Kunst und Wis­sen­schaft, For­schung und Lehre sind frei, eine Zen­sur fin­det nicht statt

Das Deut­sche Grund­ge­setz wird 70 Jahre alt

Die Müt­ter und Väter des Grund­ge­set­zes bezo­gen sich bei ihrer epo­cha­len Erar­bei­tung des neuen Ver­ständ­nis­ses der Ver­fasst­heit Deutsch­land, dem Grund­ge­setz, nach dem abso­lu­ten mora­li­schen und poli­ti­schen Bank­rott in der Nazi­zeit, zum einen auf die All­ge­meine Erklä­rung der Men­schen­rechte und zum ande­ren auf die erste demo­kra­ti­sche Ver­fas­sung Deutsch­lands, die Wei­ma­rer Ver­fas­sung.

In der Wei­ma­rer Ver­fas­sung vom 11. August 1919 wird dem Reich die Gesetz­ge­bung für das Presse-, Ver­eins- und Ver­samm­lungs­we­sen sowie das Thea­ter- und Licht­spiel­we­sen zuge­wie­sen. Art. 118 sicherte zu, dass keine Zen­sur statt­fin­det. Es kön­nen aller­dings geson­derte Bestim­mun­gen für das Licht­spiel­we­sen getrof­fen wer­den sowie Maß­nah­men zur Bekämp­fung von Schund- und Schmutz­li­te­ra­tur sowie zum Jugend­schutz bei öffent­li­chen Schau­stel­lun­gen. In Art. 142 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung wird zum einen die Kunst- und Wis­sen­schafts­frei­heit gesi­chert und zum ande­ren die Kul­tur­pflege ver­an­kert. Es heißt: „Die Kunst, die Wis­sen­schaft und ihre Lehre sind frei. Der Staat gewährt ihnen Schutz und nimmt an ihrer Pflege teil.“ Wei­ter wird in Art. 150 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung aus­ge­führt: „Die Denk­mä­ler der Kunst, der Geschichte und der Natur sowie die Land­schaft genie­ßen den Schutz und die Pflege des Staa­tes. Es ist Sache des Rei­ches, die Abwan­de­rung deut­schen Kunst­be­sit­zes in das Aus­land zu ver­hü­ten.“ In Art. 158 schließ­lich wird das Recht der Urhe­ber, Künst­ler und Erfin­der auf den Schutz und die Für­sorge des Rei­ches ver­an­kert.

Das Grund­ge­setz der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land von 1949 knüpft an ver­schie­dene Arti­kel der Wei­ma­rer Ver­fas­sung an. In eini­gen Punk­ten wurde aller­dings die Zustän­dig­keit stär­ker den Län­dern zuge­wie­sen. Es war also nicht allein die gewach­sene Kul­tur­ver­ant­wor­tung der Län­der, die einer selbst­be­wuss­ten Bun­des­kul­tur­po­li­tik in der jun­gen Bun­des­re­pu­blik im Wege stand. Viel­mehr war es nach dem schmerz­haf­ten Ende der Wei­ma­rer Repu­blik, die NS-Kul­tur­po­li­tik mit ihrer erfolg­rei­chen Indienst­nahme von Kunst und Kul­tur für Pro­pa­ganda, mit der Ver­fol­gung miss­lie­bi­ger, beson­ders jüdi­scher Künst­ler, mit der Abschaf­fung von Kunst- und Pres­se­frei­heit und ande­rem mehr ein Hin­der­nis für eine starke Bun­des­kul­tur­po­li­tik.

Zu sehr hat­ten sich viele Künst­ler und andere Kul­tur­ver­ant­wort­li­che in den Dienst neh­men las­sen. Zu sehr hat­ten sie sich ange­passt und sich einer der sie­ben Kam­mern der Reichs­kul­tur­kam­mern ange­schlos­sen, um wei­ter­hin publi­zie­ren, auf­tre­ten, aus­stel­len usw. zu kön­nen.

Im Grund­ge­setz wird in Art. 5 Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit sowie die Kunst- und Wis­sen­schafts­frei­heit deut­lich garan­tiert. Anders als in der Wei­ma­rer Ver­fas­sung fehlt das expli­zite Bekennt­nis, dass der Staat Kunst und Wis­sen­schaft schützt und pflegt – also das soge­nannte Staats­ziel Kul­tur. Die Ver­an­ke­rung eines Staats­ziels Kul­tur im Grund­ge­setz war seit­her mehr­fach Gegen­stand kul­tur­po­li­ti­scher Debat­ten und Über­le­gun­gen. Zuletzt fand eine ein­ge­hende Befas­sung mit dem Staats­ziel Kul­tur im Rah­men der Enquete-Kom­mis­sion des Deut­schen Bun­des­ta­ges „Kul­tur in Deutsch­land“ statt.

