Gesell­schaft­li­cher Zusam­men­halt ist nicht selbstverständlich

Das MIDEM-Pola­ri­sie­rungs­ba­ro­me­ter

Kein Tag ver­geht, ohne dass vor gesell­schaft­li­cher Spal­tung und poli­ti­scher Pola­ri­sie­rung gewarnt wird. In der poli­ti­schen Rede han­delt es sich inzwi­schen um Gemein­plätze, im aka­de­mi­schen Dis­kurs wird darum gestrit­ten, ob es wirk­lich so schlimm um Gesell­schaft und Poli­tik bestellt ist oder ob Pola­ri­sie­rung in der Demo­kra­tie not­wen­dig ist, um Kon­flikte sicht­bar und dann auch ent­schei­dungs­fä­hig wer­den zu las­sen. Auch könnte es sich um einen Schein­be­fund han­deln, der – quasi als per­for­ma­ti­ver Sprech­akt – erst das erzeugt, vor dem zu war­nen man sich bemü­ßigt fühlt.

Auf jeden Fall aber zeigt der öffent­li­che Dis­kurs an, dass etwas frag­wür­dig gewor­den ist, von dem lange ange­nom­men wer­den durfte, dass es selbst­ver­ständ­lich sei: der gesell­schaft­li­che Zusam­men­halt und die Kraft poli­ti­scher und kul­tu­rel­ler Inte­gra­tion. Offen­sicht­lich haben die Kri­sen­er­fah­run­gen der letz­ten andert­halb Jahr­zehnte einen Zukunfts­pro­spekt erschüt­tert, der in sta­bi­len Frie­dens-, Demo­kra­tie- und Pro­spe­ri­täts­er­war­tun­gen die Zei­ten­wende von 1989/90 fort­ge­schrie­ben hatte. Euro-, Ban­ken- und Finanz­krise, die Migra­ti­ons­dy­na­mi­ken von 2015, die Pan­de­mie und die Wie­der­kehr von Krieg in Europa, der Auf­stieg des rechts­au­tori­tä­ren und natio­na­lis­ti­schen Popu­lis­mus, die geo­po­li­ti­schen und geo­öko­no­mi­schen Ver­wer­fun­gen der inter­na­tio­na­len Ord­nung – all dies scheint die Sicht von Gesell­schaf­ten auf sich selbst und die Außen­welt fun­da­men­tal ver­än­dert zu haben. Dar­über wird in einer poli­ti­schen Öffent­lich­keit ver­han­delt, die, nicht zuletzt im Medium algo­rith­misch getrie­be­ner Platt­form­kom­mu­ni­ka­tion, immer ner­vö­ser und gereiz­ter wirkt. Und auch Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen sehen sich inzwi­schen einer pola­ri­sie­ren­den Dis­kus­sion aus­ge­setzt; Schlag­worte sind Diver­si­tät, Woke­ness, Post­ko­lo­nia­lis­mus und Anti­se­mi­tis­mus. Spal­tet Kul­tur, wo sie, in ihrer insti­tu­tio­nell ver­fass­ten Form, doch ver­meint­lich inte­grie­ren, das Gemein­same reprä­sen­tie­ren soll?

