Es gibt kein Wort für alle Wörter

Die Bedeu­tung von Spra­che für die Integration

ES GIBT KEIN WORT für den Vor­gang, wenn ein Kind zum ers­ten Mal eine Geschichte in einer Spra­che, die nicht seine erste ist, lesen und begrei­fen kann.

Es gibt kein Wort für das Gefühl, das ein Kind emp­fin­det, wenn es zum ers­ten Mal in einer Spra­che, die nicht seine erste ist, die eigene Geschichte erzäh­len darf. In der Geschichte lebt das Kind in einem Land, in dem seine erste Spra­che nur von weni­gen gespro­chen wird. Auf dem Schul­weg begeg­nen ihm Orks. Und es ist jemand da, der die Geschichte liest und fragt: „Hast du noch eine?“

Ich war die­ses Kind, und es war ein Deutsch­leh­rer, der mei­nen ers­ten zag­haf­ten Text­ver­su­chen auf Deutsch mit jener Frage begeg­net ist. Er ermu­tigte mich, noch mehr zu erzäh­len und auf Deutsch. Einem der Texte traute er sogar zu – nicht der Ange­le­gen­heit mit den Orks, son­dern einem Gedicht –, dass er auch andere inter­es­sie­ren könnte. Wir lasen das Gedicht und spra­chen dar­über in einer Deutsch­stunde. Die Bot­schaft an mich lau­tete: Auch wenn dein Deutsch nicht gut ist, du hast etwas zu sagen.

Das Gedicht han­delte von Hei­mat­ver­lust und trau­ri­gen Unsi­cher­hei­ten des Lebens im neuen Land. Einige aus der Klasse waren selbst Erzäh­ler die­ses The­mas, stellte sich her­aus. Die ande­ren kann­ten es von Hilde Domin und der Tages­schau. Sie alle beka­men nun ein paar Bil­der und Ideen dazu in den Ver­sen eines Gleich­alt­ri­gen mit, der auch noch im sel­ben Raum saß.

Die deut­sche Spra­che war in die­sen fünf­und­vier­zig Minu­ten, in denen Fatih aus der Tür­kei gut fand, wie sich nichts reimte, und Verena aus Dos­sen­heim den Kon­trast inter­es­sant zwi­schen dem Unver­trau­ten des Geflüch­te­ten­all­tags und dem ihr Ver­trau­ten der Natur, und Sia­vash erzählte, sein Onkel habe auch flie­hen müs­sen, aus dem Iran – die deut­sche Spra­che war nicht mehr nur mein lah­mes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pferd, son­dern machte, Lyrik gewor­den, sicht­bar, wer ich war und was mir wich­tig war, was mich beschäftigte.

Die Klasse sprach über den Jugo­sla­wi­en­krieg und die Nöte der Geflüch­te­ten, und ich, mit­ten­drin, fühlte mich: voll­stän­dig. Als sei ich bis zu dem Augen­blick jemand gewe­sen, des­sen Leben mit magi­scher Tinte geschrie­ben wor­den war, und nun ließ ein Leh­rer, ließ ein Gedicht, ließ Kul­tur, lie­ßen meine Mit­schü­ler die Schrift sicht­bar werden.

Worte fürs Wich­tige gefun­den zu haben und jeman­den, der meine Wort­fin­dung beglei­tete, ermu­tigte mich, wei­ter­zu­ma­chen. Ich schrieb bald schon weni­ger über Krieg oder über unser pre­kä­res Leben in Deutsch­land und mehr über Puber­tät, Liebe und diese Dinge. Die soge­nannte fremde Spra­che, das Deut­sche, wurde mir, Meta­pher für Meta­pher, weni­ger fremd. Etwas zu kön­nen, lässt es nicht mehr fremd sein.

Einen sol­chen Deutsch­leh­rer in ihrem Leben gibt es für die Wenigsten.

Es gibt ein Wort im Deut­schen, es heißt: Sprach­lo­sig­keit. Das Wort beschreibt die Unfä­hig­keit zu kom­mu­ni­zie­ren. Diese ist meist von kur­zer Dauer; das Ent­set­zen legt sich, die Fas­sung wird wiedererlangt.

In den jugo­sla­wi­schen Spra­chen gibt es das Wort nicht, man behilft sich mit einer Phrase: nemam riječi – „Ich habe keine Worte“. Ich glaube, das trifft die Situa­tion vie­ler Geflüch­te­ter bes­ser, die in einer neuen Spra­che und einem unbe­kann­ten Leben zurecht­zu­kom­men ver­su­chen. Die Sprach­lo­sig­keit nicht als das kurz­fris­tige Rin­gen um Worte, son­dern als ein Zustand.

