„Dem Rechts­ruck ent­ge­gen­wir­ken“

David Schnell im Gespräch

Lud­wig Gre­ven spricht mit dem im Wes­ten gebo­re­nen Leip­zi­ger Maler David Schnell über das künst­le­ri­sche Zusam­men­wach­sen von Ost und West und seine Unter­stüt­zung von Initia­ti­ven gegen Ras­sis­mus und die AfD in Sach­sen.

Lud­wig Gre­ven: Wie sind Sie zur Male­rei gekom­men?
David Schnell: Ich war als Jugend­li­cher in einer Sub­kul­tur­szene in Köln und im Umland mei­ner Hei­mat­stadt Ber­gisch Glad­bach aktiv. Wir haben Ver­an­stal­tun­gen und Kon­zerte gemacht, dafür muss­ten Flyer gestal­tet wer­den und T-Shirts. Dar­über hat sich mein Inter­esse an Kunst und Gestal­tung ent­wi­ckelt. Außer­dem war meine Mut­ter Kunst­leh­re­rin, sie hat mir ein Bewusst­sein für Kunst mit­ge­ge­ben, aller­dings auf andere Weise.

Wes­halb sind Sie zum Stu­dium nach Leip­zig gegan­gen?
Da hat ein wenig der Zufall mit­ge­spielt. Eigent­lich hatte ich mich in Düs­sel­dorf bewor­ben. Da wurde ich aber nicht genom­men. Zufäl­lig erschien damals ein Arti­kel im Stern über alle Kunst­aka­de­mien in Deutsch­land, mit ihrem jewei­li­gen Pro­fil. Bei Leip­zig stand, dass sie eine figür­li­che Aus­rich­tung in der Male­rei hat, und dass die druck­gra­fi­schen Werk­stät­ten hier eine große Tra­di­tion haben. Das war mein Ste­cken­pferd, ich hatte mir eine eigene kleine Radier­werk­statt ein­ge­rich­tet. Des­halb habe ich mich dafür ent­schie­den. Zum Glück klappte es.

Sie sind im Rhein­land auf­ge­wach­sen und leben nun seit 1995, als Sie 24 waren, in Leip­zig. Wo ist Ihre Hei­mat?
Ich scheue mich davor, die­sen Begriff zu benut­zen, weil ich das gar nicht so fest­ma­chen kann. Ich fühle mich schon in Leip­zig zu Hause und schätze die Stadt sehr. Aller­dings bin ich auch noch regel­mä­ßig in Ber­gisch Glad­bach und Köln, habe noch viele Freunde dort und fühle mich auch da hei­misch. 2013 war ich ein Jahr als Sti­pen­diat in der Villa Mas­simo in Rom. Die Stadt hat mich so beein­druckt, dass ich nach drei Tagen kaum noch an Leip­zig gedacht habe. Mich kann man über­all­hin ver­pflan­zen.

Haben Ost und West für Sie noch eine Bedeu­tung?
Eigent­lich über­haupt nicht. Mit Leip­zig ver­bin­det mich, dass ich hier die Phase des Auf­bruchs nach der Fried­li­chen Revo­lu­tion und der Ein­heit erlebt habe. Eine sehr starke Ver­än­de­rung und ins­ge­samt bis heute posi­tive Ent­wick­lung. Dass sich etwas völ­lig neu ord­net, kannte ich im Wes­ten nicht. Ich habe die starke Abwan­de­rung erlebt und Leer­stände, und dann auch wie­der die Zuwan­de­rung. Für die Men­schen, die schon in der DDR gelebt hat­ten, hat das zum Teil erheb­li­che Unsi­cher­heit und Ver­un­si­che­rung mit sich gebracht. Eini­ges finde ich eher nach­tei­lig, bei­spiels­weise, dass so viele alte Indus­trie­bau­ten abge­ris­sen wur­den. Als ein an Archi­tek­tur inter­es­sier­ter Künst­ler, der gerne Frei­räume hat, habe ich mir manch­mal gedacht: Warum haben sie diese tol­len Gebäude nicht ste­hen las­sen?

