Tara-Louise Witt­wer: Neme­sis’ Töch­ter – 3000 Jahre zwi­schen Female Rage und Zusammenhalt

Der Titel „Neme­sis’ Töch­ter“ ist Pro­gramm. Neme­sis, einst Göt­tin der aus­glei­chen­den Gerech­tig­keit, wurde über Jahr­hun­derte zur rach­süch­ti­gen Schreck­fi­gur ver­zerrt – ein Schick­sal, das vie­len Frauen wider­fah­ren ist, sobald sie wütend, laut oder unbe­quem wur­den.  

Genau die­sem Mecha­nis­mus spürt Tara-Louise Witt­wer nach. Sie gibt einen Über­blick über 3000 Jahre euro­päi­sche Geschichte weib­li­cher Unter­drü­ckung, begin­nend mit anti­ken Mythen und den Hexen­ver­fol­gun­gen, über ver­ges­sene Hel­din­nen der Geschichte bis hin zur aktu­el­len „Male Loneli­ness Epi­de­mic“ und den Trad­wi­ves-Debat­ten. Immer wie­der taucht das­selbe Mus­ter auf: Weib­li­che Selbst­be­haup­tung und Wut wer­den ent­wer­tet, umge­deu­tet und lächer­lich gemacht. Begriffe, Zuschrei­bun­gen und Nar­ra­tive funk­tio­nie­ren dabei bis heute als Macht­in­stru­mente.  

Beim Lesen stellt sich schnell ein Gefühl ein, das viele ken­nen: Wut über diese Unge­rech­tig­keit. Das ist die soge­nannte Female Rage. Wut auf die struk­tu­relle Gewalt, deren Mus­ter sich über Jahr­hun­derte kaum ver­än­dert haben. Die Autorin gießt bewusst Öl ins Feuer, indem sie die sprach­li­chen und kul­tu­rel­len Mecha­nis­men auf­zeigt und dekon­stru­iert, mit denen Frauen klein­ge­hal­ten wer­den.  

Wich­tig ist, dass „Neme­sis’ Töch­ter“ kein Buch über Rache oder Män­ner­hass ist. Im Fokus ste­hen die Soli­da­ri­tät unter­ein­an­der und die Not­wen­dig­keit von Zusam­men­halt.  

Witt­wers lockere Spra­che macht es leicht, in die­ses bedeut­same Thema ein­zu­stei­gen. Und mit sei­nen vie­len Ver­wei­sen, Zita­ten und his­to­ri­schen Bezü­gen eig­net es sich her­vor­ra­gend als Beglei­ter und Nach­schla­ge­werk für all jene Gesprä­che, in denen man immer noch erklä­ren muss, warum Femi­nis­mus keine Umkehr des Patri­ar­chats ist und wes­halb unter­drü­ckende Struk­tu­ren bis heute die Gleich­stel­lung ver­hin­dern. „Neme­sis’ Töch­ter“ lie­fert dafür Argu­mente und das schöne Gefühl, mit die­ser Wut nicht allein zu sein. 

Tara-Louise Witt­wer. Neme­sis’ Töch­ter – 3000 Jahre zwi­schen Female Rage und Zusam­men­halt. Mün­chen 2025 

Sophia Bloch­o­witz

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 2/2026.

Von |2026-07-21T11:04:16+02:00Juli 13th, 2026|Rezension|Kommentare deaktiviert für Tara-Louise Witt­wer: Neme­sis’ Töch­ter – 3000 Jahre zwi­schen Female Rage und Zusammenhalt
Sophia Blochowitz ist Redaktionsassistentin bei der Zeitung Politik & Kultur