Viel­falt durch Gemeinsamkeit

Wege zu einer dis­kri­mi­nie­rungs­kri­ti­schen Schulkultur

In den Medien, in Par­la­men­ten, im Super­markt und auch beim Pau­sen­ge­spräch unter Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen wird oft über die „Viel­falt“ in unse­rer Gesell­schaft gespro­chen. Aller­dings in unter­schied­li­chen Ton­la­gen. Gemeint ist, dass in Deutsch­land auch Men­schen leben, deren fami­liäre Wur­zeln tat­säch­lich oder ver­meint­lich außer­halb Deutsch­lands lie­gen, wie oft nur auf­grund ihres Aus­se­hens ange­nom­men wird. Auch wenn man­che diese Viel­falt als „Berei­che­rung“, andere als Stö­rung im Stadt­bild bezeich­nen mögen, han­delt es sich doch schlicht­weg um die Rea­li­tät unse­rer Gesellschaft.

Deutsch­land ist eine Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft, in der heute jedes dritte schul­pflich­tige Kind aus­län­di­sche Wur­zeln hat. In Kitas und an Schu­len ist diese Viel­falt längst Nor­ma­li­tät. Die Schul­stand­orte, wie bei­spiels­weise in Meck­len­burg-Vor­pom­mern, an denen nur wenige Schü­le­rin­nen und Schü­ler eine Migra­ti­ons­ge­schichte haben, bil­den die Ausnahme.

Diese Zusam­men­set­zung der Bevöl­ke­rung wird bemerk­bar nicht nur in Ein­rich­tun­gen für Kin­der und Jugend­li­che, son­dern auch im öffent­li­chen Raum: In Ein­kaufs­mei­len, U-Bah­nen, Kran­ken­häu­sern und Shop­ping-Malls hat sich das Stra­ßen­bild über Jahr­zehnte ver­än­dert und ist viel­fäl­ti­ger gewor­den. Wir alle sind nun auf­ge­for­dert, gemein­sam faire und prak­ti­ka­ble Lösun­gen für die mul­ti­plen Her­aus­for­de­run­gen, die sich durch­aus erge­ben, zu schaffen.

Weni­ger Auf­re­gung – mehr Lösungen

An Schu­len wird diese Nor­ma­li­tät sel­ten grund­sätz­lich hin­ter­fragt. Der Schul­all­tag erlaubt kaum, zeit­auf­wen­dige ideo­lo­gi­sche Dis­kus­sio­nen zu füh­ren. Den Schul­all­tag domi­nie­ren prak­ti­sche Fra­gen: Wo brin­gen wir die neuen Schü­le­rin­nen und Schü­ler aus dem nahe­ge­le­ge­nen Wohn­heim für Geflüch­tete unter? Wie bekom­men wir zusätz­li­che För­der­stun­den für Deutsch als Zweit­spra­che? Und wel­che Lehr­kraft ist dafür aus­ge­bil­det, Deutsch als Zweit­spra­che zu unterrichten?

Die meis­ten migran­ti­schen Schü­le­rin­nen und Schü­ler sind aller­dings nicht neu ein­ge­wan­dert, son­dern gehö­ren der drit­ten oder vier­ten Gene­ra­tion aus ein­ge­wan­der­ten Fami­lien an. Sie brin­gen ihre unter­schied­li­chen Erfah­run­gen im Zusam­men­le­ben mit der Mehr­heits­ge­sell­schaft, unter­schied­li­chen ideo­lo­gi­schen, poli­ti­schen, reli­giö­sen Prä­gun­gen durch ihre Fami­lien und ihre Peer­group in die Klas­sen. Dies ist gemeint, wenn von „kul­tu­rel­ler Viel­falt“ gespro­chen wird. Ansätze, die die unter­schied­li­chen Werte und Ver­hal­tens­wei­sen zu ver­ste­hen ver­su­chen, neh­men gerne Bezug auf die Reli­gio­nen und Kul­tu­ren und schei­nen über­zeu­gende Erklä­run­gen zu bie­ten. Oft lau­fen sie Gefahr, Unter­schiede über­di­men­sio­niert dar­zu­stel­len. Wenn wir aber ein respekt­vol­les Mit­ein­an­der, nicht nur in der Schul­ge­mein­schaft, anstre­ben, muss sich der Blick von den Unter­schie­den los­lö­sen und sich auf die Gemein­sam­kei­ten rich­ten. Das Ziel sollte sein, ver­bind­li­che Werte für das Mit­ein­an­der gemein­sam zu defi­nie­ren und als Norm im Leit­bild der Schule festzulegen.

