Rei­bung als Chance

Plä­doyer für eine Stadt in Vielfalt

Der Blick auf Klin­gel­schil­der zeigt: Deutsch­land ist viel­fäl­ti­ger gewor­den. Und ja: Das zeigt sich nicht nur an den Namen, es zeigt sich auch im Stadt­bild. Kul­tu­relle Diver­si­tät gehört zu den Städ­ten – hier mehr, dort weni­ger. Sie ist gelebte Globalisierung.

Kul­tu­relle Diver­si­tät durch Migra­tion ist nicht neu. Und sie war auch in der Ver­gan­gen­heit mit Anpas­sungs­kon­flik­ten ver­bun­den: auf Sei­ten der Neuen wie der Ein­ge­ses­se­nen. Aus­lö­ser von Migra­ti­ons­be­we­gun­gen waren häu­fig Pro­bleme auf dem Arbeits­markt der auf­neh­men­den wie auch der abge­ben­den Gesell­schaf­ten. Schon die ost­preu­ßi­sche Ein­wan­de­rung von Arbeits­kräf­ten ins Ruhr­ge­biet des frü­hen 20. Jahr­hun­derts ver­lief nicht pro­blem­frei, ebenso wenig die Zuwan­de­rung von Men­schen durch Anwer­be­ab­kom­men ab den 1960er Jah­ren. Es begeg­ne­ten ein­an­der eben nicht nur Arbeits­kräfte in den Zechen und Werk­hal­len Deutsch­lands, die Arbeits­kraft gegen Lohn tausch­ten. Son­dern auch Nach­barn in ihrem städ­ti­schen Umfeld, in Kir­chen­ge­mein­den, Sport­ver­ei­nen und auf ande­ren Markt­plät­zen des öffent­li­chen und gemein­schaft­li­chen Lebens: Men­schen mit unter­schied­li­chen Her­kunfts­ge­schich­ten, mit ver­schie­de­nen kul­tu­rel­len Iden­ti­tä­ten und Praxen.

Hin­zu­ge­tre­ten ist die gewach­sene Indi­vi­dua­li­sie­rung in post­mo­der­nen Gesell­schaf­ten. Das wär­mende Herd­feuer des gemein­schaft­li­chen Tat­ort-Erleb­nis­ses hat sich auf­ge­löst in eine Viel­zahl medial ver­mit­tel­ter Rea­li­täts­aus­schnitte, die mit­ein­an­der in Kon­takt oder in Kon­flikt tre­ten und das gemein­same Erle­ben und die gemein­same Sicht stär­ker auf­lö­sen denn je. Die demo­kra­ti­sche Öffent­lich­keit selbst ist mit den Angrif­fen auf den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk und dem Reich­wei­ten­ver­lust der loka­len Print­me­dien in Gefahr. Eine Stadt­ge­sell­schaft, die sich in Milieus auf­löst, die den Kon­takt zuein­an­der ver­lie­ren: Das ist zuneh­mend die Rea­li­tät, mit der Ver­wal­tun­gen, Räte, Ober­bür­ger­meis­te­rin­nen und Ober­bür­ger­meis­ter umge­hen müs­sen. Ihre Auf­gabe ist es nun mehr denn je, die Stadt zusammenzuhalten.

