Nein, die Wie­der­ver­ei­ni­gung ist kein ver­schos­se­ner Elf­me­ter!

Reak­tion auf "Ver­geigt" von Olaf Zim­mer­mann in Poli­tik & Kul­tur 11/19

Wenn „ver­geigt“ umgangs­sprach­lich eine Aktion meint, die in guter Absicht, aber mit dilet­tan­ti­scher Unfä­hig­keit durch­ge­führt, im Ergeb­nis ein Miss­erfolg wird, und syn­onym ist mit „ver­mas­seln“, „ver­bo­cken“ oder „in den Sand set­zen“, dann liegt Olaf Zim­mer­mann hier falsch. Nein, wir haben die Wie­der­ver­ei­ni­gung nicht in den Sand gesetzt, und es war auch kein „Betriebs­un­fall“.

Was sagt heute der Sohn mei­ner Pots­da­mer Freunde, die mein Schlüs­sel­loch in die DDR waren, eine Freund­schaft in der typi­schen West-Ost-Schief­lage: die stets ein­sei­ti­gen Besu­che und die fra­gen­den Nach­barn („Schon wie­der West-Besuch?“), Tele­fo­nate mit kon­spi­ra­ti­ven Codes, Care­pa­kete hin und LPs von Ger­hard Schöne zurück. Die Angst des jun­gen Pazi­fis­ten vor dem Dienst in der Armee, die depri­mie­rende Erkennt­nis wegen nicht staats­kon­for­mer aka­de­mi­scher Eltern nicht stu­die­ren zu kön­nen. Wie lief sein Leben in der „ver­geig­ten Ein­heit“? Er ver­ließ sofort seine Schule, machte sei­nen Schul­ab­schluss in West-Ber­lin – „Ich kann den Leh­rern nicht mehr glau­ben“–, dann Zivil­dienst, ver­wirk­lichte sei­nen Berufs­traum, blieb fami­liär und kul­tu­rell ver­an­kert: Es ging ihm um indi­vi­du­elle Ent­fal­tung in einem freien Gemein­we­sen, nicht um Rei­sen, Auto, Wes­ten.

Mein Geschichts­pro­fes­sor Hans-Gün­ter Zmarz­lik ver­suchte uns Stu­die­ren­den zu erklä­ren: Bei der Betrach­tung his­to­ri­scher Ereig­nisse gehe es nicht darum, sich mit der »mög­li­chen Wirk­lich­keit« zu beschäf­ti­gen („Wie war es wirk­lich?“), son­dern es gelte die „wirk­li­che Mög­lich­keit“ zu erfor­schen – wel­che Ideen und wel­che Hand­lungs­op­tio­nen stan­den zur Ver­fü­gung. Zuge­ge­ben, nach dem Fall der Mauer wurde das Denk­bare nicht aus­ge­schöpft: Der Wes­ten war auf Bei­tritt fixiert, im Osten wur­den die Wün­sche der Men­schen ver­ständ­li­cher­weise sehr schnell von der DM und den Ver­hei­ßun­gen der Kon­sum­ge­sell­schaft domi­niert. Rich­tig, wir Wes­sis haben uns selbst nicht infrage gestellt, haben die his­to­ri­sche Chance für einen Neu­an­fang nicht ergrif­fen, z. B. eine gemein­same neue Ver­fas­sung. Und in der DDR ent­schied sich die frei gewählte Volks­kam­mer in ihrer erst 30. Sit­zung im August 1990, sicher­lich die Mehr­heit der Men­schen reprä­sen­tie­rend, zur schnel­len Wie­der­ver­ei­ni­gung, die das Land zum „Bei­tritts­ge­biet“ machte – „auf Augen­höhe“ hätte anders aus­ge­se­hen, von bei­den Sei­ten.