Poli­ti­sche Bil­dung mit Kunstpädagogik

Das gewalt­freie Zusam­men­le­ben in Grup­pen, wie der Klasse, der Schul­ge­mein­schaft, dem Sport­ver­ein oder der Kom­mune, ver­langt den Mit­glie­dern immer soziale Kom­pe­ten­zen ab. Team­fä­hig­keit, Empa­thie, Ambi­gui­täts­to­le­ranz und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit sind unver­zicht­bar. Gerade letz­tere sollte sich die Schule zur Quer­schnitts­auf­gabe machen und sys­te­ma­tisch för­dern. Ohne gelin­gende Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen den Akteu­ren und inner­halb der Grup­pen kön­nen die vie­len indi­vi­du­el­len Bedürf­nisse nicht berück­sich­tigt werden.

Für die­sen Aus­tausch gilt es, den not­wen­di­gen Raum für Begeg­nung zu schaf­fen. Dafür soll­ten so viele Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wege wie mög­lich aus­ge­baut und genutzt wer­den. Regel­mä­ßig durch­ge­führte Gesprächs­run­den, wie bei­spiels­weise der wöchent­li­che Klas­sen­rat, sind eine Mög­lich­keit, Zeit­fens­ter für den Aus­tausch zu schaf­fen. Dabei soll­ten die Stär­ken von kunst­päd­ago­gi­schen Metho­den genutzt wer­den. Neben dem ver­ba­len Aus­tausch kön­nen dann auch non­ver­bale Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wege genutzt wer­den, damit mehr Schü­le­rin­nen und Schü­ler eine ihren indi­vi­du­el­len Inter­es­sen und Fähig­kei­ten ent­spre­chende Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form finden.

Kom­mu­ni­ka­tion in der Klasse

Das bun­des­weite Netz­werk „Schule ohne Ras­sis­mus – Schule mit Cou­rage“ beför­dert die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kom­pe­tenz inner­halb der nahezu 5.000 Schu­len, die Mit­glied im Netz­werk sind, durch Pro­jekt­tage, Fort­bil­dun­gen und schul­über­grei­fende Ver­net­zungs­tref­fen in der Region und auf Länderebene.

Die 16 Lan­des­ko­or­di­na­tio­nen und 113 Regio­nal­ko­or­di­na­tio­nen ver­mit­teln die Work­shop­an­ge­bote der nahezu 400 außer­schu­li­schen Koope­ra­ti­ons­part­ner. Beson­ders gerne die­je­ni­gen, die kunst­päd­ago­gi­sche Metho­den ein­set­zen. So gelingt es bei­spiel­weise, das Thema Homof­eind­lich­keit im Rah­men eines Thea­ter­work­shops auf­zu­grei­fen, zum Thema Anti­se­mi­tis­mus ein Graf­fiti zu ent­wer­fen oder zum all­täg­li­chen Ras­sis­mus auf der Straße einen Rap-Text zu schrei­ben. Die Ergeb­nisse wer­den der gan­zen Schul­ge­mein­schaft prä­sen­tiert, um die Kom­mu­ni­ka­tion dar­über zu motivieren.

Damit sind schon wich­tige Schritte hin zu einer dis­kri­mi­nie­rungs­kri­ti­schen Schul­kul­tur getan. Auf die­sem Weg gilt es kon­ti­nu­ier­lich weiterzugehen.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T12:51:12+01:00November 27th, 2025|Einwanderungsgesellschaft, Kulturelle Vielfalt, Rassismus|Kommentare deaktiviert für

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Wege zu einer dis­kri­mi­nie­rungs­kri­ti­schen Schulkultur

Sanem Kleff ist Direktorin von der Bundeskoordination Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage und Vorsitzende von Aktion Courage.