Die Instru­mente der Inte­gra­tion sind in den Städ­ten viel­fach erprobt. Sie gehö­ren zu einem akzep­tier­ten Instru­men­ten­kas­ten der kom­mu­na­len Ver­wal­tun­gen, über den im Grunde nicht gestrit­ten wird: Sprach­er­werb, Arbeits­markt­in­te­gra­tion, Zugang zu Bil­dung und Betreu­ung, Auf­bau von Selbst­hil­fe­st­ruk­tu­ren durch die För­de­rung von Migran­ten­selbst­or­ga­ni­sa­tio­nen, inter­kul­tu­relle Öff­nung der Ver­wal­tun­gen: Die Städte haben im Feld der Inte­gra­tion viel gelernt. Zu Recht bekla­gen sie aber, dass Bund und Län­der der Dau­er­auf­gabe Inte­gra­tion nicht mit der glei­chen Auf­merk­sam­keit begeg­nen wie der Steue­rung von Migra­tion. Es gibt kei­nen ver­bind­li­chen Rechts­rah­men auf Län­der- oder Bun­des­ebene, der Inte­gra­ti­ons­auf­ga­ben beschreibt, mit Instru­men­ten und Zie­len ver­bin­det. Und auch kei­nen, der sie nach­hal­tig finan­ziert. Die bra­chiale Kür­zungs­ab­sicht der Bun­des­re­gie­rung, für den Haus­halt 2025 die Finan­zie­rung von Inte­gra­ti­ons­kur­sen um 50 Pro­zent vor­zu­se­hen (die am Ende wie­der zurück­ge­nom­men wurde), zeigt: Die Erkennt­nis, dass Inte­gra­tion eine staat­li­che Dau­er­auf­gabe ist, muss noch wei­ter wach­sen. Ebenso die Erkennt­nis, dass jemand diese Dau­er­auf­gabe erfül­len muss, wenn man das Feld der kul­tu­rel­len Viel­falt nicht als stra­te­gi­sches Spiel­feld dem Rechts­po­pu­lis­mus über­las­sen will. Darum bleibt Inte­gra­tion eine zwar not­wen­dige, aber in der Form der Aus­ge­stal­tung den Kom­mu­nen über­las­sene Auf­gabe. Die Städte stel­len sich ihr, weil sie wis­sen, dass Inte­gra­tion der Kitt der Stadt­ge­sell­schaft ist.

Je stär­ker der Druck vom poli­ti­schen rech­ten Rand gewor­den ist, desto mehr ist es not­wen­dig, sich (wie­der ein­mal) dar­über zu ver­stän­di­gen, wel­ches Bild von Gemein­schaft wir haben: Sind wir eine Gemein­schaft in Viel­falt, die Diver­si­tät aner­ken­nen und sogar wert­schät­zen will? Ist „das Andere“ damit Teil eines kul­tu­rel­len Reich­tums, der in Kon­takt und Dia­log mit uns tritt, des­sen For­men der Erklä­rung und damit der Orte bedür­fen, an denen „das Andere“ auch expli­zit zum Thema, wo nötig auch zum Streit­thema gemacht wer­den kann? Oder ver­fol­gen wir das Ziel­bild einer Leit­kul­tur, auf die hin sich das Neue, das Andere ein­fach hin­zu­ent­wi­ckeln hat?

Eine Stadt in Viel­falt und gegen­sei­ti­ger Wert­schät­zung, getra­gen von Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus und damit dem Bekennt­nis zu unse­rem wer­te­ba­sier­ten Grund­ge­setz: Damit ist der Rah­men gesetzt, um die kul­tu­relle Rei­bung, die Inte­gra­tion erzeugt, bear­bei­ten und mit­ein­an­der aus­han­deln zu kön­nen. Darum braucht es neben der Hard­ware von Arbeits­markt­in­te­gra­tion, Woh­nungs­an­ge­bo­ten, Schul­plät­zen noch ein Mehr. Kul­tu­relle Pro­jekte in den Städ­ten, offene Erfah­rungs­räume in kul­tu­rel­len Kon­tex­ten, inter­re­li­giöse Dia­log­for­men, For­mate der Erin­ne­rungs­kul­tur in den Städ­ten, dritte Orte oder Stadt­teil­zen­tren eröff­nen den Raum, um gesell­schaft­li­che Trig­ger­punkte auf­zu­spü­ren. Erin­ne­rungs­kul­tur ist dabei bedeut­sam, um ein­an­der das gemein­same Land zu erklä­ren und die Spu­ren aus­zu­deu­ten, die die Geschichte in den Städ­ten, ihren Bau­wer­ken und Stra­ßen, aber auch den Her­zen der Men­schen hin­ter­las­sen hat. Rei­bung erzeugt eben auch Wärme. Das ist eine Chance.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T12:56:56+01:00November 27th, 2025|Einwanderungsgesellschaft, Kulturelle Vielfalt, Teilhabe|Kommentare deaktiviert für

Rei­bung als Chance

Plä­doyer für eine Stadt in Vielfalt

Daniela Schneckenburger ist Beigeordnete des Deutschen Städte- tages für Integration, Migration, Bildung, Kultur, Sport und Gleich- stellung.