Der Ver­ein als Reso­nanz­raum unse­rer wehr­haf­ten Demokratie

THESE 10: Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment ist gelebte Demokratie

Zwei Ver­eine in einer Klein­stadt an einem Don­ners­tag­abend, die Enga­gier­ten bespre­chen aktu­elle Tages­ord­nungs­punkte, wäh­len einen neuen Vor­sitz. Der eine Ver­ein öff­net seine Türen weit, neue Gesich­ter sind will­kom­men, Ent­schei­dun­gen wer­den dis­ku­tiert und gemein­sam getra­gen. Der andere Ver­ein? Hält die Fens­ter geschlos­sen, man bleibt unter sich, neue Mit­glie­der bestär­ken die eige­nen Ansich­ten, Kri­tik gilt als Illoya­li­tät und zum Vor­sitz wird die­je­nige Per­son gewählt, die ohne­hin das Sagen hat. In bei­den Ver­ei­nen brin­gen sich Men­schen ein und wol­len ihre Gemein­schaft gestal­ten. Die einen tun dies im Licht unse­rer frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung. Die ande­ren sind die „dark side of civil society“. Und weil die Rea­li­tät sel­ten so klar aus­ge­leuch­tet ist wie in die­sen Bei­spie­len, son­dern sich gerade heute oft in Grau­be­rei­chen zeigt, soll­ten wir sehr auf­merk­sam sein.

Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment ist gelebte Demo­kra­tie? Nicht auto­ma­tisch. Es braucht ein unver­han­del­ba­res Ja zur frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung, zu Schutz und Ach­tung von Grund- und Men­schen­rech­ten. Das hat auch die Bun­des­re­gie­rung deut­lich gemacht, als sie bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment jüngst als den frei­wil­li­gen, unent­gelt­li­chen und am Gemein­wohl ori­en­tier­ten Ein­satz auf Basis der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung bezeich­nete. Auf die­ser Basis – und damit auf der Basis der Werte, auf denen sie ruht – zu han­deln, ist weder Form­sa­che noch ein nice to have. Unsere gelebte Demo­kra­tie wird auch daran ent­schie­den, wie wir im Ver­ein der Schul­mensa-Eltern, dem Ver­ein der pfle­gen­den Ange­hö­ri­gen oder dem För­der­ver­ein der Fuß­ball­ju­gend mit dis­kri­mi­nie­ren­dem, men­schen­feind­li­chem Ver­hal­ten oder mit demo­kra­tie­zer­set­zen­den Mei­nun­gen umgehen.

Ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment – ob im Sport, im Natur- oder Umwelt­schutz oder in Kul­tur und Brauch­tum – besitzt einen hohen gesell­schaft­li­chen Eigen­wert. Demo­kra­tie­stär­kend wird es dort, wo in unse­ren Ver­ei­nen jene Werte gelebt wer­den, die das Fun­da­ment unse­rer frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung bil­den. Diese Werte gera­ten heute zuneh­mend unter Druck, poli­tisch-spal­te­ri­sche Strö­mun­gen gewin­nen an Raum. Aus die­sem Grund kommt dem orga­ni­sier­ten Sport in Deutsch­land nicht nur eine beson­dere Bedeu­tung, son­dern auch eine beson­dere Ver­ant­wor­tung zu. Denn mit fast 30 Mil­lio­nen Mit­glied­schaf­ten in über 86.000 Sport­ver­ei­nen ist er nicht nur unsere größte Bür­ger­be­we­gung. Er ist auch ein sozia­ler Seis­mo­graf und Reso­nanz­raum, in dem sich Welt­bil­der begeg­nen. Wenn im Fuß­ball­trai­ning der B-Jugend Gym­na­si­as­ten und Haupt­schü­ler als ein Team zusam­men­kom­men oder die Tisch­ten­nis­gruppe des Dorf­ver­eins Geflüch­tete auf­nimmt, ent­steht in der geteil­ten Freude an der Bewe­gung ein Lern­ort, der Men­schen befä­hi­gen kann, in Gemein­schaft, Fair­ness und Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der demo­kra­ti­sche Grund­hal­tun­gen zu leben. Die­ser Ort ist auf Men­schen, die für ihn ein­tre­ten, zwin­gend angewiesen.

Demo­kra­tie im Sport­ver­ein und in allen For­men bür­ger­li­chen Enga­ge­ments basiert auf insti­tu­tio­nel­ler Struk­tur, heißt: durch eine Ver­eins­sat­zung, die demo­kra­ti­sche Ent­schei­dungs­pro­zesse exakt aus­buch­sta­biert. Doch Papier ist gedul­dig. Jede Ver­eins­sat­zung birgt das­selbe Para­do­xon wie unsere frei­heit­lich demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung: Sie lebt von Vor­aus­set­zun­gen, die sie selbst nicht garan­tie­ren kann. Demo­kra­tie und Rechts­staat sind auf bestimmte Wer­te­hal­tun­gen bei ihren Bür­ge­rin­nen und Bür­gern ange­wie­sen, und damit komme ich zurück zum Sport und den Wer­ten, die ihm zu eigen sind: Respekt und Offen­heit, Soli­da­ri­tät, Fair­ness und Regel­ge­bun­den­heit. Wer sich im Sport enga­giert, ob als Übungs­lei­tende, als Trai­ner oder ehren­amt­li­che Vor­sit­zende, teilt diese Werte in der Regel nicht nur, son­dern macht sie mit sei­nem Enga­ge­ment in und für die Gemein­schaft lebendig.

Für diese Werte ein­zu­ste­hen und sich ein­zu­mi­schen, wenn sie in Gefahr sind, das ver­langt heute mehr denn je Hal­tung und Mut. Mut, Dis­kri­mi­nie­rung klar zu benen­nen, Viel­falt sicht­bar zu stär­ken und so Räume ech­ter Betei­li­gung zu schaf­fen. Die­sen Mut unter­stüt­zen die Dach­ver­bände des Sports durch gute Sat­zun­gen, Pra­xis­ma­te­rial für und Bera­tung von Ver­ei­nen. Doch das genügt nicht. Wir müs­sen das Ehren­amt auch end­lich von der büro­kra­ti­schen und zeit­li­chen Belas­tung befreien, die es vie­len zu schwer macht, sich, nicht nur im Sport, son­dern in allen Berei­chen unse­rer Gesell­schaft ein­zu­brin­gen. Sonst lau­fen wir nicht nur Gefahr, dass vor allem kleine, zuse­hends über­al­terte Ver­eine, die auf ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment essen­zi­ell ange­wie­sen sind, nicht überleben.

Eine wehr­hafte Demo­kra­tie ent­steht dort, wo enga­gierte Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ihre gemein­sa­men Räume offen, respekt­voll und in ech­ter Teil­habe gestal­ten. Spä­tes­tens hier ist aus­drück­lich auch die Poli­tik in der Pflicht. Es liegt auch an ihr und den Rah­men­be­din­gun­gen, die sie setzt, an der Auto­no­mie, die sie garan­tiert und der Wert­schät­zung, die sie zeigt, damit unsere Ver­eine, ob im Sport, in der Kul­tur, im Enga­ge­ment für den Kli­ma­schutz, für ein Hobby, für Migran­tin­nen und Migran­ten, für que­ere Men­schen, für Frauen oder Men­schen mit Behin­de­rung, Orte geleb­ter, wehr­haf­ter Demo­kra­tie blei­ben. Denn wir soll­ten nie ver­ges­sen, dass genau hier – in der Turn­halle beim Roll­stuhl­sport, auf dem Herbst­fest des AK Asyl, im Begeg­nungs­raum des Natur­schutz­ver­eins oder bei den wöchent­li­chen Tref­fen des Repair­ca­fés – sich Tag für Tag und über­all in Deutsch­land ein uner­schro­cke­nes, beharr­li­ches Team Deutsch­land unse­rer Zivil­ge­sell­schaft für unsere frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Ord­nung engagiert.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2025.

Von |2025-11-27T14:21:47+01:00November 27th, 2025|Bürgerschaftliches Engagement, Demokratie, These|Kommentare deaktiviert für

Der Ver­ein als Reso­nanz­raum unse­rer wehr­haf­ten Demokratie

THESE 10: Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment ist gelebte Demokratie

Michaela Röhrbein ist Vorständin Sportentwicklung beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).