„Viel­falt ist in Kul­tur, Sport und im Sozia­len nur mit­hilfe vie­ler Frei­wil­li­ger realisierbar“t

Enga­ge­ment in der Bür­ger­stadt Leip­zig

Die gebür­tige Leip­zi­ge­rin und pro­mo­vierte Dra­ma­tur­gin Skadi Jen­ni­cke (Die Linke) ist heute Bür­ger­meis­te­rin und Bei­geord­nete für Kul­tur in ihrer Hei­mat­stadt. The­resa Brüheim spricht mit ihr über Enga­ge­ment für Kul­tur und mehr in der säch­si­schen Bür­ger­stadt.

The­resa Brüheim: Inwie­weit hat das bür­ger­schaft­li­che Enga­ge­ment in Ihrer Stadt, in Leip­zig, Tra­di­tion?
Skadi Jen­ni­cke: Zahl­rei­che Part­ner aus Kul­tur und Wirt­schaft betei­li­gen sich als unter­stüt­zende Initia­ti­ven des bür­ger­schaft­li­chen Enga­ge­ments und knüp­fen so an die lange Tra­di­tion frei­wil­li­gen bür­ger­schaft­li­chen Enga­ge­ments unse­rer Stadt an. His­to­ri­sche Belege dafür fin­den sich viele, gerade in der Kul­tur. So geht die Grün­dung des Gewand­haus­or­ches­ters oder des Muse­ums der bil­den­den Künste auf die Initia­tive der Bür­ger­schaft zurück. In sei­ner Geschichte kannte die Stadt über 1.000 Stif­tun­gen, die in den unter­schied­lichs­ten Berei­chen der Stadt und ihrer Bevöl­ke­rung dien­ten.

Bür­ger­li­ches Enga­ge­ment kann alle Berei­che des öffent­li­chen Lebens mit­ge­stal­ten. Wir dür­fen das nicht auf nach­ge­ord­nete Unter­stüt­zung staat­li­cher Insti­tu­tio­nen redu­zie­ren. Wich­tige soziale Bewe­gun­gen ins­be­son­dere des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts haben in Leip­zig ihren Ursprung, am bedeu­tends­ten dürfte die Arbei­ter­be­we­gung in all ihren Facet­ten sein. Auch hier rei­chen die Tra­di­ti­ons­li­nien in die unmit­tel­bare Gegen­wart.

Die Stadt Leip­zig wid­met sich 2021 mit dem The­men­jahr „Soziale Bewe­gun­gen“ genau die­sen Tra­di­ti­ons­li­nien, bei­spiels­weise dem bür­ger­li­chen Libe­ra­lis­mus, der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung und der Frau­en­be­we­gung, um gemein­sam mit den Akteu­ren der Stadt­ge­sell­schaft zu erör­tern, wel­che inno­va­ti­ven Ideen unsere Stadt­ge­sell­schaft vor­an­ge­bracht haben. Wir wol­len her­aus­fin­den, wie soziale Bewe­gun­gen sub­jek­tive und kol­lek­tive Iden­ti­tät stif­ten, wie soziale Bewe­gun­gen heute ent­ste­hen und warum sie zu oft so wenig Nach­hal­tig­keit ent­fal­ten.

Und wie ist es um das Enga­ge­ment in der Gegen­wart bestellt?
Dass das Ehren­amt in der Stadt­ge­sell­schaft auch heute eine bedeu­tende Rolle spielt, zei­gen die Ergeb­nisse der aktu­el­len kom­mu­na­len Bür­gerum­frage. Jede fünfte Per­son der Befra­gung enga­giert sich in irgend­ei­ner Weise ehren­amt­lich, jede vierte äußert Inter­esse an einer ehren­amt­li­chen Tätig­keit. Diese Zahl zeigt, dass es noch Poten­zial gibt, wei­tere Leip­zi­ge­rin­nen und Leip­zi­ger für ein Ehren­amt zu gewin­nen. Der kon­krete Ein­satz im Kul­tur­be­reich liegt unter den Befrag­ten mit an der Spitze der mög­li­chen Berei­che. Per­sön­li­che Fle­xi­bi­li­tät bei der Ent­schei­dung für einen Ein­satz und das Gefühl, gebraucht zu wer­den, sind häu­fig die zen­trale Moti­va­tion. Jeder Vierte kann sich einen „Ehren­amts­Pass“ als Aner­ken­nung für die eigene Bereit­schaft vor­stel­len. Die­sen gibt die Frei­wil­li­gen-Agen­tur Leip­zig seit 2004 an alle ehren­amt­lich Täti­gen aus, der bei Vor­lage Ver­güns­ti­gun­gen und Preis­nach­lässe unter ande­rem auch bei Kul­tur­ein­rich­tun­gen gewährt, etwa im Zoo, in Oper und Thea­ter, aber auch in den Museen und bei Kon­zer­ten des Gewand­hau­ses.

