Könige des Wissens

Ein Fak­ten­check zu Krip­pen­fi­gu­ren und Sternsingern 

Der Weih­nachts­frie­den ist gefähr­det. Nicht nur wegen Corona, son­dern auch wegen Ärgers um die Hei­li­gen Drei Könige. Zwei Vor­würfe lie­gen an: Es sei Ras­sis­mus, den dun­kel­häu­ti­gen König als Krip­pen­fi­gur typi­sie­rend dar­zu­stel­len. Und es sei ras­sis­tisch, wenn hell­häu­tige Stern­sin­ger mit dunk­ler Schminke die Per­son of Color des Krip­pen­per­so­nals mimen. Was ist dran an die­ser Kritik?

Weih­nachts­krip­pen und mit ihnen auch die Dar­stel­lung der bibli­schen „Stern­deu­ter aus dem Osten“, die dem Jesus­kind hul­di­gen – spä­ter „Hei­lige Drei Könige“ und „Drei Weise“ genannt –, gehö­ren zu den frü­hen Zeug­nis­sen christ­li­cher Bild­kunst: Bereits im Jahr 500 fin­den wir diese Dar­stel­lun­gen und seit dem 8. Jahr­hun­dert wird einer der Könige dun­kel­häu­tig gezeigt. Zuerst war das Cas­par, spä­ter Mel­chior. Diese Iko­no­gra­fie reicht weit vor die euro­päi­sche Kolo­nia­li­sie­rung Afri­kas in eine Zeit, als das Chris­ten­tum schon lange Staats­re­li­gion in Äthio­pien und Eri­trea war.

Wenn also Weih­nachts­krip­pen mit der Figur des Cas­par oder Mel­chior einen Afri­ka­ner (sic!) zei­gen, dann hat das nichts mit kul­tur­he­ge­mo­nia­ler Ver­ein­nah­mung zu tun, son­dern mit uni­ver­sa­ler Men­schen­würde: Men­schen unter­schied­li­cher Haut­farbe und aus unter­schied­li­chen Eth­nien sind gleich­wer­tige Akteure und Adres­sa­ten von Jesu Froh­bot­schaft – bedarf diese iko­no­gra­fi­sche Aus­sage wirk­lich einer Revision?

Es gehört zum Wesen jeder Iko­no­gra­fie, dass sie Chif­fren – nicht Kli­schees! – für ihre Wie­der­erkenn­bar­keit ver­wen­det: Josef, der Pfle­ge­va­ter des Jesus­kin­des, ist meist ein Greis, obwohl erst­hei­ra­tende Män­ner damals jung waren. Das Jesus­kind der Weih­nachts­krippe ist sel­ten ein rea­lis­ti­sches Neu­ge­bo­re­nes, son­dern meist ein ein- bis drei­jäh­ri­ges Kind usw. Denn Sakral­kunst ist kein doku­men­ta­ri­sches, son­dern ein theo­lo­gi­sches Medium. Wel­che Lip­pen- oder Nasen­form ein Künst­ler der Figur des Mel­chior ver­lie­hen hat, ist so lange uner­heb­lich, als die Dar­stel­lung nicht objek­tiv dis­kri­mi­nie­rend ist, und Letz­te­res fest­zu­stel­len, ist iko­no­lo­gisch kei­nes­wegs immer unfehlbar.

Vor dem Hin­ter­grund eige­ner Ver­feh­lung gegen die Kunst­frei­heit hat sich die Kir­che dazu bekannt, dass sie die kul­tu­relle Diver­si­tät gemäß der „Eigen­art und Lebens­be­din­gun­gen der Völ­ker“ respek­tiert (Zwei­tes Vati­ka­num, 1963). In die­sem Sinne haben z. B. viele afri­ka­ni­sche Künst­le­rin­nen und Künst­ler Weih­nachts­krip­pen geschaf­fen, in denen alle Figu­ren sehr dun­kel­far­big sind und Klei­dung wie Haar­tracht afri­ka­ni­scher Tra­di­tion tra­gen. Dies bedeu­tet kei­nen Ras­sis­mus gegen­über den indi­ge­nen Wur­zeln des jüdi­schen Isra­els, son­dern es bedeu­tet nur eines: die Kunst­frei­heit der Anverwandlung.

Was aber, wenn die Rolle des Mel­chior von dun­kel geschmink­ten Hell­häu­ti­gen gespielt wird? Obwohl die jahr­hun­der­te­alte Tra­di­tion des Stern­sin­gens ein weit­hin belieb­tes Cross­over von Per­for­mance, „Sozia­ler Plas­tik“ nach Joseph Beuys, Cha­rity und Brauch­tums­pflege ist, bekommt sie unver­se­hens Gegen­wind: Die Mel­chior-Per­for­mance sei gleich­zu­set­zen mit ras­sis­ti­schem „Black­fa­cing“ aus Spott­ko­mö­dien, so der Vor­wurf. Aber anders als das ver­höh­nende Black­fa­cing oder als die nie­der­län­di­sche Schreck­fi­gur des „Zwar­ten Piet“ drückt die Mel­chior-Per­for­mance schon immer wert­schät­zende Anver­wand­lung aus, zumal sie eine Königs­würde ver­kör­pert. Moti­visch ist jeder der drei Stern­deu­ter ein hoch ange­se­he­ner „Wei­ser“, ein „König des Wis­sens“! Gegen­läu­fige Miss­ver­ständ­nisse sind ver­meid­bar, wenn diese Kon­tex­tua­li­tät als Fakt wahr­ge­nom­men wird.