Hat Sie diese starke Ver­än­de­rung, sozial und im Stadt­bild, inspi­riert?
Das hat mich stark beein­flusst. Aller­dings konnte man in den 1990er Jah­ren in der Genera­tion mei­ner Pro­fes­so­ren, die zum aller­größ­ten Teil schon vor der Wende unter­rich­tet hat­ten, eine gewisse Frus­tra­tion und Resi­gna­tion bemer­ken, weil ihnen der Anschluss an die West-Kunst­szene nicht so rich­tig gelang. Gerade die figu­ra­tive Male­rei, die mich nach Leip­zig gezo­gen hat, war zu der Zeit nicht ange­sagt. Es gab kein Inter­esse an Kunst aus den neuen Bun­des­län­dern. Da hat kei­ner so rich­tig hin­ge­guckt.

Gab es eine spe­zi­fi­sche DDR-Mal­weise?
Viele ver­bin­den mit der Male­rei der DDR den sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus. Es gab die »alte« Leip­zi­ger Schule, die teil­weise auf sehr facet­ten­rei­che Art und Weise die­ser Tra­di­tion noch ver­pflich­tet war. Viele Künst­ler in der DDR waren auf staat­li­che Auf­träge ange­wie­sen. Ins­be­son­dere für die Pro­fes­so­ren der Hoch­schule war es nicht ein­fach, unter staat­li­cher Beob­ach­tung zu leh­ren. Aller­dings gab es schon damals Bestre­bun­gen unter Leh­ren­den, wie z. B. Bern­hard Hei­sig, die Hoch­schule nach ihren Mög­lich­kei­ten als Frei­raum zu gestal­ten und den Stu­die­ren­den den Rücken frei­zu­hal­ten. Auf der ande­ren Seite gab es auch schon in den 1980er Jah­ren eine pul­sie­rende sub­kul­tu­relle Kunst­szene, die neue Wege beschritt und die auch genau wusste, was im Wes­ten los war. Sie waren daran stark inter­es­siert, ver­such­ten aber auf eige­nen Wegen die Male­rei bzw. die bil­dende Kunst zu öff­nen.

Nach der Ein­heit hat­ten sie die Frei­heit.
Für mich und meine Kom­mi­li­to­nen tat sich ein rie­si­ger Frei­raum auf. Wir haben es genos­sen, diese Leere wahr­zu­neh­men. Man merkte in der Stadt und auch an der Hoch­schule eine starke Des­ori­en­tie­rung. Wo sollte es hin­ge­hen mit der Male­rei, da das Figu­ra­tive durch den Nim­bus des sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus nicht mehr gut ange­se­hen war. Des­halb wurde mehr auf Foto­gra­fie und neue Medien gesetzt. Von man­chen Stu­den­ten wurde ich belä­chelt, weil ich den­noch das figür­li­che Malen lernte. Das war manch­mal nicht ein­fach. Aber es bot Gele­gen­heit, ja fast den Zwang, dar­aus etwas Neues zu ent­wi­ckeln. Obwohl ich meine Pro­fes­so­ren sehr geschätzt habe, gab es nicht die gro­ßen Vor­bil­der, an denen man sich abar­bei­ten musste, kei­nen Ger­hard Rich­ter oder Mar­kus Lüpertz. Es war ein ganz ande­rer Dia­log, fast auf einer Ebene. Man hat gemein­sam bera­ten, wie sich die Male­rei wei­ter ent­wi­ckeln kann.

Eine große Chance.
Ja, es war ein gemein­sa­mer Lern­pro­zess.

