Die ewige Angst vor den Juden

Warum schla­gen Jüdin­nen und Juden so viele Ste­reo­type, Hass und Gewalt entgegen?

Was ist ein Jude? Wenn man einen jahr­zehn­te­al­ten anti­se­mi­ti­schen Nazi-Film zu den Roth­schilds sieht, von dem Aus­schnitte auf dem The­men­tag „Medi­en­bild im Wan­del: Jüdin­nen und Juden in Deutsch­land“ in Ber­lin gezeigt wur­den, und ähn­li­che Mach­werke und Ver­schwö­rungs­fan­ta­sien, die im Inter­net gerade wäh­rend der Coro­na­pan­de­mie ver­brei­tet wer­den, ist die Ant­wort klar: Ein Mann mit dunk­len Locken und ste­chen­dem Blick, der fins­tere Pläne ver­folgt und mit sei­nen jüdi­schen Brü­dern und Schwes­tern die Welt beherr­schen will – die es des­halb zu bekämp­fen und zu ver­nich­ten gilt.

Wenn man sich jedoch in der Rea­li­tät umschaut und auf der Kon­fe­renz zuhörte, zu der die Initia­tive kul­tu­relle Inte­gra­tion, der Zen­tral­rat der Juden in Deutsch­land, Staats­mi­nis­te­rin für Kul­tur und Medien Monika Grüt­ters und der Beauf­tragte der Bun­des­re­gie­rung für jüdi­sches Leben in Deutsch­land und den Kampf gegen Anti­se­mi­tis­mus Felix Klein Exper­tin­nen und Exper­ten gela­den hat­ten, sind Jüdin­nen und Juden genauso viel­fäl­tig wie alle Men­schen: Ältere und Junge, Gläu­bige und Säku­lare, Tra­di­tio­nelle und Diverse, Resi­gniert-Ängst­li­che und For­sche, die genau diese Viel­falt leben. Das Ver­rückte: Man erkennt sie gar nicht, wenn sie sich nicht outen, eine Kippa oder einen David­stern tra­gen oder ein offi­zi­el­les Amt beklei­den. Warum auch? Kann nicht heute jede, jeder so sein, was und wie er oder sie möchte?

Wes­halb aber begeg­net aus­ge­rech­net Jüdin­nen und Juden, einer in Deutsch­land wie in der Welt ver­schwin­dend klei­nen, meist gar nicht sicht­ba­ren Min­der­heit, heute genauso wie in ver­gan­ge­nen Zei­ten ein sol­ches Aus­maß an Ableh­nung, Abwer­tung, Anfein­dung bis zu offe­nem Hass und Gewalt aus allen mög­li­chen Ecken – kei­nes­wegs nur von Rech­ten und unver­bes­ser­li­chen Nazis?

Womög­lich liegt eine erste Ant­wort schon darin, was immer wie­der auch auf der Tagung the­ma­ti­siert wurde: Dass gar nicht klar ist, wer genau ein Jude oder eine Jüdin ist. Nur jemand, der oder die von einer jüdi­schen Mut­ter gebo­ren wurde, wie es das strenge jüdi­sche Gesetz ver­langt? Oder jede, jeder, die bzw. der sich zum Juden­tum in all sei­nen Aus­prä­gun­gen bekennt, wie es gerade in einer Feuil­le­ton­de­batte zum Streit zwi­schen den Autoren Max Czol­lek und Maxim Bil­ler wie­der ein­mal ver­han­delt wird? Eine Kon­tro­verse, die in Israel seit jeher eben­falls bestän­dig aus­ge­tra­gen wird.

