In Milieus und Dis­kur­sen rechts außen kann Kul­tur emo­tio­nal irritieren

„Solange unser Herz klopft“

„Lie­ber Fried­rich, du hast echt bezau­bernde Töchter

Wir auch, aber unsre hau­sen in Löchern

Jun­kies im Flur, Hoch­haus mit Verbrechen

Aber nicht, dass du denkst, dass wir Aus­län­der meckern

Ne, wir sind brav, wir sind deine Putzkräfte

Unsre Mamas feu­ert man für paar Schmutzreste

Sofort kon­trol­liert, wenn ich mich in den Bus setze

Abends gehen wir dann wie­der heim ohne Schutzweste

Doch solange unser Herz klopft

Ist Almanya unsre Herkunft

Lei­der komm’n keine Kana­ken rein bei BlackRock

Des­halb kna­cken wir den Jackpot“

Mit die­sen Zei­len reagierte der tür­kisch­stäm­mige Rap­per Eko Fresh auf die von Bun­des­kanz­ler Merz initi­ierte Stadt­bild-Debatte. Die zunächst undif­fe­ren­zierte Äuße­rung des Kanz­lers, Migra­tion sei „immer im Stadt­bild noch die­ses Pro­blem“, gegen das „in sehr gro­ßem Umfang Rück­füh­run­gen“ nötig seien, ord­nete er erst zu spät ein, als der Scha­den schon gemacht war. Am äußer­li­chen Bild, an der Nasen­spitze oder der Haut­farbe sind weder Auf­ent­halts­sta­tus noch Kri­mi­na­li­tät zu erkennen.

Die pola­ri­sierte Migra­ti­ons­dis­kus­sion ver­langt nach mehr Dif­fe­ren­zie­rung – erst recht in einem Debat­ten­um­feld, in dem For­mu­lie­run­gen wie „irre­gu­läre Migra­tion been­den“ oder „kri­mi­nelle Aus­län­der abschie­ben“ zu gesell­schaft­lich akzep­tier­ten Chif­fren für „Aus­län­der raus“ gewor­den sind. Laut Bun­des­in­nen­mi­nis­te­rium waren im Juni gerade mal etwa 41.500 Men­schen unmit­tel­bar aus­rei­se­pflich­tig – gemes­sen an der Gesamt­be­völ­ke­rung kommt damit eine aus­rei­se­pflich­tige Per­son auf 2.000 Men­schen. Die Abschie­bung die­ser Gruppe wird weder das Stadt­bild ver­än­dern noch soziale Pro­bleme wie Armut, Kri­mi­na­li­tät, Dro­gen, Woh­nungs­man­gel oder die Finanz­not vie­ler Kom­mu­nen ernst­haft lin­dern. Selbst die Abschie­bung wei­te­rer ca. 185.000 Men­schen, deren Aus­rei­se­pflicht durch eine Dul­dung aus­ge­setzt ist, wird das Stadt­bild in einem Land, in dem mehr als 21 Mil­lio­nen Men­schen mit einer Ein­wan­de­rungs­ge­schichte leben, nicht so ändern, wie es sich die­je­ni­gen wün­schen, die ras­sis­ti­sche „Über­frem­dungs­ängste“ pfle­gen. Der kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Mitte-Stu­die der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld zu rechts­extre­men Ein­stel­lun­gen in Deutsch­land fol­gend stimm­ten 2024/2025 15 Pro­zent der Befrag­ten sehr und 12 Pro­zent eher der Aus­sage zu: „Die Bun­des­re­pu­blik ist durch die vie­len Aus­län­der in einem gefähr­li­chen Maß über­frem­det.“ Wei­tere 28 Pro­zent stimm­ten teils zu, teils nicht zu. In der vor­he­ri­gen Erhe­bung 2020/2021 stimm­ten die­ser Aus­sage sechs Pro­zent jeweils voll und sechs über­wie­gend und wei­tere 21 Pro­zent teil­weise zu. Zwi­schen 2021 und 2024 ist der Anteil von Men­schen mit Ein­wan­de­rungs­ge­schichte um ca. 2,6 Pro­zent­punkte gestie­gen, ins­be­son­dere auf­grund des umfas­sen­den Angriffs Russ­lands auf die Ukraine. Mani­feste soge­nannte Über­frem­dungs­ängste sind im glei­chen Zeit­raum um 15,5 Pro­zent­punkte gestie­gen. Par­al­lel dazu ist der Zuspruch für die AfD grö­ßer gewor­den, wäh­rend die Par­tei sich wei­ter radikalisierte.

