Soli­da­ri­tät

Ver­bun­den mit der gan­zen Welt

Soli­da­ri­tät – ein altes, fast schon aus der Mode gekom­me­nes Wort, ist das Gebot der Stunde. Soli­da­ri­tät und Gemein­sinn und vor allem das Zusam­men­ste­hen, um der Corona-Pan­de­mie zu trot­zen. Zusam­men­ste­hen, obwohl gerade zusam­men ste­hen, sich zusam­men zu tref­fen, sich die Hand zu rei­chen, sich zu umar­men, sich so des Zusam­men­halts zu ver­si­chern, der­zeit kör­per­lich nicht mög­lich ist.

Die Corona-Pan­de­mie zwingt uns zum Inne­hal­ten. Unsere eigene Ver­letz­lich­keit wird offen­bar. Ein Virus, das wir nicht sehen kön­nen. Eine Gefahr, die wir nicht rie­chen, nicht schme­cken kön­nen. Und der erste Instinkt, das Zusam­men­ste­hen, ver­führt uns genau zum Fal­schen. Abstand hal­ten ist gefragt. Jeden Tag aufs Neue wird uns ein­ge­bläut, dass wir Abstand hal­ten müs­sen.

Virus­in­fek­tio­nen sind ein wun­der­ba­res Motiv von Hol­ly­wood-Fil­men. Im Kino- oder Fern­seh­ses­sel kann aus wei­ter Ferne das Grauen beob­ach­tet und mit­ge­fie­bert wer­den. Schließ­lich aber kommt doch der Held und wird die Lösung prä­sen­tie­ren. Auf dem Weg viele Tote, doch das Ende wird gut. Was im Kino für Herz­klop­fen, Schau­dern und schweiß­nasse Hände sorgt, ist im rea­len Leben viel bana­ler, dafür aber auch viel bedroh­li­cher. Banal sind Hams­ter­käufe an Toi­let­ten­pa­pier und Nudeln. Bedroh­lich ist die Stille. Die Stille, die ins­be­son­dere in den Städ­ten zu spü­ren ist, in denen sich nor­ma­ler­weise Tau­sende an Men­schen eng drän­geln, sich in U-Bah­nen und Busse quet­schen, deren Autos die Stra­ßen ver­stop­fen. Die Stille, in den lee­ren Stra­ßen, die erfor­der­li­che Distanz in Super­märk­ten, die erst nach Auf­ruf betre­ten wer­den dür­fen. Die Stille, die ältere Men­schen ertra­gen müs­sen, die allein leben, die nicht besucht wer­den dür­fen, deren Kon­takt zur Welt das Tele­fon ist. Die Stille, beängs­ti­gend bei Beer­di­gun­gen, wenn der Trost auf andert­halb Meter Ent­fer­nung gespen­det wer­den muss. Die Stille in den Kul­tur­ein­rich­tun­gen und Kul­tur­un­ter­neh­men, wenn nicht geprobt, gear­bei­tet, geräumt, betrach­tet und so wei­ter wer­den darf. Und die Sehn­sucht nach der Stille, die viele der Tau­sen­den an Men­schen ver­spü­ren, wenn sie in ihrem Home­of­fice zwi­schen quä­ken­den Kin­dern, klin­geln­den Tele­fo­nen und Ter­min­druck ver­su­chen, ihrer Arbeit nach­zu­ge­hen und den Betrieb auf­recht­zu­er­hal­ten. Wie wäre es doch schön, jetzt im Büro sein und die Tür schlie­ßen zu kön­nen.

Beson­ders bedrü­ckend ist dabei, dass voll­kom­men unklar ist, wie lange alles noch dau­ern wird. Der Appell lau­tet: erst ein­mal bis Ostern. Ein Zeit­raum, der über­schau­bar erscheint. Klar ist, das Coro­na­vi­rus wird bis dahin nicht besiegt sein. Ein Impf­stoff wird nicht vor­lie­gen. Pass­ge­naue Medi­ka­mente wer­den nicht vor­han­den sein. Die Hoff­nung ist, die Infek­ti­ons­kurve abzu­fla­chen, damit die Kran­ken­häu­ser nicht über­las­ten und nicht in Deutsch­land die Ärzte vor der Her­aus­for­de­rung ste­hen, ent­schei­den zu müs­sen, wem sie hel­fen und wem nicht.

Neben den wirt­schaft­li­chen Aspek­ten, die nicht zu ver­nach­läs­si­gen sind, denn irgend­wann wer­den die immensen Hilfs­pro­gramme zu bezah­len sein, ist vor allem bedeut­sam, dass wir Men­schen  ein­an­der brau­chen. Der Mensch ist ein sozia­les Wesen. Er braucht den Kon­takt – auch den kör­per­li­chen, er braucht den Aus­tausch, das Mit­ein­an­der. Wie sehr wir ein­an­der brau­chen, spü­ren wir jetzt – so wird selbst der eigent­lich gar nicht so gern gemochte Nächste ver­misst.

