„Manch­mal kom­men die Ämter zur Frau“

Syl­via Löhr­mann im Porträt

Unter dem Label „#2021JLID – Jüdi­sches Leben in Deutsch­land“ wer­den die­ses Jahr bun­des­weit rund tau­send Ver­an­stal­tun­gen aus­ge­rich­tet – dar­un­ter Kon­zerte, Aus­stel­lun­gen, Sym­po­sien, Pod­casts, Video-Pro­jekte, Thea­ter und Filme. Ziel des Fest­jah­res ist es, jüdi­sches Leben sicht­bar und erleb­bar zu machen und dem erstar­ken­den Anti­se­mi­tis­mus etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Die Gene­ral­se­kre­tä­rin des Ver­eins „1.700 Jahre jüdi­sches Leben in Deutsch­land“ ist keine Unbe­kannte: Syl­via Löhr­mann, Bünd­nis 90/Die Grü­nen-Poli­ti­ke­rin der ers­ten Stunde, ehe­ma­lige stell­ver­tre­tende Minis­ter­prä­si­den­tin von Nord­rhein-West­fa­len und Minis­te­rin für Schule und Wei­ter­bil­dung, hat sich bereits im Rah­men ihrer KMK-Prä­si­dent­schaft für Erin­ne­rungs­kul­tur enga­giert. Die neue Auf­gabe als Gene­ral­se­kre­tä­rin war nicht geplant. Aber: „Manch­mal kom­men die Ämter eben auch zur Frau“, lacht sie. „Bei die­sem Ange­bot konnte ich nicht wider­ste­hen und habe sofort zugesagt.“

Am 11. Dezem­ber 321 n. Chr. hatte der römi­sche Kai­ser Kon­stan­tin ein Edikt erlas­sen, das fest­legte, dass Juden Ämter in der Stadt­ver­wal­tung Kölns beklei­den dür­fen. Die­ses Gesetz belegt, dass jüdi­sche Gemein­den bereits seit der Spät­an­tike wich­ti­ger inte­gra­ti­ver Bestand­teil der euro­päi­schen Kul­tur sind. Eine früh­mit­tel­al­ter­li­che Hand­schrift die­ses Doku­ments befin­det sich heute im Vati­kan und ist Zeug­nis die­ser mehr als 1.700 Jahre alten jüdi­schen Geschichte. Gene­ral­se­kre­tä­rin Löhr­mann legt Wert dar­auf, dass #2021JLID kei­nes­falls den Cha­rak­ter eines wei­te­ren Gedenk­da­tums bekom­men soll, etwa neben dem 27. Januar und dem 9. Novem­ber: „Die Shoah als größ­tes Mensch­heits­ver­bre­chen bleibt Teil und Auf­trag der deut­schen DNA. Selbst­ver­ständ­lich gilt wei­ter­hin das ‚Nie wie­der‘.“ Trotz­dem sei gerade aus der jüdi­schen Szene der Wunsch for­mu­liert wor­den: „Wir wol­len nicht nur auf diese zwölf Jahre schauen. Das Juden­tum ist für Deutsch­land viel mehr, wir wol­len zei­gen und wür­di­gen, wel­che bedeut­sa­men Spu­ren jüdi­sche Kul­tur und jüdi­sches Leben in die­sen 1.700 Jah­ren hin­ter­las­sen hat.“ „Das Juden­tum ist kon­sti­tu­tiv für Deutsch­land“, bekräf­tigt Löhrmann.

