Lohn­ar­beit ist Trei­ber für Inte­gra­tion und Teilhabe

THESE 14: „Erwerbs­ar­beit ist wich­tig für Teil­habe, Iden­ti­fi­ka­tion und sozia­len Zusammenhalt“

Erwerbs­ar­beit ist ein Schlüs­sel für Teil­habe und Iden­ti­fi­ka­tion, und bei­des ist die Vor­aus­set­zung für sozia­len Zusam­men­halt. Als Gewerk­schaf­ten wis­sen wir sehr genau, wel­che Rolle die Erwerbs­ar­beit für den Zusam­men­halt einer Gesell­schaft spielt. Sie kann zu Aner­ken­nung, finan­zi­el­ler und sozia­ler Sicher­heit, kul­tu­rel­ler und poli­ti­scher Teil­habe füh­ren. Sie kann aber auch Aus­schluss, Mar­gi­na­li­sie­rung und Abhän­gig­keit beför­dern. Nur „Gute Arbeit“, also eine tarif­ver­trag­lich gere­gelte Arbeit, kann zum ein­gangs genann­ten Schlüs­sel wer­den. Aber gute Erwerbs­ar­beit kann noch viel mehr.

In Zei­ten mas­si­ver gesell­schaft­li­cher Kon­flikte und einer schein­bar immer pola­ri­sier­te­ren Gesell­schaft ist es wich­tig, Orte der Begeg­nung, des Zusam­men­halts und des Aus­tau­sches zu ermög­li­chen. Dabei gerät oft der Ort aus dem Blick, der für die meis­ten Men­schen einen gro­ßen Teil des Tages und auch ihres Lebens bestimmt: der Betrieb, das Büro, die Dienst­stelle. Hier begeg­nen sich all­täg­lich Men­schen unter­schied­li­cher Her­kunft, mit unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Vor­lie­ben, die jedoch über die Lohn­ar­beit zur Zusam­men­ar­beit ver­pflich­tet und in ihrem urei­gens­ten Inter­esse auch auf Zusam­men­ar­beit ange­wie­sen sind. Lohn­ar­beit bie­tet den Beschäf­tig­ten die Mög­lich­keit, gemein­same Inter­es­sen über alle sons­ti­gen Unter­schiede hin­weg zu erken­nen, dar­aus gemein­same Schluss­fol­ge­run­gen zu zie­hen und Ansprü­che zu for­mu­lie­ren. Das ist der Grund­ge­danke gewerk­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tion: Gemein­sam kön­nen wir mehr erreichen!

Die Geschichte gewerk­schaft­li­cher Kämpfe für „Gute Arbeit“ zeigt immer wie­der, dass kol­le­giale Soli­da­ri­tät für Inte­gra­tion und Mit­ein­an­der sorgt und dort Brü­cken baut, wo es gesell­schaft­lich und poli­tisch oft Hin­der­nisse gibt. Die aktu­elle Migra­ti­ons­de­batte ist ein Bei­spiel dafür, aber auch die Geschichte der Arbeits­mi­gra­tion nach Deutschland.

Vor weni­gen Wochen beging der DGB den 70. Jah­res­tag des ers­ten Anwer­be­ab­kom­mens der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land mit Ita­lien im Jahr 1955. Schwer­punkt der Ver­an­stal­tung war der Weg vie­ler „Gast­ar­bei­ter“ in die DGB-Gewerk­schaf­ten. Mit Lorenzo Annese und Gio­vanni Pol­lice wur­den zwei Kol­le­gen mit der Hans-Böck­ler-Medaille aus­ge­zeich­net, die sinn­bild­lich für Inte­gra­tion, Teil­habe und Zusam­men­halt stehen.

Lorenzo wurde bereits 1965 der erste aus­län­di­sche Betriebs­rat in Deutsch­land, und zwar bei VW in Wolfs­burg. Sein gewerk­schaft­li­ches Enga­ge­ment hat vie­len aus­län­di­schen Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen den Weg in die Gewerk­schaf­ten geeb­net. Heute ist Daniela Cavallo, die Toch­ter eines ita­lie­ni­schen Gast­ar­bei­ters der ers­ten Stunde, Gesamt­be­triebs­rats­vor­sit­zende von VW und damit die erste Ver­tre­te­rin für 660.000 Beschäftigte.