Was sind erste Anlauf­stel­len für Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, die sich gern enga­gie­ren möch­ten?
Bei der Suche nach Unter­stüt­zen­den erhal­ten alle Ver­eine und Pro­jekte in Leip­zig tat­kräf­tige Hilfe durch die Frei­wil­li­gen-Agen­tur Leip­zig. Das ist eine Infor­ma­ti­ons- und Ver­mitt­lungs­stelle für Men­schen, die sich frei­wil­lig enga­gie­ren möch­ten. Zudem bie­tet der Ver­ein mit der Ser­vice­stelle eine Anlauf- und Bera­tungs­stelle zu ver­schie­de­nen The­men, von der Grün­dung eines Ver­eins über För­der­mit­tel­ak­quise bis hin zum Daten­schutz. Außer­dem orga­ni­siert die Ser­vice­stelle Work­shops und Semi­nare zu The­men wie der gemein­nüt­zi­gen Buch­hal­tung, Pro­jekt­ent­wick­lung und Frei­wil­li­gen­ko­or­di­na­tion.

In Koope­ra­tion mit der Stadt Leip­zig bie­tet die Frei­wil­li­gen-Agen­tur Leip­zig mit der Ver­an­stal­tungs­reihe Engagement.Impuls ein For­mat, das inter­es­sier­ten Bür­ge­rin­nen und Bür­gern sowie Enga­gier­ten die Mög­lich­keit gibt, sich inner­halb und über die Enga­ge­ment­land­schaft in Leip­zig aus­zu­tau­schen. Ein gan­zes Wei­ter­bil­dungs­mo­dul zur ehren­amt­li­chen Arbeit, sei­nen recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen und Mög­lich­kei­ten bie­tet zudem die städ­ti­sche Volks­hoch­schule. Diese Kurse sind stark nach­ge­fragt.

Die Erfah­run­gen zeigt aller­dings auch, dass der Groß­teil der Bevöl­ke­rung ein Ehren­amt vor allem über das eigene soziale Umfeld fin­det – in bekann­ten Ver­ei­nen oder über Freunde und Fami­lie.

Was leis­tet die Stadt Leip­zig für das bür­ger­schaft­li­che Enga­ge­ment – spe­zi­ell im Kul­tur­be­reich? Wie wer­den Bür­ge­rin­nen und Bür­ger moti­viert, sich zu enga­gie­ren?
Für Enga­gierte und Ver­eine gibt es ver­schie­dene Mög­lich­kei­ten der Aner­ken­nung und För­de­rung durch die Stadt Leip­zig.

Eine Reihe gemein­nüt­zi­ger sowie kul­tu­rel­ler Insti­tu­tio­nen wird insti­tu­tio­nell oder pro­jekt­ba­siert geför­dert. Dafür stellt die Stadt Leip­zig jähr­lich 10 Mil­lio­nen Euro zur Ver­fü­gung. Über die Kom­mu­nal­pau­scha­len­ver­ord­nung wer­den Pro­jekte und Maß­nah­men zur För­de­rung des bür­ger­schaft­li­chen Enga­ge­ments und des Ehren­amts anhand der Ziel­ka­te­go­rien Qua­li­fi­zie­rung, Ver­net­zung, Aner­ken­nung geför­dert. Am 14. Novem­ber 2020 fin­det dar­über unter ande­rem die Online­kon­fe­renz „Engagement.Campus“ statt. Mit „Leip­zig wei­ter den­ken“ hat die Stadt Leip­zig eine zen­trale Koor­di­nie­rungs­stelle für bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment geschaf­fen, die sich seit 2012 der Aus­ge­stal­tung von Betei­li­gungs­pro­zes­sen wid­met.