Eine aktu­elle Stu­die des Dresd­ner Mer­ca­tor Forum Migra­tion und Demo­kra­tie (MIDEM) zeich­net ein dif­fe­ren­zier­tes Bild der Pola­ri­sie­rungs- und Spal­tungs­dy­na­mi­ken in Deutsch­land. Das Beson­dere an die­ser Unter­su­chung ist, dass sie zwi­schen zwei For­men der Pola­ri­sie­rung, die oft mit­ein­an­der ver­wech­selt wer­den, unter­schei­det: ideo­lo­gi­sche und affek­tive Pola­ri­sie­rung. Wäh­rend ers­tere auf inhalt­li­che Dif­fe­ren­zen zwi­schen poli­ti­schen Posi­tio­nen ver­weist, beschreibt letz­tere die emo­tio­nale Auf­la­dung der Aus­ein­an­der­set­zung – die Art und Weise, wie Gleich­den­ken­den Sym­pa­thie ent­ge­gen­ge­bracht und Anders­den­ken­den nicht nur wider­spro­chen wird, son­dern wie sie abge­lehnt wer­den. Diese Unter­schei­dung ist essen­zi­ell, weil sie zwi­schen demo­kra­tie­theo­re­tisch not­wen­di­gem Kon­flikt und poten­zi­ell demo­kra­tie­ge­fähr­den­der gesell­schaft­li­cher Spal­tung dif­fe­ren­ziert. Mit ideo­lo­gi­scher Pola­ri­sie­rung, der Her­aus­bil­dung star­ker kon­kur­rie­ren­der Mei­nungs­la­ger, die sich zu poli­ti­schen The­men kon­tro­vers ver­hal­ten, kann man umge­hen. Das ist All­tag in einer Demo­kra­tie, die sich den Pro­ble­men einer viel­fäl­ti­gen, von unter­schied­li­chen Inter­es­sen, Prä­fe­ren­zen und Lebens­la­gen gepräg­ten Gesell­schaft stel­len muss. Wenn aber zur ideo­lo­gi­schen Pola­ri­sie­rung die affek­tive hin­zu­tritt, wird die Sache kom­pli­zier­ter. Affekte kön­nen einen, emo­tio­nale Gemein­schaf­ten stif­ten, sie kön­nen aber auch tren­nen und pola­ri­sie­ren, indem sie unter­schied­li­che poli­ti­sche Posi­tio­nen auf­la­den, Dis­kurs­räume auf­hei­zen und Anlass geben, aus legi­ti­men poli­ti­schen Oppo­nen­ten Freunde und Feinde zu machen. Dann wird das Geschäft der Demo­kra­tie erschwert, Kon­flikte zu ent­schär­fen und Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, die Akzep­tanz finden.

Migra­tion als Brenn­punkt der Polarisierung

Wenn mehr als 80 Pro­zent der Deut­schen von einer Spal­tung der Gesell­schaft über­zeugt sind, ein Vier­tel davon gar eine „sehr starke Spal­tung“ sehen, dann stellt sich die Frage, wel­ches die The­men sind, die spal­ten und pola­ri­sie­ren. Die Stu­die, bei der rund 4.400 Deut­sche im Früh­jahr 2025 (und ins­ge­samt rund 34.000 Per­so­nen in acht euro­päi­schen Län­dern) befragt wur­den, zeigt, dass Zuwan­de­rung heute das kon­flikt­träch­tigste Thema ist – vor sozia­ler Ungleich­heit, Kli­ma­wan­del und Krieg in Europa. Bei der Frage nach all­ge­mei­nen Zuzugs­mög­lich­kei­ten für Aus­län­der sind die Posi­tio­nen in Deutsch­land sehr deut­lich ver­teilt: Rund zwei Drit­tel spre­chen sich für eine wei­tere Ein­schrän­kung aus. Inter­es­san­ter­weise ver­kehrt sich die­ses Mei­nungs­bild beim Thema Fach­kräf­te­zu­wan­de­rung fast ins Gegen­teil – hier befür­wor­ten 61 Pro­zent eine Erleich­te­rung der Zuwan­de­rungs­mög­lich­kei­ten. Diese Dis­kre­panz ver­deut­licht, wie ein­zelne Grup­pen von Zuge­wan­der­ten in der Bevöl­ke­rung höchst unter­schied­lich wahr­ge­nom­men wer­den. Wäh­rend „Fach­kräfte“ offen­sicht­lich als not­wen­dig und nütz­lich ange­se­hen wer­den, schei­nen Begriffe wie „Zuwan­de­rer“ oder „Aus­län­der“ oft mit irre­gu­lä­rer Migra­tion und mit Belas­tun­gen für Sozi­al­sys­teme asso­zi­iert zu wer­den. Es zeigt sich, dass die ideo­lo­gi­sche Pola­ri­sie­rung beim Thema der all­ge­mei­nen Zuwan­de­rung ver­gleichs­weise gering aus­fällt, weil die meis­ten Befrag­ten für die Beschrän­kung votie­ren. Die affek­tive Pola­ri­sie­rung hin­ge­gen erreicht einen der höchs­ten Werte aller unter­such­ten The­men. Obwohl die Mehr­heit ähn­lich denkt, reagie­ren die Men­schen emo­tio­nal äußerst stark auf abwei­chende Mei­nun­gen. Migra­tion ist damit weni­ger ein Streit über Inhalte als über Zuge­hö­rig­keit zu einer Gruppe. Das Thema bewegt sich poten­zi­ell in der Reiz- und Spal­tungs­zone poli­ti­scher Kom­mu­ni­ka­tion – einem Bereich, in dem emo­tio­nale Auf­la­dung poli­ti­sche Kon­flikt­lö­sung erschwert.