Gio­vanni kam 1966, mit zwölf Jah­ren, nach Deutsch­land. Schnell fand er über die Lohn­ar­beit den Weg in die Gewerk­schaf­ten und war zwölf Jahre lang der Vor­sit­zen­der des „Kum­pel­ver­eins – Die Gelbe Hand“. Er hat den Ver­ein zu einem schlag­kräf­ti­gen Akteur gewerk­schaft­li­cher Anti­ras­sis­mus­po­li­tik gemacht und damit unend­lich viel zum Zusam­men­halt in Betrieb und Gesell­schaft beigetragen.

Beide, Gio­vanni und Lorenzo, sind gute Bei­spiel dafür, wie Lohn­ar­beit zum Trei­ber für Inte­gra­tion und Teil­habe wer­den kann, vor allem dann, wenn sie mit einem gewerk­schaft­li­chen Enga­ge­ment zusam­men­fällt, das immer auf kol­lek­tive Ver­bes­se­run­gen zielt und damit einen wich­ti­gen Bei­trag zum gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt leistet.

Was in der Ver­gan­gen­heit funk­tio­niert hat, funk­tio­niert auch heute. Trotz aller Auf­re­gun­gen und poli­tisch teils ver­hetz­ter Debat­ten zeigt ein nüch­ter­ner Blick: Inte­gra­tion, Teil­habe und sozia­ler Zusam­men­halt kön­nen auch in der moder­nen Migra­ti­ons­ge­sell­schaft gelin­gen – und auch heute ist Lohn­ar­beit ein Schlüssel.

Vor weni­gen Mona­ten wurde berich­tet, dass die Beschäf­ti­gungs­quote derer, die im Zug der gro­ßen Migra­ti­ons­be­we­gung 2015 nach Deutsch­land kamen, inzwi­schen dem Durch­schnitt der Gesamt­be­völ­ke­rung ent­spricht. Das trifft lei­der nicht auf alle zu, denn bei den Frauen gibt es hier noch deut­lich Nach­hol­be­darf. Aber die Rich­tung stimmt.

Lange wurde über die nied­rige Erwerbs­quote von Ukrai­ne­rin­nen und Ukrai­nern gespro­chen, jetzt mel­den die zustän­di­gen Insti­tute, dass es nach dem erfolg­rei­chen Sprach­er­werb von immer mehr Men­schen aus der Ukraine einen sprung­haf­ten Anstieg der Beschäf­ti­gung gibt. Auch hier stimmt die Richtung.

Als Gewerk­schaf­ten orga­ni­sie­ren wir Men­schen unab­hän­gig von Her­kunft, Kul­tur, Reli­gion und Welt­an­schau­ung mit dem Ziel, gemein­sam die Bedin­gun­gen des eige­nen Lebens zu ver­bes­sern. „Stark mit uns“ ist ein Motto des DGB, das den Drei­klang aus Inte­gra­tion, Teil­habe und sozia­lem Zusam­men­halt auf­nimmt und auf die Stärke von Soli­da­ri­tät und gemein­sa­men Inter­es­sen setzt. Dort, wo über Lohn­ar­beit Inte­gra­tion und Teil­habe errun­gen wird, fin­den sich auch die Ansatz­punkte für einen gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt, der alle ein­schließt, nicht exklu­siv und einer sozial fun­dier­ten Demo­kra­tie ange­mes­sen ist.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T14:36:28+01:00November 27th, 2025|Arbeitsmarkt, Teilhabe, These|Kommentare deaktiviert für

Lohn­ar­beit ist Trei­ber für Inte­gra­tion und Teilhabe

THESE 14: „Erwerbs­ar­beit ist wich­tig für Teil­habe, Iden­ti­fi­ka­tion und sozia­len Zusammenhalt“

ist Mitglied im Geschäftsführenden Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB)