Die ver­bin­dende Kraft der Religionsgemeinschaften

THESE 5: Reli­gion gehört in den öffent­li­chen Raum

„Sollte ich vor die Alter­na­tive gestellt wer­den: Kon­ver­sion oder Tod, bin ich jeder­zeit bereit, nach Ausch­witz zu gehen.“ Abra­ham Joshua Heschel, ein jüdi­scher Reli­gi­ons­phi­lo­soph und Rab­bi­ner, war von der Kraft sei­ner Reli­gion über­zeugt. Und er meinte nicht nur die jüdi­sche Reli­gion: „Sol­len wir an der Illu­sion, dass wir uns iso­lie­ren kön­nen, fest­hal­ten? Soll­ten wir nicht ein­an­der hel­fen unsere Her­zens­härte aufzugeben?“

Wenn sich Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten abschot­ten und Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten bil­den, dann ver­lie­ren sie ihren Bezug zur Gesamt­ge­sell­schaft. Dann ver­liert Reli­gion ihre offene und ver­bin­dende Wir­kung, hält den Men­schen von gesell­schaft­li­cher Teil­habe ab, iso­liert ihn – oder iso­liert einen gan­zen Staat und stützt auto­kra­ti­sche Strukturen.

Wenn Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten aber den Aus­tausch mit ande­ren suchen und sich aktiv in die Gesell­schaft ein­brin­gen, stär­ken sie Mit­ein­an­der und gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis. Dann ent­fal­ten sie ihre ver­bin­dende Kraft. Bei­spiel­weise fin­det in der jüdi­schen Gemein­schaft jähr­lich der Mitz­vah Day statt – der Tag der guten Taten, an dem Frei­wil­lige jeder Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit ein­ge­la­den sind, mit­zu­ma­chen und ihren Mit­men­schen etwas Gutes zu tun. Zen­trale Bestand­teile vie­ler Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten sind sozia­les Enga­ge­ment und Tole­ranz ande­ren gegen­über. Glaube kann außer­dem hel­fen, Kri­sen bes­ser zu bewäl­ti­gen: Leid­volle Erfah­run­gen kön­nen leich­ter in einen sinn­stif­ten­den Zusam­men­hang gebracht wer­den, per­sön­lich sowie in öffent­li­chen Anspra­chen geist­li­cher Führungspersönlichkeiten.

Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten kön­nen soziale Kom­pe­ten­zen erwei­tern und ein mora­li­scher Kom­pass sein. Sie hel­fen uns, wie Heschel sagt, unsere Her­zens­härte aufzugeben.

Was kann Reli­gion noch leisten?

Es ist keine Neu­heit, dass Men­schen sich stär­ker von Reli­gion abwen­den und sich zuneh­mend säku­lar ori­en­tie­ren. Bei der „Jugend­trend­stu­die“ 2025 der For­schungs­gruppe Welt­an­schau­un­gen in Deutsch­land (fowid) ver­nei­nen fast 60 Pro­zent der 14- bis 29-Jäh­ri­gen, dass sie an einen per­sön­li­chen Gott glauben.

Viele west­li­che Staa­ten wer­den säku­lar regiert, das Extrem ist Frank­reich. Der Staat ist ganz und gar lai­zis­tisch – die strikte Tren­nung von Staat und Reli­gion. Die Idee: Der Staat ver­hält sich gegen­über Reli­gio­nen neu­tral und garan­tiert somit Reli­gi­ons­frei­heit und Plu­ra­lis­mus im Pri­va­ten. Öffent­lich blen­det er Reli­gion aus. In Frank­reich wurde etwa das Tra­gen reli­giö­ser Sym­bole (Kopf­tuch, Kreuz oder Kippa) in Schu­len und Behör­den stark ein­ge­schränkt. Lai­zi­tät soll der Gleich­heit aller Bür­ger die­nen. Fak­tisch führt sie in Frank­reich jedoch zur Bil­dung eben­je­ner Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten, die Reli­gion zu etwas Schäd­li­chem wer­den las­sen kön­nen. Der Rück­zug der Reli­gion ins Pri­vate führt zu einer Frag­men­tie­rung, einer wach­sen­den Abschot­tung ein­zel­ner Gemeinschaften.

