Lust am Wort

Spra­che ist Hei­mat und Kampfplatz

Heute bre­che ich zur Abwechs­lung mit einem mei­ner hehrs­ten Grund­sätze: Wenn alle Welt sich über ein Thema erregt, suche ich mir lie­ber ein ande­res. Sind ja schon genug, die sich in hit­zi­gem „Pro und Con­tra“ erschöp­fen. Gibt ja noch ande­res. Doch weil Sprach­fra­gen immer auch Glau­bens­fra­gen sind, komme ich nicht darum herum, auch über ein ange­mes­se­nes Reden und Schrei­ben nachzudenken.

Dass die eigene Spra­che immer zugleich eine Hei­mat und ein Kampf­platz – um nicht gleich „Schlacht­feld“ zu sagen – ist, habe ich das erste Mal im Aus­land erfah­ren. Nach mei­nem Stu­dium habe ich ein Jahr lang in einer evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­meinde in Argen­ti­nien gear­bei­tet. Ursprüng­lich wurde hier nur Deutsch gespro­chen, inzwi­schen hatte Spa­nisch die Vor­herr­schaft errun­gen. Es war ein kom­pli­zier­ter, zäher, erbit­ter­ter Streit, der mir zeigte, wie Inte­gra­tion funk­tio­niert oder auch nicht. Frü­her war Deutsch in der Gemeinde die Spra­che der Domi­nan­ten gewe­sen, jetzt war dar­aus die Spra­che der Abge­häng­ten gewor­den. Wer im „pue­blo“ lebte und erfolg­reich Han­del trieb, sprach die Lan­des­spra­che. Wer im „Wald“ seine Fel­der bestellte, konnte nur die Her­kunfts­spra­che. Wel­che Spra­che nun sollte ich im Got­tes­dienst spre­chen? Instink­tiv war ich auf­sei­ten der Moder­nen, Spa­nisch­spre­chen­den. Aber ich lernte, Rück­sicht zu neh­men auf die Alten und Armen. Für sie war Deutsch das Idiom ihrer Seele. Herz­nah war ihnen das „Vater unser“, nicht das „Padre nue­s­tro“ – älte­ren tür­ki­schen Ein­wan­de­rern mag es in ihren Moscheen ähn­lich erge­hen. So habe ich für sie gern in regel­mä­ßi­gen Abstän­den auf Deutsch gepre­digt, denn das war ihre innere Hei­mat. Aller­dings war ihr „Misiones“-Deutsch schon weit von dem Hoch­deutsch ent­fernt, das ich von Zuhause mit­ge­bracht hatte. Denn die Spra­che ver­än­dert sich aus eige­ner Kraft, oft unbe­wusst, egal ob wir sie schüt­zen oder ver­än­dern wol­len. Des­halb muss man eine Balance fin­den aus Ent­wick­lung und Bewah­rung, Kom­pro­misse suchen für unter­schied­li­che Gele­gen­hei­ten und Per­so­nen­grup­pen. Die evan­ge­li­sche Kir­che – und nicht nur sie – sollte mit­hel­fen, Kampf­plätze zu räu­men und Schlacht­fel­der zu bepflan­zen. Darum ist es so wich­tig, wel­che Art von Spra­che in ihr gespro­chen wird. Spra­che ist Inbe­griff des Ver­trau­ten, Mut­ter­spra­che, und zugleich stets im Wan­del, ein Fluss. Das muss kein Wider­spruch sein, kein Pro­blem dar­stel­len. So ist das Leben ja über­haupt: ein Blei­ben und ein Gehen. Schwie­rig wird es erst, wenn es zur poli­ti­schen Macht­frage aus­ar­tet, was lei­der häu­fig nicht aus­blei­ben kann. Es sei daran erin­nert, dass unser heu­ti­ges Hoch­deutsch kei­nes­wegs natur­wüch­sig ent­stan­den, son­dern auch das Ergeb­nis lang zurück­lie­gen­der Kämpfe ist, in denen z. B. unter­schied­li­che For­men des Nie­der­deut­schen zurück­ge­drängt und Dia­lekte mar­gi­na­li­siert wur­den. Die Spra­che also, die einige Rechts­po­pu­lis­ten kon­ser­vie­ren wol­len, ist selbst die Folge und auch das Ergeb­nis von Hei­matz­er­stö­rung und unzäh­li­ger Ver­än­de­rung. Mar­tin Luthers Bibel­über­set­zung hatte daran ihren epo­cha­len Anteil.

In die­sem wei­ten his­to­ri­schen Hori­zont ste­hen die gegen­wär­ti­gen Debat­ten um eine geschlech­ter­sen­si­ble Spra­che. Sie sind kei­nes­wegs neu. Man­ches hat sich längst durch­ge­setzt, ande­res nicht – z. B. „frau“ statt „man“. In mei­ner Kir­che hat dies viel Gutes gebracht. Wenn man heute die „Jün­ge­rin­nen Jesu“ benennt, hat dies nichts mit „Poli­ti­cal Cor­rect­ness“ zu tun, son­dern ist schlicht sach­ge­recht, die not­wen­dige Kor­rek­tur einer über­mäch­ti­gen Män­ner­tra­di­tion. Auch in der Gemeinde des Pau­lus haben Frauen kei­nes­wegs nur geschwie­gen, schließ­lich hatte er viele bedeu­tende „Mit­ar­bei­te­rin­nen“. Vor allem ist „Herr“ nicht der ein­zige Name Got­tes. An sol­che Fort­schritte kann man anknüp­fen und schauen, was nächste Schritte sein kön­nen. Dabei sollte man der deut­schen Nei­gung zu ver­wal­tungs­tech­ni­scher Kon­se­quen­zen­ma­che­rei nicht nach­ge­ben. Das wirkt oft beflis­sen oder ange­strengt. Rat­sa­mer ist es, darin eine krea­tive Auf­gabe zu sehen. Wie schreibe und spre­che ich ange­mes­sen, öff­nend, ein­la­dend? Und wie machst du es? Fixe Regeln hel­fen hier eher sel­ten. Man muss es aus­pro­bie­ren. Ich z. B. halte den Gen­der­stern kei­nes­wegs für Teu­fels­zeug, aber noch nicht für der Weis­heit letz­ten Schluss.

Aber es gibt ja auch andere Mög­lich­kei­ten. So habe ich bei mei­nen Sprach­bas­te­leien fest­ge­stellt, dass sich viele Pro­bleme – gen­dern ja oder nein? – ver­mei­den las­sen, wenn man weni­ger pau­scha­li­sie­rend über Grup­pen und kon­kre­ter, indi­vi­du­el­ler spricht. Eigent­lich berei­tet es Freude aus­zu­pro­bie­ren, was geht, was ange­mes­sen ist, sach­lich rich­tig, stim­mig, aber auch schön klingt, fließt, lockt – je nach Situa­tion, Ort und Gegen­über. Über­kor­rekt­heit hilft da nicht so wei­ter, wütend erregte Ver­än­de­rungs­feind­schaft scha­det sogar. Was es braucht, sind Sprach- und Men­schen­freund­lich­keit, Lust am Wort und Inter­esse an den Nächs­ten, Neu­gier und Rück­sicht­nahme, Krea­ti­vi­tät und Demut – in der Kir­che und anderswo.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 11/2021.

Von |2021-11-05T16:03:41+01:00November 5th, 2021|Sprache|Kommentare deaktiviert für

Lust am Wort

Spra­che ist Hei­mat und Kampfplatz

Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland.