Gabriele Schulz 3. April 2020 Logo_Initiative_print.png

Soli­da­ri­tät

Ver­bun­den mit der gan­zen Welt

Solidarität – ein altes, fast schon aus der Mode gekommenes Wort, ist das Gebot der Stunde. Solidarität und Gemeinsinn und vor allem das Zusammenstehen, um der Corona-Pandemie zu trotzen. Zusammenstehen, obwohl gerade zusammen stehen, sich zusammen zu treffen, sich die Hand zu reichen, sich zu umarmen, sich so des Zusammenhalts zu versichern, derzeit körperlich nicht möglich ist.

Die Corona-Pandemie zwingt uns zum Innehalten. Unsere eigene Verletzlichkeit wird offenbar. Ein Virus, das wir nicht sehen können. Eine Gefahr, die wir nicht riechen, nicht schmecken können. Und der erste Instinkt, das Zusammenstehen, verführt uns genau zum Falschen. Abstand halten ist gefragt. Jeden Tag aufs Neue wird uns eingebläut, dass wir Abstand halten müssen.

Virusinfektionen sind ein wunderbares Motiv von Hollywood-Filmen. Im Kino- oder Fernsehsessel kann aus weiter Ferne das Grauen beobachtet und mitgefiebert werden. Schließlich aber kommt doch der Held und wird die Lösung präsentieren. Auf dem Weg viele Tote, doch das Ende wird gut. Was im Kino für Herzklopfen, Schaudern und schweißnasse Hände sorgt, ist im realen Leben viel banaler, dafür aber auch viel bedrohlicher. Banal sind Hamsterkäufe an Toilettenpapier und Nudeln. Bedrohlich ist die Stille. Die Stille, die insbesondere in den Städten zu spüren ist, in denen sich normalerweise Tausende an Menschen eng drängeln, sich in U-Bahnen und Busse quetschen, deren Autos die Straßen verstopfen. Die Stille, in den leeren Straßen, die erforderliche Distanz in Supermärkten, die erst nach Aufruf betreten werden dürfen. Die Stille, die ältere Menschen ertragen müssen, die allein leben, die nicht besucht werden dürfen, deren Kontakt zur Welt das Telefon ist. Die Stille, beängstigend bei Beerdigungen, wenn der Trost auf anderthalb Meter Entfernung gespendet werden muss. Die Stille in den Kultureinrichtungen und Kulturunternehmen, wenn nicht geprobt, gearbeitet, geräumt, betrachtet und so weiter werden darf. Und die Sehnsucht nach der Stille, die viele der Tausenden an Menschen verspüren, wenn sie in ihrem Homeoffice zwischen quäkenden Kindern, klingelnden Telefonen und Termindruck versuchen, ihrer Arbeit nachzugehen und den Betrieb aufrechtzuerhalten. Wie wäre es doch schön, jetzt im Büro sein und die Tür schließen zu können.

Besonders bedrückend ist dabei, dass vollkommen unklar ist, wie lange alles noch dauern wird. Der Appell lautet: erst einmal bis Ostern. Ein Zeitraum, der überschaubar erscheint. Klar ist, das Coronavirus wird bis dahin nicht besiegt sein. Ein Impfstoff wird nicht vorliegen. Passgenaue Medikamente werden nicht vorhanden sein. Die Hoffnung ist, die Infektionskurve abzuflachen, damit die Krankenhäuser nicht überlasten und nicht in Deutschland die Ärzte vor der Herausforderung stehen, entscheiden zu müssen, wem sie helfen und wem nicht.

Neben den wirtschaftlichen Aspekten, die nicht zu vernachlässigen sind, denn irgendwann werden die immensen Hilfsprogramme zu bezahlen sein, ist vor allem bedeutsam, dass wir Menschen  einander brauchen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht den Kontakt – auch den körperlichen, er braucht den Austausch, das Miteinander. Wie sehr wir einander brauchen, spüren wir jetzt – so wird selbst der eigentlich gar nicht so gern gemochte Nächste vermisst.

Unsere Solidarität ist jetzt im Abstandhalten gefordert. Und sie wird weiter gefordert bleiben. Für uns im Kultur- und Medienbereich geht es jetzt und in Zukunft darum, untereinander solidarisch zu sein. Zu verstehen und zu leben, dass jeder und jede seinen Platz hat und gebraucht wird. Ja, es gibt Interessengegensätze und es ist gut, wichtig und richtig, sie zu benennen und dann nach Lösungen zu suchen, die für die verschiedenen Seiten gesichtswahrend sind. Wir müssen uns jetzt darauf einstimmen, dass wir in den nächsten Jahren gemeinsam für die verlässliche Kulturfinanzierung streiten müssen, dass wir für gute Rahmenbedingungen für die verschiedenen Akteure des Kultur- und Medienbereiches eintreten müssen und dass wir uns verstärkt Gedanken um die soziale und wirtschaftliche Lage im Kulturbereich machen müssen. Dazu gehört auch, die Wertschöpfungsketten in den Blick zu nehmen, und zu verstehen, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft davon lebt, dass Dienstleistungen und Waren verkauft werden. Wer jetzt laut nach kostenlosem digitalen Zugang zu Kultur ruft, sollte auch klar sagen, dass Teile der Kulturwirtschaft preisgegeben werden. Denn dass der Kultur- und Medienbereich jetzt so stark betroffen ist, liegt doch daran, dass alles schon zu »normalen« Zeiten »auf Kante genäht ist«. Nach der Krise sollte nicht vor der Krise sein, sondern Zeit, um die Strukturen zu reflektieren.

Unsere Solidarität darf sich aber nicht allein auf uns konzentrieren. Europäische Mitgliedsstaaten, die die Finanzkrise längst nicht so gut überstanden haben wie Deutschland, haben jetzt besonders viele Virusinfektionen zu verzeichnen. Dies führt mancherorts nicht nur zu einem Kollaps im Gesundheitssystem, sondern wird wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen. Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte 2020 wird die Gelegenheit geben, zu zeigen, ob Deutschland ein solidarischer Mitgliedsstaat ist oder sich zurücklehnen wird. Es wird in der deutschen Ratspräsidentschaft aber auch darum gehen müssen, welche Einschnitte in die allgemeinen Menschenrechte wie Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit oder Informationsfreiheit mit dem Wertesystem der Europäischen Union vereinbar sind und welche Folgen deren Verletzung dauerhaft haben wird. Die EU-Grundrechtecharta muss dabei die Richtschnur sein.

Gebraucht wird unsere Solidarität aber auch über unsere unmittelbaren Nachbarn in Europa hinaus. Die Corona-Pandemie macht handgreiflich, wie verflochten die Weltwirtschaft ist, wie eng unsere Beziehungen über Tausende an Kilometern hinweg sind. Im letzten Jahrhundert wurde noch so dahin gesagt: »Was schert es mich, wenn in China ein Sack Reis umfällt«, um deutlich zu machen, dass etwas vollkommen belanglos ist. Heute schert es uns essenziell, was irgendwo auf der Welt passiert, weil wir damit verbunden sind. Das zu erkennen, birgt eine große Chance. Eine Chance, sich endlich für einen gerechten Welthandel einzusetzen. Eine Chance, die UN-Agenda 2030 endlich als das wahrzunehmen, was sie ist, ein Aufruf zu Veränderung in allen Ländern.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 04/2020.

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