Diese Struk­tu­ren sind eine Gefahr für Jüdin­nen und Juden. Sie las­sen zu, dass anti­se­mi­ti­sche Über­griffe in Frank­reich aus dem isla­mis­ti­schen Milieu immer wei­ter stei­gen. Radi­ka­li­siert wer­den v. a. junge Män­ner – in Hin­ter­hof-Moscheen radi­ka­ler Pre­di­ger, die für den Staat unsicht­bar und jeder Regu­lie­rung ent­zo­gen blei­ben. So unter­gräbt die Lai­zi­tät genau die gesell­schaft­li­che Plu­ra­li­tät, zu deren Erhalt sie ein­ge­führt wurde.

Die jüdi­sche Gemein­schaft am Rand der Gesellschaft

Als jüdi­sche Gemein­schaft ist es unser Anspruch, selbst­ver­ständ­lich Teil der Gesell­schaft zu sein – wir wol­len in ihrer Mitte ver­an­kert sein. Wir träu­men davon, irgend­wann kei­nen Poli­zei­schutz mehr vor Syn­ago­gen oder Ver­an­stal­tun­gen nötig zu haben. Das Gegen­teil ist der Fall: Der Schutz wird immer dring­li­cher. Anti­se­mi­ten ver­su­chen mit allen Mit­teln, Juden an den Rand der Gesell­schaft zu drän­gen – und unsere Reli­gion aus dem öffent­li­chen Raum her­aus. Es gibt Städte in Deutsch­land, in denen man sich nicht mehr angst­frei als Jude zu erken­nen geben kann.

Die Über­griffe wer­den dabei immer aben­teu­er­li­cher. So war­fen die Betrei­ber des Cafés „K-Fetisch“ erst vor Kur­zem zwei Gäste hin­aus. Der Grund: Einer von ihnen trug ein T-Shirt mit hebräi­schen Schrift­zei­chen. Sie wür­den „keine Zio­nis­ten bedie­nen“ und Hebrä­isch sei „die Spra­che der Unter­drü­cker“. Diese Ent­wick­lung darf nicht still­schwei­gend hin­ge­nom­men werden.

Abra­ham Joshua Heschel wäre lie­ber nach Ausch­witz gegan­gen, als seine Reli­gion zu ver­ste­cken oder gar auf­zu­ge­ben. Er hätte sich heute dafür stark gemacht, dass die jüdi­sche Reli­gion und alles, was mit ihr ver­bun­den ist, im öffent­li­chen Raum sicht­bar und hör­bar prä­sent sein kön­nen – und zwar selbst­be­wusst. Reli­gion gehört in den öffent­li­chen Raum, muss auf der Straße, in Parks und auf Plät­zen gelebt wer­den dür­fen. Reli­gion – jede Reli­gion, die mit unse­rem Grund­ge­setz ver­ein­bar ist – muss uns Sinn und Halt geben dür­fen und sollte uns nicht zum Vor­wurf gemacht werden.

Chris­ten­tum, Islam, Juden­tum. Das frucht­bare Zusam­men­spiel der Reli­gio­nen kann, wenn es nicht ins Pri­vate oder an den Rand gedrängt wird, die Grund­pfei­ler unse­rer Gesell­schaft stär­ken. In einer Gesell­schaft, in der die eigene Reli­gion ver­steckt wer­den muss, will ich jeden­falls nicht leben.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T14:18:36+01:00November 27th, 2025|Religiöse Vielfalt, These|Kommentare deaktiviert für

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Josef Schuster ist Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland und Preisträger des Deutschen Kulturpolitikpreises 2021 des Deutschen Kulturrates.