Hat sich dar­auf die Neue Leip­zi­ger Schule ent­wi­ckelt?
Das waren zwei Jahr­gänge. Wir waren sehr dicht bei­ein­an­der. Wir haben immer geschaut, was der oder die andere macht, haben uns gegen­sei­tig im Ate­lier besucht und viel über die jewei­lige Male­rei gere­det. Wir haben sehr inten­siv gear­bei­tet, oft bis in die Nacht hin­ein. Wir haben uns alle zu Beginn des Stu­di­ums keine Gedan­ken dar­über gemacht, wie wir spä­ter damit Geld ver­die­nen. Dadurch dass wir stän­dig Auf­ga­ben in den ver­schie­de­nen Rich­tun­gen und Tech­ni­ken hat­ten, hat­ten wir sel­ten das Gefühl, ins Schwim­men zu kom­men. Als das Stu­dium zu Ende ging, haben wir beschlos­sen, wir müs­sen etwas gemein­sam machen, damit es wei­ter­geht, weil wir uns nicht dar­auf ver­las­sen woll­ten, dass irgend­ein Gale­rist kam. Und die Situa­tion war damals in Leip­zig auch noch nicht so, dass die hier Schlange stan­den. Des­halb haben wir unsere eigene Pro­du­zen­ten­ga­le­rie in Ber­lin gegrün­det.

Ein unge­wöhn­li­cher Schritt.
Einer von uns hatte zufäl­lig in Ber­lin einen freien Raum gese­hen, der zu einem güns­ti­gen Preis zu mie­ten war. Die Idee war, dass wir wei­ter eine Auf­gabe, ein Ziel hat­ten. Wir wuss­ten, dann und dann ist eine Aus­stel­lung. Also muss­ten wir dafür malen, die Bil­der dort­hin trans­por­tie­ren und hän­gen. Und wir waren nicht allein, wir blie­ben für eine Weile in dem Zusam­men­hang der Hoch­schule. Wir woll­ten nicht unbe­dingt als Gruppe auf­tre­ten, aber wir hat­ten den Vor­teil, dass wir nicht ein­zeln wahr­ge­nom­men wur­den, son­dern als eine Reihe von Leip­zi­ger Malern.

Haben Sie sich den Namen Neue Leip­zi­ger Schule selbst gege­ben?
Nein, er kam von außen und ist uns bis heute nicht so sym­pa­thisch, weil wir sehr unter­schied­lich arbei­ten. Das Ein­zige, was uns ver­bin­det, ist, dass wir alle aus der figür­li­chen Male­rei kom­men. Jeder hat eine gewisse Abs­trak­tion ent­wi­ckelt, aber es ist doch ein mehr gegen­ständ­li­ches Malen. Der Raum, die Figur, der Gegen­stand ist zumin­dest in Frag­men­ten zu erken­nen.

Also passt der gemein­same Name doch irgend­wie?
Wir haben uns gegen ihn gewehrt. Aber es hat uns natür­lich gehol­fen, dass es für uns als Grup­pie­rung und Phä­no­men einen Begriff gab. Dadurch war das Inter­esse auch inter­na­tio­nal grö­ßer.

Kamen von den Mit­stu­den­ten viele aus dem Wes­ten, oder waren es über­wie­gend Ost­deut­sche?
Ich schätze, es war 50 zu 50.

Sind Sie durch das gemein­same Stu­die­ren und Arbei­ten und die Gale­rie zusam­men­ge­wach­sen, als Vor­bild auch für andere gesell­schaft­li­che Berei­che?
Abso­lut. Wir waren alle in der glei­chen Situa­tion. Wir wuss­ten nicht, wo es hin­geht und wie wir mit unse­rer Kunst Geld ver­die­nen konn­ten. Die Aka­de­mie war ein geschütz­ter Raum. Was wir dort geschaf­fen haben, war nicht unbe­dingt gesell­schaft­lich rele­vant oder gesell­schafts­kri­tisch. Auch wenn spä­ter andere Ein­flüsse dazu kamen, waren wir keine poli­ti­sche Gruppe. Wir haben, jeder für sich, an etwas Abs­trak­tem gear­bei­tet. Da machte es kei­nen Unter­schied, wo man her­kam.

Ist die Kul­tur­szene Ost und West heute eins, oder merkt man da noch Unter­schiede?
Wir Maler aus die­ser Zeit kön­nen nicht abschüt­teln, wo wir gelernt haben und wo unsere Male­rei her­kommt. Die Frage ist, ob man das über­haupt abschüt­teln will.

