Meis­ter­li­che Auf­stiegs­chan­cen

Die Aus­wir­kun­gen der Novel­lie­rung des Berufs­bil­dungs­ge­set­zes auf den Arbeits­markt Kul­tur

Wer Kar­riere machen möchte, denkt meist an Uni­ver­si­tä­ten: Der Weg führe über Hör­säle und Semi­nar­räume, Abschluss­ar­bei­ten – und irgend­wann mög­lichst zum Dok­tor­ti­tel, so die gän­gige Mei­nung. Nur so sei beruf­li­cher Auf­stieg mög­lich.

Da wun­dert es nicht, dass die Zahl der Stu­di­en­an­fän­ger in Deutsch­land immer wei­ter gestie­gen ist. Für viele junge Men­schen scheint die Option einer Aus­bil­dung in Betrieb und Berufs­schule nicht in Frage zu kom­men. Dass eine sol­che Aus­bil­dung ebenso span­nende und viel­fäl­tige Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten bie­tet wie ein Stu­dium, ist immer noch viel zu wenig bekannt.

Wir haben vie­les dafür ange­sto­ßen, um den Fach­kräf­te­nach­wuchs für das Inno­va­ti­ons­land Deutsch­land zu sichern. Unsere duale Berufs­bil­dung ist eines der erfolg­reichs­ten Qua­li­fi­zie­rungs­sys­teme der gan­zen Welt. Die Ent­schei­dung zwi­schen beruf­li­cher Bil­dung oder einem Stu­dium ist keine zwi­schen Mehr oder Weni­ger. Beide sind gleich­wer­tig. Beide ergän­zen sich. Beide Wege füh­ren zum beruf­li­chen Erfolg.

Seit die­sem Jahr ist die beruf­li­che Bil­dung noch attrak­ti­ver, weil wir das Berufs­bil­dungs­ge­setz und die Hand­werks­ord­nung novel­liert haben. Die Bedin­gun­gen für Aus­zu­bil­dende und Betriebe sind nun bes­ser denn je – ganz beson­ders, was die Auf­stiegs­chan­cen betrifft.

„Auf­stiegs­fort­bil­dun­gen“ gab es in der beruf­li­chen Bil­dung auch schon vor der Novel­lie­rung. Wer eine abge­schlos­sene Aus­bil­dung hatte, konnte sich damit noch wei­ter qua­li­fi­zie­ren – z. B. zum Meis­ter. In der Öffent­lich­keit ist vor allem der „Hand­werks­meis­ter“ bekannt – und beliebt. Wer sein Bad von einem Meis­ter­be­trieb reno­vie­ren lässt oder sein Brot beim Bäcker­meis­ter kauft, setzt auf beson­dere Qua­li­tät.

Aller­dings exis­tie­ren diese Auf­stiegs­fort­bil­dun­gen nur im deutsch­spra­chi­gen Raum. Schon die adäquate Über­set­zung des Begriffs „Meis­ter“ in andere Spra­chen stellt Dol­met­scher regel­mä­ßig vor Her­aus­for­de­run­gen. Denn in ande­ren Län­dern wer­den ver­gleich­bare Qua­li­fi­ka­tio­nen ganz über­wie­gend an Hoch­schu­len erwor­ben, mit dem Abschluss als Bache­lor oder Mas­ter.

Gerade inter­na­tio­nale Unter­neh­men for­der­ten und for­dern des­halb für ihre mitt­le­ren Füh­rungs­po­si­tio­nen min­des­tens einen Bache­lor-Abschluss. Bei Bewer­bun­gen außer­halb des deutsch­spra­chi­gen Rau­mes muss­ten die Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten bis­lang nach­wei­sen, dass ihr beruf­li­cher Abschluss gleich­wer­tig zu einem Bache­lor oder Mas­ter ist.

Dabei lie­gen in Deutsch­land beruf­li­che Fort­bil­dun­gen oft auf dem glei­chen Niveau wie ein Stu­dium. Das zeigt sich auch daran, dass anspruchs­volle Fach- und Füh­rungs­auf­ga­ben war­ten – und zwar meist sogar schnel­ler als über den Weg des Stu­di­ums. Ein gutes Ein­kom­men ist in der Regel garan­tiert. Und so man­cher, der eine beruf­li­che Aus­bil­dung absol­viert hat, grün­det spä­ter sei­nen eige­nen Betrieb.