Meine Mut­ter hatte dafür sogar ein eige­nes Bild. Die Flucht und die erste Zeit in Deutsch­land hät­ten sich für sie ange­fühlt, als würde sie auf einer rie­si­gen Bra­che ste­hen und rufen, aber nur die­je­ni­gen, die eben­falls auf der Bra­che her­um­geis­tern, könn­ten sie hören. Die ande­ren stün­den außer­halb und reagier­ten nicht: die Deutschen.

„Weil sie dich nicht ver­ste­hen?“, fragte ich.

„Nein“, sagte sie. Ver­ständ­lich machen habe sie sich immer irgend­wie kön­nen. Und es sei ihr auch nicht schwer­ge­fal­len, selbst nicht alles zu ver­ste­hen. Die Bra­che – das Worte-nicht-Haben – das war eher die zähe Erfah­rung der Hilf­lo­sig­keit, dass kaum etwas von dem, was sie sagte, etwas bewirkte. Etwas leich­ter machte. Meine Mut­ter hatte keine Worte gegen die Ver­lo­ren­heit im All­tag oder die Hitze in der Groß­wä­sche­rei, und die Dul­dung wurde trotz kor­rekt aus­ge­füll­ter Anträge wie­der nur um sechs Monate ver­län­gert. Die Sprach­lo­sig­keit ent­sprang der Müdig­keit nach Zwölf­stun­den­schich­ten, dem Zeit­man­gel für eigent­lich alles andere außer Arbeit. Sie kam aus der finan­zi­el­len Not und der Tat­sa­che, dass all die Beschwer­lich­kei­ten auch nie­man­den zu inter­es­sie­ren schie­nen, außer wie­der nur jene, die sie eben­falls trafen.

Die Bra­che, sagte meine Mut­ter, war eine kon­stante Unweg­sam­keit. Sie war Über­for­de­rung und sie war Unter­for­de­rung. Auf der Bra­che, sagte sie, wart dein Vater und du meine ein­zi­gen Freuden.

Die Sprach­lo­sig­keit bedeu­tete, über­se­hen und über­gan­gen zu wer­den, obwohl man sich Mühe gab und vor­an­kom­men wollte, auch nach­dem man die Spra­che gelernt hatte. Und die ande­ren hat­ten keine Worte, weil sie zum Dia­log nicht bereit waren. Auf­be­geh­ren half nichts; sie wusste, so erzählt sie es, dass sie in der Wäsche­rei sofort aus­ge­tauscht wor­den wäre, wenn sie sich etwa gegen die Arbeits­be­din­gun­gen gewehrt hätte.

Wenig Spra­che bedeu­tet wenig Teil­habe. Am Schaf­fen von All­tag, am Erschaf­fen von Kul­tur, am Gefühl von einem Zuhause. Aber auch mit mehr Spra­che braucht es jeman­den, der zuhört und dir Chan­cen gewährt. Die Wohn­si­tua­tion, der Auf­ent­halt, die Bil­dungs­be­din­gun­gen und die beruf­li­che Per­spek­tive – viele Pro­bleme der migran­tisch pre­kä­ren Lebens­la­gen wer­den nicht klei­ner, nur weil man sie kom­mu­ni­zie­ren kann.

Es ist also wich­tig, nicht nur Worte zu haben, son­dern auch jeman­den, der sich in deine Lage ver­set­zen kann. Idea­ler­weise ist das jemand, der das Leben auf der Bra­che kennt, sie bereits durch­quert hat. Eine Dol­met­sche­rin in der Geflüch­te­ten­un­ter­kunft, die sich erin­nert, wie es sich für sie selbst ange­fühlt hat, keine Worte zu haben, ver­mit­telt anders als jemand, der nur über­setzt (wobei man froh sein kann, wenn man über­haupt eine Dol­met­sche­rin hat).

In einem uto­pi­schen Sys­tem ist Reprä­sen­ta­tion in allen Lebens­be­rei­chen selbst­ver­ständ­lich – von Sozi­al­ar­beit über Behör­den bis hin zu Poli­tik und vor allem Kul­tur als einem Ort der Begeg­nung und Dar­stel­lung. Die Anlie­gen der „Bra­chen­menschen“ wer­den dort nicht als Ein­zel­fälle ver­han­delt, da sie von Beginn an struk­tu­rell berück­sich­tigt wer­den und mit mehr Geduld sowie Wohl­wol­len gegen­über Neu­an­kömm­lin­gen gerech­ter verhandelt.

