Reli­giöse Viel­falt stärkt das Zusammenleben

THESE 5: Reli­gion gehört in den öffent­li­chen Raum

Ja, Reli­gion gehört in den öffent­li­chen Raum – das ist keine For­de­rung, son­dern eine Tat­sa­che. Denn: His­to­risch gese­hen, ist unsere heu­tige moderne Gesell­schaft aus dem Kon­flikt – um nicht Kampf zu sagen – zwi­schen Kir­chen und welt­li­chen Macht­ha­bern ent­stan­den. Frei­heits­rechte, dar­un­ter das Recht, seine Reli­gion pri­vat und öffent­lich frei zu leben oder eben auch nicht reli­giös zu sein, ent­stan­den aus die­sem Kon­flikt her­aus bzw. muss­ten erkämpft werden.

Sozio­lo­gisch gese­hen kann Reli­gion nicht vom Leben des reli­giö­sen Men­schen getrennt wer­den. Die soge­nannte Säku­la­ri­sie­rungs­these, also die Annahme, Reli­gion würde mit zuneh­men­der Moder­ni­sie­rung, Libe­ra­li­sie­rung und Säku­la­ri­sie­rung abneh­men, sich in das Pri­vate zurück­zie­hen oder ganz aus dem Leben ver­schwin­den, hat sich nicht bewahr­hei­tet. Im Gegen­teil: Reli­gion ist auch heute wich­tig für Men­schen, Fami­lien, Gemein­den und Gesellschaften.

Reli­gi­ons­his­to­risch gese­hen ist die Geschichte der Mensch­heit die Geschichte der Suche nach Reli­gion bzw. nach der Nähe zu Gott. Daher ist es nur allzu ver­ständ­lich, dass diese Suche nicht nur im Koran, son­dern auch in den Tex­ten ande­rer Reli­gio­nen ihren Nie­der­schlag fin­det. Die Anthro­po­lo­gie hat gezeigt, dass es keine Men­schen gibt, die nicht glau­ben bzw. in irgend­ei­ner Form reli­giös den­ken und han­deln wür­den – ange­fan­gen von „pri­mi­tivs­ten“ Völ­kern bis hin zu moder­nen Gesellschaften.

Isla­misch gese­hen ist das Mus­lim­sein bzw. der Glaube im Men­schen ver­an­kert. Im Islam wird die Hin­wen­dung zu Gott als Teil der mensch­li­chen Natur ver­stan­den. Sie ist etwas Ange­bo­re­nes, Natür­li­ches. Reli­gion ist Teil der mensch­li­chen Natur (Fitra), sie muss nicht gelernt, kann aber ver­lernt wer­den, wes­halb sie gege­be­nen­falls (wieder)erlernt wer­den muss. Aus mus­li­mi­scher Per­spek­tive ist des­halb nicht nach dem Ob von Reli­gion zu fra­gen, son­dern nach dem Wie.

Vor die­sem Hin­ter­grund stellt sich aus mei­ner Sicht nicht die Frage, ob Reli­gion in den öffent­li­chen Raum gehört, son­dern wie und wie viel Reli­gion. Die Betei­li­gung reli­giö­ser Akteure am gesell­schaft­li­chen Dis­kurs ist kein Ana­chro­nis­mus, son­dern ein Gewinn. Sie brin­gen immer wie­der die Gewis­sens­frage ein: Was ist gerecht? Was dient dem Men­schen? Was ent­spricht sei­ner Würde? Gerade heute, wo viele fun­da­men­tale Grund­rechte hin­ter­fragt oder unter­mi­niert wer­den, die Schere zwi­schen Arm und Reich immer wei­ter aus­ein­an­der geht, ist die reli­giöse Per­spek­tive und die reli­giöse Mah­nung beson­ders wichtig.

Solange Reli­gion im Her­zen und im All­tag der Men­schen exis­tiert, solange wird sie auch im öffent­li­chen Raum prä­sent sein – und das sollte sie auch. Gerade in Zei­ten von Kri­sen und Unsi­cher­hei­ten in mora­li­schen Fra­gen bie­tet Reli­gion Ori­en­tie­rung und auch Trost. Sie ver­mit­telt und fes­tigt ethi­sche Maß­stäbe, zeigt Wege, unsere Mit­mensch­lich­keit zu stär­ken, und for­dert Enga­ge­ment für Gerech­tig­keit und Frie­den. Reli­gion im öffent­li­chen Raum ist auch Aus­druck von gesell­schaft­li­cher Pluralität.

Islam und Mus­lime sind ein fes­ter Teil der deut­schen Gesell­schaft und unse­rer plu­ra­lis­ti­schen Demo­kra­tie. Diese Rea­li­tät zu akzep­tie­ren, bedeu­tet zugleich, der Reli­gion mehr Raum und Prä­senz im öffent­li­chen Leben zu geben. Das kann nur gesche­hen, wenn Mus­lime nicht nur Adres­sa­ten gesell­schaft­li­cher Debat­ten sind, son­dern als aktive Mit­ge­stal­te­rin­nen und Mit­ge­stal­ter wahr­ge­nom­men wer­den. Und umge­kehrt: Wenn sich Mus­lime nicht nur als Adres­sa­ten, son­dern als Mit­ge­stal­ter ins demo­kra­ti­sche Spiel ein­brin­gen. So oder so: Mus­lime als gleich­wer­tige Stim­men wahr­zu­neh­men und ihre gesell­schaft­li­che Prä­senz zu ermög­li­chen, ihr gro­ßes Poten­zial nutz­bar zu machen, stärkt die Demo­kra­tie und för­dert gegen­sei­ti­ges Ver­trauen – Aspekte, die drin­gend not­wen­dig sind in einer Zeit der Pola­ri­sie­rung und der Hin­ter­fra­gung demo­kra­ti­scher Grundwerte.

Lei­der erle­ben wir immer wie­der, dass bestimmte Grup­pie­run­gen gegen mus­li­mi­sches Leben in Deutsch­land – und damit gegen das Recht auf reli­giö­ses Leben in der Öffent­lich­keit – vor­ge­hen. So etwa gegen den Bau von sicht­ba­ren Moscheen oder gegen das Tra­gen reli­giö­ser Beklei­dung in der Öffent­lich­keit. Diese Form der Islam­feind­lich­keit äußert sich nicht „nur“ ver­bal, son­dern mün­det immer öfter in tät­li­che Über­griffe, etwa auf mus­li­mi­sche Frauen, auf Moscheen oder mus­li­mi­sche Grab­fel­der. Das darf nicht sein und betrifft die gesamte Gesell­schaft. Denn der Schutz von Min­der­hei­ten vor Ras­sis­mus und Dis­kri­mi­nie­rung ist ein Grad­mes­ser des demo­kra­ti­schen plu­ra­len Zusammenlebens.

Reli­gion im öffent­li­chen Raum bedeu­tet nicht nur Tole­ranz. Denn gläu­bige Men­schen, Gebets­häu­ser oder reli­giöse Sym­bole soll­ten nicht nur „tole­riert“ wer­den, viel­mehr sollte man sie wert­schät­zen, als Berei­che­rung sehen. Das bedeu­tet, dass die Werte, die Reli­gion ver­mit­telt, auch in gesell­schaft­li­che Pro­zesse mit­ein­zu­be­zie­hen sind.

In die­sem Sinne müs­sen Mus­lime als Teil der Gesell­schaft sicht­bar sein und gehört wer­den – und sie müs­sen sich mehr Gehör ver­schaf­fen. Viele unse­rer Mit­glie­der sind als Ehren­amt­le­rin­nen und Ehren­amt­ler in den ver­schie­dens­ten Berei­chen der Gesell­schaft tätig. Ins­be­son­dere in reli­gi­ons- und kul­tur­sen­si­blen Berei­chen brin­gen sich diese Ehren­amt­le­rin­nen und Ehren­amt­ler tag­täg­lich ein. Die­ses für viele Mus­lime selbst­ver­ständ­li­che, da reli­giös gefor­derte Enga­ge­ment für die Gesell­schaft ver­dient es, gese­hen und wert­ge­schätzt zu wer­den – viel mehr jeden­falls als die hie­si­gen Debat­ten dar­über, ob und wer zu Deutsch­land gehört, wer hier­blei­ben kann und wer nicht.

Eine plu­ra­lis­ti­sche Demo­kra­tie lebt von der Viel­falt ihrer Stim­men. Die Aner­ken­nung reli­giö­ser Viel­falt stärkt das gesell­schaft­li­che Zusam­men­le­ben und macht deut­lich: Auch der Islam gehört in den öffent­li­chen Raum. Nicht als abs­trak­tes Kon­zept, son­dern durch die Men­schen, die ihn leben, durch ihre Teil­nahme am gesell­schaft­li­chen Leben und durch ihren Bei­trag zu einer gerech­ten, fried­li­chen und soli­da­ri­schen Gesellschaft.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T14:15:04+01:00November 27th, 2025|Religiöse Vielfalt, These|Kommentare deaktiviert für

Reli­giöse Viel­falt stärkt das Zusammenleben

THESE 5: Reli­gion gehört in den öffent­li­chen Raum

Ali Mete ist Sprecher des Koordinationsrats der Muslime (KRM).