Die Rechts­au­ßen­par­tei hat, wie es in der Poli­tik­wis­sen­schaft heißt, die „Issue Owner­ship“ für Skep­sis und Ableh­nung von Migra­tion. Das bedeu­tet, ihr wird bei die­sem Thema eine beson­dere Deu­tungs­ho­heit und Kom­pe­tenz zuge­schrie­ben – unab­hän­gig davon, ob ihre Vor­schläge ver­fas­sungs­kon­form, men­schen­rechts­kom­pa­ti­bel, rea­lis­tisch oder wirk­sam sind. Wenn über Migra­tion und Abschie­bun­gen gestrit­ten wird, stärkt dies jene, die am lau­tes­ten, längs­ten, dras­tischs­ten, radi­kals­ten und auf­grund ihrer Pene­tranz am glaub­wür­digs­ten for­dern, här­ter durch­zu­grei­fen. Andere Par­teien, die fast unun­ter­scheid­bar in die­ses Schema ein­stei­gen, bestä­ti­gen die von den Rechts­extre­men gesetz­ten Pro­blem­rah­men und nor­ma­li­sie­ren deren Agenda. Der Fokus wird von kom­ple­xen Ursa­chen sozia­ler Pro­bleme hin zu einer eth­ni­sier­ten Kon­flikt­li­nie ver­scho­ben. Das Zusam­men­spiel aus rea­ler Zuwan­de­rung, poli­ti­scher Radi­ka­li­sie­rung und ras­sis­ti­scher Mobi­li­sie­rung ist weni­ger Abbild objek­ti­ver Bedro­hun­gen als Aus­druck einer poli­tisch pro­du­zier­ten sym­bo­li­schen Krise, in der Min­der­hei­ten zum Ven­til für struk­tu­relle Pro­bleme und viel­fäl­tige Unzu­frie­den­hei­ten gemacht werden.

Ein Blick auf die jüngs­ten Par­la­ments­wah­len in den Nie­der­lan­den zeigt, dass diese Dyna­mik nicht irrever­si­bel ist. Dort ist der Ver­such, eine extrem migra­ti­ons­feind­li­che Agenda in Regie­rungs­ver­ant­wor­tung unter Betei­li­gung der äußers­ten Rech­ten umzu­set­zen, geschei­tert und hat zu Ernüch­te­rung geführt: Die ver­spro­che­nen ein­fa­chen Lösun­gen blie­ben aus, statt­des­sen führte die Regie­rungs­be­tei­li­gung von Geert Wil­ders zu Kri­sen, Kon­flik­ten und Blo­cka­den. Aus die­ser Erfah­rung erneu­er­ten die ande­ren Par­teien im Wahl­kampf eine klare Abgren­zung gegen­über der extre­men Rech­ten und boten zugleich mit einem pro-demo­kra­ti­schen, sozial- und kli­ma­po­li­tisch ori­en­tier­ten Kurs ein glaub­wür­di­ges Gegen­an­ge­bot an, das auf eine Ver­schie­bung des öffent­li­chen Agenda-Set­tings setzte – weg von eth­ni­sier­ten Sche­in­ur­sa­chen hin zu Fra­gen von sozia­ler Sicher­heit, Woh­nen, Infra­struk­tur und Zukunfts­ge­rech­tig­keit. Die nie­der­län­di­sche Erfah­rung zeigt: Die ras­sis­ti­sche Dra­ma­ti­sie­rung von Migra­tion ver­liert an Zug­kraft, wenn ihre Prot­ago­nis­ten sich an der Rea­li­tät mes­sen las­sen müs­sen, wenn poli­ti­sche und mediale Akteure ihre Deu­tungs­ho­heit nicht reflex­haft bestä­ti­gen und wenn es attrak­tive, hand­lungs­fä­hige Alter­na­ti­ven gibt, die gesell­schaft­li­che Kon­flikte nicht ent­lang von Her­kunfts­li­nien zuspit­zen, son­dern eigene und inte­gra­tive Lösun­gen in den Vor­der­grund stellen.