Wer die Bra­che in der Mehr­heits­spra­che erklä­ren kann, hat sie meist schon ver­las­sen. Der Weg ist lang, der Sprach­er­werb kein Selbst­läu­fer, erst recht nicht in Stadt­vier­teln, in denen die Mehr­heits­spra­che nicht in der Mehr­heit ist.

Die seg­re­gie­rende Stadt­pla­nung der letz­ten Jahr­zehnte sowie eine vie­ler­orts iso­lie­rende Wohn­raum­po­li­tik gerade für Geflüch­tete (anstelle ver­bin­dend-inte­gra­ti­ver Kon­zepte) haben diese Bal­lung mit­ver­ur­sacht und zusätz­lich eine Tren­nung von sozio­öko­no­mi­schen Lebens­rea­li­tä­ten begünstigt.

Als Reak­tion ver­su­chen einige Bun­des­län­der, auch wir in Ham­burg, lokal mit einem Sozi­al­in­dex gegen­zu­steu­ern. Schu­len in soge­nann­ten Pro­blem­vier­teln erhal­ten mehr finan­zi­elle Mit­tel und zusätz­li­ches Personal.

Das allein reicht aber lange nicht. Neben eige­ner Lern­be­reit­schaft und Geduld, um sich Wis­sen zu erar­bei­ten, Sprach­fä­hig­kei­ten zu fes­ti­gen und so Teil­habe zu erwir­ken, braucht es von außen mehr Zuwen­dung: mehr Mit­tel für indi­vi­du­elle För­de­rung, mehr Räume zum Ler­nen, und eine Gesell­schaft, die ver­steht, dass Bil­dungs­ge­rech­tig­keit nicht allein in Klas­sen­zim­mern her­ge­stellt wer­den kann, son­dern durch gemein­same Bemü­hun­gen von Poli­tik, Medien, Fami­lie und Nach­bar­schaft, in kol­lek­tiv geteil­ter Ver­ant­wor­tung allen Kin­dern gegen­über. Kul­tur spielt hier­bei eine große Rolle.

*

Die Schrift­stel­le­rei ist ein merk­wür­di­ges Hand­werk. Es ist sogar viel­leicht das ein­zige, das sich einer Sache bedient, die zugleich Werk­zeug wie auch Arbeits­raum und letzt­lich Pro­dukt ist – der Spra­che. Mit Spra­che arbei­ten, schafft erst ein­mal nur mehr Spra­che. Wert und Wir­kung und Infor­ma­tion und, ja, Unter­hal­tung sind zusätz­li­che erfreu­li­che Nebenerzeugnisse.

Wie jeder andere Hand­wer­ker braucht auch der Sprach­hand­wer­ker Zeit, Ideen und Talent, um etwas von Dauer zusam­men­zu­wor­teln. Wie der Zim­mer­mann dem Holz, den Maßen und sei­nen Werk­zeu­gen ver­trauen muss, sie gut ken­nen, berech­nen, bedie­nen, um gute Stü­cke her­zu­stel­len, muss auch der Schrei­bende der Spra­che ver­trauen kön­nen und der Aus­sicht, mit ihr mehr zu erschaf­fen als eben nur mehr Spra­che: Geschich­ten, die jeman­dem etwas bedeu­ten. Die­ses lässt sich auch auf andere künst­le­ri­sche Kul­tur­prak­ti­ken über­tra­gen – auf Bild­hauer, auf Sän­ge­rin­nen, auf Schau­spie­ler, auf Tänzerinnen.

Aber ich beschränke mich hier auf das Schrei­ben, da kenne ich mich am bes­ten aus.

Das freie, krea­tive Erzäh­len, das weiß ich aus eige­ner Erfah­rung, kann wie ein Ven­til wir­ken, um Druck abzu­las­sen und Sor­gen oder auch Wut zu for­mu­lie­ren. Diese Funk­tion schei­nen auch die Geschich­ten von Jugend­li­chen zu erfül­len, die ich selbst lesen darf. Sie erzäh­len vom Schul­stress und Zukunfts­angst, stel­len Iden­ti­täts­fra­gen, wid­men sich schwie­ri­ger Selbst­fin­dung. Schei­tern ist ein geläu­fi­ges Unhappy End. Das gilt im Übri­gen auch für Geschich­ten von Kin­dern ohne Migrationshintergrund.

