Migran­ten­ta­ge­buch, vier­ter Ein­trag: „Zwi­schen hier und dort“

Das Mit­tel­meer trennt zwei Wel­ten von­ein­an­der

Zwei ver­schie­dene und ähn­li­che Wel­ten. Das Mit­tel­meer trennt sie von­ein­an­der und bringt sie manch­mal zusam­men. Das hart­nä­ckige Mit­tel­meer lehnt die Ver­mitt­lung dazwi­schen ab. Wer zwi­schen den bei­den Wel­ten kreu­zen will, hat nur zwei Mög­lich­kei­ten: ent­we­der den Luxus, den nicht jeder hätte, auf eiser­nen Flü­geln dar­über­zu­flie­gen, oder den Zwang, mit der Hoff­nung aufs Über­le­ben, sein Leben auf dem Meer zu ris­kie­ren. Dazwi­schen hän­gen ver­ges­sene Bil­der und sich wie­der­ho­lende Sze­nen, die sich nur durch die Far­ben der Hin­ter­gründe, die Stim­men der Akteure und die Farbe des domi­nie­ren­den Angst­ge­ru­ches unter­schei­den. Bei mir blie­ben die bei­den Wel­ten in mei­nen Erin­ne­run­gen hän­gen: Man­che Bil­der von hier und man­che von dort – ich stehe dazwi­schen still, bewe­gungs­los und ohne Zeit­ge­fühl.

Hier

Ich erin­nere mich an eine neue Art von Glück, die ich hier erlebt habe, als ich zum ers­ten Mal den wei­ßen Schnee vom Him­mel fal­len sah. Das glei­che Gefühl formte sich jedes Jahr wie­der, wenn ich die Gerü­che des Früh­lings spürte und die neuen Far­ben der Bäume sah sowie wenn ich die uner­war­te­ten hei­ßen Som­mer­mo­mente im Nor­den erlebte. Mein Gedächt­nis ent­hält von hier meh­rere Bil­der von unbe­kann­ten Kin­dern, die mich unschul­dig anlä­chel­ten, wenn wir uns zufäl­lig auf der Straße tra­fen. Das Bild mei­ner alten Nach­ba­rin hier taucht oft in mei­ner Erin­ne­rung auf. Eine Frau, die mich immer mit einem Lächeln und vie­len Geschich­ten über ihre Kin­der und ihren lan­gen Lebens­weg getrof­fen hat. Sie war an Alz­hei­mer erkrankt. Letz­tes Mal sah ich sie vor dem Auf­zug im Haus. Sie lächelte mich wie immer an und sagte: „Ich erin­nere mich nicht an dich, ver­gib mir. Es ist der Fluch der Krank­heit, aber mein Herz erin­nert sich an gute Gefühle in dei­ner Anwe­sen­heit!“ Ein paar Stun­den danach ent­schied sie sich, Abschied von unse­rer Welt zu neh­men.

Dort

Im Laufe der Zeit ver­blass­ten sich die Hin­ter­gründe der Bil­der mei­ner Kind­heit. Sie hin­ter­lie­ßen nur wenige Spu­ren in mei­nen Erin­ne­run­gen, die nicht mehr mit der Rea­li­tät der jet­zi­gen Zeit zu tun haben. Sie zer­stör­ten meine alte Schule, änder­ten den Name der Straße, in der ich gebo­ren wurde und ent­fern­ten den Baum, den meine Mut­ter vor Jah­ren vor unse­rem Haus gepflanzt hatte. Alle Gesich­ter, die ich kannte, ver­schwan­den, sowie die Gerü­che mei­ner alten Stadt dort. Alles, was ich in mei­nem Gedächt­nis mit mir trage, gibt es nicht mehr: das Gesicht mei­ner Groß­mutter, die Zahl der Fal­ten im Gesicht mei­ner Mut­ter, die alten Bil­der mei­nes Vaters, die ers­ten Briefe, die ich als Mäd­chen am Strand geschrie­ben habe und viele Dinge, die nur eine Erin­ne­rung bei mir hin­ter­lie­ßen. Ich muss zuge­ben, trotz der Schmer­zen, dass es meine erste Stadt nicht mehr gibt!