Diese Ein­sich­ten sind zwar nicht neu, aber offen­kun­dig noch nicht in der Bun­des­re­gie­rung ange­kom­men. Geht es so wei­ter wie bis­her, ver­hilft sie der, im inter­na­tio­na­len Ver­gleich beson­ders extre­men, AfD an die Macht, bevor sich viel­leicht – aber viel­leicht auch nicht – ähn­li­che Lern­erfolge wie in den Nie­der­lan­den auch hier­zu­lande ein­stel­len. Das wäre ver­meid­bar, doch womög­lich gilt hier das Sprich­wort: Wer nicht hören will, muss füh­len. Schä­den durch eine AfD-Regie­rungs­be­tei­li­gung – zunächst auf Lan­des­ebene – wür­den in der Kul­tur, in der Bil­dung und in der Zivil­ge­sell­schaft beson­ders schnell und stark ein­tre­ten; aus ideo­lo­gi­schen Grün­den, auf­grund der weit­ge­hen­den Lan­des­ho­heit in die­sen Poli­tik­fel­dern und weil nega­tive Fol­gen im Kern­mi­lieu der Par­tei kaum spür­bar sein werden.

Der direkte Weg der AfD an die Macht führt über die Land­tags­wah­len 2026; ins­be­son­dere in Sach­sen-Anhalt und Meck­len­burg-Vor­pom­mern wird es, aus­ge­hend von aktu­el­len Umfra­ge­wer­ten, nur sehr schwer mög­lich sein, über­haupt Koali­tio­nen ohne die Rechts­extre­men zu bil­den. In Sach­sen-Anhalt steht die dort beson­ders völ­kisch auf­tre­tende Par­tei in ein­zel­nen Umfra­gen bei 40 Pro­zent der Stim­men – womit sie ihr aktu­el­les Sym­pa­thi­san­ten­feld voll­stän­dig aus­mo­bi­li­sie­ren würde. Diese Höchst­werte über das rechts­extreme Milieu hin­aus schafft keine andere Par­tei und ist weder mit dem Pro­gramm noch mit der Tik­Tok-Prä­senz von Spit­zen­kan­di­dat Sieg­mund zu erklä­ren. Son­dern ers­tens vor allem mit dem extre­men Ver­trau­ens­ver­lust und der mas­si­ven Unzu­frie­den­heit mit den demo­kra­ti­schen Par­teien: Die aktu­elle Bun­des­re­gie­rung ist noch unbe­lieb­ter als die Ampel-Regie­rung zum glei­chen Zeit­punkt. Zwei­tens akti­viert die AfD mitt­ler­weile vor allem ein spe­zi­fi­sches Milieu, das sozio­de­mo­gra­fisch ins­be­son­dere durch ein­fa­che Bil­dungs­ab­schlüsse und Arbei­ter­iden­ti­tä­ten gekenn­zeich­net ist und in dem sich viele – mit­un­ter durch­aus zu Recht – im Zuge von Bil­dungs­expan­sion, Glo­ba­li­sie­rung, gesell­schaft­li­cher Libe­ra­li­sie­rung und stei­gen­den Prei­sen als abge­hängt, ent­wer­tet, nicht reprä­sen­tiert und fremd­be­stimmt wahr­neh­men. Die­ses sozio­struk­tu­relle Milieu ist vor allem in Ost­deutsch­land und länd­li­chen Regio­nen domi­nant. An struk­tu­rel­len Pro­ble­m­ur­sa­chen ändert der Ras­sis­mus zwar nichts, aber auch nicht die Mah­nun­gen und Beleh­run­gen, die Appelle, For­de­run­gen und War­nun­gen der poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und sozio­kul­tu­rel­len Eli­ten und ihrer oft distin­gu­ier­ten Spra­che. Das muss auch das links­li­be­rale Spek­trum ler­nen: Die affek­tive und iden­ti­täre Nor­ma­li­sie­rung des Rechts­extre­mis­mus ist weit fort­ge­schrit­ten – reine Abgren­zun­gen gegen rechts zum eige­nen Milieu­schutz sind auf poli­ti­scher Ebene vie­ler­orts bereits ver­lo­rene Kämpfe. Die stark auf affek­ti­ven Dyna­mi­ken und pola­ri­sie­ren­der Iden­ti­täts­bil­dung basie­rende Mobi­li­sie­rung und Rechts­ra­di­ka­li­sie­rung las­sen sich auch nicht ein­fach im Tages­ge­schäft poli­tisch weg­re­gie­ren. Sie ver­lan­gen eine andere Form von Reprä­sen­ta­tion, Kom­mu­ni­ka­tion, Emo­tio­na­li­sie­rung und Agenda-Set­ting, zu der die poli­ti­schen Par­teien der­zeit nicht in der Lage sind. Zivil­ge­sell­schaft, Kunst und Kul­tur haben dafür große Chan­cen, wenn sie sich stär­ker öff­nen: in die All­tags­rea­li­tä­ten von Milieus mit über­pro­por­tio­na­lem Rechts­drift hin­ein, ohne die extrem rech­ten The­men zu bedienen.