Der Arbeits­markt inter­na­tio­na­li­siert sich und mit zuneh­men­der EU-Frei­zü­gig­keit ist die Debatte über die Har­mo­ni­sie­rung der Aus­bil­dungs­sys­teme immer wich­ti­ger gewor­den. Die Bolo­gna-Reform mit der Anglei­chung der Stu­di­en­ab­schlüsse an den Hoch­schu­len ist das Ergeb­nis die­ser Debatte auf aka­de­mi­scher Ebene. Nun folgt die beruf­li­che Bil­dung: Unsere Geset­zes­no­velle ist ein wich­ti­ger Schritt in Rich­tung einer inter­na­tio­nal gleich­wer­ti­gen Aner­ken­nung, ins­be­son­dere bei der klas­si­schen dua­len Aus­bil­dung.

Wesent­lich sind dabei die neuen Abschluss­be­zeich­nun­gen: Geprüfte/r Berufsspezialist/in, Bache­lor Pro­fes­sio­nal und Mas­ter Pro­fes­sio­nal. Sie zei­gen auf den ers­ten Blick, dass sie gleich­wer­tig zu den Hoch­schul­ab­schlüs­sen sind – und zwar über­all auf der Welt. Gleich­zei­tig blei­ben der Meis­ter und ver­gleich­bare Mar­ken erhal­ten, weil sie im deutsch­spra­chi­gen Raum Tra­di­tion und hohes Anse­hen genie­ßen. Wir stär­ken sie sogar noch durch die neuen Abschluss­be­zeich­nun­gen. Auch künf­tig muss nie­mand auf den Meis­ter ver­zich­ten.

Mit der Umbe­nen­nung der Abschlüsse haben wir ein deut­li­ches Zei­chen für die Gleich­wer­tig­keit der beruf­li­chen Bil­dung gesetzt: Wett­be­werbs­nach­teile gegen­über dem aka­de­mi­schen Qua­li­fi­zie­rungs­sys­tem haben wir abge­baut, Kar­rie­re­chan­cen von Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten der höher­qua­li­fi­zie­ren­den Berufs­bil­dung gestei­gert. Sie kön­nen sich, wenn sie wol­len, über­all auf der Welt bewer­ben, ohne Nach­teile zu befürch­ten. Und hier­zu­lande wird es vor allem für mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men leich­ter, beruf­lich qua­li­fi­zierte Fach- und Füh­rungs­kräfte zu fin­den.

Auch in der Medien- und in der Kul­tur­bran­che bestehen zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten für eine duale Aus­bil­dung und einen beruf­li­chen Auf­stieg ohne Stu­dium. Las­sen Sie mich nur einige Bei­spiele nen­nen:

Die Aus­bil­dung zum Medi­en­ge­stal­ter Bild und Ton bie­tet viele Wahl­qua­li­fi­ka­tio­nen, die auf die ver­schie­de­nen Spe­zia­li­sie­run­gen der Betriebe zuge­schnit­ten sind – aber auch zu den unter­schied­li­chen Inter­es­sen von Jugend­li­chen pas­sen. In eine ähn­li­che Rich­tung geht die Aus­bil­dung zum Medi­en­ge­stal­ter Digi­tal und Print und zum Buch­bin­der. Die Job­mög­lich­kei­ten sind viel­fäl­tig – sie rei­chen vom Zeit­schrif­ten­markt über Wer­be­bran­che und Online­han­del bis hin zum öffent­li­chen Dienst. In allen drei Beru­fen ist ein Auf­stieg zum Medi­en­fach­wirt und zum Indus­trie­meis­ter Print mög­lich.