Unsere Soli­da­ri­tät ist jetzt im Abstand­hal­ten gefor­dert. Und sie wird wei­ter gefor­dert blei­ben. Für uns im Kul­tur- und Medi­en­be­reich geht es jetzt und in Zukunft darum, unter­ein­an­der soli­da­risch zu sein. Zu ver­ste­hen und zu leben, dass jeder und jede sei­nen Platz hat und gebraucht wird. Ja, es gibt Inter­es­sen­ge­gen­sätze und es ist gut, wich­tig und rich­tig, sie zu benen­nen und dann nach Lösun­gen zu suchen, die für die ver­schie­de­nen Sei­ten gesichts­wah­rend sind. Wir müs­sen uns jetzt dar­auf ein­stim­men, dass wir in den nächs­ten Jah­ren gemein­sam für die ver­läss­li­che Kul­tur­fi­nan­zie­rung strei­ten müs­sen, dass wir für gute Rah­men­be­din­gun­gen für die ver­schie­de­nen Akteure des Kul­tur- und Medi­en­be­rei­ches ein­tre­ten müs­sen und dass wir uns ver­stärkt Gedan­ken um die soziale und wirt­schaft­li­che Lage im Kul­tur­be­reich machen müs­sen. Dazu gehört auch, die Wert­schöp­fungs­ket­ten in den Blick zu neh­men, und zu ver­ste­hen, dass die Kul­tur- und Krea­tiv­wirt­schaft davon lebt, dass Dienst­leis­tun­gen und Waren ver­kauft wer­den. Wer jetzt laut nach kos­ten­lo­sem digi­ta­len Zugang zu Kul­tur ruft, sollte auch klar sagen, dass Teile der Kul­tur­wirt­schaft preis­ge­ge­ben wer­den. Denn dass der Kul­tur- und Medi­en­be­reich jetzt so stark betrof­fen ist, liegt doch daran, dass alles schon zu »nor­ma­len« Zei­ten »auf Kante genäht ist«. Nach der Krise sollte nicht vor der Krise sein, son­dern Zeit, um die Struk­tu­ren zu reflek­tie­ren.

Unsere Soli­da­ri­tät darf sich aber nicht allein auf uns kon­zen­trie­ren. Euro­päi­sche Mit­glieds­staa­ten, die die Finanz­krise längst nicht so gut über­stan­den haben wie Deutsch­land, haben jetzt beson­ders viele Virus­in­fek­tio­nen zu ver­zeich­nen. Dies führt man­cher­orts nicht nur zu einem Kol­laps im Gesund­heits­sys­tem, son­dern wird wirt­schaft­li­che Fol­gen nach sich zie­hen. Die deut­sche EU-Rats­prä­si­dent­schaft in der zwei­ten Jah­res­hälfte 2020 wird die Gele­gen­heit geben, zu zei­gen, ob Deutsch­land ein soli­da­ri­scher Mit­glieds­staat ist oder sich zurück­leh­nen wird. Es wird in der deut­schen Rats­prä­si­dent­schaft aber auch darum gehen müs­sen, wel­che Ein­schnitte in die all­ge­mei­nen Men­schen­rechte wie Pres­se­frei­heit, Ver­samm­lungs­frei­heit oder Infor­ma­ti­ons­frei­heit mit dem Wer­te­sys­tem der Euro­päi­schen Union ver­ein­bar sind und wel­che Fol­gen deren Ver­let­zung dau­er­haft haben wird. Die EU-Grund­rech­te­charta muss dabei die Richt­schnur sein.

Gebraucht wird unsere Soli­da­ri­tät aber auch über unsere unmit­tel­ba­ren Nach­barn in Europa hin­aus. Die Corona-Pan­de­mie macht hand­greif­lich, wie ver­floch­ten die Welt­wirt­schaft ist, wie eng unsere Bezie­hun­gen über Tau­sende an Kilo­me­tern hin­weg sind. Im letz­ten Jahr­hun­dert wurde noch so dahin gesagt: »Was schert es mich, wenn in China ein Sack Reis umfällt«, um deut­lich zu machen, dass etwas voll­kom­men belang­los ist. Heute schert es uns essen­zi­ell, was irgendwo auf der Welt pas­siert, weil wir damit ver­bun­den sind. Das zu erken­nen, birgt eine große Chance. Eine Chance, sich end­lich für einen gerech­ten Welt­han­del ein­zu­set­zen. Eine Chance, die UN-Agenda 2030 end­lich als das wahr­zu­neh­men, was sie ist, ein Auf­ruf zu Ver­än­de­rung in allen Län­dern.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 04/2020.

Von |2020-04-09T14:59:29+02:00April 3rd, 2020|Bürgerschaftliches Engagement|Kommentare deaktiviert für

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Gabriele Schulz
Gabriele Schulz ist Stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kulturrates.