar­ge­stellt, son­dern als Erfah­rungs­räume ihres Schrei­bens – dif­fe­ren­ziert und ohne Romantisierung.

Beson­ders über­zeu­gend ist die femi­nis­ti­sche Per­spek­tive. Stoll zeigt Bach­mann als eigen­stän­dige Autorin, die sich in einer von Män­nern domi­nier­ten Lite­ra­tur­land­schaft behaup­ten musste.

Stolls größte Leis­tung ist es, Werk und Leben zu ver­bin­den, ohne bei­des kurz­schlüs­sig gleichzusetzen.

Andrea Stoll. Zwei Men­schen sind in mir. Mün­chen 2026

Yvonne de Andrés

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 7-8/2026

Von |2026-07-27T09:33:41+02:00Juli 27th, 2026|Rezension|Kommentare deaktiviert für Andrea Stoll: Zwei Men­schen sind in mir
Yvonne de Andrés ist Kulturmanagerin und Co-Gründerin von „Power To Transform!“