Span­nend für Medi­en­schaf­fende kann auch der IT-Bereich sein, der eben­falls eine Reihe von dua­len Aus­bil­dungs­be­ru­fen bie­tet. Vier davon haben wir gerade gründ­lich moder­ni­siert – denn beson­ders in die­ser Bran­che ändern sich die Anfor­de­run­gen rapide:

Den Beruf des Fach­in­for­ma­ti­kers konnte man bis­her in den Fach­rich­tun­gen Anwen­dungs­ent­wick­lung und Sys­tem­in­te­gra­tion erler­nen. Ergänzt haben wir die Daten- und Pro­zess­ana­lyse sowie die Digi­tale Ver­net­zung. Das bedeu­tet, dass die Aus­bil­dung nun noch bes­ser auf die aktu­el­len Anfor­de­run­gen in die­sem Berufs­feld vor­be­rei­tet. Für die Aus­bil­dung zum IT-Sys­tem­elek­tro­ni­ker wur­den vor allem die elek­tro­tech­ni­schen Inhalte über­ar­bei­tet. Jetzt geht es weni­ger um die Instal­la­tion von ein­zel­nen Kom­po­nen­ten für IT-Sys­teme als um ganze Netz­werk­in­fra­struk­tu­ren, z. B. bei der Umrüs­tung eines Gebäu­des zum „Smart Home“. Der Kauf­mann und die Kauf­frau für Digi­ta­li­sie­rungs­ma­nage­ment beschäf­ti­gen sich mit der Digi­ta­li­sie­rung von Geschäfts­pro­zes­sen. Die Aus­bil­dungs­kol­le­gen im IT-Sys­tem-Manage­ment ler­nen, wie man IT-Sys­teme ver­wal­tet. Wer einen die­ser Berufe gelernt hat, wird in fast jedem Unter­neh­men gebraucht, ebenso an Schu­len oder im öffent­li­chen Dienst und natür­lich auch im Kul­tur- und Medi­en­be­trieb. Alle vier Aus­bil­dun­gen bie­ten die Mög­lich­keit zum wei­te­ren Auf­stieg, etwa zum Spe­zia­lis­ten oder zum stra­te­gi­schen oder ope­ra­ti­ven Pro­fes­sio­nal.

Und apro­pos Inter­na­tio­na­li­sie­rung: Nicht nur Stu­die­rende ler­nen mit dem Eras­mus-Pro­gramm andere Län­der ken­nen und ver­tie­fen ihre Sprach­kennt­nisse, auch in der beruf­li­chen Aus­bil­dung sind über das Erasmus+-Programm Prak­tika im Aus­land mög­lich. Auch hier ist also dafür gesorgt, dass kei­ner der bei­den Kar­rie­re­wege –Stu­dium und Berufs­aus­bil­dung – schlech­ter gestellt wird.

Mit unse­rer Novel­lie­rung der beruf­li­chen Bil­dung berei­ten wir Deutsch­land auf die Zukunft vor. Denn nur mit gut aus­ge­bil­de­ten jun­gen Men­schen sichern wir den Wohl­stand unse­res Lan­des. Unsere Inno­va­ti­ons­kraft hängt von der Qua­li­tät „Made in Ger­many“ ab – ent­wi­ckelt von bes­tens aus­ge­bil­de­ten Fach­kräf­ten. Die beruf­li­che Bil­dung ist das Fun­da­ment unse­rer Wirt­schaft, unse­res Arbeits­mark­tes und Start­punkt zahl­rei­cher erfolg­rei­cher Kar­rie­ren. Sie bie­tet Jugend­li­chen die Chance auf ein eigen­stän­di­ges und erfüll­tes Leben.

Des­halb ist die beruf­li­che Bil­dung auch einer unse­rer Schwer­punkte in der deut­schen Rats­prä­si­dent­schaft der EU. Beruf­li­che Bil­dung soll in ganz Europa Unter­stüt­zung und Anschub erhal­ten. Denn wer eine Aus­bil­dung macht, hat lang­fris­tig gute Job- und Auf­stiegs­chan­cen und ist sel­te­ner von Arbeits­lo­sig­keit bedroht. Das gilt in der Indus­trie genauso wie für den Arbeits­markt in Kul­tur und Medien.

Die­ser Bei­trag ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 09/2020.

Von |2020-10-23T16:28:30+02:00September 7th, 2020|Arbeitsmarkt|Kommentare deaktiviert für

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Anja Karliczek
Anja Karliczek MdB ist Bundesministerin für Bildung und Forschung.