Dazwi­schen

Es blieb nur das Mit­tel­meer dazwi­schen, das ich jedes Mal sehe, wenn ich die bei­den Wel­ten auf eiser­nen Flü­geln kreuze. In ihm sah ich einige Bil­der, die es zwi­schen den bei­den Ufern absicht­lich ver­steckte. Das rie­sige Meer ver­wan­delte sich in eine blaue Linie, die mehr ver­steckte als zeigte. Offen­bar zeigte es nur die Bil­der, die einen Teil der Geschichte der Welt erzähl­ten: An der Grenze zwi­schen hier und dort stand ein Vater inmit­ten der Dun­kel­heit vor sei­nen Kin­dern. In sei­ner Hand gab es ein paar Schwimm­wes­ten, die nicht genug für sie alle waren. Im Hin­ter­grund hörte man die Geräu­sche der gewalt­tä­ti­gen Wel­len des Mee­res. Der Vater sah sei­nen Kin­dern tief in die Augen und kämpfte gegen die Worte, die ihn ver­letz­ten, bevor er sie aus­sprach. Er flüs­terte ihnen zu: „Macht euch keine Sor­gen, wenn ihr einen eurer Geschwis­ter ertrin­ken seht, schwimmt dann schnel­ler wei­ter, damit wir unsere Ver­luste mini­mie­ren kön­nen. Schaut lie­ber nur auf die andere Seite des Mee­res und nicht hin­ter euch. Fürch­tet euch nicht, meine Kin­der. Wir haben keine Wahl und müs­sen wei­ter gegen den Tod und fürs Leben kämp­fen. Lei­der ist das Über­le­ben keine Option in unse­rem Land“. Der Vater erzählte mir, dass er gezwun­gen war, Abschied von der „Zwi­schen­welt“ zu neh­men.

Wenige Minu­ten spä­ter „dort“ – am sel­ben Strand – zeigte sich ein Bild eines klei­nen Kör­pers eines Kin­des ohne Ret­tungs­weste. Sein Kopf war nach Wes­ten gerich­tet, seine Augen waren in einem geschlos­se­nen Win­kel nach Osten geneigt und hin­ter ihm gab es eine auf den Lei­chen von Toten ruhende Hei­mat. Sein schwa­cher Kör­per konnte nicht von hier bis dort gelan­gen. Die Wel­len hat­ten ihn in ande­rer Rich­tung gegen sei­nen Wil­len ans Ufer gewor­fen. Ich ver­riet ihm: „Höre mir zu, mein Kind. Es gibt kein Leben hier an die­ser Seite des Mee­res, son­dern einen lang­sa­men Tod dei­ner Seele, für das Bewah­ren von Inter­es­sen weni­ger Men­schen, mit denen wir nichts zu tun haben. Sie sind deine Feinde, die du nicht sehen kannst. Sie sind mas­kiert und mit lau­ter Wor­ten bewaff­net. Sie wis­sen ganz genau, wo du bist und was du machst. Sie fol­gen dir mit ihren Kame­ras, sehen dich völ­lig nackt, sogar von dei­ner Mensch­lich­keit und füh­ren dich pro­fes­sio­nell in den Zustand des Todes. Du bist Opfer der Poli­tik unse­rer Welt, die beschließt, hier und dort zu ver­ei­nen oder von­ein­an­der zu tren­nen. Du bist Opfer der Inter­es­sen der Rüs­tungs­ver­träge, die die Grenze zwi­schen hier und dort auf­bau­ten und die allein ent­schei­den kön­nen, uns hier leben zu las­sen oder dort zu ster­ben.“

Die­ser Text ist zuerst erschie­nen in Poli­tik & Kul­tur 03/2019.

Von |2019-06-17T10:34:06+01:00Februar 27th, 2019|Einwanderungsgesellschaft|Kommentare deaktiviert für

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Marwa Abidou
Marwa Abidou ist Theaterwissenschaftlerin mit zwei Doktorgraden im Fachbereich der Theaterwissenschaften und Performing Arts.