„Auf die Revo­lu­tion von 1989 kön­nen wir stolz sein“

Tho­mas Oberen­der im Gespräch

Lud­wig Gre­ven spricht mit dem in Jena auf­ge­wach­se­nen Ber­li­ner Fest­spiel­di­rek­tor, Tho­mas Oberen­der, über einen neuen Ton in der deutsch-deut­schen Erin­ne­rungs­kul­tur, Angriffe auf die Demo­kra­tie heute und sein Buch „Empower­ment Ost: Wie wir zusam­men wachsen“.

Lud­wig Gre­ven: Wir haben seit 15 Jah­ren eine ost­deut­sche Kanz­le­rin. Wir hat­ten einen Bun­des­prä­si­den­ten aus der ehe­ma­li­gen DDR. Wes­halb füh­len sich Ost­deut­sche den­noch 30 Jahre nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung noch immer unter­re­prä­sen­tiert, teils sogar stär­ker als vor eini­gen Jahren?
Tho­mas Oberen­der: Weil sie es sind. Nur ein Gedan­ken­spiel: Was wäre, wenn Bay­ern sich mit Öster­reich ver­eint hätte und es gäbe danach in Bay­ern kei­nen baye­ri­schen Gene­ral mehr und nur noch 1,5 Pro­zent der Pro­fes­so­ren wären lan­des­weit Bay­ern. In der Wirt­schafts­elite wären immer­hin noch 4,7 Pro­zent aus Bay­ern und in der Kul­tur 7,3. Sonst über­all Chefs aus Öster­reich. So sieht es im ver­ein­ten Deutsch­land in allen Berei­chen aus.

Neben der Über­macht west­deut­scher Eli­ten haben viele im Osten den Ein­druck, mit ihrer Lebens­er­fah­rung in der DDR, in der Revo­lu­tion 1989/90 und der Trans­for­ma­ti­ons­pe­ri­ode danach nicht aner­kannt zu wer­den, wie Sie in Ihrem Buch beschrei­ben. Treibt das so viele in ihre Abwehr­hal­tung, auch gegen Migran­ten, obwohl es denen ja ganz ähn­lich ergeht?
Auf diese Aner­ken­nung war­tet, glaube ich, nie­mand mehr. Der Spie­gel hat noch 1991 den „Ansturm der Armen“ geti­telt: Über- und Aus­sied­ler, Flücht­linge, Asy­lan­ten. Es gibt eine alte Ver­ach­tungs­ge­schichte des Ostens und der Migran­ten, noch aus Zei­ten vor der Öff­nung der Mauer, und die setzt sich fort, indem ein­fach wei­ter päd­ago­gi­siert und belä­chelt wird, statt hin­zu­schauen. Ich denke, dass es zwei For­men der Moderne gab, eine west­li­che und eine öst­li­che, wobei die ost­eu­ro­päi­sche ein tota­li­tä­res Sys­tem war, ganz klar. Aber beide waren hoch­in­dus­tria­li­siert, auf Mas­sen­kon­sum aus­ge­rich­tet und betrach­ten die Natur als eine Art Waren­la­ger. Beide haben Com­pu­ter und Rake­ten gebaut und die alten Eli­ten abge­schafft. In vie­lem waren wir ein­an­der nicht so fremd.

Aber das Ver­hält­nis war sehr ungleich.
Anfangs nicht, spä­ter schon. West­deutsch­land wurde für die Ost­deut­schen der rei­che Ver­wandte. Und für den ist es im Osten immer noch nicht so rich­tig schön. Ent­we­der die angeb­lich zurück­ge­blie­be­nen Men­schen stö­ren oder die Plat­ten­bau­ten. Dage­gen hilft nur Empower­ment, Ermu­ti­gung und Ermäch­ti­gung. Wir haben im letz­ten März den Palast der Repu­blik sym­bo­lisch wie­der auf­ge­baut, weil die Wende von 1989 die erste Revo­lu­tion des 21. Jahr­hun­derts war. Die deut­sche Ein­heit wurde dort beschlossen.