Der Deut­sche Kul­tur­rat hat sich wie­der­holt für das Staats­ziel im Grund­ge­setz aus­ge­spro­chen und die im Deut­schen Bun­des­tag ver­tre­te­nen Par­teien auf­ge­for­dert, dem ein­stim­mi­gen Votum der Enquete-Kom­mis­sion des Deut­schen Bun­des­ta­ges „Kul­tur in Deutsch­land“ zu ent­spre­chen und Art. 20 GG um einen Abschnitt b mit dem Wort­laut „Der Staat schützt und för­dert die Kul­tur“ zu ergän­zen. Das 70. Jubi­läum des Grund­ge­set­zes wäre ein schö­ner Zeit­punkt das jetzt umzu­set­zen.

Die aus­schließ­li­che Gesetz­ge­bung des Bun­des auf dem Gebiet Presse als auch für Thea­ter- und Licht­spiel­we­sen wur­den aus der Wei­ma­rer Ver­fas­sung nicht in das Grund­ge­setz über­nom­men. Hier wur­den Leh­ren aus der NS-Zeit gezo­gen. Die Ver­ant­wor­tung tra­gen die Län­der.

Die aus­schließ­li­che Zustän­dig­keit hat der Bund in kul­tur­po­li­ti­schen Fra­gen im Bereich der Tele­kom­mu­ni­ka­tion, im gewerb­li­chen Rechts­schutz, dem Urhe­ber­recht und dem Ver­lags­recht sowie seit den Grund­ge­setz­än­de­run­gen in Folge der Föde­ra­lis­mus­kom­mis­sion aus dem Jahr 2006 für den Schutz deut­schen Kul­tur­guts gegen Abwan­de­rung ins Aus­land (Art. 73 GG).

In Art. 22 Abs. 1 GG ist fest­ge­legt, dass die Reprä­sen­ta­tion in der Haupt­stadt Auf­gabe des Bun­des ist. Das ist so neben­bei der Grund, warum ein so gro­ßer Anteil der Kul­tur­fi­nan­zie­rung durch die Bun­des­re­gie­rung nach Ber­lin fließt, ein­fach weil sie hier finan­zie­ren darf.

Ebenso zählt die Aus­wär­tige Kul­tur- und Bil­dungs­po­li­tik zu den Bun­des­auf­ga­ben, denn in Art. 32 Abs. 1 GG ist fest­ge­legt, dass die Pflege der Bezie­hun­gen zu aus­wär­ti­gen Staa­ten Sache des Bun­des ist.

Inso­fern hat der Bund durch das Grund­ge­setz unbe­strit­ten kul­tur­po­li­ti­sche Kom­pe­ten­zen erhal­ten, wenn auch die Län­der deut­lich gestärkt wur­den.
Doch die for­ma­len Abgren­zun­gen zwi­schen Bund und Län­dern – wer darf was im Kul­tur­be­reich machen – ist nur eine Peti­tesse im Ver­gleich zu einem der wich­tigs­ten Arti­kel im gesam­ten Grund­ge­setz, Art. 5 GG:

(1) Jeder hat das Recht, seine Mei­nung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu ver­brei­ten und sich aus all­ge­mein zugäng­li­chen Quel­len unge­hin­dert zu unter­rich­ten. Die Pres­se­frei­heit und die Frei­heit der Bericht­erstat­tung durch Rund­funk und Film wer­den gewähr­leis­tet. Eine Zen­sur fin­det nicht statt.
(2) Diese Rechte fin­den ihre Schran­ken in den Vor­schrif­ten der all­ge­mei­nen Gesetze, den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der per­sön­li­chen Ehre.
(3) Kunst und Wis­sen­schaft, For­schung und Lehre sind frei. Die Frei­heit der Lehre ent­bin­det nicht von der Treue zur Ver­fas­sung.

Seit 70 Jah­ren hat das Grund­ge­setz jetzt Gül­tig­keit für alle in Deutsch­land lebende Men­schen. Es hat sich bewährt, es hat unsere Frei­heit gesi­chert, es hat unsere Demo­kra­tie gefes­tigt. Kunst und Wis­sen­schaft, For­schung und Lehre sind frei, eine Zen­sur fin­det nicht statt, das haben wir Kul­tur­schaf­fen­den gerade auch die­sem Grund­ge­setz zu ver­dan­ken. Das ist ein wirk­li­cher Grund zum Fei­ern!

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 04/2019.

Von |2019-06-17T09:24:27+02:00März 27th, 2019|Grundgesetz|Kommentare deaktiviert für

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Das Deut­sche Grund­ge­setz wird 70 Jahre alt

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Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.