„Ich möchte die euro­päi­sche Viel­falt wie­der zum Blü­hen brin­gen“

Zum 80. Geburts­tag von Klaus-Die­ter Leh­mann, Prä­si­dent des Goe­the-Insti­tuts

Der diplo­mierte Phy­si­ker und Mathe­ma­ti­ker Pro­fes­sor Dr. h.c. Klaus-Die­ter Leh­mann wurde 1940 in Bres­lau gebo­ren. Seine Fami­lie konnte 1945 mit dem letz­ten Zug aus der bren­nen­den Stadt flie­hen, bevor die Rote Armee den Ring um die Stadt zu schlie­ßen begann, Lok­füh­rer war sein Groß­va­ter. Er wuchs in der ober­frän­ki­schen Klein­stadt Rehau und spä­ter in Düs­sel­dorf auf. Die Flücht­linge lan­de­ten in einer gebil­de­ten Fami­lie, wo Leh­mann seine Liebe zu den Büchern ent­deckte: „Die Bücher waren mein Tor zur Welt.“ In Büche­reien und Biblio­the­ken fand er Zuflucht, ohne intro­ver­tiert zu sein: „Was ich gese­hen habe, habe ich auch immer wei­ter erzählt. Ich bin also ein typi­scher Ver­mitt­ler, das bin ich immer geblie­ben.“

Über Men­schen Hei­mat erle­ben

An die Flucht kann er sich erin­nern, hei­mat­los fühlte er sich trotz­dem nicht: „Ich bin zwar recht aktiv in deutsch-pol­ni­schen Bezie­hun­gen, habe auch wie­der Kon­takt zu Bres­lau auf­ge­nom­men, aber ich habe mich Zeit mei­nes Lebens immer dort wohl gefühlt, wo meine Freunde und die Men­schen, mit denen ich gear­bei­tet habe, waren. Frank­furt war eine wich­tige Hei­mat. Dort habe ich mein Hand­werk gelernt. Und Ber­lin natür­lich, was nicht so über­ra­schend ist. Denn wenn Bres­lauer Kar­riere machen woll­ten, sind sie immer nach Ber­lin gegan­gen. Ich habe eben einen Umweg über West­deutsch­land gemacht und bin jetzt wie­der da, wo ich hin gehöre. Ich koket­tiere immer damit, ich wäre ein Nomade, weil ich eben von Düs­sel­dorf nach Mainz, nach Frank­furt, dann nach Ber­lin und wie­der nach Mün­chen gezo­gen bin, das hat Vor­teile. Ich kann mich sehr schnell ein­ge­wöh­nen. Ich bin immer ein neu­gie­ri­ger Mensch gewe­sen und hab es immer geschafft, mich in jedem neuen Umfeld wie­der mit Men­schen anzu­freun­den und zu ver­bin­den. Das ist im Grunde mein Ansatz: über die Men­schen Hei­mat zu erle­ben.“

Die Bücher waren zuerst da

In den 1970er Jah­ren arbei­tete er am Main­zer Max-Planck-Insti­tut, bevor er nach sei­nem Staats­ex­amen in Biblio­theks­wis­sen­schaf­ten ab 1973 Direk­tor an der Stadt- und Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek in Frank­furt am Main wurde. „Ich war unsi­cher, ob meine Lei­den­schaft für Bücher in einen Brot­be­ruf mün­den könnte. Quasi mein gan­zer Freun­des­kreis stu­dierte Natur­wis­sen­schaf­ten und da ich in die­sen Fächern gut war, schloss ich mich an. Dann änderte sich die Welt um mich herum: Die Bücher wur­den plötz­lich mit Com­pu­tern pro­du­ziert und ver­trie­ben. Die Netz­werke waren ent­schei­dend für die Ver­mitt­lung. So bin ich ganz bewusst aus mei­ner Wis­sen­schaft­ler­kar­riere her­aus, stu­dierte Biblio­theks­wis­sen­schaft und habe dann meine natur­wis­sen­schaft­li­che Fähig­keit, ana­ly­tisch zu den­ken, Instru­mente wie Com­pu­ter und Netze zu beherr­schen, auf die Kul­tur ange­wandt. Das heißt, ich konnte meine per­sön­li­che Pas­sion ver­bin­den mit mei­nen natur­wis­sen­schaft­li­chem Kennt­nis­sen. Ideal.“

1998 wurde er als Prä­si­dent der Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz in Ber­lin beru­fen. In die­ser Funk­tion ver­ant­wor­tete er ins­be­son­dere die Wie­der­her­stel­lung der Muse­ums­in­sel. „Als ich nach Ber­lin kam, waren die West- und Ost­bio­gra­fien nach dem Mau­er­fall gespal­ten. Es gab aus­ufernde Dis­kus­sio­nen über die Zusam­men­füh­rung der Muse­ums­land­schaf­ten. Man kam zu kei­nem Schluss. 1998 kam ich von außen und hatte die Chance, mit einem ganz ande­ren Blick einen Mas­ter­plan gemein­sam mit den Museen zu ent­wi­ckeln. Ich machte deut­lich, dass ein ver­ein­tes Ber­lin mit den Museen nicht im Kul­tur­fo­rum statt­fin­den würde, son­dern in das alte Zen­trum, in die Mitte, gehöre. Und das ist die Muse­ums­in­sel. Für mich war sie ein Sym­bol der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Es war eine Gemein­schafts­leis­tung, die bis heute Richt­schnur geblie­ben ist.“