Ließe sich diese Erfah­rung der Demü­ti­gung hei­len, indem man über­all eine Quote für Ost­deut­sche ein­führte, ana­log zu einer Frauen-quote?
Das wäre ein Signal. Denn es gab ja eine Quote im Osten. Nur wurde die von west­deut­schen Ver­wal­tun­gen durch­ge­setzt, die dafür sorg­ten, dass in den Lei­tungs­po­si­tio­nen West­deut­sche ein­ge­stellt wur­den. So übri­gens auch die Rich­ter aus Baden-Würt­tem­berg, die noch 30 Jahre nach der Wende am Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Baut­zen die Quer­denker­demo in der Innen­stadt von Leip­zig geneh­migt haben. Weil sie der Mei­nung sind, dass Corona so zu behan­deln ist wie eine Grippe und diese Falsch­mel­dung ver­ant­wor­ten sie im Säch­si­schen Ver­wal­tungs­blatt. Sol­che Ereig­nisse haben mit dem Ver­lauf der Wie­der­ver­ei­ni­gung mehr zu tun als mit der DDR.

Es geht um kon­krete Macht­fra­gen. Wenn mehr Frauen und mehr Ost­deut­sche Füh­rungs­po­si­tio­nen beklei­den sol­len, müs­sen Män­ner und West­deut­sche zurückstecken.
Was heißt zurück­ste­cken? Frauen sind die Hälfte der Bevöl­ke­rung, jeder Fünfte ist ost­deutsch. Hier läuft seit Lan­gem viel ver­kehrt und dar­über reden wir ja nun end­lich. Genauso wie über die Rechte von Schwar­zen oder POC und deren Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen. Der Unter­ti­tel mei­nes Buches heißt: Wie wir zusam­men wach­sen. Getrennt geschrie­ben. Zusam­men zu wach­sen heißt eben nicht, so zu wer­den wie die Mehr­heits­ge­sell­schaft. Ihr gegen­über müs­sen wir von unse­rer Geschichte selbst erzäh­len, von unse­rer Freude, unse­rem Wider­stand, ich habe das „occupy history“ genannt. Die Paro­len von 1989 dür­fen wir nicht den Rech­ten überlassen.

Sie sind ohne Ost-Quote oben ange­kom­men. Sie sind Direk­tor der Ber­li­ner Fest­spiele, eine Per­son der kul­tu­rel­len Elite. Sind Sie nicht ein tol­les Bei­spiel dafür, dass man sich nur anstren­gen muss, um gleich­be­rech­tigt aner­kannt zu werden?
So gerne würde ich Ihnen sagen: Sie haben recht. Aber ich bin dafür auch in den Wes­ten gegan­gen, nach Bochum, dann nach Zürich, Salz­burg. Ich habe hart gear­bei­tet, und viel­leicht habe ich auch ein­fach Talent. Viel­leicht bin ich aber auch nur ein Betriebs­un­fall. Ich bin der ein­zige ost­deut­sche Inten­dant in Ber­lin. Es gab nie Chan­cen­gleich­heit. Schauen Sie sich die Ver­mö­gens­ver­tei­lung von 1989 bis heute im Ost-West-Ver­gleich an. Wofür bin ich ein tol­les Bei­spiel? Sicher nicht dafür, dass man nur die Ärmel hoch­krem­peln muss.

Geht Ost­deut­schen die Ellen­bo­gen­men­ta­li­tät und der Ehr­geiz ab, um sich durchzusetzen?
Sie pro­vo­zie­ren, oder? Sonst wäre das eine unver­schämte Frage. Die­ses ganze Ellen­bo­gen­bild ist ja ein Inbild des wirk­li­chen Elends, das unsere Welt auf­frisst, das unsere Gesell­schaft ent­so­li­da­ri­siert hat, und das ist ungut bis in die Fin­ger­spit­zen. Davon haben sich die Ost­deut­schen bis heute nicht erholt. 90 Pro­zent der ost­deut­schen Mie­ten gehen an West­deut­sche. Wow, oder? Dahin haben die Ellen­bo­gen geführt.