Wie wird das Enga­ge­ment von der Kom­mune gewür­digt?
Erst im Okto­ber ver­lieh der Ober­bür­ger­meis­ter Burk­hard Jung die Gol­dene Ehren­na­del der Stadt Leip­zig an acht ehren­amt­lich tätige Leip­zi­ge­rin­nen und Leip­zi­ger. Von 1999 bis 2020 erhiel­ten ins­ge­samt 183 Per­so­nen in Leip­zig für ihr sozia­les, kul­tu­rel­les, poli­ti­sches Enga­ge­ment, ihre Arbeit in der Kin­der- und Jugend­hilfe oder im Sport diese beson­dere Aus­zeich­nung. Neben die­ser sehr per­sön­li­chen Ehrung lädt die Stadt seit 1995 jedes Jahr rund 350 Enga­gierte mit Beglei­tung zur Wür­di­gung des sozia­len Enga­ge­ments zu einem fest­li­chen Emp­fang in die Oper, das Gewand­haus oder die Musi­ka­li­sche Komö­die. Stell­ver­tre­tend für die große Zahl ehren­amt­lich Täti­ger wer­den an die­sem Abend Per­so­nen aus Ver­ei­nen, Ver­bän­den, Ein­rich­tun­gen der Stadt, Initia­ti­ven sowie Selbst­hil­fe­grup­pen, Kirch­ge­mein­den und ehren­amt­lich Tätige aus Jugend­pro­jek­ten geehrt. Diese Per­so­nen reprä­sen­tie­ren die große Gruppe ehren­amt­lich täti­ger Men­schen in unse­rer Stadt.

Ihre Leis­tung wird auch außer­halb Leip­zigs wahr­ge­nom­men und geehrt. So befan­den sich unter den in die­sem Jahr durch den Frei­staat Sach­sen 25 geehr­ten ehren­amt­li­chen Mit­ar­bei­ten­den im Museum zwei Leip­zi­ger, die sich im Museum für Druck­kunst und im GRASSI Museum für Ange­wandte Kunst enga­gie­ren.

Was leis­tet wie­derum das bür­ger­schaft­li­che Enga­ge­ment für Leip­zig?
„Willst du froh und glück­lich leben, lass kein Ehren­amt dir geben“, spot­tete einst Wil­helm Busch. Ich glaube, er hat es nicht wirk­lich so gemeint. Schon zu sei­ner Zeit spielte das Ehren­amt eine wich­tige Rolle. Frei­wil­li­ges Enga­ge­ment war und ist für unsere Gesell­schaft höchst wert­voll. Es för­dert und erhält den sozia­len Zusam­men­halt, han­delt im täg­li­chen Tun das Mit­ein­an­der aus und stellt ein gro­ßes Poten­zial für eine aus­ge­wo­gene Ent­wick­lung der Stadt und funk­tio­nie­rende Nach­bar­schaf­ten dar.

Wir wis­sen, die heu­tige Viel­falt in der Kul­tur, im Sport und sozia­len Bereich ist in Leip­zig nur mit­hilfe vie­ler Frei­wil­li­ger rea­li­sier­bar. Der Fes­ti­val­be­trieb unse­rer Kul­tur­stadt wäre ohne sie nicht denk­bar. So unter­stüt­zen Ehren­amt­li­che und Volon­täre all­jähr­lich bei­spiels­weise die Leip­zi­ger Jazz-Tage, das Inter­na­tio­nale Leip­zi­ger Fes­ti­val für Doku­men­tar- und Ani­ma­ti­ons­film und das Thea­ter- und Tanz­fes­ti­val euro-scene Leip­zig, um nur einige zu nen­nen. Zahl­rei­che Ver­eine und Initia­ti­ven könn­ten ohne ehren­amt­li­che Unter­stüt­zung deut­lich weni­ger soziale und kul­tu­relle Ange­bote unter­brei­ten. Die Grenze, wo indi­vi­du­el­les Enga­ge­ment in staat­li­chen Rück­zug kippt, ist schmal und gehört sen­si­bel beob­ach­tet. Umge­kehrt stif­tet staat­lich unver­zicht­bare Arbeit häu­fig auch Sinn für die Enga­gier­ten. Kom­mu­nale Auf­gabe ist also einer­seits, die Stadt­ge­sell­schaft zu ver­net­zen und Mög­lich­kei­ten für Enga­ge­ment zu schaf­fen, ande­rer­seits für eine sta­bile haupt­amt­li­che Grund­ver­sor­gung und struk­tu­relle Sta­bi­li­tät zu sor­gen.

