Gemein­sam erle­ben und per­for­men

Zur Ent­wick­lung der Enga­ge­ment­struk­tu­ren im Musik­be­reich

Vier­zehn Mil­lio­nen Men­schen musi­zie­ren in ihrer Frei­zeit. Die Chöre, Orches­ter und Musik­ver­eine sind Orte der Teil­habe, Mit­be­stim­mung und Inte­gra­tion und leis­ten ins­be­son­dere in länd­li­chen Räu­men einen wich­ti­gen kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Bei­trag. Die Ver­eine bie­ten Mög­lich­kei­ten zur Teil­habe und zur gesell­schaft­li­chen Ver­stän­di­gung, leis­ten dem­nach auch einen wich­ti­gen Bei­trag zur Demo­kra­tie­stär­kung und wir­ken sich inte­gra­tiv aus. Denn die Musik kann auch dort Brü­cken bauen, wo Sprach­bar­rie­ren bestehen. Außer­dem leis­ten die Ver­eine einen wich­ti­gen kul­tu­rel­len Bei­trag, der ins­be­son­dere in länd­li­chen Räu­men Ein­fluss auf die Lebens­qua­li­tät nimmt. Wolf­gang Schnei­der bezeich­net im „Weiß­buch Brei­ten­kul­tur: Kul­tur­po­li­ti­sche Kar­to­gra­fie eines gesell­schaft­li­chen Phä­no­mens am Bei­spiel des Lan­des Nie­der­sach­sen“ die Kul­tur­ver­eine auf dem Land als Orte des Zusam­men­halts, der Bil­dung und der Gesel­lig­keit. Des­we­gen sagt Schnei­der auch klipp und klar, dass sich Kul­tur­po­li­tik nicht nur um die gro­ßen Museen und Thea­ter, son­dern mehr um die Brei­ten­kul­tur küm­mern müsste. Denn Ver­eine müs­sen gestärkt und zukunfts­fest gemacht wer­den – umso mehr, da Ensem­bles heute mit vie­len büro­kra­ti­schen Auf­ga­ben kon­fron­tiert und aktu­ell durch Corona exis­ten­zi­ell bedroht sind.

Musik gehört zu den attrak­tivs­ten For­men des Ehren­amts und ver­bin­det das gemein­schaft­li­che Erle­ben mit der Per­for­mance. Dabei ändern sich die For­men, die Werke wer­den inter­na­tio­na­ler und es wird zuneh­mend auch außer­halb einer Ver­eins­struk­tur gear­bei­tet. Einige Ensem­bles expe­ri­men­tie­ren auch mit Teil­zeit-Anwe­sen­heit. Par­al­lel dazu gibt es viele ehr­gei­zige Ensem­bles, die schwie­rige Werke in semi­pro­fes­sio­nel­ler Qua­li­tät erar­bei­ten.

Im Bereich Kul­tur und Musik sind gemäß der Son­der­aus­wer­tung „Kul­tur und Musik“ des Frei­wil­li­gen­sur­vey 2014 soziale Grup­pen­un­ter­schiede aus­zu­ma­chen. Dem­nach sind dort Enga­gierte höher gebil­det, wohin­ge­gen Per­so­nen mit nied­ri­ge­ren Bil­dungs­ab­schlüs­sen eher aus­ge­schlos­sen sind bzw. kei­nen Zugang fin­den. Von allen Kul­tur­enga­gier­ten haben 48 Pro­zent Abitur, aber nur 11 Pro­zent einen Volks- oder Haupt­schul­ab­schluss. Bereits unter den jun­gen Kul­tur-Enga­gier­ten bis 21 Jahre besu­chen mit 63 Pro­zent mehr als die Hälfte das Gym­na­sium. Kul­tur­enga­ge­ment ist zudem eher weib­lich. Von allen Kul­tur-Enga­gier­ten sind 53 Pro­zent Frauen und 47 Pro­zent Män­ner. Lei­tungs- bzw. Vor­stands­funk­tio­nen wer­den hin­ge­gen vor­ran­gig von Män­nern über­nom­men. Inter­es­sant ist auch, dass sich vor allem Men­schen zwi­schen 45 und 49 sowie 50 und 54 Jah­ren enga­gie­ren – je 11 Pro­zent. Jün­gere Alters­grup­pen sind dage­gen deut­lich sel­te­ner ver­tre­ten, z. B. sind nur 6 Pro­zent 25 bis 29 oder 30 bis 34 Jahre alt. Im Ver­gleich hierzu sind in allen Enga­ge­ment­be­rei­chen in Deutsch­land jün­gere Alters­grup­pen stär­ker ver­tre­ten. Folg­lich ist im Bereich Kul­tur und Musik eine Ten­denz zur Über­al­te­rung zu erken­nen, die für andere Berei­che etwas weni­ger typisch ist.

