Religion ist im öffentlichen Raum auf vielfältige Weise präsent. Wie die jeweilige Religion sich einbringt, kann und muss sie selbst entscheiden – ob im Wohnzimmer, in der Synagoge, Moschee, Kirche oder Karfreitagsprozession. Die christlichen Kirchen zum Beispiel sind sichtbar und hörbar: Durch Gebäude, Denkmäler und Glocken, sie laden zu Andachten und Konzerten ein. Als „Pop-Up-Church“ geschieht Kirche: Sie irritiert und beschenkt mit Fußwaschungen auf der Reeperbahn, Advents-Flash-Mobs im Einkaufszentrum und Gratis-Umarmungen in der Fußgängerzone. Das Judentum wiederum zeigt sich zum Beispiel mit einem Chanukka-Leuchter am Brandenburger Tor. Auch die Muslime sind präsent: Mancherorts hört man inzwischen auch in Deutschland den Gebetsruf des Muezzins. Religionsgemeinschaften als Ausdruck von Religion laden ein und erregen Widerspruch– auch darin ist Religion öffentlich.
Religion ist auch medial im öffentlichen Raum: durch Gottesdienstübertragungen im Fernsehen, durch Morgenandachten im Radio und Posts auf Social-Media-Kanälen, durch Kampagnen wie: „Ohne Sonntag gibt es nur noch Werktage“. Religion ist öffentlich in und durch Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, diakonische Einrichtungen, die Bahnhofsmission, Kältestuben.
Religion ist auch deshalb im öffentlichen Raum, weil Menschen Religion sichtbar und hörbar leben. In der kommerziellen Variante der Weihnachtsmärkte sind Spuren davon noch zu erkennen, dass Religion immer auch Fest und Feier ist, Einladung und Teilhabe, Mitmachen und Alltagsunterbrechung. Öffentliche Religion zeigt sich auf besonders überzeugende Weise als Barmherzigkeit mit Tee und Suppe, mit offenen Kirchen für Wärme im Winter und Kühle im Sommer, für die Möglichkeit zum Kerzenanzünden in Trauer und Glück, als Versammlungsort wie zu Zeiten der Friedlichen Revolution 1989 – all das auch für Nicht-Gläubige.
Diese Formen von Öffentlichkeit von Religion haben bei vielen auch Nicht-Religiösen Akzeptanz. Konflikthafter ist es zum Beispiel bei Themen wie Feiertagen oder dem Tanzverbot am Karfreitag. Dies löst Widerstand aus bei denen, die die Freiheit zur Religion, die das Grundgesetz explizit schützt, ganz und vollständig durch die Freiheit von Religion ersetzen – Neutralität als staatlich geförderter Atheismus. Einige Formen der öffentlichen Präsenz von Religion werden als unzulässige Einmischung empfunden und als Diskriminierung der eigenen religionslosen Weltanschauung. Allerdings ist es bei dieser negativen Religionsfreiheit wie bei der Meinungsfreiheit: Wer religionslos leben will, kann das tun und sich als bekennender Atheist ins öffentliche Leben einbringen. Der öffentliche Raum ist ein Marktplatz der Religionen und Weltanschauungen. Mitten auf dem Marktplatz der demokratischen Debatte können und sollen Vertreterinnen und Vertreter der Religionen für ihre Überzeugungen eintreten und auch darin „Öffentliche Theologie“ treiben. Dabei hilft die Erinnerung daran, was für ein weiter Weg es von der urchristlichen Vorstellung der Gleichheit aller Menschen vor Gott zum Rechtsgrundsatz der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz war.
Viele Menschen verfügen über keine eigenen Erfahrungen mit den guten Kräften des Religiösen. Auch im Lichte globaler Konflikte nehmen manche öffentliche Religion nur noch als hochexplosives Gefahrengut wahr. Sie sähen religiöse Stoffe, Symbole und Akteure am liebsten auch in Deutschland ganz aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt. Dies befördert eine Laizität, die aber im deutschen Verfassungsrecht gerade nicht angelegt ist.
Die zunehmend multireligiöse Gesellschaft ist herausgefordert – auch dafür ist das Grundgesetz ein guter Maßstab. Öffentliche Religionsausübung ist zwar geschützt und darf Respekt erwarten, muss aber auch Respekt vor anderen zeigen.
Der öffentliche Raum ist Gestaltungsfeld für gesellschaftliche Debatten in allen Facetten. Wie sichtbar Religion darin auftritt, muss sie selbst immer wieder prüfen und stimmig gestalten. Als Botschafterin der evangelischen Kirche im politischen Berlin bieten mein Team und ich eine Religion mit offener Tür und offenen Worten an. Wir vertreten die evangelische Kirche und damit eine spezifische Religion und Konfession. Gemeinsam mit anderen treten wir ein für allgemeinmenschliche Werte wie Freiheit, Menschenwürde, Frieden und Gerechtigkeit, für nachhaltiges Leben und Mitmenschlichkeit.
Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2025.
