Warum ein star­ker Staat Mit­wir­kung braucht

THESE 10: Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment ist gelebte Demokratie

An einem Sams­tag­mor­gen, irgendwo zwi­schen Streu­obst­wiese und Amphi­bi­en­zaun, ste­hen zehn Men­schen in Gum­mi­stie­feln. Sie tra­gen kei­nen Anzug, son­dern wet­ter­feste Jacken und gute Laune. Neben ihnen quakt ein Frosch, über ihnen rauscht die Straße. Wer das beob­ach­tet, sieht den Staat bei der Arbeit – nur eben nicht im Amts­zim­mer, son­dern im Moor.

Cicero hätte die­sen Anblick gemocht. Für ihn war die res publica – die öffent­li­che Sache – wört­lich die Sache des Vol­kes. Ein Staat, so schrieb er, ist keine Ansamm­lung von Geset­zen oder Gebäu­den, son­dern eine Gemein­schaft von Men­schen, die durch gemein­same Ver­ant­wor­tung ver­bun­den sind. Oder in heu­ti­ger Spra­che: Ein Staat funk­tio­niert nur, wenn seine Bür­ge­rin­nen und Bür­ger mit­ma­chen. Nicht der Staat sorgt für unser Gemein­wohl – wir sind das Gemeinwohl.

Diese Idee ist in Deutsch­land quick­le­ben­dig. Fast 40 Pro­zent der Bevöl­ke­rung, rund 28,8 Mil­lio­nen Men­schen, enga­gie­ren sich frei­wil­lig. Sie trai­nie­ren Jugend­mann­schaf­ten, orga­ni­sie­ren Tafel-Aus­ga­ben oder pfle­gen Streu­obst­wie­sen. Die­ses Enga­ge­ment ist keine Kür – es ist die eigent­li­che Infra­struk­tur der Demo­kra­tie. Denn eine Gesell­schaft, in der Men­schen Ver­ant­wor­tung über­neh­men, hält bes­ser zusam­men als eine, die nur auf Ver­wal­tung vertraut.

Stu­dien zum gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt zei­gen: Wo Men­schen sich enga­gie­ren, wächst das Ver­trauen – in andere, in Insti­tu­tio­nen, in die eigene Wirk­sam­keit. Ver­eine und Initia­ti­ven sind Kitt zwi­schen Milieus, Reli­gio­nen und Gene­ra­tio­nen. Sie über­brü­cken, was poli­ti­sche Lager trennt. Oder, etwas hand­fes­ter: Bevor Gesetze zusam­men­hal­ten, tun es Chöre, Feu­er­weh­ren und Naturschutzgruppen.

Beson­ders sicht­bar wird das im Natur­schutz. Hier zeigt sich, wie sehr Staat und Zivil­ge­sell­schaft ein­an­der brau­chen. Der Natur­schutz­bund Deutsch­land (NABU) zählt rund 85.000 Ehren­amt­li­che, die zusam­men etwa drei Mil­lio­nen Stun­den pro Jahr leis­ten. Beim Bund für Umwelt und Natur­schutz Deutsch­land (BUND) sind es über 30.000 Enga­gierte – eben­falls rund drei Mil­lio­nen Stun­den. Der Deut­sche Alpen­ver­ein bringt mit sei­nen 34.700 Frei­wil­li­gen etwa 2,5 Mil­lio­nen Stun­den im Jahr auf – eine Leis­tung, die der Ver­band auf rund 36,9 Mil­lio­nen Euro Wert­schöp­fung bezif­fert. Der Deut­sche Wan­der­ver­band lässt durch 20.000 Wege­zeich­ne­rin­nen und -zeich­ner rund 200.000 Kilo­me­ter Wege instand hal­ten, was über 350.000 Stun­den Ehren­amt bedeu­tet. Und der Lan­des­bund für Vogel­schutz in Bay­ern berich­tet regel­mä­ßig von mehr als zwei Mil­lio­nen Stun­den bür­ger­li­cher Naturpflege.

Diese Zah­len sind nicht nur beein­dru­ckend – sie sind sys­tem­re­le­vant. Ohne die­ses Enga­ge­ment könnte Deutsch­land seine inter­na­tio­na­len Ver­pflich­tun­gen im Natur- und Arten­schutz kaum erfül­len. Die EU-Vogel­schutz- und Fauna-Flora-Habi­tat (FFH)-Richtlinien leben von Daten, die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sam­meln. Pro­jekte wie ornitho.de oder die „Stunde der Gar­ten­vö­gel“ lie­fern Mil­lio­nen Beob­ach­tun­gen, die keine Behörde je erfas­sen könnte. Würde man für diese Arbeit Beam­tin­nen und Beamte bezah­len, wäre der Bun­des­haus­halt schnel­ler leer, als ein Frosch sprin­gen kann.

Das Ehren­amt ersetzt den Staat nicht – es kom­ple­men­tiert ihn. Es schafft Nähe, wo Ver­wal­tung Distanz braucht. Es bringt Wis­sen, wo Behör­den auf Daten war­ten. Und es hält die Gesell­schaft beweg­lich, wenn Gesetze noch ver­han­delt wer­den. Des­halb sollte Poli­tik bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment nicht nur wür­di­gen, son­dern aktiv ermöglichen.

Doch Enga­ge­ment braucht auch Schutz: In den ver­gan­ge­nen Mona­ten hat die poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung eine neue Schärfe bekom­men: Anfra­gen ein­zel­ner Bun­des­tags­frak­tio­nen zum Bei­spiel zur „poli­ti­schen Neu­tra­li­tät staat­lich geför­der­ter Orga­ni­sa­tio­nen“ set­zen zivil­ge­sell­schaft­li­che Grup­pen pau­schal unter Gene­ral­ver­dacht – ein Vor­ge­hen, das breite Kri­tik aus­löste, weil es weni­ger Auf­klä­rung als Ein­schüch­te­rung beför­derte. Dies wird zuneh­mend ver­stärkt von rechts­po­pu­lis­ti­schen Medien. Wer so Ver­trauen sys­te­ma­tisch in Miss­trauen über­setzt, will nicht kon­trol­lie­ren, son­dern dele­gi­ti­mie­ren – und trifft Mil­lio­nen Ehren­amt­li­che, die unsere Demo­kra­tie täg­lich tragen.

In einer Zeit, in der zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen beschimpft wer­den, ihre Legi­ti­mi­tät in Frage gestellt und ihre Finan­zie­rung poli­tisch instru­men­ta­li­siert wird, müs­sen wir fest­hal­ten: Wer die Zivil­ge­sell­schaft angreift, greift die Demo­kra­tie selbst an. Denn sie ist ihr Rück­grat – der Ort, an dem Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten aus­ge­tra­gen, Kom­pro­misse geübt und Gemein­sinn gelernt wer­den. Wenn das Klima für Enga­gierte ver­gif­tet wird, ver­liert der Staat nicht nur Hel­fer, son­dern auch Halt.

Cicero wusste, dass Gemein­we­sen nur so stark sind wie das Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl ihrer Bür­ger. Zwei Jahr­tau­sende spä­ter gilt das immer noch. Der Staat ist keine ferne Macht, er ist die Summe sei­ner Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Wer mit­macht, gehört dazu – und hält das Land zusammen.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T14:24:19+01:00November 27th, 2025|Bürgerschaftliches Engagement, Demokratie, These|Kommentare deaktiviert für

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Kai Niebert ist Präsident des Deutschen Naturschutzring e.V..