Die Ver­eine müs­sen also über­le­gen, wie sie neue Ziel­grup­pen erschlie­ßen kön­nen und ins­be­son­dere junge Men­schen bes­ser anspre­chen kön­nen. Letz­tere beur­tei­len die Mit­spra­che­mög­lich­kei­ten etwas schlech­ter als ältere Alters­grup­pen. Neue in einer Orga­ni­sa­tion wün­schen meist Ori­en­tie­rung und Beglei­tung. Ins­be­son­dere die Ver­ant­wor­tungs­über­nahme einer ehren­amt­li­chen Lei­tungs­funk­tion ist oft­mals mit vie­len Fra­gen und Vor­be­hal­ten ver­bun­den. Um dem Rech­nung zu tra­gen, kön­nen z. B. Enga­ge­ment­pa­ten­schaf­ten ein­ge­rich­tet wer­den, bei denen Ver­ant­wor­tung nach und nach über­ge­ben und der Dia­log gestärkt wird. Auch kann die Vor­stands­ar­beit auf mehr Per­so­nen ver­teilt wer­den. Dafür benö­ti­gen die Musik­ver­eine aller­dings mehr Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lungs­kom­pe­tenz. Für frei­wil­li­ges Enga­ge­ment von jun­gen Men­schen ist zudem die Aner­ken­nungs­kul­tur beson­ders wich­tig, in der ihnen Ver­ant­wor­tung über­tra­gen wird und sie ernst genom­men wer­den. Dar­über hin­aus for­dern ganz beson­ders junge Kul­tur-Enga­gierte Ver­bes­se­rungs­be­darf bei der Aner­ken­nung ihres Enga­ge­ments in Form von Zer­ti­fi­ka­ten oder ähn­li­chen Nach­wei­sen.

Eine bis­her sehr unter­re­prä­sen­tierte Gruppe stel­len auch Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund dar, wobei es sich hier nach­weis­lich um ein Ange­bots-, nicht um ein Nach­fra­ge­pro­blem han­delt.

Um mehr Nach­wuchs für das Ehren­amt zu gewin­nen, hat der Bun­des­mu­sik­ver­band Chor & Orches­ter (BMCO) gemein­sam mit der Bun­des­aka­de­mie für musi­ka­li­sche Jugend­bil­dung eine sehr stark nach­ge­fragte Wei­ter­bil­dung zu „Ver­eins­pi­lo­tIn­nen“ ent­wi­ckelt, die sich an aktu­elle und ange­hende Vor­stände von Musik­ver­ei­nen rich­tet. An vier Tagen ver­mit­teln Exper­tin­nen und Exper­ten The­men wie z. B. Ver­eins- und Ver­an­stal­tungs­recht, Nach­wuchs­stra­te­gien und Fund­rai­sing. Neben den Prä­senz­ter­mi­nen an der Bun­des­aka­de­mie erhal­ten die Teil­neh­men­den Mus­ter­ver­eins­sat­zun­gen, -ver­träge und -for­mu­lare. Spe­zi­ell zu die­sem Zweck ent­wi­ckelte Online­se­mi­nare kön­nen immer wie­der ange­schaut und genutzt wer­den. Der BMCO wird die Erfah­run­gen die­ses Erfolgs­mo­dells in die Arbeit der neu errich­te­ten Deut­schen Stif­tung für Enga­ge­ment und Ehren­amt ein­brin­gen, in der er als ein­zi­ger kul­tu­rel­ler Akteur im Stif­tungs­rat ver­tre­ten ist.

Die­ser Bei­trag ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 11/2020.

Von |2020-11-04T10:18:37+01:00November 4th, 2020|Bürgerschaftliches Engagement|Kommentare deaktiviert für

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Lorenz Overbeck
Lorenz Overbeck ist Geschäftsführer beim Bundesmusikverband Chor & Orchester.