Prä­si­dent des Goe­the-Insti­tuts

Die 1951 ins Leben geru­fe­nen Goe­the-Insti­tute sol­len die deut­sche Spra­che för­dern und die kul­tu­relle Zusam­men­ar­beit im Aus­land stär­ken. Der­zeit ver­fügt es über 157 Insti­tute in 98 Län­dern, finan­zi­ell unter­stützt wird das „Goe­the“ vom Aus­wär­ti­gen Amt. Klaus-Die­ter Leh­mann war seit 2002 Vize­prä­si­dent, 2008 folgte er Jutta Lim­bach auf die Posi­tion als Prä­si­dent des Goe­the-Insti­tuts. „Ich kam in der Krise! Schlie­ßun­gen und Goe­the war für die Öffent­lich­keit damals fast ein Syn­onym. Des­halb war eine Struk­tur­re­form unum­gäng­lich. Für mich war die Glo­ba­li­sie­rung nur durch eine dezen­trale Ver­ant­wor­tung gestalt­bar. Die Zen­trale wurde ver­klei­nert, Regio­nen und dezen­trale Ver­ant­wor­tun­gen wur­den geschaf­fen, und wir haben bud­ge­tiert. Vor­her hat­ten wir für jede Anwen­dung eine finan­zi­elle Zweck­bin­dung. Eine Welt, die so unter­schied­lich und so frag­men­tiert ist, kann man nicht mit Kame­ra­lis­tik steu­ern. Wir müs­sen Bud­gets haben, die direkt vor Ort in den Regio­nen ver­ge­ben wer­den, sodass die Ver­ant­wor­tung in der Weise wahr­ge­nom­men wird, dass die Erwar­tung an uns und das was sie mög­lich machen, deckungs­gleich gemacht wer­den kann. Das hat wie­der zu vie­len Akteu­ren geführt. Damit war das Goe­the-Insti­tut nicht mehr die­ser große schwere Tan­ker, son­dern es ent­stan­den viele Begleit­boote, die für sich in den Regio­nen gemein­sam arbeite konn­ten.“

Allein in Afrika ent­stan­den dadurch ab 2008/2009 sechs neue Insti­tute, Novo­si­birsk wurde gegrün­det, was den gan­zen Raum nach Osten öff­nete. „Und bei aller Digi­ta­li­sie­rung, diese Begeg­nungs­orte sind und blei­ben sehr wich­tig.“

Rei­ches Europa

Wich­tig waren und sind ihm als Prä­si­dent des „Goe­the“ auch The­men wie Deko­lo­ni­sie­rung, auf­kei­men­der Natio­na­lis­mus in Europa und Nach­hal­tig­keit. „Ich werde mich die­ses Jahr noch mal inten­siv dafür ein­set­zen, die­ser ver­häng­nis­vol­len Ent­wick­lung in den euro­päi­schen Län­dern von gegen­sei­ti­ger Abschot­tung, Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus mit intel­li­gen­ten Alli­an­zen ent­ge­gen­zu­tre­ten. Wir müs­sen eine gemein­same Ver­ant­wor­tung für den euro­päi­schen Kul­tur­raum wahr­neh­men. Es geht mir darum, diese euro­päi­sche Viel­falt, die ja unser gro­ßer Vor­teil ist, unser Poten­zial, wie­der zum Blü­hen zu brin­gen. Die euro­päi­sche Kul­tur ist eigent­lich eine Kul­tur der Migra­tion. Wir wären in Europa nicht so leben­dig und viel­fäl­tig, wenn wir diese Migra­ti­ons­fä­hig­keit nicht hät­ten. Das ist mein gro­ßes Thema für 2020.“

Mit der Ein­rich­tung deutsch-fran­zö­si­scher Insti­tute in Rio de Janeiro und Palermo wol­len die Goe­the-Insti­tute Europa und seine unter­schied­li­chen Kul­tu­ren in der Welt dar­stel­len und ver­mit­teln, auch im Irak wird gerade eine deutsch-fran­zö­si­sche Zusam­men­ar­beit vor­be­rei­tet.

Leh­mann ist Trä­ger des Kul­tur­gro­schens des Deut­schen Kul­tur­ra­tes, und die Zusam­men­ar­beit war und ist ihm immer wich­tig gewe­sen: „Ich finde es erstaun­lich, wie gut die­ser Zusam­men­schluss funk­tio­niert, ohne faule Kom­pro­misse ein­zu­ge­hen. Es müs­sen im Grunde sehr viele unter­schied­li­che Inter­es­sen zusam­men­ge­führt wer­den, die aber eine gemein­same Stimme haben, das schafft der Kul­tur­rat. The­men wie die Deutsch­land­jahre, die Migra­ti­ons­fra­gen, der Kolo­nia­lis­mus, dar­über haben wir uns immer aus­ge­tauscht und aktiv betei­ligt.“

Am 29. Februar 2020 fei­ert Klaus-Die­ter Leh­mann sei­nen 80. Geburts­tag. Das beson­dere Datum stört ihn nicht: Statt alle vier Jahre wird immer am 28. Februar und am 1. März gefei­ert. „Ich sage immer, ich gehöre zum Son­nen­jahr, weil der 29. Februar eine Kor­rek­tur zum Kalen­der­jahr macht. Etwas Bes­se­res kann man sich gar nicht wün­schen!“ Und an ehren­amt­li­cher Arbeit in diver­sen Stif­tun­gen wird es ihm auch nach der Stab­über­gabe an die Eth­no­lo­gin Carola Lentz im Novem­ber 2020 sicher nicht feh­len.

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 02/2020.

Von |2020-02-06T10:54:17+01:00Februar 5th, 2020|Sprache|Kommentare deaktiviert für

„Ich möchte die euro­päi­sche Viel­falt wie­der zum Blü­hen brin­gen“

Zum 80. Geburts­tag von Klaus-Die­ter Leh­mann, Prä­si­dent des Goe­the-Insti­tuts

Ursula Gaisa
Ursula Gaisa ist Redakteurin der neuen musikzeitung.