Das Den­ken in Kate­go­rien „Sie­ger“ und „Besiegte“ führt aber nicht wei­ter. Meine Gegen­these: Die Wes­sis fühl­ten sich bei der Wie­der­ver­ei­ni­gung nicht als Sie­ger, denn der Wes­ten stand ja in gar kei­nem Wett­be­werb zur DDR: Wir fühl­ten uns sowieso haus­hoch über­le­gen! Des­halb gibt es auch keine Besieg­ten – die mili­tä­ri­sche Meta­pher trifft es nicht. Die Wie­der­ver­ei­ni­gung war ein gro­ßes Glück der Geschichte und ist im Hier und Heute erfolg­reich. Trotz­dem mag auch ich den Begriff „Erfolgs­ge­schichte“ nicht, denn es war ja tat­säch­lich kein wirk­lich gut geplan­tes, aber eben auch kein plan­ba­res Bil­lio­nen-Pro­jekt – übri­gens wird immer nur vom Geld­trans­fer in den Osten gespro­chen, wenig von der Wirt­schafts­leis­tung der Bür­ger in und aus den neuen Län­dern – und gesell­schafts­po­li­tisch war es ein his­to­risch ein­zig­ar­ti­ges Unter­fan­gen ohne Vor­bild. Gewon­nen haben die Aller­meis­ten; aber ja, auch Ver­lie­rer gab es. Und wer sich als zurück­ge­las­sen emp­fin­det, dem darf man diese Gefühle nicht abspre­chen, son­dern man muss sich kon­kret küm­mern und das auch nach­voll­zieh­bar ver­mit­teln.

Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl legte nach dem Mau­er­fall noch im Novem­ber 1989 ein Tempo in Rich­tung Ein­heit vor, dass vie­len von uns im Wes­ten schwin­de­lig wurde. Er war in die­ser Situa­tion tat­säch­lich ein visio­nä­rer Rea­list, naiv war ledig­lich die Ein­schät­zung der wirt­schaft­lich-mate­ri­el­len Situa­tion der DDR-Volks­wirt­schaft; diese Fehl­ein­schät­zung machte dann Treu­hand-Aus­wüchse, das soge­nannte „Platt­ma­chen“, erst mög­lich. Die Kul­tur hat­ten wir im Wes­ten mit­nich­ten „abge­schrie­ben“, schon gar nicht die Men­schen „drü­ben“! Zur wie­der­ver­ei­nig­ten Kul­tur gehör­ten die gemein­sa­men Ver­pflich­tun­gen aus der deut­schen Geschichte, aber auch die Hei­mat von Johann Sebas­tian Bach und Georg Fried­rich Hän­del, die Deut­sche Klas­sik, die Büh­nen­kunst, Alleen und his­to­ri­sche Land­schaf­ten, die es trotz LPGs und Raub­bau an der Natur gab. Für Iden­ti­täts­stif­ten­des in der DDR-All­tags­kul­tur hat sich der Wes­ten weni­ger inter­es­siert.

Im Ein­heits­ver­trag heißt es: „In den Jah­ren der Tei­lung waren Kunst und Kul­tur – trotz unter­schied­li­cher Ent­wick­lung der bei­den Staa­ten in Deutsch­land – eine Grund­lage der fort­be­stehen­den Ein­heit der deut­schen Nation.“ Das war wohl eine zu bil­dungs­bür­ger­lich geprägte idea­li­sie­rende Vor­stel­lung von Deutsch­land als einer in zwei Staa­ten exis­tie­ren­den Goe­the-und-Schil­ler-Kul­tur­na­tion. Und wei­ter: „Sie (Kunst und Kul­tur; Anm. d. Autors) leis­ten im Pro­zess der staat­li­chen Ein­heit der Deut­schen auf dem Weg zur euro­päi­schen Eini­gung einen eigen­stän­di­gen und unver­zicht­ba­ren Bei­trag.“ Was wir jetzt nach 30 Jah­ren sehen: Die­ser Pro­zess dau­ert län­ger als gedacht und es gibt Rück­schläge, trotz­dem gilt es ihn wei­ter­hin unbe­irrt zu gestal­ten, und daran arbei­tet auch Olaf Zim­mer­mann mit Lei­den­schaft – und ver­geigt höchs­tens mal ein Edi­to­rial: geschenkt!

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 12/2019-01/2020.

Von |2019-12-20T13:10:46+01:00Dezember 20th, 2019|Heimat|Kommentare deaktiviert für

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Klaus Ulrich Werner
Klaus Ulrich Werner ist stellvertretender Sprecher der Deutschen Literaturkonferenz.