Dass indes aus­ge­rech­net Rechts­po­pu­lis­ten jetzt mit übler Gegen­be­schimp­fung der Kri­ti­ke­rin­nen und Kri­ti­ker das Mel­chior-Motiv zu „ret­ten“ vor­ge­ben, bewirkt am Ende nichts ande­res, als ein der­zeit ohne­hin fra­gi­les Kul­tur­gut zu kon­ta­mi­nie­ren. Men­schen, die durch Into­le­ranz und Hass dem Evan­ge­lium zuwi­der­han­deln, haben kein Recht, über biblisch inspi­rierte Dar­stel­lun­gen mitzudiskutieren.

Was aber folgt nun für die Stern­sin­ge­rin­nen und -sin­ger? „Man kann doch ein­fach schwarze Kin­der an der Aktion betei­li­gen; Anma­len ist nicht nötig“, ver­lau­tet die Initia­tive Schwarze Men­schen in Deutsch­land. Diese sym­pa­thi­sche Wort­mel­dung trägt Eulen nach Athen, weil People of Color schon lange ganz selbst­ver­ständ­lich an der Stern­sin­ger­ak­tion betei­ligt sind. Sol­len hin­ge­gen dort, wo sich keine People of Color zum Stern­sin­gen mel­den, wirk­lich nur noch die „drei wei­ßen hei­li­gen Könige“ durch die Stra­ßen zie­hen? Soll Mel­chior in der Weih­nachts­krippe ein irgend­wie „neu­tra­les“ Aus­se­hen erhal­ten? Sollte man seine Figur zur Ver­mei­dung von Ste­reo­ty­pen ganz aus der Krippe ent­fer­nen? In beflis­se­ner Kon­se­quenz der aktu­el­len Vor­würfe müsste man sol­che Sze­na­rien wohl gut­hei­ßen – aber wäre das nicht die unbe­ab­sich­tigte Resti­tu­tion eines „Apart­heids­sys­tems im Kopf“ in Kunst, Kul­tur und Brauch­tum? Das wäre tra­gisch und nach­her hätte es natür­lich nie­mand gewollt.

Gibt es eigent­lich ein Recht der Dar­ge­stell­ten, dar­über zu ver­fü­gen, ob und wie sie dar­ge­stellt wer­den möch­ten? Und wie ver­hält es sich, wenn – wie eben bei den Drei Köni­gen – bereits stark typo­lo­gisch über­formte Indi­vi­duen zur künst­le­ri­schen Dar­stel­lung gelan­gen? Zu die­ser Frage hält die Geschichte bit­tere Lek­tio­nen bereit: Arbei­ter und Bau­ern sahen sich durch vor­geb­lich deka­dente künst­le­ri­sche Por­träts ver­un­glimpft, Män­ner durch schein­bar weich­li­che, Frauen durch ver­meint­lich devote, „Hel­den“ durch angeb­lich „unhel­di­sche“. Dabei änder­ten sich die Wer­tun­gen natür­lich stän­dig – bes­ten­falls sym­bol­po­li­tisch, schlimms­ten­falls totalitär.

Ande­rer­seits, dass in Kunst und Kul­tur auch echte, nicht nur gefühlte Dis­kri­mi­nie­run­gen vor­kom­men, ist lei­der Fakt. Dage­gen gibt es das seit 1949 bestehende rechts­staat­li­che Maß­nah­men­pa­ket, das der aus­ge­wo­ge­nen Rechts­gü­ter­ab­wä­gung zwi­schen Ehren-, Jugend- und Straf­ta­ten­schutz inklu­sive Straf­ver­fol­gung von Volks­ver­het­zung einer­seits und Kunst­frei­heit ande­rer­seits dient. Die­ser bewähr­ten Balance sollte wei­ter­hin ver­traut wer­den. Dür­fen die Drei Könige in die­sem Sinn fried­li­che Weih­nach­ten erleben?

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2020-01/2021.

Von |2021-01-08T10:05:22+01:00Dezember 8th, 2020|Religiöse Vielfalt|Kommentare deaktiviert für

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Ein Fak­ten­check zu Krip­pen­fi­gu­ren und Sternsingern 

Jakob Johannes Koch
Jakob Johannes Koch ist Kulturreferent der Deutschen Bischofskonferenz.