Als deutsch-jüdi­sche Initia­tive möchte der Ver­ein unter ande­rem in Zusam­men­ar­beit mit dem Zen­tral­rat der Juden in Deutsch­land ein Ange­bot für die gesamte Gesell­schaft aus­ge­stal­ten und mit dem Fest­jahr eine Platt­form zum Mit­ma­chen bie­ten. „Das ist der Auf­trag, den der Ver­ein sich gege­ben hat und den wir jetzt durch viel­fäl­tigste Pro­jekte mit Leben fül­len“, so Löhr­mann. Die Publi­zis­tin Marina Weis­band bringt die Idee von #2021JLID in dem Buch „Wir sind da!“ von Uwe von Selt­manns zum Fest­jahr auf den Punkt: „Ich will nicht mehr Erin­ne­rung an jüdi­sches Leben in Deutsch­land. Ich will mehr jüdi­sches Leben in Deutschland.“

Bevor Syl­via Löhr­mann die Poli­tik zu ihrem Haupt­be­ruf machte, war sie – nach einem Eng­lisch- und Deutsch­stu­dium für das Lehr­amt an der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum – seit 1982 Refe­ren­da­rin an ver­schie­de­nen Duis­bur­ger Schu­len. Von 1984 bis 1995 wirkte sie als Leh­re­rin an der Städ­ti­schen Gesamt­schule Solin­gen und war unter ande­rem Vor­sit­zende des Leh­rer­ra­tes und Mit­glied der erwei­ter­ten Schul­lei­tung. Wenn man von heute aus auf ihre dama­lige Berufs­wahl schaut, dann war „Lehr­amt“ Anfang der 1980er Jahre kei­nes­wegs eine „sichere Bank“. Damals war ein Lehr­amts­stu­dium eine Inves­ti­tion in eine unsi­chere Zukunft, es gab Zulas­sungs­be­schrän­kun­gen und lange War­te­lis­ten für wenige Leh­rer­stel­len. Löhr­mann erin­nert sich: „Ich wollte eigent­lich Dol­met­sche­rin oder Lek­to­rin wer­den und nach Skan­di­na­vien aus­wan­dern.“ Bei ers­ten Pra­xis­er­fah­run­gen in der Schule habe es dann aber so „gut gefunkt“ zwi­schen den jun­gen Men­schen und ihr, dass sie ihre Pläne geän­dert habe.

„Kin­der und Jugend­li­che beim ganz­heit­li­chen Ler­nen zu beglei­ten, damit sie als starke Per­sön­lich­kei­ten ihren Weg in ihr wei­te­res Leben fin­den, das ist wirk­lich eine ganz, ganz span­nende Auf­gabe. Von Anfang an hat die Frage der kul­tu­rel­len Bil­dung dabei für mich eine große Rolle gespielt. Im Grunde liegt die inten­sive Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Juden­tum auch an der guten Schul­bil­dung, die ich selbst in Essen erfah­ren habe. Wir hat­ten eine ganz tolle Geschichts­leh­re­rin: Sie ist mit uns in Klasse 10 – das war damals eine Sel­ten­heit – in die Esse­ner Syn­agoge gegan­gen, als die The­men ‚Drit­tes Reich und Natio­nal­so­zia­lis­mus‘ auf dem Lehr­plan stan­den. Kürz­lich war ich wäh­rend der Online-Eröff­nung der Aus­stel­lung des Land­schafts­ver­ban­des Rhein­land zum Fest­jahr wie­der in genau die­ser Syn­agoge. Ein schö­ner Erin­ne­rungs­mo­ment! Das Thema hat mich seit­her nicht mehr los­ge­las­sen: nicht als Leh­re­rin, nicht als Poli­ti­ke­rin – und so schließt sich mit mei­ner jet­zi­gen Auf­gabe der Kreis.“

Der Gefahr, dass die päd­ago­gi­sche Lei­den­schaft in Unter­richts­rou­tine umschlägt, wenn man Jahr für Jahr den glei­chen Stoff mit der glei­chen Alters­gruppe behan­delt, ist Löhr­mann dadurch ent­gan­gen, dass sie sich früh einer wei­te­ren Lei­den­schaft wid­mete: der Politik.

