Duden: Atlas der ver­lo­re­nen Spra­chen

Ein­mal um die Welt rei­sen, fünf Kon­ti­nente besu­chen und 50 Spra­chen erkun­den? Mit dem „Atlas der ver­lo­re­nen Spra­chen“ ist das mög­lich. Von mehr als 7.000 welt­weit gesprochenen oder zumin­dest doku­men­tier­ten Spra­chen gehen Sprach­for­scher heute aus, 200 von ihnen sind in etwa in Europa behei­ma­tet. Ob Hun­derte Mil­lio­nen Spre­che­rin­nen und Spre­cher oder nur noch eine Hand-
voll, ob leben­dig oder aus­ge­stor­ben – jede Spra­che erzählt Geschichte und ver­sam­melt Tra­di­tio­nen, Wis­sen, Legen­den und Weis­hei­ten der Men­schen. Doch Spra­che bedeu­tet nicht nur Geschichte, son­dern auch Hei­mat: Über­all auf der Welt erfah­ren Men­schen durch Spra­che per­sön­li­che und kul­tu­relle Iden­ti­tät und Zuge­hö­rig­keit.   

Der vom Duden her­aus­ge­ge­bene Atlas zeigt die Viel­falt der Spra­chen auf. So z. B. das aus­tra­li­sche Wang­kan­gurru mit weni­ger als zehn noch leben­den Spre­che­rin­nen und Spre­chern, die aner­kannte Min­der­hei­ten­spra­che der Sami in Skan­di­na­vien, die inner­halb der Fami­lie der ura­li­schen Spra­chen zum finoo-ugri­schen Zweig gehört, oder das seit ca. 900 n. Chr. aus­ge­stor­bene Pik­tisch, die Spra­che des geheim­nis­um­wo­be­nen Vol­kes der Pik­ten, des­sen Iden­ti­tät aus­ge­löscht wurde und des­sen Spra­che somit für immer ver­lo­ren ist.  

Neben Ver­brei­tungs­ge­biet, aktu­el­lem Sta­tus, Sprach­fa­mi­lie, Schrift und alter­na­ti­ven Namen der Spra­chen erfährt man über ihre Her­kunft, ihre Beson­der­hei­ten und ihre Geheim­nisse. Die schön gestal­te­ten Kar­ten und Illus­tra­tio­nen im Buch sor­gen dafür, dass es auf der Welt­reise auch etwas zu sehen gibt. Für alle Sprach­in­ter­es­sier­ten ist es eine große Freude, im Atlas zu blät­tern, rät­sel­hafte Schrif­ten zu ent­de­cken und neue Wör­ter zu ler­nen – das schönste Weiß in Sami ist „åppås“, unbe­rühr­ter Schnee ohne jede Spur von Mensch oder Tier, so weit das Auge reicht.  Spra­chen sind ein ein­zig­ar­ti­ges mensch­li­ches Kul­tur­gut, ein Schatz, den es zu bewah­ren, zu hegen und zu pfle­gen gilt, das zeigt der „Atlas der ver­lo­re­nen Spra­chen“ deut­lich.  

Maike Kar­ne­bo­gen 

Duden. Atlas der ver­lo­re­nen Spra­chen. Ber­lin 2020 

Von |2020-11-04T17:41:48+01:00November 4th, 2020|Rezension|Kommentare deaktiviert für Duden: Atlas der ver­lo­re­nen Spra­chen
Maike Karnebogen
Maike Karnebogen ist Redaktionsassistentin für die Zeitung Politik & Kultur beim Deutschen Kulturrat.