Dies gelingt für jugend­li­che Ziel­grup­pen mit Beats und Pun­ch­li­nes von Eko Fresh oder dem Rap­per Haft­be­fehl bes­ser als durch staats­tra­gende Anspra­chen, poli­ti­sche Brand­mau­ern, mora­li­sche Avant­garde und Hoch­kul­tur (oder sozio­lo­gi­sche Essays). Nicht­aka­de­mi­sche (migran­ti­sche Künst­le­rin­nen und Künst­ler) mit Street-Cre­di­bi­lity eig­nen sich weni­ger für sym­bo­li­sche Rock-gegen-Rechts-Events als für plu­ra­lis­ti­sche Iden­ti­täts­an­ge­bote in der Post­mi­gra­ti­ons­ge­sell­schaft – mit­un­ter inklu­sive toxi­scher Männ­lich­kei­ten und poli­ti­scher Unkor­rekt­heit. So wie auch das Lebens­werk der Band „Die Ärzte“ trotz anti­fa­schis­ti­scher Hym­nen („Ohoh … Arsch­loch!“) kaum einen Preis für inter­sek­tio­na­len Femi­nis­mus erhal­ten wird; das schafft wohl eher die popu­läre, aka­de­misch gebil­dete Pop-Femi­nis­tin Ikkimel.

Ob in der Poli­tik oder in der Kul­tur – es ist theo­re­tisch ein­fach: Es gilt, sich weder von der (dro­hen­den) Macht der Rech­ten Angst machen noch den Kurs dik­tie­ren zu las­sen. Statt­des­sen lohnt es sich, selbst­be­wusst, frech, mit einer star­ken eige­nen Marke ohne Ober­leh­rer-Atti­tüde hin­ein in das emo­tio­nale und sozio­kul­tu­relle Milieu der äuße­ren Rech­ten zu gehen und dazu bei­zu­tra­gen, Frus­tra­tio­nen und Ver­un­si­che­run­gen eine andere Rich­tung zu geben. Das heißt oft, sich auf habi­tu­ell ent­fernte Lebens­wel­ten ein­zu­las­sen und in Gren­zen auch mora­li­sche Bauch­schmer­zen stra­te­gisch zu igno­rie­ren. Bei den Wah­len in den Nie­der­lan­den und in New York ist es damit zuletzt gelun­gen, dem glo­ba­len Rechts­ruck zu begegnen.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T12:23:07+01:00November 27th, 2025|Demokratie, Einwanderungsgesellschaft, Kulturelle Vielfalt, Rassismus|Kommentare deaktiviert für

In Milieus und Dis­kur­sen rechts außen kann Kul­tur emo­tio­nal irritieren

„Solange unser Herz klopft“

ist Professor für Soziologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal und Rechtsextremismusforscher.