1989 kan­di­dierte sie erst­mals für den Solin­ger Stadt­rat und gestal­tete auf kom­mu­na­ler Ebene eine rot-grüne Zusam­men­ar­beit. Womög­lich die Blau­pause für ihr spä­te­res Wir­ken in den rot–grünen Koali­tio­nen mit den Minis­ter­prä­si­den­ten Johan­nes Rau, Wolf­gang Cle­ment, Peer Stein­brück und zuletzt als stell­ver­tre­tende Minis­ter­prä­si­den­tin im Kabi­nett von Han­ne­lore Kraft. 22 Jahre hat Löhr­mann inzwi­schen haupt­amt­lich auf Lan­des­ebene Poli­tik gemacht. Sie enga­gierte sich vor allem in der Frauen- und Kom­mu­nal­po­li­tik, in der Inte­gra­ti­ons- und der Bil­dungs­po­li­tik; sie war Frak­ti­ons­spre­che­rin und Frak­ti­ons­vor­sit­zende – die Viel­falt die­ser Ämter und Inter­es­sen ermög­lich­ten es ihr, das gesell­schaft­li­che Ganze nie aus dem Blick zu ver­lie­ren. Nach ihrem Rück­zug aus der haupt­be­ruf­li­chen poli­ti­schen Arbeit ver­folgt sie das Super­wahl­jahr 2021 ver­gleichs­weise ent­spannt, auch wenn sie bei den kon­kre­ten Wahl­ter­mi­nen „natür­lich mitfiebere“.

Syl­via Löhr­manns neu geweckte Lei­den­schaft ist das Gärt­nern. Ohne einen Koali­ti­ons­part­ner fra­gen zu müs­sen oder den Finanz­mi­nis­ter, kann sie in ihrem Gar­ten schal­ten und wal­ten, wie sie möchte. Sie kann zuse­hen, wie das Leben immer wie­der neu ent­steht und gedeiht. Gefragt nach dem Sinn des Lebens, wird Syl­via Löhr­mann nach­denk­lich: „Es gibt einen Wunsch und ein Bedürf­nis nach Spi­ri­tua­li­tät und nach der Ant­wort auf die Frage: ‚Woher kom­men wir und was macht diese Welt aus, diese Schöp­fung und diese Erde, die wir bewah­ren müs­sen‘.“ Man spürt, dass die Wur­zeln ihres poli­ti­schen Enga­ge­ments auch in ihrer katho­li­schen Erzie­hung lie­gen – Löhr­mann besuchte wie ihre Schwes­ter das katho­li­sche Mäd­chen­gym­na­sium Bea­tae Mariae Vir­gi­nes (B.M.V.) in Essen. Zur Krise der Kir­che sagt sie: „Das treibt mich um. Dabei denke ich dann auch an die wich­tige Rolle, die die Kir­che z. B. in der Flücht­lings­po­li­tik spielt. Da ist auf die Kir­chen Ver­lass, weil sie nicht aus­gren­zen, weil sie nicht gesagt haben, das Boot ist voll. Ich erin­nere mich auch an den Absturz der Ger­manwings-Maschine im Jahr 2015, als 16 Schü­le­rin­nen und Schü­ler und zwei Leh­re­rin­nen des Joseph-König-Gym­na­si­ums in Hal­tern am See zu den Opfern gehör­ten. Obwohl sicher ein Teil der Eltern und der Schul­ge­meinde nicht kon­fes­sio­nell gebun­den war, haben Kir­che und Glaube den Trau­ern­den Halt gege­ben. Das war in den Got­tes­diens­ten spür­bar. Aber die Insti­tu­tion Kir­che ist gefor­dert, sich zu ver­än­dern, das ist der ent­schei­dende Punkt.“

Fehlt nur noch, dass Syl­via Löhr­mann ein Ehren­amt bei Maria 2.0 über­nimmt. „Man kann nicht alles machen“, sagt sie augen­zwin­kernd. „Aber der Gedanke, ich könnte dabei sein, ist durch­aus nachvollziehbar.“

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 04/2021.

Von |2021-04-01T12:44:07+02:00März 31st, 2021|Religiöse Vielfalt|Kommentare deaktiviert für

„Manch­mal kom­men die Ämter zur Frau“

Syl­via Löhr­mann im Porträt

Andreas Kolb ist Redakteur von Politik & Kultur.