Sind Sie stolz dar­auf, ein Leip­zi­ger Maler zu sein?
Ich glaube schon, dass das etwas Beson­de­res ist. Es war eine beson­dere Zeit und ein beson­de­rer Ort, und dadurch ein spe­zi­el­les Zusam­men­tref­fen von Leu­ten. Ich sehe das als Qua­li­tät. Das hatte aller­dings unter­schied­li­che Pha­sen. Am Anfang haben wir uns dar­über gar keine Gedan­ken gemacht. Dann kam der Erfolg, und alle haben uns beäugt, warum ist das Inter­esse an die­sen Leip­zi­gern so groß? Das ist doch alles nicht gesell­schaft­lich rele­vant, nicht fort­schritt­lich, son­dern rück­wärts­ge­wandt, lau­tete die Kri­tik. Da kam man schon ins Grü­beln, stimmt das viel­leicht, und man hat ver­sucht, es ein wenig abzu­schüt­teln. Jetzt aber, wo wir eine gewisse Distanz dazu haben und jeder sei­nen eige­nen Weg geht und wir uns sel­te­ner tref­fen, sehe ich es nicht als Manko, son­dern als Aus­zeich­nung, zu die­ser Leip­zi­ger Schule zu gehö­ren.

Sie malen auf tra­di­tio­nel­ler Basis sehr modern, aber leben in Sach­sen, wo es eine mäch­tige, sehr rück­wärts­ge­wandte Bewe­gung gibt.
Damit setze ich mich gezwun­ge­ner­ma­ßen aus­ein­an­der, weil die AfD hier so stark ist. Ein guter Freund von mir, der Maler Chris­toph Ruck­hä­berle, ist Pro­fes­sor an der Hoch­schule hier in Leip­zig. Die AfD hat mal die Anfrage gestellt, wie viele Dozen­ten und Stu­die­rende mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund es da gibt. Da über­legt man sich, wo endet das, wenn sie in der Kul­tur­po­li­tik und über­haupt in der Poli­tik mit­re­det. Das berei­tet allen Künst­le­rin­nen und Künst­lern hier große Sorge. Chris­toph Ruck­hä­berle, ich und andere haben uns des­halb zusam­men­ge­tan und über­legt, wie man das auf­hal­ten kann. Beson­ders pre­kär ist die Lage im länd­li­chen Raum und in den Klein­städ­ten. Wir haben sol­che Orte, die dor­ti­gen Jugend­grup­pen und kul­tu­rel­len Initia­ti­ven besucht, die ver­su­chen, dem Rechts­ruck ent­ge­gen­zu­wir­ken, kleine Clubs und Ver­eine, die z. B. Kon­zerte ver­an­stal­ten, und haben einen För­der­ver­ein »Land in Sicht« gegrün­det, um sie zu unter­stüt­zen, gegen Ras­sis­mus und für Demo­kra­tie. Wir ani­mie­ren beson­ders Kunst­schaf­fende und Leute aus dem Kul­tur­be­trieb, bei­zu­tre­ten und Geld zu spen­den. Denn sol­che Initia­ti­ven haben nicht nur eine poli­ti­sche Funk­tion. Sie bil­den auch Wur­zeln für kul­tu­rel­les Schaf­fen. Ich bin ja selbst mit sol­chen Grup­pen auf­ge­wach­sen. Das bie­tet viel künst­le­ri­sches Poten­zial, um den Hori­zont zu öff­nen. Viel­leicht auch wie bei mir in die künst­le­ri­sche Frei­be­ruf­lich­keit.

Vie­len Dank.

Die­ses Inter­view ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 09/2020.

Von |2020-10-26T10:10:48+01:00September 7th, 2020|Heimat|Kommentare deaktiviert für

„Dem Rechts­ruck ent­ge­gen­wir­ken“

David Schnell im Gespräch

David Schnell & Ludwig Greven
Ludwig Greven ist freier Publizist. David Schnell ist Maler.