Wel­che Aus­wir­kun­gen hat der­zeit die Corona-Pan­de­mie auf die Leip­zi­ger Enga­ge­ment­struk­tu­ren?
Aktu­ell wür­den viele Ehren­amt­li­che lie­ber auf die Ehrun­gen ver­zich­ten und sich dafür mehr Gewiss­heit für ihr Tun in den Zei­ten der Corona-Pan­de­mie wün­schen. Die ehren­amt­li­che Tätig­keit lebt vom per­sön­li­chen Aus­tausch. Doch hier gilt ins­be­son­dere, das gesund­heit­li­che Risiko nicht zu unter­schät­zen, denn ein Groß­teil der Ehren­amt­li­chen gehört selbst zur Risi­ko­gruppe oder unter­stützt über­wie­gend Ziel­grup­pen, die zur Risi­ko­gruppe zäh­len. Die Fol­gen der Pan­de­mie erzeu­gen zudem finan­zi­elle Unsi­cher­hei­ten in Ver­ei­nen und Initia­ti­ven. Spen­den blei­ben auf­grund der ange­schla­ge­nen Wirt­schaft aus und Pri­vat­haus­halte blei­ben in Habacht­stel­lung hin­sicht­lich der Ent­wick­lung. Gleich­zei­tig müs­sen höhere Belas­tun­gen durch die sich ste­tig wan­deln­den Ein­schrän­kun­gen, die Erstel­lung der Hygie­nekon­zepte und Ein­hal­tung der Auf­la­gen orga­ni­siert und getra­gen wer­den. Dazu kommt die Wand­lung der ver­stärk­ten Kom­mu­ni­ka­tion über digi­tale Kanäle. Die Ver­än­de­run­gen sind so man­nig­fal­tig, dass es jeder Per­son, aber auch jeder Insti­tu­tion schwer­fällt, Schritt zu hal­ten.

Den­noch hat die Pan­de­mie sehr viel Wärme und kol­lek­tive Kraft zutage beför­dert. Das hohe Maß an Hilfs­be­reit­schaft von Leip­zi­ger Bür­ge­rin­nen und Bür­gern im Bereich der Nach­bar­schafts­hilfe über­stieg im März und April die­ses Jah­res sogar die Nach­frage danach. Diese Soli­da­ri­tät zu spü­ren war für mich ein wun­der­ba­rer Licht­blick in die­sen schwie­ri­gen Zei­ten. Die­ses Gefühl, die Früchte des eige­nen Enga­ge­ments sehen und spü­ren zu kön­nen, ist ein essen­zi­el­ler Antrieb für das bür­ger­li­che Enga­ge­ment. Dass dies in Bälde für alle Berei­che unse­rer Gesell­schaft wie­der mög­lich ist, wün­sche ich mir sehr. Wir alle brau­chen es.

Vie­len Dank.

Die­ses Inter­view ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 11/2020.

Von |2020-11-04T10:46:09+01:00November 4th, 2020|Bürgerschaftliches Engagement|Kommentare deaktiviert für

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Enga­ge­ment in der Bür­ger­stadt Leip­zig

Skadi Jennicke & Theresa Brüheim
Skadi Jennicke ist Bürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur der Stadt Leipzig. Theresa Brüheim ist Chefin vom Dienst von Politik & Kultur.