Inte­gra­tion: Kon­flikt ohne Empörung

Anders ver­hält es sich bei der Frage nach den Anfor­de­run­gen an die Inte­gra­tion von Zuge­wan­der­ten. Hier ist die ideo­lo­gi­sche Pola­ri­sie­rung hoch, die affek­tive dage­gen nied­rig. Die Gesell­schaft ist also inhalt­lich gespal­ten, aber emo­tio­nal gefasst. Die einen beto­nen Spra­che, Geset­zes­treue und Arbeit als hin­rei­chende Inte­gra­ti­ons­be­din­gun­gen; die ande­ren ver­lan­gen zusätz­lich die Über­nahme kul­tu­rel­ler Lebens­wei­sen, was gemein­hin auch mit Assi­mi­la­tion umschrie­ben wird. Diese Kon­stel­la­tion macht das Thema Inte­gra­tion zu einem klas­si­schen Kon­flikt­thema. Zwei etwa gleich große Lager mit unter­schied­li­chen Vor­stel­lun­gen ste­hen sich gegen­über, begeg­nen sich aber ohne starke emo­tio­nale Auf­la­dung. Poli­ti­sches Han­deln erfor­dert hier zwar inten­sive Aus­hand­lungs­pro­zesse und Kom­pro­miss­fin­dun­gen, die Dis­kus­sio­nen blei­ben aber zumeist sach­lich. Im Gegen­satz zu Reiz­the­men wie der all­ge­mei­nen Migra­ti­ons­frage besteht bei der Inte­gra­ti­ons­de­batte eine grö­ßere Chance auf trag­fä­hige Lösun­gen. Ob die­ser Befund ange­sichts einer anhe­ben­den Dis­kus­sion über Ein­bür­ge­run­gen (ins­be­son­dere von Geflüch­te­ten aus Syrien) so bleibt, ist abzu­war­ten. Für den Fall einer pola­ri­sie­ren­den Poli­ti­sie­rung des The­mas durch Medien oder Poli­tik kann sich schnell eine span­nungs­ge­la­dene Empö­rungs­spi­rale entwickeln.

Diver­si­tät und Wert­vor­stel­lun­gen: Der kul­tu­relle Spannungsbogen

Beim The­men­feld Wert­vor­stel­lun­gen, das auch Fra­gen der gesell­schaft­li­chen Diver­si­tät umfasst, kann zunächst ein dif­fe­ren­zier­tes Bild gezeich­net wer­den. Eine Mehr­heit befür­wor­tet wei­tere Maß­nah­men gegen Dis­kri­mi­nie­rung sexu­el­ler Min­der­hei­ten, wäh­rend ein Drit­tel meint, der Staat gehe bereits zu weit. Zugleich äußert aber eine rela­tive Mehr­heit Vor­be­halte gegen­über der Sym­bol­po­li­tik von Regen­bo­gen­flag­gen im öffent­li­chen Raum. Sie fin­det, die Poli­tik sollte stär­ker gegen sol­che Sym­bole vor­ge­hen, weil damit „den spe­zi­el­len Inter­es­sen und Ansprü­chen einer gesell­schaft­li­chen Gruppe zu viel Auf­merk­sam­keit“ geschenkt werde. Es besteht also eine Dis­kre­panz zwi­schen grund­sätz­li­cher Unter­stüt­zung und öffent­li­cher Insze­nie­rung. Hier gibt sich der kul­tu­relle, iden­ti­täts­po­li­ti­sche Span­nungs­bo­gen zwi­schen Aner­ken­nung von Diver­si­tät und der For­de­rung nach öffent­li­cher, nor­ma­ti­ver Ori­en­tie­rung zu erken­nen. Beide The­men – Gleich­stel­lung und Sicht­bar­keit – wei­sen hohe ideo­lo­gi­sche wie affek­tive Pola­ri­sie­rung auf. In die­ser Spal­tungs­zone ent­ste­hen Iden­ti­täts­kon­flikte, in denen poli­ti­sche Geg­ner­schaft mora­lisch imprä­gniert ist. Wo es um Zuge­hö­rig­keit und Iden­ti­tät geht, wird das Gespräch schwierig.