Dar­aus folgt zwei­tens, dass Anti­se­mi­tis­mus eben nicht nur eine Aus­prä­gung des Ras­sis­mus wie andere ist, weil Juden sowohl eine reli­giöse als auch welt­li­che, eth­ni­sche Gruppe bil­den, son­dern eine Urform der Angst vor dem Frem­den, dem Unheim­li­chen, dem Unein­deu­ti­gen. Wes­halb viele, allzu viele Zuflucht in Kli­schees, Vor­ur­tei­len und pau­scha­ler Ver­fe­mung suchen: des „ewi­gen Juden“, wie es bei den Nazis hieß und die Kul­tur­ge­schichte des Chris­ten­tums seit sei­nen Anfän­gen durch­zieht; von „Kin­der­mör­dern“ und „Blut­saugern“, wie auch junge Mus­lime und Linke wäh­rend der Ter­ror­an­griffe der Hamas auf Israel vor Syn­ago­gen und jüdischen

Ein­rich­tun­gen hetz­ten. Von „Apart­heid-Besat­zern“, wie Post­ko­lo­nia-lis­ten und BDS-Fana­ti­ker formulieren.

Das Kuriose dabei: Offen­sicht­lich stellt die Ambi­gui­tät des Juden­tums sowohl für Anhän­ger eines tra­di­tio­nel­len Gesell­schafts­bil­des als auch für die Ver­fech­ter einer diver­sen Moderne eine Her­aus­for­de­rung dar. Da ist eine Gemein­schaft, die sich auf eine jahr­tau­sen­de­alte Geschichte und Kul­tur beruft und wie selbst­ver­ständ­lich einen Platz auch im Heute bean­sprucht, die aber auf eine Mehr­heit stößt, die sich ganz anders begreift: christ­lich-abend­län­disch oder mul­ti­kul­tu­rell-are­li­giös. Ver­eint in der Geg­ner­schaft gegen die­sen „Fremd­kör­per“.

Der Sozio­loge Natan Szna­ider vom Aca­de­mic Col­lege Tel Aviv-Yafo brachte es zum Abschluss des The­men­ta­ges auf einen ver­stö­ren­den Punkt: Sowohl der Anti­se­mi­tis­mus als auch der Anti-Anti­se­mi­tis­mus sind Kin­der der Auf­klä­rung. Des­halb müsse man die Grund­frage stel­len: Sol­len Juden sich „unsicht­bar“ machen und wer­den „wie alle ande­ren“, also ihre spe­zi­elle Iden­ti­tät auf­ge­ben? Oder blei­ben sie mit ihrer Anders­ar­tig­keit ein ewi­ger Sta­chel im Fleisch?

Die Frage weist auf die Mehr­heits­ge­sell­schaft zurück und dar­auf, wel­ches Bild sie von sich selbst schafft: Dür­fen Jüdin­nen und Juden so sein, wie sie wol­len, selbst­be­wusst, eigen­sin­nig, ohne ange­fein­det, ange­grif­fen, gar umge­bracht zu wer­den, wie es nicht nur der Atten­tä­ter von Halle wollte, anläss­lich des­sen Anschlags vor zwei Jah­ren die Tagung statt-fand. Man möchte es zu träu­men wagen.

Das Erfreu­li­che, auch das zeigte die Tagung: Es gibt eine junge mun­tere Genera­tion von Jüdin­nen und Juden, die sich nicht mehr ver­ste­cken will und die ihren Alters­ge­nos­sen völ­lig ähn­lich ist. Außer darin, dass sie ohne Scheu stolz zu ihrem Jüdisch­sein steht. So wie es frü­her in Deutsch­land ein­mal war. Und wie es auch heute sein sollte.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 11/2021.

Von |2021-11-05T16:03:00+01:00November 5th, 2021|Religiöse Vielfalt|Kommentare deaktiviert für

Die ewige Angst vor den Juden

Warum schla­gen Jüdin­nen und Juden so viele Ste­reo­type, Hass und Gewalt entgegen?

Ludwig Greven ist freier Journalist und Autor. Von ihm stammt das Buch "Die Skandal-Republik. Eine Gesellschaft in Dauererregung" (2015).