Es wird aber auch viel geträumt, und man­che Geschichte erzählt vom Glück. Vom Ver­las­sen der Armut, vom plötz­li­chen Auf­tau­chen des ver­miss­ten Vaters und auch vom gehal­te­nen Elf­me­ter im ent­schei­den­den Spiel. Die Stoffe lesen sich wie Fabeln mit mensch­li­chen Prot­ago­nis­ten, denn sie han­deln vom Sie­gen against all odds. Nur wird am Ende nicht der Dra­che nie­der­ge­run­gen, son­dern eine deut­sche Behörde.

All diese Geschich­ten soll­ten brei­ter gele­sen wer­den, damit auch die­je­ni­gen aus ihnen etwas ler­nen kön­nen, die gerade für migran­ti­sche Jugend nur pau­schale Vor­ur­teile übrig­ha­ben. Die meis­ten wer­den aber die Außen­welt nie erreichen.

Andere wer­den gar nicht erst erzählt. Man­che Erzäh­ler abge­scho­ben, bevor sie über­haupt loser­zäh­len kön­nen. Mir selbst wäre das bei­nahe wider­fah­ren. Jetzt berichte ich – gegen ein Hono­rar! – vom unwahr­schein­li­chen Glück, dass das nicht der Fall war.

Das Glück ver­danke ich nicht dem Zufall, son­dern, dort, wo ich mit mei­nen eige­nen Fähig­kei­ten und Mög­lich­kei­ten nicht wei­ter­ge­kom­men wäre, ein­zel­nen Men­schen, Ver­ei­nen und Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen (und dort wie­der den Men­schen). Ein Bus­fah­rer brachte uns Flüch­tende über die Grenze nach Ungarn. Nach­barn in Hei­del­berg ver­schenk­ten Küchen­uten­si­lien an die Ankömm­linge. Der Schul­ver­ein ermög­lichte eini­gen von uns den Instrumentalunterricht.

Was sie alle ver­band: Sie sorg­ten mit ihrem Ein­satz dafür, dass Men­schen in Not nicht Glück haben müs­sen, um zu etwas mehr Glück zu fin­den. Man­che haben dafür auch Geld in die Hand genom­men. Weil ohne Geld kön­nen wir hier lange sit­zen und uns über die Rolle von Kul­tur in der Gesell­schaft Gedan­ken machen.

Eigent­lich ist es ein­fach: Wer­den bedürf­tige Kin­der und Jugend­li­che früh und nach­hal­tig geför­dert, wer­den sie an Kul­tur­ange­bote unkom­pli­ziert her­an­ge­führt und darin beglei­tet, selbst Kunst zu schaf­fen, so kann deren gesamte Bil­dungs­bio­gra­fie posi­tiv beein­flusst wer­den sowie ihr Ver­ständ­nis für gesell­schaft­li­che Pro­zesse und demo­kra­ti­sche Werte gestärkt. Das Glei­che gilt eigent­lich auch für Erwach­sene und ihr Zurecht­fin­den in Leben (und in Not). Das weiß man und hat dafür trotz­dem per­ma­nent „zu wenig Geld“.

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Es gibt kein Wort für alle Wörter.

Es gibt kein Wort für das Glän­zen in den Augen eines dank­ba­ren Kindes.

Kul­tur und Kunst sind nicht schmü­cken­des Bei­werk, son­dern Grund­lage gesell­schaft­li­cher Teil­habe. Gerade jenen Men­schen, die oft unsicht­bar blei­ben, geben sie Spra­che, Bil­der und Räume, um sich und ihre Welt zu zei­gen. Ein Thea­ter­stück, ein Roman, ein Lied kön­nen hin­ter Türen schauen, die Poli­tik und Büro­kra­tie gerne ver­schlos­sen hal­ten. Alle Kul­tur­prak­ti­ken erschaf­fen hin­ter die­sen Türen auch Orte der Begeg­nung, an denen das Eigene mit dem Ande­ren in Aus­tausch tre­ten kann. Das fin­det in Deutsch­land lei­der viel zu wenig statt – wir reden lie­ber über­ein­an­der statt miteinander.

Ohne inter­kul­tu­relle Dia­loge füh­ren wir Selbst­ge­sprä­che. Damit sich das ändert – damit jeder von uns, unab­hän­gig von Her­kunft, Reli­gion oder Auf­ent­halts­sta­tus, gehört wird, müs­sen wir noch mehr dar­an­set­zen, Struk­tu­ren und Orte und Bereit­schaf­ten zu schaf­fen, in denen die Geschich­ten einen Platz haben.

Es gibt zwar kein Wort für alle Wör­ter, aber jede gehörte Stimme ist eine Lücke weni­ger und macht die­sen Satz vollständiger.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T11:47:24+01:00November 27th, 2025|Heimat, Kulturelle Vielfalt, Sprache|Kommentare deaktiviert für

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