Rück­kehr zu einer mora­li­sie­ren­den Gesellschaft?

Das Fun­da­ment für eine Koexis­tenz unter­schied­li­cher Milieus bröckelt

Mit der soge­nann­ten 1968er Bewe­gung begann ein Pro­zess der Libe­ra­li­sie­rung und Tech­no­kra­ti­sie­rung. Gesell­schaft­li­che Nor­men und Werte wur­den hin­ter­fragt. Dies führte wie­derum zu einer Frag­men­tie­rung und Indi­vi­dua­li­sie­rung der Gesell­schaft, zu einer Plu­ra­li­tät an Lebens­sti­len und Milieus mit eige­nen Wer­te­kon­stel­la­tio­nen. Mit der zeit­gleich wach­sen­den tech­no­kra­ti­schen Grund­hal­tung in der Gesell­schaft, stär­ker wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nisse als Werte für poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen her­an­zu­zie­hen, ent­stand zugleich ein gewis­ses Fun­da­ment für eine Koexis­tenz unter­schied­li­cher Milieus.

Diese tech­no­kra­ti­sche Grund­hal­tung wird aktu­ell auch kri­tisch betrach­tet. Denn der Nim­bus einer wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Argu­men­ta­tion, die zu kon­kre­ten Hand­lungs­not­wen­dig­kei­ten führt und sozu­sa­gen alter­na­tiv­los ist, lässt poli­tisch-demo­kra­ti­sche Wil­lens­bil­dung außer Acht. Zugleich las­sen sich aus wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen durch­aus unter­schied­li­che Hand­lungs­stra­te­gien ablei­ten, vor allem unter Berück­sich­ti­gung unter­schied­li­cher Fach­dis­zi­pli­nen, wie dies jüngst auch die Pan­de­mie zeigt, wo Viro­lo­gen, Ärzte, Fami­lien- oder Wirt­schafts­ex­per­ten zu unter­schied­li­chen Schluss­fol­ge­run­gen kommen.

Als Moral wird die Gesamt­heit ver­bind­li­cher ethisch-sitt­li­cher Nor­men, Grund­sätze und Werte ver­stan­den, die das zwi­schen­mensch­li­che Ver­hal­ten einer Gesell­schaft oder auch von Milieus regu­lie­ren. Als „mora­li­sie­rend“ han­delt der Ein­zelne oder eine Gruppe, wenn diese oder der Ein­zelne den Anspruch ver­folgt, dass die eige­nen Werte und Posi­tio­nen nicht nur für sich selbst als rich­tig erach­tet wer­den, son­dern für alle als rich­tig gel­ten sol­len, bei­spiels­weise wenn der- oder die­je­nige, die oder der aus Über­zeu­gung ein Kopf­tuch trägt, die eigene Spra­che gen­dert oder sich vegan ernährt, von ande­ren for­dert, dies auch zu tun. Mora­li­siert wird aktu­ell bei vie­len gesell­schaft­li­chen The­men wie Gen­der, Diver­si­tät oder dem Umgang mit der Corona-Pan­de­mie. Mora­li­sie­rung spielt auch eine Rolle bei dem aktu­el­len Phä­no­men des „Can­cel cul­ture“.  Beun­ru­hi­gend sind dabei neue Alli­an­zen von Mora­li­sie­rung und Tech­no­kra­ti­sie­rung in der poli­ti­schen Argu­men­ta­tion. Bei­spiels­weise wer­den im Umgang mit der Corona-Pan­de­mie auf der einen Seite Sta­tis­ti­ken zur Ver­brei­tung des Virus, hier vor allem der soge­nannte Inzi­denz­wert als Richt­wert für not­wen­dige, nicht ver­han­del­bare Hand­lungs­stra­te­gien her­an­ge­zo­gen. Zugleich wird diese Argu­men­ta­tion mit einer mora­li­sie­ren­den Argu­men­ta­tion ver­bun­den: der Soli­da­ri­tät, dem „Leben ret­ten“, dem „herz­lich und ver­nünf­tig han­deln“, so jüngst die Bun­des­kanz­le­rin. Das heißt im Umkehr­schluss, wer bestehende Maß­nah­men in Frage stellt, han­delt unherz­lich, unver­nünf­tig und gefähr­det Leben.

Jetzt kann argu­men­tiert wer­den, dass der Zweck die Mit­tel hei­ligt und es hier wirk­lich keine alter­na­tive Hand­lungs­stra­te­gie gibt. Aber so kön­nen natür­lich auch Grup­pen argu­men­tie­ren, die sich gegen Ras­sis­mus oder Kli­ma­er­wär­mung ein­set­zen. In einer Demo­kra­tie müs­sen unter­schied­li­che Posi­tio­nen ver­han­del­bar sein und Ent­schei­dun­gen letzt­lich von den gewähl­ten Reprä­sen­tan­ten getrof­fen wer­den, unter Ein­hal­tung des Grund­ge­set­zes, das eben die Akzep­tanz einer poli­ti­schen Oppo­si­tion, Mei­nungs-, Reli­gi­ons- und Kunst­frei­heit als demo­kra­ti­sche Werte schützt. In einer demo­kra­ti­schen Debatte kann mit Wer­ten, Moral und auch mit wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen argu­men­tiert wer­den. Dar­aus einen Abso­lut­heits­an­spruch abzu­lei­ten, ist jedoch eine gefähr­li­che Grat­wan­de­rung. Denn mora­li­sie­ren, sei­nen Mit­men­schen Werte oder Prin­zi­pien auf­zu­er­le­gen und damit das Aus­han­deln ihrer Posi­tio­nen ein­zu­schrän­ken, ist letzt­lich eine Form von Gewalt in einer Demo­kra­tie. Viel­leicht muss eine Gesell­schaft, die lange Zeit sehr libe­ral und tech­no­kra­tisch argu­men­tiert hat, erst wie­der ler­nen mora­li­sche Debat­ten zu führen.

Die­ser Bei­trag ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 03/2021.

Von |2021-03-25T14:56:32+01:00März 4th, 2021|Meinungsfreiheit|Kommentare deaktiviert für

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Das Fun­da­ment für eine Koexis­tenz unter­schied­li­cher Milieus bröckelt

Susanne Keuchel
Susanne Keuchel ist Präsidentin des Deutschen Kulturrates.