Emi­lia Sme­chow­ski: Rück­kehr nach Polen: Expe­di­tio­nen in mein Hei­mat­land

„Der Bür­ger­meis­ter ist tot. Das Land ist zer­ris­sen.“ So beginnt die Ham­bur­ger Autorin und Repor­te­rin Emi­lia Sme­chow­ski ihre „Expe­di­tion“ ins Hei­mat­land Polen. Ein Jahr ver­bringt sie hier mit ihrer vier­jäh­ri­gen Toch­ter, um zu ergrün­den, warum so viele Polen nicht mehr an den Wert der Frei­heit glau­ben, die PiS poli­tisch ent­spre­chend erfolg­reich regiert und ein gesell­schaft­li­cher Riss aller­or­ten zu spü­ren ist.

Dem zugrunde lie­gen­den Kon­flikt zwi­schen Glo­ba­li­sie­rung und Rück­zug ins Natio­nale, der natür­lich nicht nur Polen betrifft, spürt Sme­chow­ski facet­ten­reich und mit einer sehr per­sön­li­chen Note nach: Sie berich­tet von ihren Inter­views mit Lech Walesa und Jacek Jas­ko­wiak, dem Bür­ger­meis­ter von Posen, von ihren Begeg­nun­gen mit einer katho­li­schen Jüdin und mus­li­mi­schen Tata­ren. Ein­ge­bet­tet sind diese gesell­schafts­po­li­ti­schen Erkun­dun­gen in ihre All­tags­be­ob­ach­tun­gen: Kita-All­tag der Toch­ter, fami­liäre Tra­di­tio­nen ihrer Ver­wand­ten, Gesprä­che mit Nach­barn und Kita-Eltern oder Rei­sen über Land. Ganz unver­stellt schil­dert sie auch ihre eige­nen Emo­tio­nen, wie ihre Fremd­heit in der alten Hei­mat, die sie im Alter von fünf Jah­ren mit ihren Eltern ver­ließ, und zum Ende des Buches die Ver­zweif­lung über den Zustand Polens, die des­halb so groß ist, weil Sme­chow­ski merkt, dass sie am Ende ihres Jah­res in Dan­zig nicht län­ger die Repor­te­rin ist, son­dern sich als Polin und Dan­zi­ge­rin fühlt.

Diese Ehr­lich­keit berührt. Inter­es­sant wird das Buch aber vor allem dadurch, dass es ihr gelingt, per­sön­li­che Emp­fin­dun­gen und gesell­schafts­po­li­ti­sche Ana­ly­sen zu ver­knüp­fen. Sie the­ma­ti­siert das Stadt-Land-Gefälle und Gehalts­struk­tu­ren ebenso wie Anti­se­mi­tis­mus, Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit oder Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­kei­ten. Äuße­run­gen von ihren Prot­ago­nis­ten, wie „Der Wes­ten habe Angst, nach Osten zu schauen, weil er nicht wisse, ob er da seine Ver­gan­gen­heit sehe oder seine Zukunft“, for­dern eigene Refle­xion und moti­vie­ren zu mehr Aus­ein­an­der­set­zung mit unse­ren euro­päi­schen Nach­barn, in Ost wie West.

Cor­ne­lie Kunkat

Emi­lia Sme­chow­ski. Rück­kehr nach Polen: Expe­di­tio­nen in mein Hei­mat­land. Ber­lin 2019

Von |2019-12-06T11:16:48+01:00Dezember 6th, 2019|Rezension|Kommentare deaktiviert für Emi­lia Sme­chow­ski: Rück­kehr nach Polen: Expe­di­tio­nen in mein Hei­mat­land
Cornelie Kunkat
Cornelie Kunkat ist Referentin für Frauen in Kultur und Medien beim Deutschen Kulturrat.