Haben wir das nicht 1989 ändern wol­len? Und gehen des­halb nicht die jun­gen Leute frei­tags auf die Straße? Ich würde sagen: Ja, gegen diese Ellenbogen.

Viele Junge aus dem Osten gehen selbst­be­wusst ihren Weg. Da merkt man keine Unter­schiede mehr. Soll­ten wir nicht auf­hö­ren, auf Kol­lek­tive zu schauen?
Ich sehe das anders. Ich sehe viele Junge aus dem Osten, die den Osten und die DDR plötz­lich eine Genera­tion spä­ter neu ent­de­cken. „Frei­raum“ in Leip­zig, „Auf­bruch Ost“, die „3te Genera­tion Ost“, „88vier“ – sie wol­len in unse­rem Land heute etwas ändern. Sie sehen in der DDR und Wen­de­zeit nicht nur Ver­lie­rer, nicht nur Opfer und Täter, son­dern auch Krea­ti­vi­tät, den kul­tu­rel­len Schatz ganz ande­rer Erfah­run­gen. Das wird uns hei­len und ver­bin­den. Kein Schluss­strich kann das.

Sie schrei­ben, dass Sie sich schon als Jugend­li­cher in der DDR viel mehr dem Wes­ten kul­tu­rell ver­bun­den fühl­ten. Wer­den Ost­deut­sche erst durch die Zuschrei­bung dazu gemacht, ähn­lich wie Migran­ten auf ihre Her­kunft redu­ziert werden?
Zum Ost­deut­schen wurde ich erst durch die Wie­der­ver­ei­ni­gung gemacht, als alles, was meine Lebens­welt aus­machte, sich auf­löste, sprich­wört­lich: von der Dach­rinne bis zum Licht­schal­ter, vom Ver­kehrs­schild bis zu mei­nen Lehr­bü­chern. Und dann haben wir ja angeb­lich alle nur Bana­nen, Kohl und die D-Mark gewollt und konn­ten kein Eng­lisch. Rich­tig dazu gemacht wor­den sind Leute wie ich jedoch durch die AfD und Pegida, als wir dach­ten: Es kann doch nicht sein, dass das jetzt Ost­deutsch­land reprä­sen­tiert. Und so habe ich ver­sucht, mir meine eigene Lebens­ge­schichte wie­der zurück­zu­er­obern, die natür­lich die von vie­len Men­schen war – gegen diese Dun­kel-Deutsch­land-Bil­der aus Dres­den und Chem­nitz, aber auch gegen die offi­zi­elle Spra­che der Poli­tik und Medien in der west­deutsch domi­nier­ten Bericht­erstat­tung über den Osten.

Sie spre­chen von einer kolo­nia­len Matrix. Ist es nicht das glei­che kolo­nia­lis­ti­sche Den­ken, wenn Linke und Grüne Ost­deut­schen pau­schal unter­stel­len, sie seien Nazis?
Robert Habeck hat ja die Ost­deut­schen nicht mit Nazis gleich­ge­setzt, son­dern mit einem Ent­wick­lungs­land im Sinne der Demo­kra­tie, was er, glaube ich, sehr bedau­ert. Weil diese pater­na­lis­ti­schen Ges­ten heute sofort Alarm aus­lö­sen. Und so ist es ihm an sich sel­ber auf­ge­fal­len. Denn ja, auch die bes­ten Absich­ten kön­nen zu Bevor­mun­dung, Her­ab­set­zung und Ent­mün­di­gung füh­ren. Das steckt tief drin in allen Men­schen. Es gibt nicht den bösen Wes­ten, der in den guten Osten kam. Viele im Osten waren für Infan­ti­li­sie­run­gen hoch­gra­dig emp­fäng­lich. Die ehr­gei­zi­gen Poli­ti­ker und Bera­ter aus dem Wes­ten haben sie dann eben an die Hand genom­men und eine Kin­der­stube geschaffen.

Wel­che Chance sehen Sie, nach all den Jah­ren noch ein unbe­fan­ge­nes Gespräch zwi­schen Ost und West in Gang zu bringen?
Oh, das fängt gerade an. Der Ton hat sich ver­än­dert. Das ist gut. Edmund Stoi­ber hat noch 2002 gesagt, es könne ja nicht sein, dass erneut die Frus­trier­ten aus Ost­deutsch­land bestim­men, wer Kanz­ler wird. Aber es wächst eine neue Genera­tion heran, die einen ande­ren Blick auf die ost­deut­sche Lebens­ge­schichte ent­wer­fen. Eine neu­gie­rige, auch empa­thi­sche Perspektive.

Wel­chen Bei­trag dazu kön­nen Künst­ler, Schrift­stel­ler, Thea­ter­leute und Aus­stel­lungs­ma­cher leisten?
Einen gro­ßen. Im Gegen­satz zur Abschaf­fung der ost­deut­schen Wirt­schaft oder Wis­sen­schaft hat die kul­tu­relle Ent­wick­lung nach der Wende an kul­tu­relle Posi­tio­nen der DDR anknüp­fen kön­nen. Die Volks­bühne in Ber­lin war für gut 25 Jahre das bedeu­tendste Thea­ter Euro­pas. Der ein­zige Ort, wo Wie­der­ver­ei­ni­gung auf Augen­höhe statt­ge­fun­den hat. Unsere Auf­gabe heute ist es sicher, den west­deut­schen Kanon in der bil­den­den Kunst gesamt­deutsch zu for­men und zu lockern, aber auch den ost­deut­schen, der bis heute jene Avant­garde mar­gi­na­li­siert, die der DDR-Staat unter­drückt hat.

Kann die Kul­tur Avant­garde sein, um nach­träg­lich einen Stolz dar­auf zu ent­wi­ckeln, was die Men­schen im Osten geschafft haben, in der DDR, in der Revo­lu­tion und seitdem?
Stolz, das ist auch nur ein Stück But­ter auf dem Kopf. Das riecht nach Ost­al­gie.  Aber unsere Erin­ne­rungs­kul­tur soll­ten wir schon ver­än­dern. Die Opfer müs­sen ein Gesicht bekom­men, und die Täter auch. Nur ver­ges­sen wir dar­über die Erin­ne­rung des Wider­stands. Wir brau­chen mehr Auf­merk­sam­keit für die Gegen­kräfte, ihren Witz und Mut. Wo blei­ben die Huma­nis­ten, die bewusst in der DDR geblie­ben sind? Her­mann Glöck­ner, Gabi Stöt­zer. Auf die Revo­lu­tion von 1989 kön­nen wir stolz sein, wenn wir dem Angriff auf die Demo­kra­tie von heute Paroli bie­ten, ins­be­son­dere all den gut­bür­ger­li­chen Toten­grä­bern mit ihrer Agenda aus dem „intel­lec­tual dark web“. Das hat mit Ost-West nichts mehr zu tun, da geht’s um Weimar.

Vie­len Dank.

Die­ses Inter­view ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2020-01/2021

Von |2021-01-08T10:58:29+01:00Dezember 8th, 2020|Heimat|Kommentare deaktiviert für

„Auf die Revo­lu­tion von 1989 kön­nen wir stolz sein“

Tho­mas Oberen­der im Gespräch

Thomas Oberender ist Direktor der Berliner Festspiele. Er ist Autor von "Empowerment Ost. Wie wir zusammen wachsen" (Klett-Cotta Verlag 2020). Ludwig Greven ist freier Publizist und Autor.