Wer ist beson­ders polarisiert?

Das MIDEM Pola­ri­sie­rungs­ba­ro­me­ter zeigt, dass affek­tive Pola­ri­sie­rung kein Rand­phä­no­men ist, son­dern sich quer durch die Gesell­schaft zieht – aller­dings in unter­schied­li­cher Inten­si­tät. Über alle The­men hin­weg ten­die­ren Män­ner stär­ker als Frauen zur emo­tio­na­len Auf­la­dung. Beson­ders aus­ge­prägt ist diese Emo­tio­na­li­tät bei älte­ren Men­schen (über 60 Jahre) und Per­so­nen mit gerin­ge­rem Ein­kom­men. Wer sich poli­tisch klar „rechts“ oder „links“ ver­or­tet, weist ins­ge­samt ein über­durch­schnitt­li­ches emo­tio­na­les Erre­gungs­po­ten­zial auf, wobei dies für „Rechte“ noch deut­lich stär­ker aus­fällt als für „Linke“. Auf­fäl­lig ist zugleich, dass jün­gere, hoch­ge­bil­dete Milieus bei kul­tu­rel­len Wert­kon­flik­ten beson­ders emo­tio­nal reagie­ren – ein Hin­weis dar­auf, dass Pola­ri­sie­rung kein aus­schließ­lich „popu­lis­ti­sches“ Phä­no­men ist. Es hängt vom jewei­li­gen poli­ti­schen The­men­feld ab. Gene­rell aber gilt, dass die poli­ti­schen Rän­der stär­kere affek­tive Pola­ri­sie­rungs­werte auf­wei­sen als die poli­ti­sche Mitte.

Demo­kra­tie als poli­ti­sche Kul­tur der Differenz

Die Unter­schei­dung zwi­schen ideo­lo­gi­scher und affek­ti­ver Pola­ri­sie­rung ist für das Ver­ständ­nis demo­kra­ti­scher Pro­zesse zen­tral. Ideo­lo­gi­sche Pola­ri­sie­rung kann bis zu einem gewis­sen Grad als wün­schens­werte Form eines gesell­schaft­li­chen Plu­ra­lis­mus ver­stan­den wer­den. Sie schafft Alter­na­ti­ven, belebt den poli­ti­schen Wett­be­werb und sichert die Grund­la­gen der Demo­kra­tie. Wo poli­ti­sche Geg­ner zu mora­li­schen Fein­den wer­den, geht die Fähig­keit ver­lo­ren, Kon­flikte als legi­ti­men Teil des Gemein­sa­men zu begrei­fen. Demo­kra­tie lebt vom Streit – aber einem Streit, der auf Aner­ken­nung der ande­ren beruht und die dif­fe­ren­ten Welt­sich­ten, poli­ti­schen Posi­tio­nen und kul­tu­rel­len Iden­ti­tä­ten zu schät­zen weiß. Die affek­tive, mora­li­sie­rende Auf­la­dung führt indes dazu, dass die Infra­ge­stel­lung der eige­nen Posi­tion als Angriff auf die per­sön­li­che Iden­ti­tät ver­stan­den wird. So wird aus not­wen­di­gem Kon­flikt gesell­schaft­li­che Spal­tung. Ein zivi­li­sier­ter, acht­sa­mer poli­tisch-media­ler Dis­kurs kann dem entgegenwirken.

Mehr dazu

Die Stu­die ist unter forum-midem.de/polarisierungsbarometer-2025/ abruf­bar. Sie bil­det den Auf­takt einer mehr­jäh­ri­gen Panel­un­ter­su­chung, die Aus­sa­gen über Ver­än­de­run­gen der Pola­ri­sie­rungs­grade im Zeit­ver­lauf ermög­li­chen wird. Damit ent­steht ein Pola­ri­sie­rungs­ba­ro­me­ter, das nicht nur Moment­auf­nah­men lie­fert, son­dern auch Ent­wick­lungs­trends sicht­bar macht.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T12:27:31+01:00November 27th, 2025|Demokratie, Einwanderungsgesellschaft, Kulturelle Vielfalt, Rassismus|Kommentare deaktiviert für

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Hans Vorländer ist Inhaber des Lehrstuhls für Politische Theorie und Ideengeschichte und Direktor des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung an der TU Dresden.